Bittere Wahrheiten - Lodge, David
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Produktdetails
  • Verlag: Haffmans
  • Seitenzahl: 143
  • Abmessung: 195mm
  • Gewicht: 215g
  • ISBN-13: 9783251004652
  • ISBN-10: 3251004654
  • Artikelnr.: 24085781
Rezensionen
Besprechung von 08.07.2000
Kunst und Leben
In David Lodges neuer Novelle
verwischen die Grenzen
Immer wieder gern zitiert wird Oscar Wildes Aperçu, das Leben ahme die Kunst nach, nicht die Kunst das Leben. David Lodge hat diesen hintergründigen Leitgedanken des Ästhetizismus wieder aufgegriffen und der Postmoderne angepasst: In seinen Romanen Saubere Arbeit (1992), Therapie (1995) oder Small World (1996) etwa geraten die Helden öfters in Situationen, die jenen kitschigen Sitcomserien und Comedyshows entnommen sein könnten, für deren Ablauf sie als Drehbuchschreiber verantwortlich sind.
In Lodges neuer Novelle Bittere Wahrheiten ist das nicht anders: Hier wird der erfolgreiche Fernsehautor Samuel Sharp von der prominenten Klatschreporterin Fanny Tarrant in einer Reportage als eitler Hanswurst bloßgestellt, wie er ihn für seine eigenen Seifenopern kaum besser hätte erfinden können. Gemeinsam mit seinem Jugendfreund, dem Schriftsteller Adrian Ludlow, beschließt der rachsüchtige Sharp nun seinerseits, der scharfzüngigen Tarrant in einem fingierten Interview-Angebot „wunde Punkte” und geheime Laster zu entlocken. Im Zuge der Intrige aber wird lediglich das „Gewebe aus Lügen und Unterstellungen” im Dasein aller Beteiligten offenbar. Am Ende löst die Zeitungsnachricht vom Tod Lady Dianas auf der Flucht vor den Paparazzi als medialer Deux ex machina den dramatischen Knoten und lässt die Konflikte der Figuren belanglos werden. „Es ist unglaublich poetisch”, heißt es mit deutlichem Verweis auf Wilde im Buch: „Wie eine griechische Tragödie. Man erwartet vom Leben nicht, dass es die Kunst so nahtlos imitiert. ”
Hin und wieder aber ahmt auch die Kunst sich selber nach. Und so sind die Bitteren Wahrheiten eigentlich fast eine Kopie von Lodges ohnehin als Lesedrama konzipiertem Theaterstück Wunde Punkte von 1998 – bietet die Novelle über weite Strecken doch eine teils wortwörtliche Übertragung der (allerdings witzigen) Wortgefechte der Bühnenversion und übersetzt die Regieanweisungen lediglich vom Präsens ins Präteritum. So und so bietet Lodge ein überaus lesbares Kammerspiel über die Lebenslügen einer in artifizielle Rollen- und Literatenspiele verstrickten englischen Intellektuellenschicht.
THOMAS KÖSTER
DAVID LODGE: Bittere Wahrheiten. Eine Novelle. Aus dem Englischen von Bernd Eilert. Haffmans Verlag, Zürich 2000. 144 Seiten, 29 Mark.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Besprechung von 13.06.2000
Umwerfend kurz
Eine Novelle von David Lodge

David Lodge unterrichtet seit 1976 englische Literatur an der Universität von Birmingham. Der Dozent entspricht exakt jenem Typus des angelsächsischen homme de lettres, den Dietrich Schwanitz mit so viel Erfolg nach Hamburg importierte. Lodge arbeitet als Professor, Kritiker und Autor, er ist Mitglied der Booker-Jury und ein gefragter Redner auf akademischen Konferenzen. Mit seinem Freund und Altersgenossen Malcolm Bradbury brachte Lodge in den siebziger Jahren mit großem Erfolg den Campusroman in Umlauf, und neuerdings betätigt er sich als Dramatiker. Sein erstes Bühnenstück hatte ein Wochenendseminar in kreativem Schreiben zum Gegenstand, dem folgte "Home Truths", ein komisches Duell zwischen Autor und der Journalistin in vier Akten. Auf vielfachen Wunsch der Öffentlichkeit, dies gibt Lodge in einem Nachwort zu verstehen, habe er die Komödie nun zur "Novelle" umgeschrieben. Die wundersame Vermehrung der Genres setzt sich fort: Hörsaal und Flughafen, Campus und Roman, Drama und Novelle, alles ist gleich, gut und notwendig.

