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Blanche Wittman ist die Lieblingspatientin des Nervenarztes Charcot an der Pariser Salpetriere. Als er auf geheimnisvolle Weise stirbt, wird sie die Assistentin von Marie Curie. Noch ahnt niemand etwas von den Gefahren der radioaktiven Strahlung. Als Blanche erkrankt, lebt sie ganz bei Marie Curie und beginnt ein Buch über die Liebe zu schreiben, ein Buch, in dem sie von Marie Curies Affären erzählt, von ihrer eigenen Liebe zu Charcot und dem Geheimnis um seinen Tod. "Die Liebe kann man nicht erklären. Aber wer wären wir, wenn wir es nicht versuchten?"…mehr

Produktbeschreibung
Blanche Wittman ist die Lieblingspatientin des Nervenarztes Charcot an der Pariser Salpetriere. Als er auf geheimnisvolle Weise stirbt, wird sie die Assistentin von Marie Curie. Noch ahnt niemand etwas von den Gefahren der radioaktiven Strahlung. Als Blanche erkrankt, lebt sie ganz bei Marie Curie und beginnt ein Buch über die Liebe zu schreiben, ein Buch, in dem sie von Marie Curies Affären erzählt, von ihrer eigenen Liebe zu Charcot und dem Geheimnis um seinen Tod. "Die Liebe kann man nicht erklären. Aber wer wären wir, wenn wir es nicht versuchten?"

  • Produktdetails
  • Verlag: HANSER
  • Originaltitel: Boken om Blanche och Marie
  • Seitenzahl: 236
  • Deutsch
  • Abmessung: 209mm
  • Gewicht: 364g
  • ISBN-13: 9783446205697
  • ISBN-10: 3446205691
  • Artikelnr.: 13288047
Autorenporträt
Enquist, Per Olov
Per Olov Enquist, 1934 in einem Dorf im Norden Schwedens geboren, lebte in Stockholm und starb am 25. April 2020 in Vaxholm. Nach dem Studium arbeitete er als Theater- und Literaturkritiker. Er zählt heute zu den bedeutendsten Autoren Schwedens. Bei Hanser erschienen unter anderem Der Besuch des Leibarztes (Roman, 2001), Der fünfte Winter des Magnetiseurs (Roman, 2002), Hamsun (Eine Filmerzählung, 2004), Das Buch von Blanche und Marie (Roman, 2005), Kapitän Nemos Bibliothek (Neuausgabe, 2006), seine Autobiographie Ein anderes Leben (2009), für die er den renommiertesten schwedischen Literaturpreis, den August-Preis, erhielt, Die Ausgelieferten (Neuausgabe, 2011) sowie Das Buch der Gleichnisse (Roman, 2013). 2003 erschien sein erstes Kinderbuch Großvater und die Wölfe; 2011 folgte Großvater und die Schmuggler. 2017 erschienen diese beiden erfolgreichen Einzeltitel als Sammelband Abenteuer mit Großvater.

Butt, Wolfgang
Wolfgang Butt, geboren 1937, langjähriger Hochschuldozent für Skandinavistik und Kleinverleger von Literatur aus Skandinavien. Seit 1995 freiberuflicher Übersetzer, u.a. von P.O. Enquist, Arne Dahl und sämtliche Kriminalromane von Henning Mankell.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 16.03.2005

Ausweitung der hysterogenen Zone
Wilder Phantomschmerz: Per Olov Enquist gerät in Wallung / Von Rose-Maria Gropp

Da ist Marie Curie, die berühmte Forscherin; sie lebt im Paris des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts zusammen mit Blanche Wittman, ihrer Assistentin, die einst die "Königin der Hysterikerinnen" in der Pariser Irrenanstalt Salpêtrière war. Blanche hilft Marie, das Radium aus der Pechblende zu isolieren, und sie wird von der gefährlichen Strahlung des "blauen Lichts" erfaßt; nach und nach werden ihr die Beine und der linke Arm amputiert. Marie läßt für Blanche einen Karren bauen, in dem die "beschnittene" Freundin sich fortbewegen kann.

