Claustria - Jauffret, Règis

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Platon, das Höhlengleichnis. Gefangene, die, bis auf menschliche Schatten an der Höhlenwand ihres Gefängnisses, niemals die Wirklichkeit sehen werden. Kinder in einem Keller, die nie die Außenwelt erblickten, bis auf Bilder, die durch ein Antennenkabel vom Himmel auf sie herabfielen. Dieses Gleichnis durchwanderte vierundzwanzig Jahrhunderte, bevor es in einem kleinen Ort in Österreich seine Wiedergeburt erfuhr, mit einem Ingenieur als Komplizen und der unfreiwilligen Mithilfe des Schotten John Logie Baird, der 1926 den ersten Fernsehapparat erfand.…mehr

Produktbeschreibung
Platon, das Höhlengleichnis. Gefangene, die, bis auf menschliche Schatten an der Höhlenwand ihres Gefängnisses, niemals die Wirklichkeit sehen werden. Kinder in einem Keller, die nie die Außenwelt erblickten, bis auf Bilder, die durch ein Antennenkabel vom Himmel auf sie herabfielen. Dieses Gleichnis durchwanderte vierundzwanzig Jahrhunderte, bevor es in einem kleinen Ort in Österreich seine Wiedergeburt erfuhr, mit einem Ingenieur als Komplizen und der unfreiwilligen Mithilfe des Schotten John Logie Baird, der 1926 den ersten Fernsehapparat erfand.
Autorenporträt
Régis Jauffret, 1955 in Marseille geboren, konnte sich als eine der interessantesten Stimmen der französischen Gegenwartsliteratur etablieren. Inspiriert von der Literatur Marcel Prousts, Franz Kafkas und Virginia Woolfs versteht Jauffret es, in den Geist seiner Charaktere einzudringen. Er erforscht das Innerste der menschlichen Psyche und hat sich in seinen Romanen unter anderem in die Gedankenwelten von Vergewaltigern (Histoire d'amour) und Kindsmörderinnen (Clémence Picot) begeben. 2005 wurde er für Asiles de fous mit dem angesehenen Prix Femina ausgezeichnet. Claustria wurde von den französischen Feuilletons als "das Buchereignis" des Frühjahrs 2012 gefeiert und war wochenlang in den französischen Bestsellerlisten. Régis Jauffret ist Vater von zwei Kindern und lebt in Paris.
Rezensionen
"Der Roman ,Claustria' des Franzosen Régis Jauffret, 57, ist ein Buch ohne Vergleich: Es ist, vor Ort, beunruhigend gut recherchiert ... Zugleich aber ist es ein von den Spitzen des französischen Feuilletons gepriesenes Meisterwerk, sprachlich sublim und dramaturgisch bezwingend." (NEWS, 13. September 2012) "Starke, lästige, wichtige Literatur. Sehr gern legt man sie weg. Aber erst nach 528 Seiten." (KURIER, 13. September 2012) "In Frankreich wurde er für seinen Roman mit Flaubert und Dostojewski verglichen. Hierzulande wird es schwerfallen, sich so weit auf die fiktive Geschichte einzulassen, dass man sie nach ihren literarischen Qualitäten bewertet. Der Zeitpunkt der Veröffentlichung hat zwar eher damit zu tun, dass Jauffret sich so lange mit dem schwierigen Stoff abmühte, aber er ist dennoch ideal. Gerade hatten sich die Wogen geglättet, man war zum Alltag übergegangen, das Vergessen hatte eingesetzt. Hierbei stört Jauffret. Das ist sein Verdienst." (ORF.at, 12. September 2012)
Besprechung von 14.09.2012
Unterstellungen, die ins Herz treffen
In seinem Roman „Claustria“ stellt der französische Autor Régis Jauffret die These auf, Josef Fritzl habe Mitwisser bei seinen
monströsen Taten gehabt. Nun debattiert Österreich, wie nah diese Fiktion der Wahrheit kommt
VON CATHRIN KAHLWEIT
Im März 2009 wird im österreichischen St. Pölten ein weltweit beachtetes Gerichtsurteil gesprochen: Lebenslänglich muss der Täter hinter Gitter; die Anklage hatte auf Mord durch Unterlassung, Vergewaltigung, Freiheitsberaubung, schwere Körperverletzung, Blutschande und Sklaverei gelautet. Der Häftling, Josef Fritzl aus Amstetten, nimmt das Urteil ohne erkennbare Regung an. Seine Opfer sind nicht anwesend, sie wollen ihren Peiniger nie wieder sehen.
  Im Januar 2012 erscheint in Frankreich der Roman „Claustria“. Die zentrale Figur des Buches: Josef Fritzl aus Amstetten. Die französische Kritik ist voll des Lobes über das Werk von Régis Jauffret, auch die Verkaufszahlen sind gut, denn der Fall war in Frankreich höchst aufmerksam verfolgt worden. Die Feuilletons sprechen von einer „unglaublichen Leistung und einem fiebrigen Ton“, von einem erfreulichen Verzicht auf Sensationsgier und einem „kalten Blick“, von einem „eindringlichen Buch, das Besessenheit auslöst“. Der Roman ist ein regionaler Erfolg.
