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Joachim Fests späte Essays - Vermächtnis eines großen Publizisten.
Vermächtnis eines großen Publizisten Joachim Fests brillante Essays zeigen die thematische Bandbreite des begnadeten Stilisten: vom Dritten Reich und Problemen der Geschichtsschreibung über das Verhältnis der Intellektuellen zur Politik bis hin zu Literatur und Kunst.…mehr

Produktbeschreibung
Joachim Fests späte Essays - Vermächtnis eines großen Publizisten.
Vermächtnis eines großen Publizisten
Joachim Fests brillante Essays zeigen die thematische Bandbreite des begnadeten Stilisten: vom Dritten Reich und Problemen der Geschichtsschreibung über das Verhältnis der Intellektuellen zur Politik bis hin zu Literatur und Kunst.
  • Produktdetails
  • Verlag: Rowohlt, Reinbek
  • Originalausgabe
  • Seitenzahl: 368
  • Erscheinungstermin: März 2007
  • Deutsch
  • Abmessung: 224mm x 149mm x 32mm
  • Gewicht: 542g
  • ISBN-13: 9783498021184
  • ISBN-10: 3498021184
  • Artikelnr.: 20927484
Autorenporträt
Fest, Joachim
Joachim Fest (1926 - 2006) war einer der bedeutendsten Autoren und Historiker der Bundesrepublik. Ab 1963 arbeitete er als Chefredakteur des NDR und von 1973 bis 1993 als Herausgeber der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Seine Hitler-Biographie wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Weitere Werke: «Speer» (1999), «Der Untergang» (2002), «Begegnungen» (2004), «Ich nicht» (2006), «Bürgerlichkeit als Lebensform» (2007).
Rezensionen
Besprechung von 09.10.2007
Zauberberg gegen Pflasterstein
Ein Hohelied der Bürgerkultur und des Kulturbürgers – und zwischendurch auch mal eine Fußball-WM: Joachim Fest als Essayist und Laudator, als Leitartikler und Tagesliterat Von Kurt Kister
Publizist” ist keine Berufsbezeichnung, sondern eher ein Titel. Der klassische Publizist ist ein in Ehren ergrauter, soignierter Herr, den man nicht mehr Journalist nennen mag, auch wenn er lange Jahre als Dienstleistungsschreiber, später vielleicht als Tagesliterat tätig war. Er liest den Merkur, weil er angelegentlich für ihn schreibt. Er hat immer noch die FAZ abonniert, obwohl er denkt, dass sogar die FAZ auch nicht mehr das ist, wofür (und weswegen) er sie früher gehalten hat; die Zeit wird er wohl demnächst abbestellen. Aus Pflichtgefühl gegenüber dem Staat im Hegelschen Sinne geht er wählen, obwohl er ennui verspürt über die Politikerkaste.
Der Publizist liest Thomas Mann, er fühlt sich Ernst Jünger im Waldgängertum nahe und er ist im Schreiben manchmal melancholisch, weil er fürchtet, dass die Welt, die ihn gemacht hat, mit ihm untergeht. Er ist ein Egozentriker, wenn auch ein leiser. Ein Optimist kann er kaum sein, weil er an die Vernunft glaubt und stets sehen muss, wie wenig Vernunft sich um ihn herum manifestiert. Das macht ihn nüchtern und relativ leidenschaftsfrei; um Pessimist zu sein, ist er zu sehr Realist. Der Publizist ist ein Kind des 20. Jahrhunderts. Es hat ihn geprägt, verbrannt und reifen lassen. Das 21. Jahrhundert betrachtet er von einem Turm aus, der nicht aus Elfenbein sein muss, dessen Fundamente aber tief in der Vergangenheit, in der Zeit- und Geistesgeschichte ruhen.
Joachim Fest war der Publizist par excellence, geradezu das Idealbild des Publizisten. Sein Leben von 1926 bis 2006 umfasste jene Zeit, in der die Geschichte mit Siebenmeilenstiefeln über Deutschland und Europa hinweg trampelte: Siechtum und Tod des Bürgertums, Aufstieg und Niederschlagung der deutschen braungefärbten Großmannssucht, die Aufteilung der Welt in Ost und West, das Absterben des Kommunismus.