Dieser "Torso in der Kiste" hat noch seine rechte Hand, um schreiben zu können: "Amor Omnia Vincit", das (umgestellte) Vergil-Zitat, steht auf dem Deckel einer braunen Mappe mit drei Notizbüchern von ihr, die das gelbe, das schwarze und das rote "Fragebuch" heißen und von Blanche und Marie handeln. "Die Liebe überwindet alles, als Arbeitshypothese, oder innerster Schmerzpunkt", so endet der erste Absatz des Romans, ein verstümmelter Satz ist das. Ein verstörend schöner Text beginnt, dessen Verfasser einige Seiten weiter bekennt: "Man kann auch sagen: Der Punkt, von dem aus wir die Erzählung betrachten, ist ein Torso." Wir also.

Nach erzählerischen, historischen Romanen wie dem "Besuch des Leibarztes" und "Lewis Reise" hat Enquist jetzt "Das Buch von Blanche und Marie" geschrieben. Raffiniert kleidet es sich in den Mantel geschichtlich verbürgter Ereignisse, bis in die Nennung genauer Daten hinein. Es kommt im Gewand der Realität, doch es ist ein Vexierspiel. Enquist oszilliert zwischen einer Geschichte und einer Form, die den Fortgang des Erzählens so in Fetzen reißt, wie er es zuvor nur in seinem grausam-zarten Buch "Gestürzter Engel" vor zwanzig Jahren tat. Wie dort umkreist Enquist, getrieben vom Wiederholungszwang, den innersten Punkt seiner Sehnsucht, den er niemals berühren kann, die vollkommene Vereinigung von Agape und Eros, das uneinholbar Reale der Liebe.

Beginnen wir mit dem Faßbaren in diesem Buch, das so fassungslos macht: Diese Menschen hat es alle gegeben. Da ist Marie Curie, die polnische Naturwissenschaftlerin, die zweimal den Nobelpreis erhielt, 1911 den für ihre Entdeckung des Radiums. Im selben Jahr brachte sie die nationalistische französische Presse im Nachklang zur Dreyfus-Affäre gegen sich auf, weil sie, die Ausländerin und vielleicht Jüdin, nach dem Tod ihres Mannes eine glühende Leidenschaft mit ihrem verheirateten Kollegen Paul Langevin verband, der sie indessen, als der Aufruhr anschwoll, fallenließ. Da ist Jean-Martin Charcot, seit 1862 Direktor der Salpêtrière in Paris. Seine hypnotische Methode brachte ein Krankheitsbild der Hysterie zum Vorschein, das er in spektakelhaften Vorlesungen, die gesellschaftliche und wissenschaftliche Höhepunkte vor der Jahrhundertwende waren, an seinen Patientinnen öffentlich demonstrierte und das mit seinem Tod im Jahr 1893 erstarb, um in Freuds Lehre, anders, aufzuerstehen.

Und da ist Blanche Wittman, die Figur, der Enquist die "Fragebücher" zuschreibt; auch Blanche hat existiert, niemals allerdings ihre Tagebücher. Sie ist in einem Gemälde André Brouillets, "Une leçon de clinique à la Salpêtrière" von 1887, dargestellt, dem Zentrum von Enquists Imagination: mit gelöstem Mieder gesunken in die Arme eines Assistenten, zurückgebogen in hoher Anmut vor einem animierten Publikum aus Männern. Sie war, neben "Augustine", hysterisches Lieblingsmannequin unter Charcot. Von Augustine weiß man, daß sie eines Tages in Männerkleidern aus der Salpêtrière auf Nimmerwiedersehen verschwand; aber Augustine ist Enquist zu grob. Er braucht eine aus dem "Schloß der Frauen", an die sich seine Wünsche ankristallisieren können. Von Blanche Wittmans Schicksal, nachdem sie die Salpêtrière verließ, weiß man gar nichts. Gewiß aber hat sie niemals mit Marie Curie gearbeitet, und wohl auch nicht in einem anderen radiologischen Labor.