  Nur in Österreich, wo Realität und Fiktion dieser ungeheuerlichen Geschichte angesiedelt sind, bleibt es relativ still. Anfang des Jahres gibt es ein paar interessierte Reaktionen und kleinere Kritiken. Schon damals allerdings mutmaßt etwa die Presse in ihrer sehr durchwachsenen Besprechung: „Es wird noch viel darüber geredet werden in Deutschland und Österreich, spätestens im Herbst. Vielleicht auch, weil Régis Jauffret nicht der einzige unbeteiligte Beobachter ist, der sich fragt, ob der Fritzl-Prozess wirklich die ganze Wahrheit ans Licht gebracht hat.“ Und richtig: Jetzt, da „Claustria“ bei dem österreichischen Verlag Lessingstraße 6, einem Ableger von Ecowin, auf Deutsch erscheint, geht eine zweite Welle der Neugier, der Fragen, auch des Schocks durch das Land. Das Nachrichtenmagazin News widmet dem Buch derzeit eine Titelgeschichte („Der Fritzl-Schocker“) – und der Tenor lautet: Okay, es handelt sich offiziell um Literatur und der Autor legt im Vorwort Wert darauf, dass alle Personen, ihre Gefühle, ihre Charaktere der Phantasie des Verfassers entspringen. Aber: Da hat einer besser recherchiert und unangenehmere Fragen gestellt als die hiesigen Ermittler. Und hat auch ein paar sehr unangenehme Antworten gefunden.
  Jauffret findet das bizarr. Er habe einen Roman geschrieben, sagt er, und darin aus der allseits zugänglichen Faktenlage seine Schlüsse gezogen. Er verwahrt sich dagegen, dass sein Buch nun für die Beweisführung im Fall Fritzl herangezogen wird. „Ich bin ein französischer Autor, kein Österreich-Spezialist, ich bin kein Journalist, ich spreche nicht Deutsch. Ich war bei dem Prozess und habe gut zugehört, ich habe mit einem Ermittler geredet und mit ein paar Zeugen. Daraus habe ich eine Fiktion geformt, keine Realität beschrieben.“
  Die Realität, das eigentliche Drama, ist längst in die Kriminalgeschichte eingegangen: 1984 schließt der Immobilienkaufmann Fritzl, schon einmal wegen Vergewaltigung verurteilt, seine achtzehnjährige Tochter (im Roman heißt sie Angelika) in einem Keller ein. Er missbraucht sie fast täglich, fesselt sie anfangs, bedroht, schlägt, sediert sie. Als sie ihm die ersten Kinder gebärt – sieben werden es insgesamt, eines stirbt kurz nach der Geburt –, baut er das Verlies aus; 60 Quadratmeter dunkler, feuchter, beklemmender, schimmliger Raum sind es am Ende, ausgestattet mit Fernseher, Kühlschrank, Ventilator, warmem Wasser. Wenn er verärgert ist oder verreist, gibt es tagelang kein Essen; Strom und Wasser stellt Fritzl ab, wenn die Zweitfamilie unter der Erde rebelliert. Denn über der Erde lebt die Hauptfamilie, lebt die Ehefrau, leben die Nachbarn, und die sollen nichts wissen von der Hölle unter Tage. Drei der sechs Kinder holt Fritzl nach und nach hinauf in das Wohnhaus an der Ybbsstraße 40; die Tochter, die bei einer Sekte sei, habe sie heimlich vorbeigebracht, sagt er. 24 Jahre lang, 24 unglaubliche Jahre lang geht das so. Die Tochter wird alt, zahnlos, die Kinder – oder soll man sagen: Enkelkinder – entwickeln zahlreiche Krankheiten sowie Hospitalismus. Erst als ein Mädchen mit dem Tode ringt, bringt Fritzl es ins Krankenhaus, die Ärzte werden aufmerksam, suchen die Kindsmutter. Der Gefängniswächter, der Vergewaltiger, der Vater fliegt auf.
  Jauffrets Roman erzählt diese Geschichte mit kalter Präzision. Er hat einen guten Roman geschrieben, beklemmend in seiner Atemlosigkeit, der Leser schwankt zwischen Faszination und Entsetzen darüber, wie ein solches Leben funktionieren kann unter der Erde mit Menschen, die noch nie Sonne oder andere Menschen gesehen haben, ein Höhlenleben zwischen Weihnachtsgeschenken, Kuchen, Folter und Inzest. Der Franzose erzählt die Geschichte quasi rückwärts, beginnt 50 Jahre später, in der Zukunft – aber das neue Leben der Familie kann kein gutes Leben sein, weil das alte, das klaustrophobe in den Knochen, in den Seelen, in Haut und Haaren steckt. Die tausendfach vergewaltigte