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Aldred Leith, ein hochdekorierter englischer Kriegsheld, ist des Kämpfens müde, als er auf einer japanischen Insel ankommt. Dort begegnet er den Geschwistern Helen und Benedict und verfällt sofort dem Zauber dieser außergewöhnlichen jungen Menschen. Behutsam entwickelt sich eine Liebesgeschichte zwischen Leith und der jungen Helen, doch alles spricht gegen eine Verbindung.…mehr

Produktbeschreibung
Aldred Leith, ein hochdekorierter englischer Kriegsheld, ist des Kämpfens müde, als er auf einer japanischen Insel ankommt. Dort begegnet er den Geschwistern Helen und Benedict und verfällt sofort dem Zauber dieser außergewöhnlichen jungen Menschen. Behutsam entwickelt sich eine Liebesgeschichte zwischen Leith und der jungen Helen, doch alles spricht gegen eine Verbindung.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser, Carl
  • Artikelnr. des Verlages: 505/20715
  • Erscheinungstermin: 4. Februar 2006
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783446207158
  • ISBN-10: 3446207155
  • Artikelnr.: 20747062
Autorenporträt
Shirley Hazzard wurde 1931 in Australien geboren, gestorben 2016 in New York. Sie arbeitete für die Vereinten Nationen und publizierte mehrere Romane. Für The Transit of Venus erhielt sie den National Book Critics Circle Award for Fiction.
Rezensionen
Besprechung von 15.03.2006
Die Romeo-Lotterie
Kolonien der Liebe: Shirley Hazzard schwelgt in Fernost / Von Felicitas von Lovenberg

Welten liegen zwischen ihnen. Sie stammt aus Australien, er ist Brite; sie ist noch minderjährig, er hat mit seinen dreiunddreißig Jahren bereits Erfahrungen auf den Schlachtfeldern des Krieges und der Liebe gemacht, die ihn sehr viel älter erscheinen lassen. Ihre Eltern stellen sich gegen die Verbindung; er selbst, der bereits eine Kriegshochzeit mit anschließender Scheidung hinter sich hat, ist voller Zweifel. Wie soll man auch anderen ein Gefühl erklären, das man selbst nicht begreift, und an dessen Tiefe und Dauer man ohnedies kaum zu glauben wagt? Im Krieg sind alle Emotionen schneller und stärker, so daß die Unterscheidung zwischen notwendiger Liebe und zufälligen Liebschaften noch schwerer fällt als ohnehin.

In ihrem Roman "Das große Feuer", für den sie 2003 den National Book Award for Fiction gewann, erzählt Shirley Hazzard eine klassische Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des weltkriegserschöpften Asien. Es ist eine Geschichte von Rettung und Erlösung, von Freundschaft und Barmherzigkeit, die ihren Rang in der Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts mit großer Selbstverständlichkeit behauptet - auch, wenn Liebesgeschichten dort eigentlich längst nicht mehr gut ausgehen dürfen. Die Vorläufigkeit, in die Shirley Hazzard ihre Figuren am Ende entläßt, bestimmt den ganzen Roman, der ohne Nostalgie, aber voller Anteilnahme die brüchige, heikle Atmosphäre nach 1945 evoziert, als dem Frieden nicht zu trauen war und zumal im Fernen Osten jederzeit mit weiteren Gewaltausbrüchen gerechnet werden mußte.

Hazzards Romeo heißt Aldred Leith. Der Engländer ist gebildet, liebenswürdig, rücksichtsvoll, sanft, großmütig; ein vornehmer junger Mann im Begriff, eine Persönlichkeit zu werden. Der Sohn eines bekannten Schriftstellers und Egozentrikers ist nach seinem Kriegseinsatz - den Tapferkeitsorden versteckt er diskret - zwei Jahre lang allein durch China gereist und schreibt nun an einem Werk über die Auswirkungen des Krieges auf die dortige Gesellschaft. 1947 führt seine Mission ihn nach Kure unweit der Atomwüste Hiroshima. Dort macht er die Bekanntschaft der Geschwister Helen und Benedict Driscoll, zwei elfengleiche, verstörend ernste Wesen, belesen, nachdenklich und weise vor ihrer Zeit, die im Kontext ihrer Familie so fremd wirken, als seien sie ihren dümmlich polternden Eltern untergeschoben.

