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"Go to Hellas!" - neun Geschichten über Athen. Die Fußballeuropameisterschaft ist gewonnen, die Olympiade steht an. Mit neuerwachtem Patriotismus feiern die Griechen ihre Feste, derweil die Einwanderer aus Albanien, Bulgarien und Rußland sich durchs Leben schlagen, so gut es eben geht. Auch im Einsatz: Kommissar Charitos.…mehr

Produktbeschreibung
"Go to Hellas!" - neun Geschichten über Athen. Die Fußballeuropameisterschaft ist gewonnen, die Olympiade steht an. Mit neuerwachtem Patriotismus feiern die Griechen ihre Feste, derweil die Einwanderer aus Albanien, Bulgarien und Rußland sich durchs Leben schlagen, so gut es eben geht. Auch im Einsatz: Kommissar Charitos.
Autorenporträt
Petros Markaris, geboren 1937 in Istanbul, ist Verfasser von Theaterstücken und Schöpfer einer beliebten griechischen Fernsehserie, er war Co-Autor von Theo Angelopoulos (Regisseur von Der Bienenzüchter , Der Blick des Odysseus etc.) und hat deutsche Dramatiker wie Brecht und Goethe ins Griechische übertragen zuletzt Faust I und II in Versform. Mit dem Schreiben von Kriminalromanen begann er erst Mitte der neunziger Jahre. Heute ist er die griechische Stimme in der zeitgenössischen Literatur, seine Romane erscheinen in 13 Sprachen und sind international preisgekrönt (zuletzt mit dem Pepe-Carvalho-Preis für Kriminalliteratur). Petros Markaris lebt in Athen.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 18.10.2005