Enquist braucht Blanche als den aus Strahlung gewonnenen Torso; ihm gibt er die Stimme seines Buchs, das mit dem "Gesang von der Amputierten" anhebt. Wenn er der schönen Blanche jenen Leib in seiner Vollständigkeit nimmt, der den grand cercle, Höhepunkt der hysterischen Performance, in Perfektion schlagen konnte, ist sie die um den körperlichen Ausdruck der Liebe beschnittene Frau. Sie kann sich nicht mehr aufbäumen; aber sie kann die Liebe erinnern: dunkler Traum der völligen Vereinigung. So mutiert Blanche nicht nur zur Königin Charcots, sondern auch zu der des Autors. Der "Gesang vom Schmetterling" beginnt mit dem Satz: "Es gibt wirklich eine Fotografie von Blanche." Wirklich gibt es wohl mehrere Fotografien von ihr im dritten Band der legendären "Iconographie photographique de la Salpêtrière". Aber Enquist braucht ein einziges Abbild, das er aufladen kann mit seinen Wünschen. So eignet sich der Autor Blanche konsequent an. Vielleicht verschweigt er in seinem Dank am Ende des Buchs deshalb gerade diejenige Literatur, die ihn auf ihre Spuren gesetzt haben mag - weil Blanche ihm gehört. Er hätte Henry F. Ellenbergers "Die Entdeckung des Unbewußten" nennen dürfen oder Georges Didi-Hubermans bahnbrechende Studie über die "Entdeckung der Hysterie".

Weil Enquist nichts Geringeres als das Geheimnis der Liebe sucht, kann er auch keine fortlaufende Geschichte erzählen. Er muß sich in Kreisen, in Windungen bewegen. Es ist ein labyrinthisches Buch: Wie man in einem Irrgarten stets mit der rechten Hand die Begrenzung des Wegs berühren muß, um den Ausgang zu finden, so muß man die Liebe ständig berühren wollen in diesem Roman. Wie Charcot, der Napoleon der Salpêtrière, der zum Mann mit einer einzigen Sehnsucht umgerüstet ist. "Am 3. Oktober 1880 zeichnete er zum ersten Mal sein wissenschaftliches Schema auf meinen Körper", schreibt Blanche im schwarzen Buch, "den er teilweise entkleidete, aber nicht auf unsittliche Weise, so daß meine Brüste sichtbar wurden. Die Krämpfe, die ich seit mehreren Jahren gehabt hatte und die nicht mit Epilepsie zu verwechseln waren, aber meinen Körper in einem Bogen zu dem schwarz werdenden Himmel aufwarfen, der keine Gnade kannte, ließen mir Zischlaute entfahren, wie aus Haß oder Verachtung für den Gott, den es nicht gab. Er strafte mich, als wäre ich ein Hiob, nicht ein Schmetterling auf der Flucht vom Himmel herab, sondern ein gestürzter Engel, von Rache verfolgt." Charcot gibt ihrem Körper die Koordinaten seiner "hysterogenen" Zonen; die Berührung dieser Punkte schenkt Blanche später unter Hypnose in Charcots zirzensischen "Dienstags-Vorlesungen" den Liebestraum ihres Lebens. Enquist fingiert die Ehrenerklärung für den Herrscher der Salpêtrière aus der Feder seiner Königin.

Wer über die Liebe handelt wie Enquist, entkommt dem Kitsch nicht immer, weil es keine Beschreibung der Liebe ohne ihn gibt: "Aus der Liebe kann Licht kommen, oder Dunkel. Die Liebenden können ihr Licht teilen, oder ihr Dunkel; daraus dann Leben oder Tod. Es ist nicht zu verstehen." Aber später, als Marie als ausländische Hure gejagt wird, flieht sie mit ihren zwei Töchtern nach Sceaux, dem Heimatort von Pierre Curie. Nach ihrer Rückkehr geht sie zu Blanche, die voller Angst auf sie gewartet hat. Marie nimmt den wie ein Kind so leichten Torso aus seiner Kiste hoch, "als wäre Blanche ein entlaufener Hund, der wiedergefunden worden war und dessen Wärme trösten konnte". Marie wiegt Blanche die ganze Nacht in ihren Armen, bis Blanche einschläft, und legt sie dann in ihre Kiste zurück. Wer Phantasie zur Liebe hat, der wird dieses Bild ein Leben lang nicht vergessen.

