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"Als eine der meist unterschätzten Schriftstellerinnen des zwanzigsten Jahrhunderts schreibt Elizabeth Taylor mit einer wunderbaren Präzision und Anmut. Ihre Welt ist absolut faszinierend." Antonia Fraser Es herrscht das sechste Jahr des Krieges im englischen Hafenstädtchen Newby. Die Zeit vergeht ereignislos. Jeder kümmert sich um seinen Nächsten, nichts geschieht unbemerkt, auch wenn die Wahrung des schönen Scheines allen zur zweiten Natur geworden ist.Die schöne Tory hat heimlich ein Verhältnis mit ihrem Nachbarn Robert, unbemerkt von seiner Frau Beth, ihrer besten Freundin, die über dem…mehr

Produktbeschreibung
"Als eine der meist unterschätzten Schriftstellerinnen des zwanzigsten Jahrhunderts schreibt Elizabeth Taylor mit einer wunderbaren Präzision und Anmut. Ihre Welt ist absolut faszinierend." Antonia Fraser
Es herrscht das sechste Jahr des Krieges im englischen Hafenstädtchen Newby. Die Zeit vergeht ereignislos. Jeder kümmert sich um seinen Nächsten, nichts geschieht unbemerkt, auch wenn die Wahrung des schönen Scheines allen zur zweiten Natur geworden ist.Die schöne Tory hat heimlich ein Verhältnis mit ihrem Nachbarn Robert, unbemerkt von seiner Frau Beth, ihrer besten Freundin, die über dem Verfassen ihrer Romane die Umwelt nicht wahrnimmt. Ihre Tochter Prudence ist entsetzt über den Verrat, der vor ihren Augen geschieht. Die alte Mrs Bracey starrt, an den Stuhl gefesselt, unentwegt aus dem Fenster auf den Hafen und hält einen Tratsch mit allen, die vorbeikommen.

"Elizabeth Taylor, nein, nicht die, sondern eine 1912 geborene, 1975 gestorbene englische Schriftstellerin, hat mit Blick auf den Hafen 1947 das großartige Porträt einer kleinen englischen Hafenstadt geschrieben, so liebevoll wie gnadenlos. Alle suchen das Glück, alle sind sich dabei im Wege, beargwöhnen einander, und wenn dann das Ersehnte eintritt, ist es immer genau fünf Minuten zu spät ... Ein leises, großes Buch!" Elke Heidenreich, Die Welt

"Elizabeth Taylor ist eine Meisterin dessen, was die Briten anerkennend 'light touch' nennen - in der funkelnden Ironie ebenso wie angesichts der letzten Dinge ... Virtuos ist diese Arbeit am Detail, die immer wieder scheinbar achtlos hingeworfene Leckerbissen beschert." Angela Schader, Neue Zürcher Zeitung
  • Produktdetails
  • Verlag: Dörlemann
  • 1., Aufl.
  • Seitenzahl: 384
  • 2011
  • Ausstattung/Bilder: 384 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 195mm
  • Gewicht: 480g
  • ISBN-13: 9783908777663
  • ISBN-10: 3908777666
  • Best.Nr.: 33347285
Autorenporträt
Elizabeth Taylor, geboren am 3. Juli 1912 in Reading, Berkshire, arbeitete zunächst als Hauslehrerin und Bibliothekarin. 1936 heiratete sie John Michael Taylor und lebte mit ihm in Penn, Buckinghamshire. Elizabeth Taylor war für kurze Zeit Mitglied der KP, danach Anhängerin der Labour Party. Taylors erster Roman, At Mrs Lippincotes, erschien 1945. Elf weitere Romane, ein Kinderbuch und Kurzgeschichten folgten. Taylor befasst sich in ihren Werken vorwiegend mit den Facetten des Alltagslebens. 2007 verfilmte der französische Regisseur François Ozon den Roman The Real Life of Angel Deverell. Elizabeth Taylor starb am 19. November 1975 in Penn, Buckinghamshire.
Rezensionen
Besprechung von 10.10.2011
Der Seebär und die verzweifelten Hausfrauen

Die andere Elizabeth Taylor wirft einen "Blick auf den Hafen", sieht Verrat und Zügellosigkeit und schenkt Trost mit einem großartigen, traurig-schönen Roman.

Ihr Name war ein Fluch: Elizabeth Taylor, "eine der meistunterschätzten Schriftstellerinnen des zwanzigsten Jahrhunderts" (Antonia Fraser), war, mit ihrer Biografin Nicola Beauman zu reden, immer nur "The other Elizabeth Taylor". Dabei stand sie nicht einmal ungern im Schatten der Anderen. Zurückgezogen auf dem Land lebend, legte Taylor nicht nur in ihrem Werk Wert auf noble Diskretion. Publicity und biographische Schnüffelei waren ihr verhasst; noch kurz vor ihrem Tod verbrannte sie alle Briefe.