Kindsmutter, Angelika, hat ihre Memoiren geschrieben und ist damit reich geworden, sie vegetiert mit Alzheimer dahin, einige der Kinder haben sich nie an Sonne und Licht gewöhnt und leben bis zum Ende hinter verschlossenen Türen, ein Sohn verbringt die Tage, feist und früh gealtert, vor dem Computer. Dann springt Jauffret zu den Anfängen, erzählt, wie der Vater die Tochter einfängt, einsperrt. Er springt zwischen gestern, heute, morgen, der Leser erwischt sich selbst dabei, wie er Erzählebenen und Zeiten verwechselt – als lebte er in einem dunklen Keller, in dem Tag und Nacht nicht mehr zu unterscheiden sind. Man kann dem Roman zu große Nähe zu den echten Personen und mithin eine subversive Form des Voyeurismus vorwerfen, wie es viele Kritiker tun, kann dem Autor ankreiden, er habe nicht einmal den Namen der Hauptperson camoufliert. Aber wenn man sich auf die Geschichte als Geschichte einlässt, bekommt sie eine eigene, sehr böse Wucht. Und die Opfer gewinne eine eigene, kraftvolle Identität.
  Was das Buch so mysteriös macht, sind Jauffrets Annahmen und Unterstellungen (er selbst sagt, er habe „deduziert“). In „Claustria“ weiß die Mutter der Familie „oben“ alles, sie hilft bei der Verschaffung der Tochter in den Keller und bei der Bewältigung der logistischen Probleme. Offenbar hat es der Romancier Jauffret für unmöglich gehalten, dass es eine Frau 24 Jahre lang nicht mitbekommt, wenn unter ihren Füßen zahlreiche Menschen leben, rufen, klagen, versorgt werden müssen. Im realen Gerichtsverfahren spielte Fritzls Ehefrau keine Rolle. Sie habe nichts geahnt und in ständiger Angst vor ihrem Mann gelebt, hatte sie der Polizei gesagt.
  In Jauffrets Buch ahnen die Nachbarn, was vor sich geht, der Keller ist beileibe nicht schalldicht, die Eingesperrten versuchen regelmäßig, auf sich aufmerksam zu machen, doch keiner will sie hören. Romanautor Jauffret sagt, er habe sich die Akustik-Experten im Prozess genau angehört und gemutmaßt, dass Geräusche aus dem Keller nach draußen dringen mussten. Jauffret meint, man müsse sich nur den Lageplan des Hauses anschauen, dann halte man es mit gesundem Menschenverstand für unmöglich, dass ein Mann 24 Jahre lang durch den Garten und über die Straße Lebensmittel und Windeln schleppt, den Müll einer Großfamilie entsorgt, Geschenke trägt, ohne dass sich jemals jemand gewundert hätte. Im Prozess kam die Frage nach Mittätern oder Mitwissern nicht auf. Erstaunlich schnell habe man diesen Fall damals zu den Akten gelegt, wundert man sich jetzt in Österreich – der Täter war geständig, die Opfer mieden die Öffentlichkeit, die Ermittlungen waren sehr schnell abgeschlossen. Warum wurde nach der offiziell vermissten Tochter so wenig gesucht? Warum glaubte man alles, was Fritzl sagte? Warum, wird jetzt gefragt, werden eigentlich im Fall der entführten und acht Jahre lang eingesperrten Natascha Kampusch wieder und wieder alle Akten hervorgesucht, wird jeder Stein zweimal umgedreht bis hin zu einer internationalen Kommission, die derzeit dubiose Mehrtätertheorien untersucht – und im Fall Fritzl hat niemand nachgefragt? „Claustria“, der Roman, wird zum Auslöser, zum Motor für Austria auf der Suche nach Antworten.
  Vielleicht war der Fall zu monströs. Vielleicht war die Welt, war das Land froh zu vergessen. Im Roman denkt Fritzls Tochter Angelika: „Ihre Geschichte würde bald ein böses Märchen sein, eine Legende, deren Ursprünge man anzweifeln wird.“ Einige Zweifel werden jetzt tatsächlich laut. Spät und nagend. Jauffret wundert sich über die Österreicher, die einen Franzosen und ein Buch bräuchten, um sich mit sich selbst zu beschäftigen, um endlich die Arbeit der Ermittler, der Justiz zu hinterfragen. Andererseits: Er profitiert davon.
Wie kann es sein, dass ein
französischer Romancier bessere
Fragen stellt als die Ermittler?
Der Roman wird in
Österreich zum Auslöser einer
Suche nach Antworten
Unter diesen Büschen wohnte das Grauen: Das Fritzl-Haus in Amstetten, Österreich, im April 2008.
FOTO: JOHANNES SIMON/GETTY IMAGES
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Besprechung von 27.09.2012
Josef Fritzl in seinem fünften Reich