Im letzen, im roten Buch, das seinen Namen nach der Farbe der Liebe eben hat, verschmilzt der Erzähler ganz mit Blanche - mit seiner wahren Geliebten und bevor sie beschnitten wurde - zum Ich des Geschehens. Blanches seltsame, gelegentliche Behauptung, sie habe Charcot getötet, enthüllt sich als eine dunkel behutsame Vereinigung zwischen ihr und Charcot, in der Mann und Frau die Rollen tauschen. "Ich", schreibt Blanche, "glitt in ihn hinein"; er bäumte sich "auf wie in einem Bogen". Neben Blanche stirbt so Charcot, in der erhabensten Geste seiner Hysterika, deren Vorführungen in der Salpêtrière früher "selbstleuchtend" geheißen hatten. Blanche lebt weiter; sie hat eingelöst, was sie versprochen hatte, "nie von seiner Seite zu weichen". Es ist ein herrliches Buch, es ist wie ein wilder Phantomschmerz, der nicht aufhört, wenn man es schließt.

Per Olov Enquist: "Das Buch von Blanche und Marie". Roman. Aus dem Schwedischen übersetzt von Wolfgang Butt. Hanser Verlag, München 2005. 236 S., geb., 19,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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"Die Geschichte ist ergreifend. Selten hat ein Autor würdevollere Frauenfiguren entworfen. Enquist führt seine Leser sehr nahe [an das Verstehen der Liebe]." Der SPIEGEL