Benedict, bald zwanzig, stirbt langsam an einer unheilbaren Krankheit; seine siebzehnjährige Schwester Helen weicht nicht von seiner Seite. Die Gesellschaft ist allen dreien ein Trost. Den Geschwistern erscheint der kultivierte Leith als Lichtgestalt; sie überschütten ihn mit Zuneigung, freigiebig, wie nur junge Menschen es sein können, deren Liebesreservoir sich immer wieder auffüllt. Leith bemerkt, daß Helen noch andere Gefühle für ihn entwickelt, Gefühle, die er zu seinem Schreck erwidert - und die er sogleich als "unbeabsichtigt" und "unmöglich" verdrängt: Sie ist zu jung für seine ernsten Absichten.

Das Paar muß erst eine schmerzhafte Trennung überstehen, bevor Leith begreift, was das Mädchen mit der Klugheit der liebenden Frau längst spürt: daß nur sie ihn vor sich selbst retten kann. Während Leith noch ganz damit beschäftigt ist, sein Gefühl vor sich selbst herunterzuspielen, ist sein Freund Peter Exley, dem er regelmäßig nach Hongkong schreibt, schneller im Bilde: "Er wußte, daß Männer ihre Liebe zeigen, wenn sie sich nicht zu helfen wissen."

Solche prägnanten Sätze, die in ihrer schönen Unwiderlegbarkeit den Charakter von Aphorismen besitzen, gibt es viele in diesem an Ein- und Ansichten reichen Buch. Shirley Hazzard zeichnet ihre entwurzelten Protagonisten, denen selbst die Sicherheit der Konvention weitgehend abhanden gekommen ist, mit warmer Emphatie, aber auch mit einer bisweilen fast erschreckend überlegenen Weisheit, die viel von ihrer eigenen Lebenserfahrung verrät.

Die große alte Dame der amerikanischen Literatur, die vor vierzig Jahren mit "The Evening of the Holiday" ihren ersten Roman veröffentlichte, hat ihr Leben auf mehreren Kontinenten zugebracht. 1931 in Sydney geboren, lebt sie seit langem in New York, verbringt jedoch die Sommer in Italien. Mit "The Transit of Venus" wurde sie 1981 international bekannt; in deutscher Übersetzung liegen ihre geistsprühenden Erinnerungen an Grahame Greene vor, "Begegnung auf Capri" (2002). Sie ist eine so reflektierte wie bedächtige Schriftstellerin, die sich beim Ringen um das richtige Wort nicht vom Tempo der Moderne hetzen läßt. Die Erfahrungen, Gedanken und Hoffnungen ihrer Figuren vermengt sie zu komplexen Persönlichkeitsstudien, etwa von Peter Exley: "Sein Bewußtsein war wie jene halbausgegrabenen antiken Städte, die er gesehen hatte - unfähig, eine Zukunft zu haben, erwartete es nur einen weiteren Zuwachs an Vergangenheit."

Leith derweil erkennt, "daß ich inzwischen eine beträchtliche Vergangenheit habe - was bedeutet, daß ich nicht mehr länger jung, aber für mich selbst interessanter bin". Doch ihm ist auch bewußt, daß nicht das, was wir erleben, sondern wie wir es erleben, über die Reichhaltigkeit eines Charakters entscheidet: "Aldred Leith hatte einen Gleichmut entwickelt, der möglicherweise eine vorübergehende Bedingung für seinen Krieg, seine Aufgabe und seine Reisen war. Ihm war jedoch klar, daß die Fähigkeit, Zuneigung zu empfinden, am Leben erhalten werden mußte, wenn sie nicht in Ansichtskarten enden sollte. Und daß Empfänglichkeit in der Jugend keine Sicherkeit bietet gegen spätere Leidenschaftslosigkeit."