Elizabeth Taylor beschrieb in ihren Kurzgeschichten und Romanen den häuslichen Alltag der Frauen aus der Mittel- und Oberschicht, die unterdrückten Leidenschaften und verschwiegenen Laster, die unter der makellosen Oberfläche von Anstand, Scham und vornehmer Langeweile gären. Als Gouvernante und Bibliothekarin (und Mitglied der Kommunistischen Partei) hatte sie die Bitterkeit des Lebens ausgekostet, ehe sie 1936 einen Süßwarenfabrikanten heiratete. Dass die andere Elizabeth Taylor auch anders konnte, verraten ihre präzisen, einfühlsamen Porträts von Dienstboten, trotzigen Kindern und aus der Rolle fallenden Ladys, ihre undamenhafte Freude an kleinen vulgären Fauxpas und präfeministischen Bosheiten.

Englische Kritiker verglichen sie oft mit Jane Austen oder Charlotte Brontë, aber näher stand sie wohl doch modernen Autoren wie Tschechow oder den Frauen des Bloomsbury-Kreises. Taylors Heldinnen sind oft Schriftstellerinnen, zerrissen zwischen Selbstzweifeln und Alltagskram, weiblicher Demut und Allmachtsfantasien; in ihrem (von François Ozon verfilmten) Roman "The Real Life of Angel Deverell" etwa verwechselt eine hybride Erfolgsautorin Leben und Schreiben. Anders als der Roman, schrieb Taylor einmal, hat die Wirklichkeit kein Muster. Das Leben ist zu kurz, unberechenbar und unordentlich, als dass die Kunst seine gefährliche Schönheit je einholen könnte.

Das gilt auch für "A View of the Harbour" (1947), dem von der Jonathan-Franzen-Übersetzerin Barbara Abarbanell behutsam entstaubten Roman, mit dem der kleine Dörlemann-Verlag Taylor jetzt erstmals dem deutschen Publikum vorstellt. In Newby, einer schäbigen Hafenstadt, die im Krieg mit ihren Vergnügungspavillons und Seemannsmissionen auch ihre Lebensfreude und ihren Glauben verloren hat, vergisst die schriftstellernde Frau eines Arztes über ihren Romanen die Welt draußen und ihre Pflichten im Haus. Die gütige, unbeholfene Beth weiß alles über die Herzensnöte ihrer Heldin Allegra, aber als Hausfrau und Mutter ist sie eine Versagerin und als Ehefrau blind: Die schöne, kapriziöse Tory, ihre beste Freundin, hat hinter ihrem Rücken eine Affäre mit ihrem Mann. Beths pubertierende Tochter weiß alles und verachtet das Süßholzgeraspel der Liebe, bevor sie es kennengelernt hat.

Taylors "Blick auf den Hafen" zerlegt die kleine, graue Stadt am Meer in ein perspektivisch gebrochenes, fast kubistisches Farben-Prisma. So wie der Lichtstrahl des Leuchtturms nachts über die Häuser streicht, bleibt der allwissenden Erzählerin nichts verborgen. Hinter den Gardinen, auf der Straße, im Dunkel der Seelen: üÜberall sieht sie Einsamkeit und Trauer, Angst und stille Wut, verzweifelte Liebe und ohnmächtige Resignation.

Mrs. Bracey etwa, die bettlägrige, aber ungemein vitale Klatschtante, hat mit ihrer Bigotterie das Leben ihrer beiden Töchter vergiftet: Die eine opfert ihre erste Liebe, die andere klammert sich an die Illusionen von Filmen und Frauenillustrierten. Lily Wilson fürchtet sich nachts vor den gespenstischen Schemen ihres Wachsfigurenkabinetts und fast noch mehr vor ihrer Zukunft als alte Jungfer. Im Pub wartet sie auf den Fremden, der sie aus ihrer Misere herausholt, aber als dann ein französischer Seemann kommt, drehen beide erschrocken ab. Bertram, der pensionierte Seeoffizier und Hobbymaler, ist der Außenseiter, der mit seiner ungekünstelten Neugier, Ritterlichkeit und Herzlichkeit Leben in die toten Seelen bringt. Aber auch der welterfahrene Seebär kann die Frauen von Newby nicht erlösen. Am Ende wird ausgerechnet die frivole, extravagante Tory sein geduldiges Werben erhören, wenn auch nur, um Beth nicht länger betrügen zu müssen.

