Das Haus - Feuchtenberger, Anke
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Produktdetails
  • Verlag: Reprodukt
  • 2. Auflage
  • Seitenzahl: 64
  • Erscheinungstermin: April 2020
  • Deutsch
  • Abmessung: 302mm x 113mm x 17mm
  • Gewicht: 304g
  • ISBN-13: 9783931377618
  • ISBN-10: 393137761X
  • Artikelnr.: 10043906
Autorenporträt
Anke Feuchtenberger wurde 1963 in Berlin (DDR) geboren. Hier absolvierte sie von 1983 bis 1988 ein Grafikstudium an der Kunsthochschule, um im Anschluss als Freiberuflerin zu arbeiten. Sie entwirft Plakate und Illustrationen und beginnt Comics zu zeichnen. Bis zum Jahre 2000 erscheinen ihre Werke bei Jochen Enterprises, danach im MamiVerlag und bei Reprodukt. Anke Feuchtenbergers Geschichten führen den Leser in eine vertraute und dennoch fremde Welt - keine Fantasiewelt, denn die Geschichten sind immer in der Realität verankert und zeichnen allenfalls eine Abstraktion der Wirklichkeit. Ihre meist weiblichen Figuren erscheinen oftmals gestaucht und nackt, in Auseinandersetzungen mit realen Situationen, die Anke Feuchtenberger in ihren traumähnlichen Geschichten verarbeitet - sie will reflektieren und neue Blickwinkel eröffnen. So hat die Zeichnerin nicht nur mit der ihr eigenen Ästhetik die Bildsprache des Comics radikal erweitert, sondern auch für neue Inhalte erobert. Seit 1997 lebt Anke Feuchtenberger in Hamburg, wo sie als Professorin an der Fachhochschule für Angewandte Wissenschaften im Fachbereich Gestaltung unterrichtet. Ihre Arbeiten wurden mit zahlreichen Veröffentlichungen und Ausstellungen international bekannt - ihre Comics in die französische, englische, italienische und chinesische Sprache übersetzt. www.ankefeuchtenberger.de
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Ausführlich setzt sich Andreas Platthaus mit den Comic-Zeichnungen von Anke Feuchtenberger auseinander, die er als die "mittlerweile bekannteste Comic-Zeichnerin Deutschlands" bezeichnet. Die Serie, zuerst in den Berliner Seiten der FAZ veröffentlicht, sind nach Ansicht von Platthaus "ein Exerzitium nicht nur des Körperdiskurses, sondern auch der grafischen Traditionen". Hier macht er u.a. den Einfluss frühneuzeitlicher Holzschnitte, expressionistischer Zeichnungen oder surrealistischer Grafik aus. Auch die Ausstattung des Buches wird sehr gelobt, weil es die Comics im originalen "extremen Querformat" drucke und so die Möglichkeiten deutlich mache, die der Comic biete, wenn er aus seinen "festen Rastern" befreit wird.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 07.07.2001

Verschlüsselt
Anke Feuchtenbergers "Haus" Von Andreas Platthaus

Auf dem Vorsatzpapier des Buchs sind Dutzende Schlüssel gezeichnet. Damit nimmt Anke Feuchtenberger die Leitmetapher ihrer Comicserie "Das Haus" auf, die sie im Januar 2000 in den "Berliner Seiten" dieser Zeitung veröffentlicht hat: Jede der dreißig Folgen wurde im buchstäblichen Sinne eröffnet vom Bild eines Schlüssels. Doch den Eintritt in Anke Feuchtenbergers Bildgeschichte erleichterten sie nicht; sie wiesen darauf hin, daß es viele Türen gibt zu diesem graphischen Labyrinth. Es muß die Aufgabe des Betrachters bleiben, für sich den geeigneten Zugang zu finden.

Diese Freiheit der Deutung ist ein wiederkehrendes Element der Comics von Anke Feuchtenberger. 1963 geboren, studierte sie an der Ost-Berliner Kunsthochschule Bildhauerei, ehe sie zur Graphik fand. Sie zeichnete vor allem Frauen, deren Verhaltensmuster den Alltag ironisierten, den Anke Feuchtenberger selbst erlebte. Die Aufopferung für Kinder, das Buhlen um die Gunst von Männern, deren Aggression und Überheblichkeit, die uneingelösten Verheißungen der Emanzipation - das alles waren Themen, die in der DDR angesichts staatlich dekretierter Zufriedenheit mit der gesellschaftlichen Situation keine Aussicht auf Publizität hatten. Die Wende von 1989 änderte das.