Der französische Autor Régis Jauffret erzählt die Tragödie einer Familie, deren Fluch sich im französischen Vergangenheitskitsch auflöst: Der Roman "Claustria" ist gescheitert - nicht nur, weil er Österreich zum Paradies eines grünen Faschismus erklärt.

Er war im Taxi gekommen und hatte einen Ball mitgenommen. Zur Tarnung zog er einen weißen Kittel an, wie ein Krankenpfleger wollte er aussehen. Hinter einer Tanne versteckt, wartete er. Bis "Roman" herauskam. Roman ist das Kind und zugleich der Enkel von Josef Fritzl, der ihn mit seiner Tochter gezeugt hat. Zwei Jahrzehnte hatte der Horror im Keller seines Hauses im österreichischen Amstetten gedauert. Im Frühjahr 2008 war die unfassbare Geschichte aufgeflogen - und um sie zu schreiben, begab sich der französische Schriftseller Régis Jauffret im November des gleichen Jahres an den Ort der Handlung.

Auch beim Prozess war er dabei. Noch arbeitete er allerdings hauptsächlich an seinem Roman "Sévère" über die Ermordung des Genfer Bankers Edouard Stern durch seine Mätresse während eines sadomasochistischen Rituals, der 2010 erschien: Zwei Jahre vor dem Buch über den literarischen Tauchgang in die Hölle des Josef Fritzl, das jetzt wenige Monate nach dem französischen Original mit dem gleichen Titel in deutscher Übersetzung herausgekommen ist: "Claustria".

Der als Pfleger verkleidete Ich-Erzähler, hinter dem man niemand anderen als Régis Jauffret vermuten muss, stellt dem Inzest-Kind im Landesklinikum Amstetten-Mauer nach. Es war von den anderen Patienten geräumt worden, um den Angehörigen der Großfamilie Fritzl Platz zu machen. Der Icherzähler hinter der Tanne wirft dem Kind den Ball zu. Der Pfleger, der mit Roman ins Freie kam, bietet dem vermeintlichen Kollegen eine Zigarette an. Sein Akzent verrät den schnüffelnden Eindringling, der kein Wort Deutsch kann und sich später eine Übersetzerin nimmt, die als "Nina" durch den Roman geistert. Der Icherzähler haut ab - Jauffret wird auf diesen ersten Seiten seiner "Claustria" erst einmal selbst zum Gehetzten.

