Das Neutrum - Barthes, Roland

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1976 wurde Roland Barthes an das renommierte Collège de France gewählt. Zu seinen Aufgaben gehörte eine wöchentliche Vorlesung, in der er aus seiner aktuellen Forschung berichtete. Im akademischen Jahr 1977/78 behandelte Barthes "das Neutrale", den "dritten Begriff", der die binäre Opposition - das klassische Ordnungsprinzip des Strukturalismus - unterläuft. Das Neutrale entzieht sich der Spannung und dem Konflikt und läßt sich in zahlreichen Phänomenen wiederfinden: in der Müdigkeit, der Stille, in sozialen Bildern wie dem Apolitischen, in Haltungen wie dem Skeptizismus sowie schließlich im…mehr

Produktbeschreibung
1976 wurde Roland Barthes an das renommierte Collège de France gewählt. Zu seinen Aufgaben gehörte eine wöchentliche Vorlesung, in der er aus seiner aktuellen Forschung berichtete. Im akademischen Jahr 1977/78 behandelte Barthes "das Neutrale", den "dritten Begriff", der die binäre Opposition - das klassische Ordnungsprinzip des Strukturalismus - unterläuft. Das Neutrale entzieht sich der Spannung und dem Konflikt und läßt sich in zahlreichen Phänomenen wiederfinden: in der Müdigkeit, der Stille, in sozialen Bildern wie dem Apolitischen, in Haltungen wie dem Skeptizismus sowie schließlich im Sexuellen, in der Figur des Androgynen.

In dieser transkribierten Vorlesung, die letztes Jahr in Frankreich erschienen ist, kommt ein neuer Barthes zum Vorschein, dessen geistreicher, hier aus nächster Nähe zu verfolgender Gedankenfluß in seiner thematischen Breite unvermindert beeindruckt - ein "Meisterwerk und Vermächtnis", wie die Neue Zürcher Zeitung im Januar 2003 schrieb.
  • Produktdetails
  • Edition Suhrkamp Nr.2377
  • Verlag: Suhrkamp
  • Artikelnr. des Verlages: 12377
  • 3. Aufl.
  • Seitenzahl: 346
  • Erscheinungstermin: 27. Juni 2005
  • Deutsch
  • Abmessung: 177mm x 109mm x 20mm
  • Gewicht: 281g
  • ISBN-13: 9783518123775
  • ISBN-10: 3518123777
  • Artikelnr.: 12512850
Autorenporträt
Barthes, Roland
Roland Barthes wurde am 12. November 1915 in Cherbourg geboren und starb am 26. März 1980 in Paris an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Er studierte klassische Literatur an der Sorbonne und war danach als Lehrer, Bibliothekar und Lektor in Ungarn, Rumänien und Ägypten tätig. Ab 1960 unterrichtete er an der École Pratique des Hautes Études in Paris. 1976 wurde er auf Vorschlag Michel Foucaults ans Collège de France auf den eigens geschaffenen Lehrstuhl »für literarische Zeichensysteme« berufen. In Essais critiques beschäftigt sich Barthes mit dem avantgardistischen Theater. Prägend für ihn waren unter anderem Brecht, Gide, Marx, de Saussure sowie Jacques Lacan. Zudem war Barthes ein musikbegeisterter Mensch, vor allem als Pianist und Komponist.

Brühmann, Horst
Horst Brühmann, geboren 1951 in Borken, studierte Philosophie, Politik- und Literaturwissenschaft in Frankfurt am Main. Er war als Lehrbeauftragter an der Universität in Frankfurt am Main und Lektor im wissenschaftlichen Lektorat tätig. Heute arbeitet er hauptberuflich als Übersetzer für wissenschaftliche Texte.
Rezensionen
Besprechung von 26.09.2005
Erschöpfung gilt nicht
Bei ihm hätte man gerne leben gelernt: Roland Barthes' Leseliste

