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Lateinamerika ist ein Kontinent der krassen sozialen Gegensätze. Für die wenigen Reichen ist er das Paradies, für die vielen Armen die Hölle. Sie schinden sich für Hungerlöhne, nehmen Misshandlungen, Ungerechtigkeiten oder ein Leben in der Illegalität in Kauf. Vor allem Frauen sind Opfer der Verhältnisse. Über zwanzig Millionen verdingen sich als Hausangestellte, weil die Gesellschaft ihnen keine Ausbildung ermöglicht, ihnen der erlernte Beruf kein Auskommen bietet oder weil sie keine Stelle finden. Weil sie überleben müssen.Für ihre Herrschaften sind sie Maschinen: Man kauft sie, und dann…mehr

Produktbeschreibung
Lateinamerika ist ein Kontinent der krassen sozialen Gegensätze. Für die wenigen Reichen ist er das Paradies, für die vielen Armen die Hölle. Sie schinden sich für Hungerlöhne, nehmen Misshandlungen, Ungerechtigkeiten oder ein Leben in der Illegalität in Kauf. Vor allem Frauen sind Opfer der Verhältnisse. Über zwanzig Millionen verdingen sich als Hausangestellte, weil die Gesellschaft ihnen keine Ausbildung ermöglicht, ihnen der erlernte Beruf kein Auskommen bietet oder weil sie keine Stelle finden. Weil sie überleben müssen.Für ihre Herrschaften sind sie Maschinen: Man kauft sie, und dann haben sie zu funktionieren. Bleiben sie stehen, haut man mit der Faust dagegen. Und wenn das nicht hilft, kauft man neue. Wie die Maschinen haben Hausangestellte keine Geschichte, keine Gefühle, keine Gesundheit. Und keine Sorgen. Sie laufen oder sie laufen nicht. So einfach ist das. Schon nach wenigen Tagen in Stellung macht Catalina Vázquez diese bittere Erfahrung. Catalina ist eine Kunstfigur, doch was sie erleidet ist traurige Wirklichkeit, von der Autorin in zwanzig Jahren journalistischer Arbeit in Lateinamerika recherchiert. So ist Catalinas Geschichte eine wahre Geschichte.
  • Produktdetails
  • Verlag: Horlemann
  • Seitenzahl: 245
  • Abmessung: 210mm
  • Gewicht: 330g
  • ISBN-13: 9783895022005
  • ISBN-10: 3895022004
  • Artikelnr.: 13402302
Rezensionen
Besprechung von 27.06.2005
Moderne Sklaverei
Dienstmädchen in Südamerika - ohne Rechte
Die deutsche Journalistin Eva Karnofsky hat ein Jahrzehnt lang in Südamerika gelebt, sie ist europäisch sozialisiert, und es ist davon auszugehen, dass sie ihr Hauspersonal vergleichsweise gut behandelt. Täte sie das nicht, wäre sie nicht so erschüttert darüber gewesen, wie andere Familien in Lateinamerika ihre Hausmädchen quälen, misshandeln - oder aber ihre Nöte und Rechte schlicht nicht wahrnehmen.
Eva Karnofsky hat ein Buch aus den vielen überaus traurigen Geschichten gemacht, die sie im Laufe der Jahre gehört hat, und, um es gleich vorweg zu nehmen, es ist ein sehr gutes Buch geworden. Für ihre Herrschaften seien die Hausangestellten Maschinen, schreibt sie, sie hätten zu funktionieren. „Wie Maschinen haben Hausangestellte keine Geschichte, keine Gefühle, keine Gesundheit. Sie laufen, oder sie laufen nicht. So einfach ist das.”
Die Qualität des Buches rührt unter anderem daher, dass Karnofsky mehr getan hat als das, was sie als Journalistin gelernt hat - objektiv zu berichten, Zeugenaussagen zu sammeln und zu addieren, sich mit einer Meinung zurückzuhalten. Das alles hat sie zwar durchaus geleistet, ihre Recherchen aber dann in die Form einer Erzählung gegossen. Dafür hat sie ein Hausmädchen namens Catalina
