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Sie sind Legende, die kleinen roten Hefte im DIN-A5-Format: die Weltbühne, das Forum der intellektuellen, bürgerlichen Linken der Weimarer Republik. Damals gleichermaßen geliebt und verhasst, steht die Zeitschrift noch immer für eine journalistische Tradition, die sich der Reinheit der Sprache, der Offenheit des Wortes und der Treue zur Wahrheit verpflichtet sieht. Am 7. September 1905 war die erste Ausgabe der Schaubühne erschienen, am 4. April 1918 wurde sie in "Die Weltbühne" umbenannt. Neben den Herausgebern Siegfried Jacobsohn, Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky schrieben mehr als 2000…mehr

Produktbeschreibung
Sie sind Legende, die kleinen roten Hefte im DIN-A5-Format: die Weltbühne, das Forum der intellektuellen, bürgerlichen Linken der Weimarer Republik. Damals gleichermaßen geliebt und verhasst, steht die Zeitschrift noch immer für eine journalistische Tradition, die sich der Reinheit der Sprache, der Offenheit des Wortes und der Treue zur Wahrheit verpflichtet sieht.
Am 7. September 1905 war die erste Ausgabe der Schaubühne erschienen, am 4. April 1918 wurde sie in "Die Weltbühne" umbenannt. Neben den Herausgebern Siegfried Jacobsohn, Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky schrieben mehr als 2000 Autoren von 1905 bis 1933 für die Weltbühne, darunter noch immer
prominente Journalisten und Schriftsteller wie Erich Kästner, Alfred Polgar, Arnold Zweig und Lion Feuchtwanger. Alle Autoren verbindet, dass sie engagierte Kultur- und Gesellschaftskritiker
sowie überzeugte Republikaner waren. Trotz der inzwischen vergangenen Zeitspanne besitzen ihre Texte vielfach noch eine verblüffende Aktualität.

Mit einem Vorwort von Heribert Prantl
  • Produktdetails
  • Verlag: Lukas Verlag
  • Seitenzahl: 541
  • Erscheinungstermin: 10. Juni 2008
  • Deutsch
  • Abmessung: 235mm
  • Gewicht: 1060g
  • ISBN-13: 9783867320269
  • ISBN-10: 3867320268
  • Artikelnr.: 23398358
Autorenporträt
Stefanie Oswalt, geb. 1967, studierte Neue Deutsche Literatur und Geschichte in Köln, London und München. 1993-1996 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Moses-Mendelssohn-Zentrum, Potsdam; 1998 Promotion im Fach "Jüdische Studien". Seit 1996 freie Mitarbeiterin der Kurt-Tucholsky-Gedenkstätte in Rheinsberg. Verschiedene journalistische Tätigkeiten, Videointerviews mit Überlebenden der Shoah, Ausstellungen zum Werk Kurt Tucholskys und Theodor Fontanes, Publikation zur Weltbühne und zur Oral History.
Rezensionen
Besprechung von 05.07.2008
Jahre früher Leidenschaft
Die „Weltbühne” war mutig, als es das Leben kosten konnte – ein Buch erinnert an den streitbaren Journalismus
Sie war eine kleine Zeitung, 15 000 Auflage, ein Drittel nur von dem, was heute selbst tageszeitung oder Titanic zustande bringen, aber sie hatte die besten Autoren der Weimarer Republik: Alfred Polgar, Kurt Tucholsky, Franz Blei, Kurt Hiller, Ernst Toller, Arnold Zweig und nach dem Tod Siegfried Jacobsohns, der die Zeitschrift 1905 als Schaubühne gegründet hatte, als Chefredakteur den unvergleichlichen Carl von Ossietzky. Die Weltbühne war mutig, als Mut noch nicht der Name einer rechtsgewirkten abendländischen Dauerandacht war, sondern das Leben, ja: das Leben kosten konnte.