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 12.02.2005

Engel, gebrannt wie ein Tier
Es ist schade um den Menschen: Per Olov Enquists traurig schönes „Buch von Blanche und Marie”
Von der Wohnung, in der Per Olov Enquist arbeitet, blickt man auf einen kleinen, halbrunden Park. Ein paar alte, hohe, kahle Bäume stehen dort still im kalten Wind. Durch den alten Schnee ziehen sich schnurgerade drei Trampelpfade. Der Schriftsteller hat auch etwas von einem alten, hohen Baum, erweist sich aber, wenn er sich auf das Sofa fallen lässt, als sehr beweglich. Er raucht und sagt dabei merkwürdige Dinge („Ich kann viel und verstehe wenig”), raucht noch mehr und wedelt mit seinen langen Händen durch die Luft. Vor acht Monaten hat er sein jüngstes Buch abgeschlossen, und er weiß nicht, ob es noch einmal eines geben wird. So ist es oft, wenn man ein großes Unternehmen beendet hat, möchte ihn der Besucher trösten. Aber er weiß, dass der Fall hier anders liegt. Ob es aus diesem Buch einen Weg heraus gibt, in ein neues Vorhaben, ist so wahrscheinlich nicht.
In diesen Tagen, ein halbes Jahr nach der Erstveröffentlichung in Schweden, ist „Das Buch von Blanche und Marie” auch auf Deutsch erschienen. Es ähnelt einem historischen Roman, es erzählt von Menschen, die tatsächlich gelebt haben, vor hundert Jahren, von Männern und Frauen, die noch heute berühmt sind, von denen und über die es Zeugnisse in großen Mengen gibt, und es fahren Fuhrwerke und Flöße durch das Buch, und gelebt wird darin auch fast so, wie vor drei Generationen gelebt wurde. Und doch ist dieses Buch kein historischer Roman, sondern eher eine Art Winterreise durch geschichtliche Dokumente, ein phantastisches Tableau mit historischen Figuren, und im Hintergrund hört man, wie in August Strindbergs „Traumspiel”, immer wieder eine leise, weibliche Stimme sagen: „Det är synd om människan” - „es ist schade um den Menschen”.
Die Radioaktivität der Seele
Um ein Bild herum ist dieses Buch arrangiert: „Une lecon de clinique à la Salpêtrière” heißt dieses berühmte Gemälde von André Broulliet, das zum ersten Mal auf dem Frühjahrssalon 1887 in Paris gezeigt wurde. Zu sehen ist darauf ein Hörsaal. Eine Frau mit geöffneter Bluse liegt bewusstlos in den Armen eines Assistenten. Ein Professor erläutert, die rechte Hand mit dem Zeigefinger vorgestreckt, den Ernst der Lage. Und vor ihnen sitzen und stehen vielleicht zwanzig Männer, die Köpfe in Aufmerksamkeit vorgebeugt, an die zwanzig Männer. Der Professor heißt Jean Martin Charcot und war zu jener Zeit der Leiter eines der größten Krankenhäuser der Welt: eben der Salpêtrière, einer ehemaligen Schwefelfabrik, in der mehr als achttausend Patienten untergebracht waren. Doch was hier abgebildet wird, ist mehr als eine Szene aus dem Alltag der Medizin. Es ist die Geburtsstunde der Psychoanalyse.
Die Frau mit der geöffneten Bluse heißt Blanche Wittmann. Sie ist das Medium, an dem Professor Charcot seine große Entdeckung demonstriert: die Hysterie, die Geisteskrankheit die mitsamt ihren Symptomen mit diesem Mediziner entstand und wieder verschwand, deren Behandlung aber Sigmund Freud - auch er war bei diesen Vorlesungen dabei - den Weg zu seiner Lehre wies. Blanche Wittmann war eine der Lieblingspatientinnen von Professor Charcot. Keine konnte so wie sie in Trance fallen, den Körper zum klassischen Symptom biegen, keine kannte ihn so wie sie. Blanche Wittman gesundete, als Jean Martin Charcot starb.
Jahre später wurde sie Assistentin bei Marie Curie, der Professorin an der Sorbonne, die das Polonium und das Radium entdeckte und die Radiochemie begründete. Blanche Wittmann, unwissend, welche Gefahr von diesen Stoffen ausgeht, verlor bei dieser Arbeit beide Beine und den rechten Arm. Sie wurde zu einer engen Freundin von Marie Curie. Die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte sie in einer rollenden Kiste. Das alles ist wahr. Per Olov Enquists Figuren tragen historische Namen. Sie vollbringen historischen Taten. Und doch entwickeln sie in der Literatur ein ganz eigenes Leben.