Geisterhaus mit Koch und Kellner
Griechische Grenzgänge: Petros Markaris erzählt mit „Balkan Blues” Geschichten von tödlichen Scherzen und gewitztem Überleben
Von Christoph Haas
Der erste Tote wird im Athener Olympiastadion gefunden. Der zweite sitzt in einem leeren Vorortzug, der dritte auf einer Bank in der Fußgängerzone. Alle stammen sie aus der Dritten Welt. Ihre rechte Hand ist zu einer obszönen Geste geformt, und auf ihren nackten Körpern sind die Namen islamistischer Gruppierungen zu lesen. Anstatt am Fernseher den Triumphzug der einheimischen Fußballer bei der Europameisterschaft in Portugal zu verfolgen, muss Kostas Charitos sich nun den Kopf zerbrechen: Handelt es sich bei den Tätern um Terroristen, die einen Anschlag auf die Olympischen Spiele planen? Aber warum sind die Opfer dann eines natürlichen Todes gestorben? Schließlich stellt sich alles als ein makabrer Scherz heraus. Und der arrogante FBI-Agent, der an dem Fall mitgearbeitet hat, erweist dem Scharfsinn des Kommissars sowie dem Unsinn, der in griechischen Köpfen blüht, konsterniert seinen Respekt: „Wenn ihr uns verrückt machen könnt, dann treibt ihr sicher auch al-Qaida in den Wahnsinn!”
Wie in den drei bisherigen Charitos-Romanen beweist Petros Markaris auch in „Balkan Blues” sein Talent, die Handlungen, die er erfindet, zwanglos sowohl dem Alltag als auch der zeitgeschichtlichen Aktualität entwachsen zu lassen. Von der genannten Ausnahme abgesehen, geht es in den insgesamt neun Geschichten aber nicht um den wackeren Verbrecherjäger, sondern um legale und illegale Migranten. Mit mehr oder minder dubiosen Tätigkeiten versuchen sie sich in Athen durchs Leben zu schlagen: Ein Grieche, der nach einem Aufenthalt in Sarajevo den sozialen Boden unter den Füßen verloren hat, spielt einen serbischen Bettler; ein bulgarischer Geiger und eine albanische Flötistin, die auf der Straße musizieren, zerstreiten sich über Fragen der künstlerischen Kompetenz; die schöne Tochter eines Restaurantbesitzers bricht durch die Liaison mit einem russischen Mafioso aus dem Gefängnis ihrer Familie aus.
„Balkan Blues” ist kein heiteres, aber auch kein trauriges Buch. Markaris betont die tragikomischen Aspekte des Elends, der unauflöslichen Verkettung von Unglück und Gewalt. Zugleich vermeidet er entschieden jegliche Sentimentalität. In „Ein Kindermärchen”sitzt ein alter Mann einsam auf einer Bank. Ein afrikanisches Mädchen, das jeden Morgen im Park abgesetzt wird, beginnt seinen Monologen zu lauschen: „Es verstand kein Wort, doch vielleicht war es der Klang der Stimme, der es an die Alten in seiner Heimat erinnerte. Die alten Leute sprechen überall auf der ganzen Welt im gleichen Tonfall und fuchteln auf dieselbe Art mit ihrem Spazierstock. Die übrigen Generationen sind verschieden, die Alten sind überall gleich.” Das klingt sehr abgeklärt, und der Weg in den Kitsch scheint vorgezeichnet. Aber nur für einen Moment - dann bringt der Vater des Mädchens den Alten um. Die Kleine landet im Waisenhaus, erhält den Namen Marina und lernt Griechisch. Der lakonische letzte Satz lautet: „Auch das ist ein Weg zur Integration.”
Mit einer Sicherheit, die für einen Genre-Autor mehr als ungewöhnlich ist, versteht Markaris sich zudem auf erzählerische Experimente. Die Geschichte „Ohne Kulisse” besteht zunächst nur aus Dialogen zwischen einem Koch und einem Kellner, die schließlich in einen tödlichen Streit führen. Erst das Protokoll auf der Polizeiwache, das den Epilog bildet, erhellt die Zusammenhänge und steht in seiner trockenen Diktion in groteskem Kontrast zu der vorangegangenen hitzigen Rede. Der humane Impetus hinter solchen Erneuerungsversuchen der Form zeigt sich in der großartigen Geschichte „Im Vorbeigehen”. Die reduzierte Existenz eines hemmungslos ausgebeuteten Erntearbeiters schildert Markaris, indem er den Mann anonym, gesichtslos lässt und allein von dessen Händen und Füßen erzählt. Unterhaltungsliteratur? Seriöse Literatur? „Balkan Blues” verwischt die Grenzen zwischen den beiden Terrains mit einer Leichtigkeit, die immer wieder verblüfft und begeistert.
Petros Markaris
Balkan Blues
Geschichten. Aus dem Neugriechischen von Michaela Prinzinger. Diogenes Verlag, Zürich 2005. 219 Seiten, 19,90 Euro.
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Christoph Haas ist von diesen Geschichten des griechischen Autors Petros Markaris, die sich um "legale und illegale Migranten" drehen und um die "unauflösliche Verkettung" von Armut und Gewalt, sehr angetan. Trotz des ernsten Sujets handelt es sich bei "Balkan Blues" keineswegs um ein "trauriges Buch", vielmehr gehe es dem Autor um die "tragikomischen Aspekte des Elends", versichert der Rezensent, und fügt an, dass Markaris der drohenden Gefühligkeit "entschieden" aus dem Weg geht. So erzählt er in "Ein Kindermärchen" beispielsweise von einem kleinen afrikanischen Mädchen, dass sich durch das Gebrabbel eines alten Mannes im Park an die Alten seiner Heimat erinnert fühlt. Statt in den nahe liegenden Kitsch abzugleiten, nehme die Geschichte dann aber eine überraschende Wendung. Der Rezensent bewundert die "Sicherheit", mit der der Autor seine "erzählerischen Experimente" unternimmt, wie etwas die gelungene Kontrastierung von der "hitzigen" und tödlich endenden Auseinandersetzung eines Kellners und eines Kochs mit dem anschließend verfertigten Polizeibericht. Markaris verwische unerschrocken die Grenzen zwischen "seriöser" und Unterhaltungsliteratur und erzähle "mit einer Leichtigkeit", die den begeisterten Rezensenten "verblüfft" zurücklässt.

© Perlentaucher Medien GmbH…mehr