"Außer Atem" erreicht er die Straße, an der es ihm gelingt, einen Wagen zu stoppen. Die Lenkerin gibt Gas, "sicher glaubte sie, dieser komische Pfleger sei auf dem Weg zu einem Notfall". Als sie nach fünfzig Kilometern zum Tanken muss, "machte ich mich aus dem Staub". Im Bus fährt Jauffret "zurück nach Wien, in die Stadt wie eine Opernkulisse, wo man ständig darauf wartet, dass der Vorhang hochgeht". Der erste, dem er begegnet, ist natürlich Hitler, der hier einst "als armer Schlucker mit seinen braunen Ideen herumirrte". Mit Gas, vernimmt man später, habe Fritzl den Bewohnern in seinem Keller gedroht.

Nach dem Prolog im Park der Klinik und dem Irrgang durch Wien rollt Jauffret den Fall im Rückblick aus der Mitte des einundzwanzigsten Jahrhunderts auf. Roman ist der einzige Überlebende der Familie. Außer jenem von Fritzl hat Jauffret alle Namen abgeändert - "Roman", sein Sympathieträger, steht für die Gattung, die er betreibt. Und soll in diesem Werk mit den penetranten Anspielungen wohl auch an Polanski erinnern. Roman hat im Roman einen Roman über seine Lebensgeschichte geschrieben, der aber erfolglos blieb. Ein Bestseller wurde hingegen das Bewältigungsbuch der Tochter, die an Alzheimer erkrankt und stirbt.

Während der Zeit im Keller, über die er intensiv recherchiert haben will, schickt Jauffret Josef Fritzl auch einmal nach Paris in die Peepshow und auf den Eiffelturm in die Peepshow. Um seine Sklaven zu Hause ruhig zu halten, hat er den Strom abgedreht. Am Ende des literarischen Deliriums über das halbe Jahrhundert nach dem Verfahren, das weiß Gott viele Fragen offenließ und für Fritzls Frau mit einem Freispruch endete, wird das Haus gesprengt. Der letzte Besitzer, der einen Nachtklub betrieb, hatte Pleite gemacht. Der Hausbesuch des Icherzählers mit einem Makler ist eine der besten Szenen von "Claustria".

Das Fernsehen ist Fritzls verlässlichste Waffe. Es ermöglicht die totale Entfremdung des "Kellervölkchens" (Jauffret). Für den Autor ist es auch Gegenstand thematischer Erörterungen über die Grenzen von Welt und Wahn. Im Umgang mit ihnen ist er bereits in seinem Roman über die Ermordung des Bankiers Stern durch seine im Leben gedemütigte Domina gescheitert. Aus dem sexuellen Spiel um Macht und Unterwerfung wurde Ernst: der Tod war echt und gleichwohl weder durch einen Unfall noch vorsätzlich erfolgt. Wenn die schlimmste Phantasie Wirklichkeit geworden ist und die Realität wie bei Fritzl jegliche noch so perverse Vorstellungsmacht überfordert, stößt die Fiktion erst recht an ihre Grenzen. Sie scheitert oder produziert ein Meisterwerk. In "Claustria" jedenfalls versagt sie auf der ganzen Linie.

Selbst der Autor räumt in jedem Interview ein, von Fritz nichts verstanden zu haben. Um so krampfhafter betätigt er sich als Ankläger und will zeigen, dass die Nachbarn alles gewusst haben müssen. Reihenweise tischt er Indizien auf. Der Keller war nicht schalldicht. Aber immer haben sie weggehört und weggeschaut. Als "Land des Inzests" und des ebenso verdrängten wie ewigen Faschismus beschreibt Jauffret Österreich. Diese Obsessionen sind stärker als Jauffrets durchaus vorhandene literarische Fähigkeiten und entsprechen einer fast schon klassischen Deutschtümelei, in der inzwischen die Heimat und Hitler und Fritzl Deutschland abgelöst.

Im Deutschlandbild der Franzosen - mit Wagner und Jünger, Nietzsche, Heidegger, Michel Tourniers "Erlkönig" und vielen Faschismusdarstellungen in der Trivialkultur - spiegelte sich ihre eigene Befindlichkeit. Seine Veränderungen standen für die Etappen der Vergangenheitsbewältigung. Mit Jonathan Littell und Laurent Binet, die sich in Kopf und Haut der Naziverbrecher versetzen, sich mit ihnen identifizieren wollen und ohne moralische Skrupel zu verstehen versuchen, hat ihre kriegsbezogene und faschismusbesessene Literatur einen Höhe- oder auch Nullpunkt erreicht. Der "boche" in der französischen Kultur ist überwunden, für die irrationale Deutschtümelei gibt es kein Bedürfnis mehr.