Vázquez erfunden, in deren Lebensgeschichte all jene Berichte eingegangen sind, welche die Autorin unter anderem von ihrem eigenen Hausmädchen, Liduvina Campos, von deren Schwestern und Freundinnen gehört hat, und die zu einem paradigmatischen Schicksal verschmolzen sind.
Das Buch ist folgerichtig Karnofskys Hausangestellter Liduvina gewidmet.
Es erzählt die Geschichte der fiktiven Figur Catalina als Entwicklungsroman:
Catalina lernt als junge Frau, was es heißt, eine Existenz zu verlieren, sich eine neue aufzubauen, allein ins Ausland zu gehen, zu dienen, zu leiden, zu schweigen - und nach einem Ausweg zu suchen. Sie kehrt eines Tages nach Hause zurück, so arm, wie sie losgezogen war, und vollkommen illusionslos. Eigentlich ist das Mädchen Köchin, und so ziehen sich durch das Buch jene Kochrezepte, die Catalina gern kochen würde, wenn sie nicht für fremde Herrschaften, die sie wie Dreck behandeln, den Dreck wegräumen müsste.
Laut einer Studie der Internationalen Migrations-Organisation, die Eva Karnofsky zitiert, waren die mehr als hunderttausend peruanischen Hausangestellten, die bis zur Wirtschaftskrise 2002 in Argentinien lebten, im Durchschnitt besser gebildet als ihre Arbeitgeberinnen; diese ließen sie das spüren. Wer ins Ausland gehen muss, um bei besser gestellten Herrschaften zu dienen und daheim seine Familie zu ernähren, wer oft ohne Aufenthaltsgenehmigung oder ohne Pass ist, wer für ein paar lumpige Pesos 15 Stunden am Tag ohne Urlaub schuftet, wer froh sein muss, sein Geld zu bekommen und etwas zu essen, der muckt nicht auf - wie denn? Catalina erlebt das: Sie ist ein Niemand, niemand hört sie, niemand schert sich um ihre Rechte.
Mehr als 20 Millionen Lateinamerikanerinnen verdienen sich ihr Geld in den Haushalten fremder Leute, rechtlos, ausgebeutet, verachtet. Und das ist nur ein Teil jener modernen Sklavinnen, die der Dienstleistungsmarkt international hervorbringt: Vor einigen Jahren ging eine andere Geschichte durch die Presse, wie sie auch Catalina, Liduvina oder all die anderen Haushaltssklavinnen Lateinamerikas hätten erleben können: Das philippinische Dienstmädchen Lorna Laraquel, die sich in Kuwait bei einem Mitglied der königlichen Familie verdingt hatte, hatte im Affekt ihre Herrin, die Schwägerin des kuwaitischen Herrschers getötet. Sie saß sieben Jahre lang im Gefängnis.
Ihre Geschichte ging um die Welt als Beispiel für jene Hausmädchen, die in arabischen Ländern arbeiten und nicht selten geschlagen, getreten, vergewaltigt, eingesperrt werden. Die Vereinten Nationen haben damals bilanziert, dass mehr als 100000 Hausangestellte aus den Philippinen, aus Bangladesh, Indien und Sri Lanka von ihren kuwaitischen Arbeitgebern gequält werden, die Täter würden aber nicht bestraft.
Eva Karnofsky hat ihr Buch „Besenkammer mit Bett” genannt, weil es in
jeder größeren Wohnung in Buenos Aires hinter der Küche ein winziges Zimmer gibt, das man in Deutschland als Abstellkammer nutzen würde, fensterlos, ein Klo, ein schmales Bett. Hier leben
gewöhnlich die Mucamas, wie die Domestiken in Argentinien heißen, „namenlose, schattenhafte Wesen, die nur schnell ins Esszimmer huschen, servieren - und wieder verschwinden.”
CATHRIN KAHLWEIT
EVA KARNOFSKY: Besenkammer mit Bett. Das Schicksal einer illegalen Hausangestellten in Lateinamerika. Horlemann Verlag, Bad Honnef 2005. 240 Seiten, 12,90 Euro.
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Besprechung von 12.08.2005
Damen dienen
Eva Karnofsky über illegale Hausangestellte in Südamerika