Vor zwei Jahrzehnten, ja wohl noch viel früher, sagt Per Olov Enquist, sei er zum ersten Mal mit diesem Stoff in Berührung gekommen. Damals drehte er einen Film, eine fünfteilige Serie über das Leben August Strindbergs. „Die teuerste Reihe, die das schwedische Fernsehen je machte”, meint Per Olov Enquist, aber er sagt es nicht wie ein Angeber, sondern als ob es ihm heute um den ganzen Aufwand leid täte. August Strindberg lebte in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts in Paris, und auch er saß in der öffentlichen Vorlesung von Jean Martin Charcot. In Paris experimentierte August Strindberg mit der Photographie, versuchte Gold herzustellen und wollte zum „Zola des Okkultismus” werden. Es sei die innige Verwandtschaft zwischen Spuk und Aufklärung, sagt Per Olov Enquist, die ihn an diesem Stoff so fasziniere. Die stärkste Kraft des Fortschritts, fährt er fort, sei nie die Wissenschaft selbst gewesen, sondern stets die Wissenschaft in Verbindung mit einem starken Glauben an Erlösung. Enquist selbst ist unter Herrnhutern aufgewachsen. „Ein einzigartiger Brei”, schließt er.
Und so hängt das „Buch von Blanche und Marie” mit den jüngsten beiden anderen, historischen Romanen zusammen, die Per Olov Enquist veröffentlichte, mit dem „Leibarzt der Königin” (2000), der tragischen Fabel von Liebe und Aufklärung im Dänemark des achtzehnten Jahrhunderts, und mit „Lewis Reise” (2002), der Geschichte über die Entstehung der schwedischen Pfingstbewegung. Beide Bücher sind Lebensgeschichten, beide handeln von Befreiung und erhoffter Erlösung und davon, wie eine gigantische, bahnbrechende Anstrengung sich am Ende verläuft, weniger scheitert als vielmehr beinahe läppisch zugrunde geht. Und immer erzählt Per Olov Enquist in diesen scheinbar historischen Romanen auch den eigenen Lebenslauf, die Geschichte von einem jungen Mann aus dem Dorf Hjoggble in der nordschwedischen Provinz Västerbotten, der ohne Vater, aber unter der strengen Herrschaft einer pietistischen Gemeinde aufwuchs. Am eigenen Schopf hat er sich aus den dunklen Wäldern herausgezogen, und darin erinnert er den Leser, wenn er auch im „Buch von Blanche und Marie” auf die Mutter rekurriert und sich mehrfach selbst zitiert - aus den autobiographischen Büchern „Gestürzter Engel” (1987) und „Kapitän Nemos Bibliothek” (1994). Nur war das Mittel seiner Emanzipation weder die Wissenschaft noch der Glaube, sondern die Kunst.
Das „Buch von Blanche und Marie” ist ein Buch der Frauen und ein Werk der Befreiung. Aber die Befreiung ist nicht das Ziel, etwas anderes, Dunkleres, Verhängnisvolles, Endgültiges wartet dahinter. Blanche Wittman, das reine Wesen, büßt die Wissenschaft mit dem Verlust ihrer Gliedmaßen. Marie Curie, die emanzipierte Frau, verliert ihren Ruf und ihre Ehre, als ihre Liebschaft mit einem verheirateten Kollegen publiziert wird. Und Jean Martin Charcot fährt am Ende seines Lebens nach Morvan, in die dunklen Wäldern Burgunds, verbringt die erste und einzige Nacht mit Blanche Wittmann - diese Liebesgeschichte ist erfunden - und stirbt, nicht ohne seine gesamten wissenschaftlichen Erkenntnisse revidieren zu wollen. Und der Schriftsteller fragt sich, ob die ganze artistische Camouflage den Aufwand rechtfertigt, ob sie ausreicht, um diese Bedrängnis, diesen dunklen Kern verschwinden zu lassen. Er hat ein Werk geschaffen, er hat eine ungeheure Last, einen Berg aus Schuld und Scham von sich gewälzt, er hat es geschafft - vielleicht. Aber ganz sicher ist: er ist alt, und viel Leben liegt nicht mehr vor ihm.
Jean Martin Charcot ist ein Auftrittskünstler, ein Mann, der andere Menschen mit der Kraft seiner Stimme, der Entschiedenheit seiner Gesten, der Macht seines Wissens überzeugen kann. Eine Auftrittskünstlerin ist auch Blanche Wittman - nicht aus Drang zur Öffentlichkeit, aus dem Eifer, sich vor einem Publikum sichtbar zu machen, sondern aus Mitleid und darin Agnes, dem Götterkind, der Heldin aus August Strindbergs „Traumspiel” ähnlich. Eine Auftrittskünstlerin ist auch Marie Curie, die sich selbst als epische Figur imaginiert, als Heldin der Wissenschaft wie als Heldin der entstehenden Frauenbewegung. Sie weiß, dass sie Wissenschaftsgeschichte schreiben wird.
Auch der Schriftsteller ist ein Auftrittskünstler. Er ist das Ich, das für andere diese Geschichte findet und erfindet, er ist derjenige, den Stoff aufbaut, den Spannungsbogen schlägt und die Stimmen arrangiert. Und er ist derjenige, der in diesem Roman Wissenschaftsgeschichte und Lebenslauf parallelisiert. Er tut es vom aufgeklärtesten aller möglichen Standpunkte aus: „Charcot war kein Scharlatan”, sagt Enquist, sondern ein Wissenschaftler, ein Mann der Vernunft und der Aufklärung, einer der sich vorwagte auf unendlich schwieriges Terrain. „Wir sind nicht viel weiter gekommen als vor hundert Jahren.” Am Ende aller Mühen liegt nur der Tod.