Die nicht ganz überraschende Übertragung auf Österreich hatte begonnen, als die antifaschistischen Intellektuellen in Wien gegen Haider protestierten und noch einmal Hitler zu besiegen vermochten. Ihr Österreich ist jenes von Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek. Und ganz besonders der Filme von Michael Haneke, der Fassbinder ablöst. Vielfach sind die Bezüge zwischen Vichy- und Austrofaschismus. Deutlich die Parallelen im Umgang mit der eigenen Verantwortung und ihrer Verdrängung.

Im Prozess der französischen Aufarbeitung wurden die deutschen Pazifisten, die im Voraus vor dem neuen - roten - Totalitarismus kapitulierten, als "Juden des Dritten Weltkriegs" bezeichnet. Die Grünen verkörperten lange die Vorstellung eines "Vierten Reichs". Auch diese Saat geht in "Claustria" auf, Jauffret verklärt Österreich zum Paradies eines grünen Faschismus der politischen Korrektheit: "Heute ist Amstetten eine grüne Stadt. Vom Frühjahr an steht sie in Blüte, die Straßen wurden mit Rasenteppich ausgelegt. Man stellt den Wagen auf dem Parkplatz ab - so, wie man vor einer Moschee die Schuhe auszieht -, bevor man das Allerheiligste betritt, dessen Einwohner ihr schönes Ökosystem anbeten und in die Pedale treten, damit sich die Räder drehen wie Gebetsmühlen." Den staunenden Franzosen hatte Régis Jauffret von seinen heroischen Undercover-Erkundungen im österreichischen Sumpf und seiner Aufklärung in Amstetten erzählt. Die staunenden Österreicher lässt er glauben, in Paris werde er als Flaubert und Dostojewskij gefeiert, der Platons Höhlengleichnis neu geschrieben habe. Den Vergleich mit Truman Capote hat er selbst in die Welt gesetzt - zum Beispiel im Interview mit der französischen First Lady Valérie Trierweiler in der Illustrierten "Paris-Match".

Hätte er sich doch zumindest bei der Methode an sein unerreichbares Vorbild gehalten! Aus der dokumentarischen - und "kalten" - Beschreibung von Josef Fritzls Reich und Wahn wäre ein exemplarisches Werk über den Familienfaschismus, wie er schrecklicher nie öffentlich wurde, entstehen können: mit sexuellen Machtverhältnissen und einem unterirdischen Gefangenenlager, die jegliche zivilisatorische Ordnung außer Kraft setzten. Oder er hätte sich wie Jonathan Littell zum kühnsten ästhetischen Ansatz durchdringen müssen: "Fritzl bin ich." Doch die gewundenen Phantasien, historischen Überhöhungen und ideologischen Obsessionen müssen Österreich irgendwie und um jeden Preis zum fünften Reich des Josef Fritzl machen. Das konsternierende Resultat ist die unwahrscheinliche, unglaubwürdige Tragödie einer Familie, deren Fluch sich im französischen Vergangenheitskitsch auflöst. Auf keiner Seite geht aus "Claustria" die faschistische Wahrheit der österreichischen Gesellschaft hervor. Es gelingt dem Schriftsteller auch nicht, dem Leser in der Figur des Josef Fritzl die eigenen Abgründe vor Augen zu führen. Selbst Österreicher können nach der ermüdenden Lektüre wieder besseren Gewissens schlafen.

JÜRG ALTWEGG

Régis Jauffret: "Claustria".

Roman.

Aus dem Französischen von Gaby Wurster. Verlag Lessingstraße 6, Salzburg 2012. 528 S., geb., 24,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Erstaunlich viel Platz räumt Jürg Altwegg diesem Machwerk des Franzosen Régis Jauffret ein. Zwar hält sich der Autor für den neuen Truman Capote, literarische Beweise dafür kann Altwegg in diesem Buch allerdings nicht entdecken. Das Vorhaben, Österreich eine faschistische Wahrheit anzudichten, indem er den unsäglichen Fall Josef Fritzl, den Austrofaschismus (Hitler und Fritzl!) und grundsätzliche Fragen nach Welt und Wahn anhand eines Ritts durch das halbe vergangene Jahrhundert erörtert scheitert jedenfalls gründlich. Ermüdender Vergangenheitskitsch, meint Altwegg kopfschüttelnd, mehr nicht.

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