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Rezensionen
Besprechung von 11.09.2003
Die Matrix des Entsetzens

Die Art, in der Wim Wenders die Welt fotografiert, vermittelt bisweilen den Eindruck, die Motive würden zum ersten Mal gezeigt - aus einer seltsam unentschiedenen, fast emotionslosen Distanz und zugleich mit einer frischen, nie restlos zu befriedigenden Neugierde auf Formen, Farben, Zusammenhänge. Wie sich ein Archäologe mit der Lupe über Hieroglyphen beugt, so tastet Wenders mit seinem Fotoapparat Spuren an den Fassaden alter Häuser ab, betrachtet Reklameschilder oder schaut auf den Lack schrottreifer Wagen. Und ebenso blickt er mit der extremen Weitsicht einer Panoramakamera über den leeren, öden Raum amerikanischer und australischer Landschaften, in denen nicht der Mensch, sondern die Zeit ihre Spuren eingegraben hat - und manchmal ein Meteor. "Bilder von der Oberfläche der Erde" heißt sein Fotoband aus dem Jahr 2001, der nun in einer erweiterten Fassung aufgelegt wurde; doch ist es Wenders mit den Bildern um mehr zu tun, als nur die Außenhaut von Orten abzubilden. Wie der Archäologe die Botschaften zu enträtseln versucht, kommt man bei Wenders' Aufnahmen nicht umhin, hinter den Fassaden und unter der Oberfläche eine Botschaft zu vermuten - und zu glauben, der besonders intensive Blick könne die Schichten so lange freilegen, bis das Wesen der Welt aufgedeckt vor einem liege. Die Orte, die er auf seinen zahlreichen Reisen fotografiert hat, macht Wenders im buchstäblichen Sinn zu Schauplätzen.

Von aktueller Brisanz freilich war kaum einer von ihnen; im Gegenteil. Sie schienen nachgerade aus dem Zeitgeschehen herausgehoben. Um so mehr überrascht es deshalb zunächst, daß Wenders das Buch ausgerechnet um fünf Aufnahmen von "Ground Zero" ergänzt hat, entstanden am 8. November 2001 während der Aufräumarbeiten im Schutt der Zwillingstürme des World Trade Center (unsere Abbildung). Es sind düstere, beklemmende Bilder. Für Wim Wenders werden sie zur Matrix, die den Eindruck aller vorangegangenen Aufnahmen rückwirkend verändert. Sie rauben seinen Havannabildern den morbiden Charme des Verfalls, und sie vertreiben die Andeutungen romantischer Gefühle angesichts des geologischen Chaos in den Wüsten. Bloß nie hinter die Oberfläche schauen, denkt man.

F.L.

"Bilder von der Oberfläche der Erde" von Wim Wenders; mit Texten von Klaus-Peter Schuster, Nicole Hartje und Wim Wenders. Schirmer/Mosel Verlag, München 2003, erweiterte Ausgabe. 128 Seiten, 56 Farbfotografien. Gebunden, 29,80 Euro. ISBN 3-8296-0029-1.

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