Noch bis 1993 mußte Anke Feuchtenberger allerdings auf die erste Einzelausstellung und ihre Debütpublikation "Herzhaft - lebenslänglich" warten. Dann aber entwickelte sich ihre Karriere mit atemberaubender Schnelligkeit und Konsequenz. Sie ist mittlerweile die bekannteste Comiczeichnerin in Deutschland.

Das ist besonders bemerkenswert, weil die spezifischen Eigenarten der Bilder Anke Feuchtenbergers dem Publikum keine Neutralität erlauben. Ihre Kunst kennt nur Liebhaber und Gegner. So wird auch "Das Haus" seine Leserschar spalten. Die kindhaften Proportionen der Frauen, deren gewaltige, schwere Köpfe, die flachen Brüste, die typische Nacktheit der weiblichen Figuren, die Kälte der statischen Mienen und die provokante Ausstellung des Geschlechts haben viele Leser irritiert. Es sind unerotische Zeichnungen, die sich jedem gängigen Schönheitsideal verweigern und statt dessen Klischees betonen - gerade in bezug auf Männer. Aber das ist eine Strategie, die nur umdreht, was im Comic ansonsten gang und gäbe ist.

Für ihre Bildgeschichten arbeitete Anke Feuchtenberger jahrelang mit Szenaristinnen zusammen. Schon die frühen "Horrorskope" waren von Michaela Beck geschrieben worden; in Katrin de Vries fand Anke Feuchtenberger dann eine Autorin, deren scharfer Blick auf Phänomene der Weiblichkeit die perfekte Grundlage für ihren eigenen schonungslosen Zeichenstil darstellte. Für "Das Haus" jedoch entwickelte sie erstmals nach längerer Zeit ihre Geschichte wieder allein. Jeweils ein Satz über einen einzelnen Körperteil wurde von ihr für die täglich abgedruckten Folgen in Bilder umgesetzt. Bedingt durch das zeitungsspaltenlange Hochformat, das ihr vorgegeben war, ließ sie aus den einzelnen Zeichnungen turmartige Gebäude entstehen. Der Titel "Das Haus" deutet jeden Körperteil als eine individuelle Heimstatt - der Gefühle, Sinne, Lüste und Enttäuschungen.

Die inhaltliche Strenge findet im spielerischen künstlerischen Umgang ihr Gegenüber. Diese Spannung macht "Das Haus" zu einem Exerzitium nicht nur des Körperdiskurses, sondern auch der graphischen Traditionen. Es sind typische Feuchtenberger-Bilder, doch sie lassen in ihrer Komposition erstmals auch die Vorbilder sichtbar werden. Da gibt es Zitate aus frühneuzeitlichen Holzschnitten und expressionistische Zeichnungen à la Kirchner oder Marc. Gustave Dorés Einfluß kann ebenso gefunden werden wie der von Max Ernst oder Dalí. Zugleich aber nutzt Anke Feuchtenberger auch museale objets trouvés: Die Venus von Willmersdorf, die gefügelten Stiere aus Ninive, Faustkeile oder indische Skulpturen verleihen dem Zyklus einen archaischen Zug, der perfekt zum Thema paßt.

Das gerade erschienene Buch mit den gesammelten dreißig Folgen von "Das Haus" verstärkt diesen Eindruck noch. Für den Umschlag hat Anke Feuchtenberger eine Anleihe bei Breughels "Turm von Babel" getätigt. Ihr Verständnis vom Körper als Behausung deklariert sie dadurch selbstironisch als Hybris, und all die Schlüssel, die sie auf den Vorsatzpapieren und in ihren Streifen präsentiert, zeigen sich plötzlich als Zugangshilfen, die eher babylonische Verwirrung symbolisieren als offene Türen.

Die Ausstattung des Buchs macht aus der Not des Formats eine Tugend: Im extremen Querformat gedruckt, erstrecken sich die einzelnen Streifen über die Falz auf jeweils einer Doppelseite. Dadurch konnte die Originalgröße des Zeitungsabdrucks gewahrt bleiben. Diese Liebe zur Vorlage macht das Buch zu einem mustergültigen Beispiel für die Möglichkeiten, die der Comic bietet, wenn man ihn aus den festen Rastern der Tradition befreit. Anke Feuchtenberger hat inhaltlich schon immer so gearbeitet. Jetzt hat sie auch die Form dazu gefunden.

Anke Feuchtenberger: "Das Haus". Verlag Reprodukt, Berlin 2001. 68 S., Abb., geb., 29,90 DM.

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