Der Fernseh-Journalist und Zeitungspublizist, der FAZ-Herausgeber und Buchautor Fest war keineswegs mittendrin, er musste nicht in Deckung gehen, Reporter war er nie. Er beobachtete und las, er führte Gespräche – und er schrieb. Er schrieb und schrieb. In Erinnerung wird er den meisten wegen seiner großen, großartigen Hitler-Biographie bleiben – ein Hauptwerk, vielleicht das Hauptwerk der deutschsprachigen erzählenden Geschichtsschreibung im vergangenen Jahrhundert. Mit Albert Speer, Hitlers Architekt und Organisator, ist Fest nach dem Krieg eine seltsame historiographische Symbiose eingegangen. Als Lektor von Speers Erinnerungen und als Autor seiner Biographie hat Fest jenes Bild, das der höchstrangige NS-Überlebende von sich selbst gezeichnet hat, entscheidend beeinflusst. Speer benutzte Fest, und Fest wiederum benutzte Speer.
Fests Leben und Wirken nicht als Geschichtsschreiber und Biograph, sondern als Essayist und Laudator, als Leitartikler und Tagesliterat lässt sich nun in zwei Sammelbänden nachlesen. Der eine, früher in diesem Jahr erschienen, trägt den programmatischen Titel „Bürgerlichkeit als Lebensform”. Der andere, eben herausgekommen, nennt sich „Nach dem Scheitern der Utopien”.
Interessanter, wenn man diesen Vergleich denn vornehmen will, ist der erste Band. Anders als viele Texte im Utopien-Band sind im Bürgerlichkeits-Band die meisten Artikel und Essays weniger an den längst vergangenen Tag gebunden, an dem sie einmal geschrieben wurden. Gewiss, es kann begrenzten Gewinn bringen, auch Leitartikel wieder zu lesen – das erste Fünftel des Utopien-Buches besteht (leider) nur aus Leitartikeln. Aber selbst Leitartikel von Fest, mit das Beste, was es neben so manchem Riesenaufsatz des Journalisten (nicht etwa Publizisten) Friedrich-Karl Fromme früher im politischen Teil der FAZ zu lesen gab, nutzen sich ab, sind meist nur noch zeithistorische Trouvaillen. Zum Beispiel: Fest über die Fußball-WM 1978 macht schmunzeln, weil er für seine Verhältnisse geradezu gegen den damaligen DFB-Präsidenten Neuberger wütet, dies aber im gleichen Tonfall tut, in dem er über „Filbingers Uneinsichtigkeit” oder die Moral der Gegner des ersten Golfkriegs schreibt. Es gibt, dies als Warnung für jeden Verleger und jeden Leitartikler, kaum eine Leitartikel-Sammlung, die das Binden, geschweige denn das Kaufen lohnt. Diese Texte sind am Tag für den nächsten Tag geschrieben, und am übernächsten wartet man auf einen neuen.
Warum es trotzdem so lohnend ist, die kleineren Arbeiten von Fest gesammelt zu haben, zeigen viele Aufsätze im ersten Band und einige auch im zweiten. Herausragend ist der erste Text in der „Bürgerlichkeit”, die Dankesrede, die Fest 1981 in Lübeck hielt, als ihm der Thomas-Mann-Preis verliehen wurde. Der Titel, zum Titel des Buches adaptiert, „Der Irrtum Hannos oder Bürgerlichkeit als geistige Lebensform”, fasst die Welt des Joachim C. Fest bestens zusammen. Er singt dort das Hohelied der Bürgerkultur und des Kulturbürgers, dessen Idealtypus Thomas Mann war. Die Welt Manns wurde zertrümmert von den deutschen Nazis und von den nationalsozialistischen Deutschen.
