Das große Buch der Listen - Wallechinsky, David; Wallace, Amy
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  • Verlag: LIST
  • Seitenzahl: 396
  • 2005
  • Ausstattung/Bilder: 2005. 396 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 220mm x 146mm x 36mm
  • Gewicht: 624g
  • ISBN-13: 9783471791714
  • ISBN-10: 347179171X
  • Best.Nr.: 14439343
Rezensionen
Besprechung von 07.10.2005
Unser Wissen ist nichts, wir horchen allein dem Gerüchte
Wenn Kanon und Kuriosum zu Zwillingen werden: Zwei weitere Bücher bedienen die Lust an der Liste
Der Listenwahn geht weiter. Nach und neben dem Bestseller „Schotts Sammelsurium” (SZ vom 1. Februar) haben Autoren und Verlage nichts unversucht gelassen, um von diesem Trend zu profitieren. Zu den Ergebnissen dieser Bemühungen zählen in diesem Herbst Benjamin von Stuckrad-Barres neues Buch „Was. Wir. Wissen.”, das, wie viele andere Buchgeschwister, nur aus Listen besteht (erschienen bei Rowohlt, siehe SZ vom 17. September), und die beiden hier anzuzeigenden Bücher. Das eine ist eine ganz neu gemachte Ausgabe des seit 1977 erfolgreichen „Book of Lists” der Amerikaner David Wallechinsky und Amy Wallace. Das andere ist ein rein deutsches Produkt, wurde von Christine Brinck zusammengestellt (sie gab 1980 auch den Vorgänger „Rowohlts Bunte Liste” heraus) und enthält vornehmlich die Rankings dazugebetener Scheidegeister von Stefan Aust über Marcel Reich-Ranicki bis Hubert Burda.
Die Ordnung des Lebens in Aufzählungen und Ranglisten ist ein altes menschliches Bedürfnis. Je mehr Erfahrbares sich in der Welt anhäuft, je weniger Hierarchien in diesem Haufen zu erkennen sind, desto dringlicher wird der Sortierungswunsch. Wissen und Wertungen sollen möglichst hübsch in der Reihe stehen. Und was dort steht, soll irgendeine Autorität beanspruchen, soll als korrekt und in sich wiederum vollständig gelten können. Sonst hätte die ganze „Anordnung” keinen Sinn - ein Wort, das dabei einen bezeichnenden Doppelsinn entfaltet.
Dieses Ziel kann dem Sortierer einige Kopfschmerzen bereiten. Das beginnt schon mit dem Sänger, der die homerische „Ilias” schuf. Als er im zweiten Gesang seines Epos anhebt, sämtliche Stämme, Anführer und Schiffe aufzuzählen, die am Krieg gegen Troja teilgenommen haben, verlässt ihn fast schon wieder der Mut: Obwohl er gerade erst, zu Beginn des Gesamtwerkes, die Muse um dichterischen Beistand gebeten hatte, schiebt er vor dem mehrere hundert Verse langen „Schiffskatalog” gleich noch einen zweiten Musenanruf dazwischen. In Johann Heinrich Voߒ Übersetzung heißt es da: „Sagt mir anitzt, ihr Musen, olympische Höhen bewohnend: / Denn ihr seid Göttinnen, und wart bei allem, und wißt es; / Unser Wissen ist nichts, wir horchen allein dem Gerüchte: / Wer waren die Fürsten der Daner, und die Gebieter?”
Vom Spaß an den Listen hat man sich seitdem aber nicht abbringen lassen. Da gab es spätantike und byzantinische Philologen, die sich unablässig die schönsten Stellen und interessantesten Fakten der alten Autoren herausschrieben und daraus wieder neue Bücher machten; da gab es den Engländer Nathaniel Wanley, der 1678 seine sechsbändigen „Wonders of the Little World” kompilierte (Wallechinsky und Wallace verweisen auf diesen Ahnen), und da gab es auch unlängst den Helden von Nick Hornbys Roman „High Fidelity”, der meint, sein Leben nur mittels privater Top-5-Charts in den Griff zu bekommen.
Die beiden neuen Bücher zeigen wieder, wie bei der Listenmacherei Kanon und Kuriosum unweigerlich zu Zwillingen werden. Von „Reich-Ranickis 10 besten Romanen der deutschen Literatur” zu „9 der schönsten Zungenbrecher” (Brinck), von den sieben Weltwundern bis zu „14 historischen Ereignissen, die unter Alkoholeinfluss stattfanden” oder „4 Männern, deren Genitalien aufbewahrt wurden” (Wallechinsky/Wallace) ist es nur ein ganz kleiner Schritt. Das Perfide dieser Art von Bücher ist, dass zwischen lauter Ranglisten keine weitere, innere Hierarchie mehr geboten werden kann - und darin liegt das Geheimnis, warum sie so viele Leser süchtig machen können. Wer es für nötig gehalten hat, „Giovanni di Lorenzos 4 beste Tageszeitungen” zu registrieren, findet schwerlich noch einen Grund, nicht auch noch zu „Axel Milbergs 10 Lieblingsfilmen” weiterzublättern. Und kaum hat man sich versehen, hat man sich - verzettelt.
JOHAN SCHLOEMANN
CHRISTINE BRINCK (Hrsg.): Das Beste von allem. Buch der Listen. Rowohlt, Reinbek 2005. 313 Seiten, 10 Euro.
DAVID WALLECHINSKY, AMY WALLACE: Das große Buch der Listen. Wissenswertes, Kurioses und Überflüssiges. Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt. List Verlag, Berlin 2005. 396 Seiten, 14,95 Euro.
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Dem grassierenden Listenwahn steht Rezensent Johan Schloemann mit einer gehörigen Portion Skepsis gegenüber. Andererseits sieht er darin ein sehr menschliches Bedürfnis. In seiner Besprechung von David Wallechinskys und Amy Wallaces "großen Buch der Listen", einer "ganz neu" gemachten Ausgabe des seit 1977 erfolgreichen "Book of Lists" der Amerikaner verweist er darauf, dass schon Homer, im zweiten Gesang seiner "Illias", anhebt, sämtliche Stämme, Anführer und Schiffe aufzuzählen, die am Krieg gegen Troja teilgenommen haben. Wallechinskys und Wallaces Werk ebenso wie das gleichfalls in diesen Tagen von Christine Brinck herausgegebene Buch "Das Beste von allem. Buch der Listen", verdeutlichen nach Ansicht Schloemanns, "wie bei der Listenmacherei Kanon und Kuriosum unweigerlich zu Zwillingen werden". Von "Reich-Ranickis zehn besten Romanen der deutschen Literatur" (Brinck) zu "4 Männern, deren Genitalien aufbewahrt wurden" (Wallechinsky/Wallace) sei es da nur ein ganz kleiner Schritt.

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