Von sechzehn Fememorden berichtete die Weltbühne, aber deswegen wurden sie noch lange nicht geahndet, gar gesühnt. Denken war gefährlich, besonders, wenn es im Zweifel links formuliert wurde. In einer schlichten Aufstellung aus dem Jahr 1927 lässt sich vergleichen, wie es für die Bedrohung eines Polizisten durch Kommunisten vier Monate Gefängnis gibt, aber nur zweihundert Reichsmark Strafe fällig werden, wenn Rechtsradikale einen Zentrumsmann halbtot schlagen. Das Muster gilt nebenbei gesagt bis heute: Der Kommunist Erich Mielke wurde 1993 wegen Mordes an zwei Polizisten verurteilt, 62 Jahre nach der Tat. Doch kann die deutsche Justiz auch anders, ganz anders: Hauptmann Waldemar Pabst reiste noch in den sechziger Jahren durch deutsche Universitäten und rühmte sich, dass er im Januar 1919 im Auftrag des großen Sozialdemokraten Friedrich Ebert die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht organisiert hatte. Dadurch konnte er zum Helden (im Dritten Reich) und Waffenhändler (danach) aufsteigen, aber zu bestrafen gab es da nichts, hatte Pabst doch nichts weiter als eine „standrechtliche Erschießung” vorgenommen, wie Felix von Eckardt 1962 erklärte, der Pressechef des verehrungswürdigen Herrn Bundeskanzlers Adenauer.
Die kleine große Weltbühne war wehrkraftzersetzend, manchmal prokommunistisch, dann wieder antispartakistisch, beizeiten SPD-verachtend und selbstverständlich asphaltliterarisch gegen die auftrumpfenden Nazis und nie gefeit vor grotesken Fehleinschätzungen wie dieser: „Die nationalsozialistische Bewegung hat eine geräuschvolle Gegenwart, aber gar keine Zukunft.” Zweieinhalb Jahre nach diesem Satz war die Zukunft da und der Autor, wieder Ossietzky, wurde eingesperrt, verhaftet nach einer Liste, die der Gestapo-Gründer Rudolf Diels schon vor der Machtübernahme bereithielt.
Einen wie Ossietzky mussten die Nazis hassen, einen Mann, der es wagte, in seinem „Blättchen” dem Vaterland und der Welt zu verraten, dass die Reichswehr entgegen dem Vertrag von Versailles doch aufrüstete, einen Redakteur, der den Prozess um eine gedruckte Erkenntnis des Mitarbeiters Kurt Tucholsky durchfocht und sogar gewann, nämlich dass Soldaten – aber was denn sonst! – Mörder seien.
Natürlich mussten sie einen Journalisten zum Schweigen bringen, der den Dr. Goebbels schmähte und dem Revolutionär Hitler über die Weltbühne bescheinigte, dass er doch bloß „ministrabel” werden wolle. Sie sperrten ihn ins Konzentrationslager, und dass sie ihn dort nicht gleich aufhängten wie den Anarchisten Erich Mühsam, hatte Ossietzky dem weltweiten Aufschrei zu verdanken und dass ihm das norwegische Parlament den Friedensnobelpreis verlieh. (Da half ein vaterlandsverräterischer Flüchtling mit, der sich im Exil Willy Brandt nannte, und nie soll es ihm vergessen sein.) So durfte er, zerschlagen an Haupt und Gliedern, 1938im Hospital den Gnadentod des Lungenkranken sterben.
2680 Beiträger der Weltbühne sind namhaft, viele berühmt noch heute, die meisten vergessen. Eine kleine, aber eindrückliche Auswahl bringt jetzt das „politische Lesebuch”, das der winzig kleine Berliner Lukas-Verlag unter dem Titel Aus Teutschland Deutschland machen herausgebracht hat. Rudolf Augstein, den der Ehrgeiz eines Rüstungsministers und der Verdacht des Landesverrats wie Ossietzky ins Gefängnis gebracht hatte (allerdings nur 103 Tage), meinte vor dreißig Jahren die Weltbühne zu den „Totengräbern” der Weimarer Republik rechnen zu müssen. Aber was schrieb die Weltbühne 1931? „Es gibt keine Demokratie mehr zu retten, weil keine da ist, wohl aber eine zu schaffen.” Es wollte bloß keiner, links nicht und rechts sowieso nicht.