Ein erheblicher, eigentlich der größte Teil des Werks von Fest beschäftigt sich mit diesem Kulturbruch. Also ist es logisch, dass mehr als die Hälfte der Texte und Aufsätze im „Bürgerlichkeit”-Band dies auch widerspiegeln. Es gibt 20-Seiten-Wunder an erzählerischer Präzision wie „Der Führerbunker”, aber auch eine sensible Annäherung an den konservativen Widerständler Adam von Trott oder eine eindrückliche Porträtskizze von Joseph Goebbels, dem zynischen Humpelfuß, der sich von seinen Mitarbeitern am 21. April 1945 so verabschiedete: „Warum haben Sie mit mir gearbeitet, meine Herren? Jetzt wird Ihnen das Hälschen durchgeschnitten.” Er hat dies im rheinischen Tonfall gesagt, und Fest hat es an der richtigen Stelle seines Porträts aufgeschrieben.
Aber Fest war nicht nur ein grandioser Nach-Erzähler. Er war auch publizistischer Politiker, nein: homo politicus. Er sorgte sich sehr um die überlebenden Reste des Bürgertums, zu denen er sich zählte, auch wenn er dies nie so pejorativ ausgedrückt hätte. Fest führte einen Jahrzehnte währenden Kampf gegen die Verachtung, die Verhöhnung, die Marginalisierung des Bildungsbürgertums. In den Achtundsechzigern, in der deutschen Linken sah er – nein, nicht Feinde, das wäre zu viel der Ehre gewesen, aber immerhin Gegner, jedenfalls in denen, von denen er glaubte, es lohne sich, gegen sie zu argumentieren
Das tat er etwa in dem Aufsatz „Das Dilemma des studentischen Romantizismus”, geschrieben 1968, enthalten im Utopien-Band. Auch hier wendet er sich gleichzeitig gegen jene, die in den zwanziger und dreißiger Jahren die alte Ordnung zerstörten und gegen jene, die Fests Meinung nach in der jungen Bundesrepublik die neue Ordnung gefährdeten: „Was die junge Generation aus der Geschichte nicht lernen will, hat die ältere weder aus Betrachtung noch aus Beteiligung gelernt: dass man einen Staat durch das fehlende Verständnis seiner Grundlagen verhunzen und schließlich zugrunde richten kann.” Das war Joachim Fest sicher auch: ein Mann, der sich um die Grundlagen des Staates bekümmerte. Bürgerlichkeit definiert sich auch in der Abgrenzung von dem, was nicht bürgerlich ist, und zur Bildungsbürgerlichkeit gehört unabdingbar der Elite-Gedanke. Die Waffe der Avantgarde der Linken war der Pflasterstein, die Elite der Bürgerlichen hielt dem den „Zauberberg” dagegen. Dies kommt nirgendwo deutlicher zum Ausdruck als im Titel von Fests Autobiographie, deren Erscheinen er gerade noch erlebte, bevor er im September 2006 starb. Seine Lebenserzählung heißt: „Ich nicht”. So wollte er sich sehen, als einen, der nie mitgemacht hat, nicht mit den Nazis, nicht mit den Parteipolitikern, nicht mit den politisch Korrekten.
Die beiden Essay-Bände von Joachim Fest sind Kompendium eines Denkens, aber auch eines Lebensgefühls, in dem es nicht um Ausgrenzung anderer geht, wohl aber darum, sich mit den Vielen nicht gemein zu machen. Fest, der deutsche Publizist, war ein hochgebildeter Mann, dem Romantik jeder Art suspekt war. Und doch war auch er ein wenig Romantiker, denn in Wirklichkeit ist auch seine Lebensform Bürgerlichkeit heute zu einer nostalgischen Utopie geworden.
Joachim Fest
Bürgerlichkeit als Lebensform
Späte Essays. 368 Seiten.
Nach dem Scheitern
der Utopien
Gesammelte Essays zu Politik und Geschichte. 448 Seiten.
Beide Bände im Rowohlt Verlag, Reinbek 2007. Jeweils 19,90 Euro.
Es war ein Lebensgefühl, dem es darum ging, sich mit den Vielen nicht gemein zu machen
Joachim Fest, der FAZ-Herausgeber, dessen Leben von 1926 bis 2006 reichte, war der Publizist par excellence; er war ein hochgebildeter Erzähler und ein homo politicus. Jetzt werden seine kleineren Schriften gesammelt herausgegeben. Foto: Regina Schmeken
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Besprechung von 23.03.2007
Spurlos verschwunden
Tacitus im Führerbunker: Letzte Reden, Aufsätze und Bildbetrachtungen von Joachim Fest