Eigentlich muß man Roland Barthes hören und nicht lesen. Diese dunkelrauhe Stimme, die dahingeht wie eine endlose Melodie, mit einem manchmal eingeschobenen "n'est-ce pas?" oder einem Husten, das einen aufschreckt wie aus einem meditativen Zustand. Seine Vorlesungen müssen phantastisch gewesen sein - natürlich auch leseintensiv, weil er wohl annahm, daß man sie alle gelesen hatte: Rousseau, Pascal, Baudelaire, Michelet, Proust, Tolstoi, Gide. Eine beeindruckende Leseliste teilte er im Februar 1978 am "Collège de France" aus: "In diesem Jahr kein Seminar, nur eine Vorlesung, zweistündig, über dreizehn Wochen", so die lapidaren ersten Worte. "Zwischen jeder der beiden Stunden eine Pause von etwa zehn Minuten. Die Folge der Seminare wird von den Osterferien unterbrochen. Die Vorlesung: ,Das Neutrum', oder vielmehr: ,Das Begehren des Neutrums'."

Es gibt Tondokumente dieser Unterrichtsstunden, die die "Editions du Seuil" herausgebracht haben, und ihre Transkription liegt jetzt auch in der deutschen Übersetzung vor, wortgetreu, mit allen Einschüben, Randbemerkungen, einem akribisch nachgetragenen Fußnotenapparat - allerdings ohne die Körnung seiner Stimme, "le grain de la voix". Daß man sich diese beim Lesen hinzuhört, ist deshalb unerläßlich, weil Roland Barthes' Vorlesungen in dieser Zeit weniger Vermittlung von Theoremen und Thesen sind als vielmehr literarische Autobiographie. Im Oktober 1977 war seine Mutter gestorben, die große übermächtige Geliebte, der er später "Die helle Kammer", sein Buch über die Fotografie, widmen sollte. Doch sind die Spuren ihres Todes schon hier überall gegenwärtig. Das Vorlesungs-Pult am "Collège de France" wird Barthes zum Traueraltar: "Zwischen dem Zeitpunkt, zu dem ich den Gegenstand dieser Vorlesung festgelegt habe, und dem Beginn ihrer Ausarbeitung ist in meinem Leben, einige wissen es, ein ernstes Ereignis, ein Trauerfall eingetreten. Das Subjekt, das vom Neutrum sprechen wird, ist nicht mehr dasselbe wie dasjenige, das darüber zu sprechen beschlossen hatte."

Was Barthes in den Unterrichtsstunden, die als eine Gebrauchsanweisung zum Leben, als ein "Lebensratgeber" verstanden werden können, umkreist, ist die Leere. Er war ihr schon einmal begegnet, auf einem Stadtplan in Tokio, und um das leere Stadtzentrum hatte er da sein "Reich der Zeichen" angelegt. Die Leere, das ist neutrales Gelände. Sie ist das "Ortlose", das Jenseits der binären Logik. "Ich definiere das Neutrum", so Barthes - und da klingt er, ganz Professor, noch streng, theoretisch und kühl - "ich definiere das Neutrum als dasjenige, was das Paradigma außer Kraft setzt." Was ist das Paradigma? Es ist - da bleibt er Saussure treu - "die Opposition zweier virtueller Terme, von denen ich einen aktualisiere, wenn ich spreche". Das eine auswählen und das andere zurückweisen, heiße stets dem Sinn opfern, Sinn hervorbringen, verfügbar zu machen. Daher der Gedanke einer strukturalen Schöpfung, die den unerbittlichen Binarismus des Paradigmas durch den Rückgriff auf einen dritten Term auflöse.

Gerade in Frankreich hat die "unerbittliche" binäre Logik eine ganze Philosophie hervorgebracht, die Poststrukturalismus heißt, die man genausogut aber auch als eine Philosophie des "Dritten" bezeichnen könnte: bei Derrida oder Deleuze oder Michel Serres. Was Roland Barthes' "Neutrum"-Vorlesungen in diesem Zusammenhang so interessant macht, ist allerdings, daß mit der Entschärfung des Sinns auch eine Versinnlichung von Sprache einhergeht; daß er das Reich der Theorie in das des Lebens überführt, und dabei nichts anderes herauskommt als Literatur.