„Der ernste Spaß, die kantige Härte, peitschender Hieb, der die empfindlichen Stellen trifft – sie haben kaum Platz in der Zeitung”, schrieb ein Pseudonymus namens Ignaz Wrobel nicht 2008, sondern 1927, und ergänzte sarkastisch: „Gott segne die Presse, denn sie kann nichts dafür.” So stark, so lebendig, so streitlustig, so wund wurde vor achtzig Jahren in Deutschland und nicht bloß von Tucholsky gedacht. Viel genannt und wenig gekannt ist die Weltbühne, die ihre staatsgefährdenden Umtriebe 1933 einstellen musste; es waren zu viele Juden und Nazi-Gegner dort. Allen ihren Autoren gemein war eine journalistische Leidenschaft, die heute fremd klingt, wo zum Glück weit weniger Anlass dafür ist, sich für das Recht auf Abtreibung zu verwenden, für das Menschenrecht auf Homosexualität zu streiten, für den Pazifismus zu kämpfen und sich gegen die Feldwebel in Verwaltung, Regierung, Kirche und natürlich im Militär zu empören. Es will auch keiner.
Für manche fand in der Weltbühne der letzte Auftritt statt, für andere war’s der Beginn der Karriere. Selbst spätere Redakteure der Frankfurter Allgemeinen Zeitunggehörten zum Schreiber-Kreis wie beispielsweise der gern überschätzte Friedrich Sieburg, dem bei Asta Nielsen, die in einem Film den Hamlet spielte und sich deshalb die Haare abschneiden ließ, nur spätpubertäre Herrenwitze einfielen: „Während unsere Väter noch mit Nanas gewaltigen Hüften und ihrem strotzenden Busen alle Hände voll zu tun hatten, greifen wir bereits dem ‚bubenschlanken‘ und ‚knabenhaften‘ Typus gegenüber ins Leere.” Zeitgerecht und schon 1925 nennt Sieburg das eine „Entartung”.
Auch wenn er von Totengräberei sprach, wusste der Journalist Augstein doch um den Rang des Vorbilds, dem der Spiegel 1978 noch nacheiferte: „Da es den schlechthin freiheitlichen Staat nicht gibt – auf deutschem Boden hatten wir schon freiheitlichere Zustände als eben jetzt –, ist eine Zeitung oder Zeitschrift ganz ohne subversive, unterminierende, destruktive Tendenzen ein Unding.” Auch Augstein war damit bald widerlegt, denn (auch das nur ein Beispiel) Focus ist genau das nicht: destruktiv, subversiv, negativ. Sechzig Mal größer als die der Weltbühne ist die Auflage von Focus und Landesverräterisches ist dort nicht zu befürchten. Gott segne die Presse, sie kann ja nichts dafür. WILLI WINKLER
Aus Teutschland Deutschland machen – ein politisches Lesebuch zur Weltbühne, herausgegeben von Friedhelm Greis und Stefanie Oswalt, Lukas-Verlag, 540 Seiten, 29,80 Euro
„Es gibt keine Demokratie mehr zu retten, wohl aber eine zu schaffen”
Ein standhafter Chefredakteur: Carl von Ossietzky im Jahr 1919. Foto: David Hecker/ddp
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Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Willi Winkler freut sich, eine "kleine, aber eindrückliche Auswahl von Texten aus der "Weltbühne" anzuzeigen, die der Berliner Lukas Verlag herausgegeben hat. Und er nutzt diese Edition, um ausgiebigst von der Weimarer Kleinstzeitung zu schwärmen, mit der Carl von Ossietzky, Kurt Tucholsky, Alfred Polgar, Franz Blei und Siegfried Jacobsohn dem linken Journalismus zu Glanz, Ruhm und Ehre verhalfen. Bei einer Auflage von 15.000. Und ein neidisches Seufzen schallt aus diesen Zeilen. "So stark, so lebendig, so streitlustig, so wund" sei vor achtzig Jahren in Deutschland geschrieben worden! Dass die "Weltbühne" ab 1931 gegen die Republik angeschrieben hat, geht für Winkler in Ordnung: Sie habe ohnehin keine Fundamente mehr gehabt.

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