Am 7. Mai 1982 nahm Joachim Fest in Gegenwart von Golo Mann den Thomas-Mann-Preis der Stadt Lübeck entgegen. Seine Dankrede "Der Irrtum Hannos oder Bürgerlichkeit als geistige Lebensform" eröffnet das Buch aus nachgelassenen Vorträgen und Aufsätzen, das jetzt im Rowohlt Verlag erschienen ist, den sein Sohn Alexander Fest leitet. Der Preisträger begann seine Betrachtungen über den bürgerlichen Charakter mit einem Bekenntnis zu Thomas Mann, einem Lebenslektürebericht. Manns Werk war für Fest "ein Bilderzug von Szenen und Figuren, die man nie mehr vergaß", und schlägt man die beispielshalber genannten Szenen nach, sieht man, dass sie aneinandergereiht eine Variante jenes Zuges ergeben, dessen Bildersprache der letzte Essay des Bandes interpretiert, ursprünglich Beigabe zu einem Zyklus von Zeichnungen Horst Janssens: einen Totentanz.

Der Redner skizzierte, wie sich die deutschen Bürger mit Hitler, ihrem Todfeind, eingelassen hatten, und las dem makabren Ballett dann in einer kühnen Volte Tröstliches ab: Nicht einmal "der große Ruinierer, der sich die Zerstörung der bürgerlichen Welt ausdrücklich zum Ziel gesetzt hat, ist mit diesem Vorhaben erfolgreich gewesen". War die Sympathie mit dem Tod eine List der Vitalität? Fest beschwor die bürgerliche "Form der Selbstbehauptung, aus Untergängen Überlebenskräfte zu gewinnen und sich am eigenen Grabe Gesundheit zu besorgen", und sagte den in der Lübecker Stadtbibliothek versammelten Bürgern zum guten Schluss die Renaissance ihres Standes voraus.

Die Annahme, es komme nichts mehr, war Hannos Irrtum. Gleichgültig indes, was kommen sollte, es blieb das eingangs Gesagte gültig: "Mit den ,Buddenbrooks' lebte man wie im Zuhause, nie wieder hat ein Werk der Literatur mir und, wie ich weiß, vielen meiner Herkunft so verblüffende Erfahrungen des Wiedererkennens im ganz Anderen verschafft." Wie den Lübeckern, die sich im Roman porträtiert fanden, sei es seinesgleichen ergangen. "Es war alles Verwandtschaft."

Am 5. Dezember 1925, ein Jahr vor Joachim Fests Geburt, hatte ein anderer Lübeck-Besucher Ähnliches notiert. "Ich denke immer an die Buddenbrooks. Ich denke immer an Thomas Mann." Fest zitierte diese Tagebucheintragung von Joseph Goebbels 1995 in einem Vortrag im Institut für Zeitgeschichte aus Anlass der Publikation der Gesamtausgabe der Tagebücher.

Das Element der Gewalt

Die Lübecker Rede bestimmt die bürgerliche Lebensform mit Georg Lukács als den "Primat der Ethik". Der Münchner Vortrag beschreibt das Leben von Goebbels im Spiegel der täglichen Selbstauskünfte als Verfehlen dieser Form. Mit "einer bemerkenswerten, niemals nachlassenden Ausdauer hat Goebbels sich Tag für Tag, mitunter sichtlich stundenlang, dieser Pflicht unterworfen", aber das Exerzitium der Selbstprüfung verwandelte sich aus einem Medium der Skepsis in ein Instrument der Zerstreuung und Abtötung der Bedenken und Skrupel. Es ging mit der Zeit "weniger um Rechenschaften als um die Verfertigung des Bildes, das er und die ,Idee', der er mitsamt ihrem Führer diente, einst vor der Geschichte abgeben würden". Nach der Einsicht in die Unabwendbarkeit der Niederlage blieb diese Bildproduktion sein Lebensinhalt, und jene gespenstische Verwechslung von selbstgemachter Idee und Realität des Lebens, in der Fest ein deutsches Grundübel hat sehen wollen, hat ihren perfekten Ausdruck darin, dass seine letzte Sorge der "Sicherstellung der Tagebücher" galt.

Ins Auge fällt "die formale Achtlosigkeit der Texte", die aber nicht etwa die Unfähigkeit des Autors zur Form beweist, sondern das Ausmaß seines fehlgeleiteten formalen Ehrgeizes sichtbar macht: "Mitunter ahnt der Leser etwas von dem ungeheuren Stilisierungsdruck, dem sich Goebbels in allen veröffentlichten Äußerungen unterworfen hat." Wenn "in der Unterwürfigkeit" gegenüber Hitler "immer das Element der Gewalt spürbar" ist, "die er sich dabei antun mußte", so ist dieses Gewaltsame der Selbstdisziplinierung Mimikry der bürgerlichen Moral. Fest deutet das schriftliche Selbstgespräch des Erzdemagogen als Versuch der Selbstnarkotisierung, als Experiment nach allen Regeln der seelenmedizinischen Kunst: "Nicht selten stellt sich auch der Eindruck ein, er bemühe sich, die Dinge so zu sehen, wie sie gesehen werden sollten, und erprobe an sich selber die Betäubungswirkungen der eigenen Propaganda."