Leidenschaftslosigkeit muß ein Zustand sein, der dem lebendig Begrabensein sehr nahe kommt. Shirley Hazzards größte Leidenschaft gilt der englischen Sprache, für deren Gewähltheit und exquisite Poesie Barbara Rojahn-Deyk stimmige deutsche Entsprechungen gefunden hat, ohne die gelegentliche absichtsvolle Ungelenkigkeit zu kaschieren. Hazzards Prosa ist von makelloser Eleganz, wenngleich manche Metapher, etwa frierende Hände, die an Seesterne erinnern, etwas gesucht wirkt. Für den markanten Stil, eine Mischung aus Genauigkeit, Poesie und Härte, könnten Elizabeth Bowen und Ford Madox Ford Pate gestanden haben - wenngleich Shirley Hazzard ihren Figuren weniger weh tut. Zwischen Leith und Helen stellt sich in den Briefen während ihrer Trennung eine Sicherheit ein und eine zukunftsgläubige Hingabe, wie sie so wohl nur zwischen Liebenden existieren kann, die sich nicht sehen. Je inniger sie erscheinen, desto mißtrauischer wird der Leser, der die vielen Shakespeare-Anspielungen für ein schlechtes Omen halten muß.

Der Roman bewegt sich mühelos zwischen Japan, China, Hongkong und England. Das große Kriegsfeuer hat seine Spuren überall hinterlassen, hat die Weichen hart gemacht und manchen Hartgesottenen weich. Die Menschen sprechen wenig, und wenn sie reden, bemühen sie sich, nichts Überflüssiges zu sagen. Das gilt auch für das Buch, das trotz des epischen Rahmens Begebenheiten von novellenartiger Schärfe versammelt.

Aldred denkt einmal von seinem Vater, dieser sei zwar selbst "nicht liebevoll, aber von dem Phänomen Liebe auf geradezu grandiose Weise ergriffen" gewesen. "Das große Feuer" ist ein reiches Buch, das von dieser Ergriffenheit erzählt.

Shirley Hazzard: "Das große Feuer". Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Barbara Rojahn-Deyk. Hanser Verlag, München 2006. 332 S., geb., 24,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

" Als "Geschichte von Rettung und Erlösung, Freundschaft und Barmherzigkeit" feiert Rezensentin Felicitas von Lovenberg diese Liebesgeschichte "vor dem Hintergrund des weltkriegserschöpften Asien". Das Buch versammele trotz seines epischen Rahmens", seines Pendelns zwischen Japan China, Hongkong und England "Begebenheiten von novellenartiger Schärfe", schreibt die Rezensentin. Voller Anteilnahme und doch nostalgiefrei findet sie die brüchige Atmosphäre nach 1945 von Shirley Hazzard evoziert und mit "großer Selbstverständlichkeit" behauptet das Buch für sie deshalb seinen Rang in der Literatur des 20. Jahrhunderts, obwohl solche Liebesgeschichten dort "längst nicht mehr gut ausgehen" dürften. Doch gerade das tut diese Geschichte einer jungen Australierin, die, wie wir lesen, einen wesentlich älteren Briten liebt. Im Roman begeistern die Rezensentin immer wieder Sätze von "prägnanter Unwiderlegbarkeit". Nur selten trüben etwas "gesuchte Metaphern" das strahlende Bild. Lob erntet auch Übersetzerin Barbara Rojahn-Deyk, die aus Sicht der Rezensentin für Hazzards "exquisite Poesie", ihre "makellose Eleganz" stimmige deutsche Entsprechungen gefunden hat.

© Perlentaucher Medien GmbH"