Über zwanzig Millionen Frauen arbeiten in Lateinamerika als Hausangestellte. Viele von ihnen sind aus den ärmsten Ländern des Kontinentes in die wohlhabenderen Staaten wie Argentinien und Chile gekommen und leben dort ohne Aufenthaltserlaubnis. Sie werden häufig von ihren Arbeitgebern, den reichen Señoras, schlecht behandelt. Als Illegale finden sie selbst in Ländern, die wie Argentinien Arbeitsgesetze und Gewerkschaften haben, kaum Schutz. Über die Situation dieser illegalen Hausangestellten ist bisher wenig veröffentlicht worden. Es gibt den von einer deutschen und amerikanischen Stiftung 1993 herausgegebenen Band "Trabajadores de hogar en América Latina". Die deutsche Journalistin Eva Karnofsky hat sich in den zehn Jahren als Zeitungs-Korrespondentin in Lateinamerika auch mit dem Leben und den Problemen der "Mucamas", wie die Hausangestellten in Argentinien genannt werden, beschäftigt. Anhand der Erlebnisse der Peruanerin Catalina und ihrer Freundinnen wird das schwere Schicksal der nur mit einem Touristenvisum aus Paraguay, Bolivien oder Peru nach Buenos Aires gekommenen und dort als "Mucamas" beschäftigten Mädchen dargestellt. Catalina, die in ihrer peruanischen Heimat die Universität besucht und ein eigenes Restaurant bis zu einem Raubüberfall geführt hat, wird in Buenos Aires ungerecht und würdelos behandelt ausgerechnet von den Señoras, die ihr an Bildung und Kenntnissen weit unterlegen sind.

In chilenischen Familien sind peruanische Dienstmädchen geschätzt, weil diese ein besonders klares und korrektes Spanisch sprechen, im Gegensatz zur Umgangssprache der Chilenen aller Schichten, in denen viele Endungen, ja oft Silben verschwinden. Die Kinder in diesen Familien werden von ihren Eltern angehalten, so zu sprechen wie das Kindermädchen aus Peru. Die geordnete chilenische Bürokratie sorgt dafür, daß es nicht so viele ausländische Dienstmädchen ohne Papiere gibt, deshalb sind die Fälle von brutaler Ausbeutung des Dienstpersonals dort seltener als etwa in Argentinien. Die Mädchen aus Bolivien, Peru und Paraguay schicken einen beachtlichen Teil ihres Lohnes ihren Familien, um kranke Eltern zu unterstützen oder jungen Geschwistern zu einer Ausbildung zu verhelfen.

WALTER HAUBRICH

Eva Karnofsky: "Besenkammer mit Bett". Das Schicksal einer illegalen Hausangestellten in Lateinamerika. Horlemann Verlag, Bad Honnef 2005. 247 S., br., 12,90 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Die Schilderung des Schicksals eines peruanischen Hausmädchens in Argentinien von Eva Karnofsky hat Kersten Knipp berührt. Die Journalistin "weiß wovon sie spricht", versichert der Rezensent, da sie selbst lange in Lateinamerika gelebt und dort auch Hausangestellte beschäftigt hat. Aus den eigenen Erfahrungen und zusätzlichen Recherchen hat die Autorin dann aus verschiedenen individuellen Geschichten eine "idealtypische Erzählung" zusammengesetzt und damit ein "eindringliches Zeugnis" vom elenden, rechtlosen Leben der zumeist illegal im Land lebenden Frauen gezeichnet, so Knipp. Das Buch zeige nicht nur, unter welchen Bedingungen die Frauen in Argentinien arbeiten, sondern mache auch deutlich, was es heißt, als Hochschulabsolventin putzen zu gehen - viele der Hausmädchen haben studiert. Zudem stellt Karnofsky auch die "ideelle Sinnlosigkeit" dieser Existenz für die Betroffenen eindrücklich dar, lobt Knipp beklommen.

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