Sollte das Studium dieser ganz anderen publizistischen Existenz Fest eine Erfahrung des Wiedererkennens verschafft haben? Wenn alles Verwandtschaft war unter den Lesern Thomas Manns, könnte der Vortrag dann den Titel "Bruder Goebbels" tragen? Fest sieht von aller ausdrücklichen Bezeichnung der bürgerlichen Züge des pathologischen Falles ab. Seine Lebensmaxime, dass das Moralische sich von selbst verstehe, hat Folgen für die Darstellungsweise des Historikers. Nichts hätte Fest ferner liegen können, als einen Aufruf zur bürgerlichen Selbstkritik mit der Beobachtung zu begründen, dass auch Goebbels sich dazu zwingen musste, jeden Abend Zeit für das Tagebuch zu schaffen. Wenn aber Fests Ausführungen zum bürgerlichen Ethos gewöhnlich das Appellative fehlt, wird man diese Diskretion auch darauf zurückführen, dass unter den Feinden seiner Lebensform, die sein Vater ihn zu erkennen gelehrt hatte, Doppel- und Wiedergänger der Bürger gewesen waren.

Im Text findet die Idee keinen Halt, dass Fest versucht gewesen sein könnte, sich in Goebbels einzufühlen. Dem Zwangscharakter, der die Unmündigkeit selbst verschuldet hat, ist eine objektive Psychologie gemäß, die gleichsam logische Zusammenhänge aufweist. Wie "in einer letzten Demonstration seines Grundsatzes, wonach der Propagandist sich niemals widersprechen dürfe", suchte Goebbels an der Seite Hitlers den Tod im Bunker. Bestechend ist, was Fest der an Notizen von 1942 und 1943 geknüpften Vermutung entgegensetzt, Goebbels habe versucht, Hitler vom Entschluss zum Judenmord abzubringen: "Weit glaubwürdiger mutet an, er habe das Thema in seinen Unterredungen mit Hitler zur Sprache gebracht, um die eigenen Zweifel auszuräumen."

Wo Fachhistoriker sich verpflichtet fühlen, wahrscheinlich durch Artikel 1 des Grundgesetzes, jedermann die Ineffabilität des Individuums zuzugestehen, da scheut Fest sich nicht, einen "Generalschlüssel zum Charakter von Goebbels" zu präsentieren, das "Kompensationsbedürfnis" des Klumpfüßlers. In einer spekulativen Variante begegnet ein Ausgleichsgesetz der psychischen Ökonomie in Fests Aufsatz über die Kontinuität antiwestlichen Denkens bei Thomas Mann: Das "Ressentiment" haben vielleicht "Affektentladungen" am Leben gehalten, "die das strenge Regelwerk seines asketischen Tagesablaufs als Kompensation verlangte". Dass Fest über beide Tagebuchverfasser in derselben Nüchternheit handelt, weist ihn als Geschichtschreiber ohne Zorn und Eifer aus. Bei Goebbels wird ein bedingungsloser "Anpassungswille" diagnostiziert, bei Mann ein mutmaßlich bedingtes "Anpassungsbedürfnis". Die Chance zu dessen Befriedigung bot die Brieffreundin Agnes Meyer, "die herrische Frau".

In einer Rede zum achtzigsten Geburtstag von Karl Dietrich Bracher im Jahr 2002 nannte Fest unter den Prägungen, die er mit dem vier Jahre älteren Verfasser der "Auflösung der Weimarer Republik" teilte, "den unendlich stimulierenden Reiz" der antiken Welt. Brachers Dissertation über "Verfall und Fortschritt im Denken der frühen römischen Kaiserzeit" las Fest als Programmschrift ihrer allen Programmen misstrauenden Generation: Roms Niedergang werde "auf die wachsende Verdrängung der Wirklichkeit durch ideologische Vermeintlichkeiten zurückgeführt". Ein intellektuelles Karthago musste die Bonner Republik nach Fests Überzeugung zerstören: "erdachte Systeme" und "zergrübelte Theorien". Sogar ein Toast auf den Fernsehregisseur Jürgen Roland steht unter diesem Leitgedanken der Festschen Essayistik: Wie es seiner "aufklärerischen Neigung" entsprach, blieb der gelernte Journalist auch als Kriminalfilmemacher "bei der Wirklichkeit", indes im Schaffen seiner progressiven Kollegen die "Ideologien" über den "Augenschein" triumphierten.