Auch die "Home Truths" - auf Deutsch (Novellenfassung) heißen sie "Bittere Wahrheiten" - bedienen sich der Mechanismen des Campusromans. Es treten auf: Sam Sharp, ein erfolgreicher Drehbuchautor und Freund von Adrian Ludlow, einem ehemals erfolgreichen, nun aber an der Schwelle zum Vergessen stehenden Autor. Zwischen den Männern agiert ihre Jugendliebe Eleanor, die den Versager Adrian geheiratet hat, ferner die bissige, attraktive Kritikerin Fanny Tarrant. Fanny zerfetzt Sam in einem Artikel, woraufhin Adrian zum Schein ein Interview mit Fanny akzeptiert, mit dem Ziel, kompromittierende Fakten über die Journalistin an den Tag zu bringen. Also starring: Lady Di und Dodi, erst als Zeitungsobjekte, dann als Traumpaar, deren Tod eine stattliche Katharsis bei den anwesenden Medienpersönlichkeiten auslöst.

Die Dialoge (Theaterstück) sind flott, die Figuren bleiben ohne Abgründe, das Ende ist rührselig. Die folgende "Novelle" ist weder neu noch unerhört, nur kurz. Lodge hat die Bühnenkonversation um deskriptive Passagen ergänzt, die an Prägnanz wenig zu wünschen übrig lassen: "Adrian staunte", "Sam musterte ihn misstrauisch" oder: "Etwa zwei Wochen später, sehr früh am Morgen . . .". Ungeschicklichkeiten des Übersetzers und Schludereien bei der Korrektur - eine Nebenfigur schreibt sich einmal Creighton, ein andermal Cleighton - tun dem Text nichts Gutes. Warum nur, fragt man sich, leistet Lodge der kritisierten Kritikerkaste so viel Vorschub? Sagt Fanny: "Es gibt heute so viel Überheblichkeit. Die Leute verwechseln Erfolg mit echtem Verdienst."

TANYA LIESKE

David Lodge: "Bittere Wahrheiten". Eine Novelle. Aus dem Englischen übersetzt von Bernd Eilert. Haffmanns Verlag, Zürich 2000. 145 S. geb. 29,- DM.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Ein Theaterstück und ein zur Novelle umgeschriebenes Theaterstück des englischen Erfolgsautors David Lodge, das die Mechanismen des Campusromans bedient: ein Genre wird erfolgreich vermarktet, dies allerdings mit literarisch kaum ausreichender Berechtigung, meint Tanya Lieske. Im übrigen entspreche Lodge genau dem Typus des englischen homme de lettres, den sein deutscher Kollege Dietrich Schwanitz so gerne nach Deutschland importieren würde. Doch zurück zum Theaterstück: guter Plot, nette Dialoge, aber ohne Biss. Zur Novelle: bereichert um ein paar Orts- und Zeitangaben, kaum mehr. Zur Übersetzung: birgt einige Ungeschicktheiten. Zum Lektorat: schlampig. Zum Buch insgesamt zitiert die Rezensentin abschließend eine der weiblichen Hauptfiguren, eine Kritikerin: `Es gibt heute so viel Überheblichkeit. Die Leute verwechseln Erfolg mit echtem Verdienst.` Dieses Urteil scheint unserer Kritikerin aus dem Herzen gesprochen.

© Perlentaucher Medien GmbH