Dabei ist deren Ahnungslosigkeit eine Gnade. Beim Schreiben ist Beth tapfer, stolz und manchmal sogar glücklich, während alle anderen desillusioniert, verbittert und gebrochen im wahren Leben zurückbleiben. "Schriftsteller sind völlig verdorben", wirft Tory ihrer Freundin einmal vor: Alles, was sie erleben, benutzen sie als Material, bis sie nur noch Maschinen sind, funktionierend, aber unmenschlich kalt. Beth kennt ihre Defekte, aber sie kann nicht anders: "In mir spukt es. Ich bin voller Gespenster. Aber ich selber bin gar nichts - nur ein leeres Haus." Für die Männer ist Schreiben Arbeit, für Frauen wie sie Krankheit und Heilung, Lust und Notwendigkeit, der Blick in verbotene und verborgene Welten. Die verzweifelte Hausfrau wird nur zur Frauenrechtlerin, wenn ihr Kater die Katze demütigt, aber sie durchschaut das Katz-und-Maus-Spiel der Männer: "Sie pflanzen uns Instinkte ein, züchten sie in uns hoch, weil es für sie von Vorteil ist, und am Ende schämen wir uns, wenn wir sie nicht besitzen."

So fliegt Taylor in kühlen Short Cuts wie ein Schmetterling von einer Figur zur andern und saugt aus puritanischer Prüderie, trübem Brackwasser und den Stacheldrahtruinen der Nachkriegszeit den Honig ihrer elegisch-eleganten Prosa. Anders als Mrs. Bracey, die beim Blick aus ihrem Ausguck nur Sünde und Schuld, Verfall und Elend sieht, entdeckt die unerbittliche, scharfsichtige und doch auch mitfühlende Beobachterin draußen im Meer vor allem um ihr Leben ringende Ertrinkende: "Schuld sah sie, Verrat, Täuschung und Zügellosigkeit. Was sie nicht sah, Gott hingegen wahrscheinlich schon, waren die Scham und das Entsetzen, die Unausweichlichkeit, mit der es sie zueinandertrieb und für die sie teuer bezahlten, auch die Gefahr nicht, der sie jetzt, im mittleren Alter, so wehrlos ausgeliefert waren, keineswegs in einem sicheren Hafen, sondern aufs offene Meer geworfen, ohne den Mut der Jugend, der sie hätte über Wasser hätte halten können, ohne Romantik, ohne Freude."

Freude oder gar Glück sind in Newby, wo nicht einmal das Vergnügen Spaß macht, nicht vorgesehen: Die Lüge ist tröstlicher als jede Wahrheit, der Tod barmherziger als scheue Zärtlichkeit. Immerhin bietet dieser traurigschöne Roman den Trost großer Literatur: Wie Taylor mit melancholischer Ironie und sanftem weiblichen Humor, in kunstvoll beiläufigen Dialogen und inneren Monologen einsame Herzen zum Sprechen, Mauerblümchen zum Blühen und ein ungemütliches Kaff zum Leuchten bringt, hebt ihren unsentimentalen "Blick auf den Hafen" weit über Beths Frauenromane und Bertrams redliches Geklecksel ohne Licht und Brennpunkt hinaus. Ganz zu schweigen von den Melodramen der anderen Elizabeth Taylor.

MARTIN HALTER

Elizabeth Taylor: "Blick auf den Hafen".

Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell. Dörlemann Verlag, Zürich 2011, 382 S., geb., 23,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Ins Schwärmen gerät Rezensent Martin Halter über Elizabeth Taylors Roman "Blick auf den Hafen" von 1947, der von Barbara Abarbanell zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt wurde. Halter stellt uns die britische Autorin als eine Schriftstellerin vor, die bisher völlig zu unrecht kein deutsches Publikum gefunden hat, denn wie kaum eine andere konnte Taylor aus dem bitteren Alltag britischer Hausfrauen, Dienstboten und Schriftstellerinnen eine "elegisch-elegante Prosa" saugen. So auch in diesem Roman, der von sehr verschiedenen Menschen in der kleinen englischen Hafenstadt Newby erzählt, von ihrer Einsamkeit und Trauer, Bigotterie und Prüderie, Verzweiflung und unglücklichen Liebe. "Traurigschön" findet Halter das und preist Taylors "melancholische Ironie", ihren warmen Humor und die Kunstfertigkeit, mit der sie einsame Herzen zum Sprechen und dieses "ungemütliche Kaff zum Leuchten" bringt.

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