Das Wesen der Historie

Die von Fest proklamierte Allgewalt dieses erkenntnistheoretischen Realismus kennt eine Ausnahme - ausgerechnet die historische Methode. Als er für sein Buch über den 20. Juli mit der Wilhelm-Leuschner-Medaille des Landes Hessen ausgezeichnet wurde, bedankte er sich mit Bemerkungen über die Aufgaben des Geschichtschreibers, die auf einen Konstruktivismus, ja Kreationismus hinauslaufen: Die "gewaltigen Stoffhaufen, denen sich der Historiker gegenübersieht, haben von sich aus weder Farbe noch Gewicht", sind "nur rohe tohuwabohische Masse". Weder Farbe noch Gewicht: auf alle historischen Erscheinungen hat Fest die eigentümliche Eigenschaftslosigkeit jenes Phänomens übertragen, mit dem sein Autorenname verbunden bleiben wird. Immer wieder hat er die "Nichtigkeit" Hitlers beschworen. So liegt hinter seiner Wiedergewinnung der antiken Gewissheit vom "unveräußerlich literarischen Wesen aller Geschichtsschreibung" die Verallgemeinerung jener Erfahrung der Sinnlosigkeit der Geschichte, die er in der Jugend gemacht hatte.

Womöglich das Beste, was Fest geschrieben hat, ist der Aufsatz über den Führerbunker in den "Deutschen Erinnerungsorten". Hier trifft sein Taciteisches, sein Stil äußerster Lakonie, den vollkommen angemessenen Gegenstand. Der Ortsbegriff im Titel des Sammelwerkes, das ein französisches Vorbild nachahmt, ist rhetorisch gemeint. Auch Orte auf der Landkarte werden als Topoi nach Art von D-Mark und Bundesliga erörtert. Fest schildert den Flecken, der alle spielerischen Sinnzuschreibungen erübrigt. Die knappste Geste genügt ihm, um das Auge des Lesers auf den grotesken Umstand zu lenken, dass sich am Ort des jämmerlichen Todes von Hitler und Goebbels ihre historische Vision erfüllt hat und alles dem Erdboden gleichgemacht ist. "Wer ihr Denkmal suchte, mußte in der Tat nur um sich sehen." Der Grabspruch eines großen Baumeisters ist das letzte Wort über den großen Ruinierer.

1970 wurden die Überreste der Bunkerbewohner von den Russen verbrannt. Die konspirative Aktion firmierte als "Operation Archiv". Was müsste avantgardistischer Kulturgeschichte zu diesem Decknamen einfallen! Fest lässt ihn für sich sprechen. "Nach dem Ort der Erinnerung waren damit auch die letzten seiner Insassen beseitigt. Vielleicht hat es damit zu tun, daß sie bis heute gegenwärtiger sind als jeder andere Schauplatz und Akteur der Geschichte." Fest hat gerne den Vers des Lukan zitiert über die besiegte Sache, die dem Cato gefallen hat. Lukan führt in seinem Epos über den Bürgerkrieg Klage darüber, dass die Begräbnisstätte des Pompeius in der afrikanischen Wüste an einer Inschrift zu erkennen sei. Er malt sich den Tag aus, da Asche und Sand sich vermischt haben werden: Dann wird die Welt das Grab des großen Pompeius sein. Fest kehrt dieses Motiv um und erlaubt sich eine humane Spekulation: Nicht alles auf der Welt müsste an Hitler erinnern, wenn er beerdigt worden wäre wie jeder andere Mensch.

PATRICK BAHNERS

Joachim Fest: "Bürgerlichkeit als Lebensform". Späte Essays. Rowohlt Verlag, Reinbek 2007. 368 S., geb., 19,90 Euro.

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Kenntnisreich nähert sich Patrick Bahners dem Autor und seinem Buch. Ausführlich schreibt er über Joachim Fests Beschäftigung mit dem Ethos der Bürgerlichkeit und ihrer Fährnisse: Goebbels und Thomas Mann, wie Fest sie sah. Als so angenehm wie angezeigt erscheinen Bahners die Lakonie und die Zurückhaltung, mit der Fest sein Thema behandelt, dass den Texten das "Appellative" fehlt und der Zorn. Eine Nüchternheit, die Bahners sich wünscht, wenn er den von Fest für sich in Anspruch genommenen Kreationismus als historische Methode auch nicht nachvollziehen kann.

© Perlentaucher Medien GmbH
Die Essays, die Joachim Fest seit Jahrzehnten publizierte, sind meisterhaft in jedem Betracht. Süddeutsche Zeitung