In der rollenden Kiste leben
Drei „Fragebücher” schreibt Blanche Wittmann, aus ihnen besteht der größte Teil des Romans. Das Material dafür wird es geben, die drei Hefte selbst sind erfunden. Über die erste Begegnung mit Jean Martin Charcot heißt es darin: „als ich in ihn eingebrannt wurde wie ein Brenneisen in ein Tier”. Der Satz stammt aus der Tragödie „Phaedra” von Racine. Hier ist damit die unsichtbare Prägung gemeint, von der ein Lebenslauf seinen Anstoß nimmt. Es ist eine Prägung, die einen Arme und Beine und am Ende das Leben kostet. Dann fragt es sich, ob mehr daraus entstanden ist als pure Vergeblichkeit. Mit diesem Problem hadert Per Olov Enquist jetzt, mehr als je zuvor. Das Brenneisen mag noch immer in Västerbotten liegen. Der Roman aber, und mit ihm und in ihm das ganze Werk, steht längst für sich in der Welt.
„Amor vincit omnia”, lautet der erste Satz des Romans, „die Liebe überwindet alles”. Derselben Überzeugung ist Agnes, das Götterkind, das August Strindberg im Traumspiel auf die Erde schickt, damit es prüft, ob die Menschen mit Grund über ihr Schicksal klagen. Und es wird viel geliebt in diesem Buch. Blanche Wittman in ihrer rollenden Kiste liebt Marie Curie. Blanche Wittmann liebt auch Jean Martin Charcot. Und Marie Curie liebt, auch sie zu ihrem eigenen Verhängnis, ihren Kollegen Paul Langevin. Ein Liebesroman war auch schon der „Leibarzt der Königin” und „Lewis Reise”. Aber die Liebe in diesem Buch ist anders. Sie ist keine Rettung, keine Instanz für eine freundliche Aufhellung des Daseins, keine heilende Kraft, sondern eine Art Einverstandensein mit dem Leben in einer rollenden Kiste.
Wo ist da die Kunst, möchte man da fragen. In der Integrität, die diese Menschen besitzen, in der Zartheit, mit der Per Olov Enquist mit diesen Figuren umgeht. Hier ist einer über die Emanzipation hinausgekommen, und das kann nicht einfach gewesen sein. Denn der Gott des Pietismus ist das schrecklichste Du, das man sich vorstellen kann, ein grenzenlos eifersüchtiges, unberechenbares, rachsüchtiges Wesen. Es ist nichts von ihm übrig. Da steht nur ein einfaches, mildes, gebildetes Du. Das ist erstaunlich, rührend und gut.
THOMAS STEINFELD
PER OLOV ENQUIST: Das Buch von Blanche und Marie. Roman. Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. Carl Hanser Verlag, München 2005. 240 Seiten, 19,90 Euro.
Kapitän Nemo auf dem Weg durchs Traumspiel: Per Olov Enquist
Foto: Regina Schmeken
Voilà, meine Lieblingspatientin: Ausschnitt aus der „Klinischen Lektion in der Salpêtrière” von André Brouillet (1887)
Foto: Bettmann / Corbis
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Ein großer Wurf, behauptet Andreas Breitenstein über Per Olov Enquists neuen Roman, dessen Aufwand er allerdings etwas in Frage stellt. Die in Frage gestellte Aufwendigkeit meint keineswegs den Seitenumfang, der mit 240 Seiten eher bescheiden wirkt. Gemeint ist die Mischung an "phantastischer Konstruktion und fortlaufender Verrätselung, psychologischer Befragung und symbolischer Überhöhung", die Enquist anhand zweier Frauenfiguren betreibt: Blanche Wittman, eine der bekanntesten, weil bei Charcot vorgeführten Hysterikerinnen, die nach ihrer Heilung als Laborassistentin in der Röntgenabteilung gearbeitet haben soll, sowie Marie Curie, die Entdeckerin des Radiums. Vermutlich haben sich die beiden Frauen gar nicht gekannt, hat Breitenstein recherchiert, aber Enquist präsentiere das Fiktive in Form eines "Fragebuchs" als so authentisch, dass er etwa die Hälfte des Buches gebraucht habe, um an dem Wirklichkeitsgehalt des Berichteten zu zweifeln. Die desolate Situation der Frauen damals, die unrühmliche Frühgeschichte der Psychiatrie, die erste Wissenschaftseuphorie, all das sind Themen, die Enquist verknüpft; sein Hauptthema aber sei die Liebe, meint Breitenstein, was zugleich die Stärke wie Schwäche des Buches ausmache. Je weniger sie sich fassen lasse, um so mehr neige der Autor in solchen Momenten zum Pathos. Momente, die der Faszination des Buches als Zeit- und Sittengemälde ansonsten nichts anhaben könnten.

© Perlentaucher Medien GmbH
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