Die Mutter ist tot. Er kann nicht mehr. Er fühlt sich müde, erschöpft. Am liebsten würde er alle Vorträge und Verpflichtungen absagen. Welches, fragt er also, wären die unverdächtigen Entschuldigungen, die bei einer Absage keine Nachfragen zur Folge hätten? Eine Grippe? Schlecht, banal. Ein chirurgischer Eingriff? Schon besser, aber Vorsicht, die Rache des Schicksals! Erschöpfung? Gewiß nicht. Die Erschöpfung, stellt Barthes fest, ist sozial nicht haltbar, nicht anerkannt, nicht codiert. Sie ist ortlos, funktioniert in der Sprache nur als Metapher, als Zeichen ohne Referent. "Ich fordere nicht, die Müdigkeit abzuschaffen. Ich möchte dorthin zurück, wo es möglich ist, müde zu sein", zitiert er Blanchot, um auf neutralem Gelände die Müdigkeit neu zu erfinden, als treibende Kraft, als Motor. Schließlich könne man auch sagen, daß Erschöpfung die Arbeit nicht nur nicht behindert, sondern daß die Arbeit es erfordert, unermeßlich erschöpft zu sein. So gesehen wäre sie keine Krise, sondern hätte eine fast metaphysische Dimension. Und sie wäre "das Gegenteil des Todes".

Barthes' Leseliste hat in der Vorlesungen kein System. Sie versammelt Bücher, die in seinem Ferienhaus im Südwesten Frankreichs standen, wo er seiner Mutter vor kurzem noch die erste Blume, die erblüht war, zu ihrem letzten Geburtstag geschenkt hatte. So zufällig, wie er die Bücher auswählt, wählt er schlafwandlerisch auch seine Themen. Das Leben diktiert sie ihm: "Erschöpfung", "Schweigen", "Zartgefühl", "Zorn", "Rückzug" oder "Arroganz". Gerne hätte man, im großen Hörsaal, seiner sonoren Stimme zugehört - und bei ihm leben gelernt.

JULIA ENCKE

Roland Barthes: "Das Neutrum". Vorlesung am Collège de France 1977 - 1978. Aus dem Französischen von Horst Brühmann. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005. 347 S., br., 12,- [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Cord Riechelmann ist bemüht, uns Roland Barthes 1978 am College de France gehaltene Vorlesung nahe zu bringen. Kein ganz leichtes Unterfangen. Es gehe Barthes "um das Verhalten von Subjekten im Sprechen und zur Sprache von Anderen". Bei der Lektüre stößt Riechelmann auf "Gedanken zur Medienwirklichkeit in einer Zeit, als es das Privatfernsehen in seiner heutigen Gestalt noch nicht gab". Das vom Autor als paradigmatische Größe eingeführte "Neutrum" sieht der Rezensent eingespannt in einen Diskurs über Ethik als "Verhaltenslehre im Sinne von Gilles Deleuze". Für Riechelmann zeigt sich hier ein Rückzug des Autors aus den damals aktuellen marxistischen und psychoanalytischen Diskussionen, in denen Ethik nicht vorkam. Wie gestaltete sich die Vorlesungspraxis? Prallte die von Barthes zusammengestellte und im Spannungsverhältnis von Affekt und Abwehr agierende "unorganisierte Folge von Figuren" einerseits zusammen mit dem "strukturierten Raum der Vorlesung", so ergibt sich aus der freilich unsystematischen Einbeziehung von Hörerpost eine Chance zur methodologischen Nachbesserung und Ergänzung. Das dennoch Unabschließbare der Rede gibt sich dem Rezensenten zu erkennen als "Doppelpunkt, Klammer, Zitat".

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