Aus großer Nähe
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Im Grunde sei der Schriftsteller Karl Kraus (1874-1936) eine gesellige Natur gewesen, erzählen diejenigen, die ihm nahestanden, und er wird mit der Einsicht zitiert: »Wenn man mit Menschen lachen kann, ist Sympathie und Übereinstimmung gegeben.« Karl Kraus in neuer Sicht? Es sind jedenfalls keine gesprochenen »Fackel«-Texte, von denen die Schulfreunde, die frühen Mitarbeiter, die Teilnehmer an den geselligen nächtlichen Kaffeehaus-Runden aus dem unmittelbaren Umgang berichten. Auch die Verleger, die Anwälte, Musiker und Schauspieler, mit denen ihn die Arbeit am Schreibtisch und auf dem Podium…mehr

Produktbeschreibung
Im Grunde sei der Schriftsteller Karl Kraus (1874-1936) eine gesellige Natur gewesen, erzählen diejenigen, die ihm nahestanden, und er wird mit der Einsicht zitiert: »Wenn man mit Menschen lachen kann, ist Sympathie und Übereinstimmung gegeben.« Karl Kraus in neuer Sicht? Es sind jedenfalls keine gesprochenen »Fackel«-Texte, von denen die Schulfreunde, die frühen Mitarbeiter, die Teilnehmer an den geselligen nächtlichen Kaffeehaus-Runden aus dem unmittelbaren Umgang berichten. Auch die Verleger, die Anwälte, Musiker und Schauspieler, mit denen ihn die Arbeit am Schreibtisch und auf dem Podium zusammenführte, schildern erstaunliche Facetten des gefürchteten Satirikers. Da ist viel Komik im Spiel, eine unwiderstehliche Begabung zur Nachahmung von Menschen und Verhältnissen. Gerühmt werden sein Takt, seine Noblesse. Er schöpft die Gedanken aus der Sprache und findet nur auf dem Podium das Leben schön.Weit mehr als 300 gedruckte und unveröffentlichte Quellentexte von Benjamin bis Wittgenstein, von Altenberg, Berg und Brecht über Schönberg bis Viertel wurden hier erschlossen, darunter auch die Bruchstücke zu einer Biographie, die Heinrich Fischer 1936 schreiben sollte, sowie der bewegende Bericht von Helene Kann über das Sterben von Karl Kraus.
  • Produktdetails
  • Bibliothek Janowitz Bd.16
  • Verlag: Wallstein
  • Seitenzahl: 480
  • Erscheinungstermin: August 2008
  • Deutsch
  • Abmessung: 230mm x 153mm x 38mm
  • Gewicht: 775g
  • ISBN-13: 9783835303041
  • ISBN-10: 383530304X
  • Artikelnr.: 23865941
Autorenporträt
Der Herausgeber Friedrich Pfäfflin, geb. 1935, hat nach zwanzigjähriger Tätigkeit als Verlagsbuchhändler ein Vierteljahrhundert die Museumsabteilung des Schiller-Nationalmuseums in Marbach geleitet. In den Jahren 1968-1973 erschien der von ihm initiierte, von Heinrich Fischer herausgegebene Reprint der 'Fackel' in über 35.000 Exemplaren. Als Autor, Herausgeber und Ausstellungsmacher beschäftigte er sich u.a. mit Kurt Wolff, Else Lasker-Schüler, Werner Kraft und Berthold Viertel. Im Wallstein Verlag erschienen Karl Kraus: Briefe an Sidonie Nádhern y von Borutin 1913-1936. Hg. von F. Pfäfflin (2005); 'Verehrte Fürstin!'. Karl Kraus und Mechtilde Lichnowsky. Briefe und Dokumente. 1916-1958. Hg. von F. Pfäfflin und Eva Dambacher in Zusammenarbeit mit Volker Kahmen (2001); 'Wie Genies sterben'. Annie Kalmar und Karl Kraus. Briefe und Dokumente. 1899-1999. Hg. von F. Pfäfflin und Eva Dambacher in Zusammenarbeit mit Volker Kahmen (2001); Zwischen jüngstem Tag und Weltgericht. Karl Kraus und Kurt Wolff. Briefwechsel 1912-1921. Hg. von F. Pfäfflin (2007).
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 22.09.2008

Es ist etwas nicht geheuer
Entlegenes und Neues über Karl Kraus: Friedrich Pfäfflin versammelt Berichte von Weggefährten und Widersachern
Erst neulich befand Marcel ReichRanicki auf eine Leserfrage nach der heutigen und vor allem künftigen Wirkung von Karl Kraus, dass es damit nicht so weit her sei; diese Feststellung wurde ohne einen Ober- oder Unterton des Bedauerns getroffen. Ein kurzer Blick auf den Buchmarkt zeigt, dass die Diagnose haltlos ist. Kraus´ Lebenswerk-Zeitschrift, Die Fackel, einst als Zweitausendeins-Reprint weit über dreißigtausendmal verkauft, kann man elektronisch gespeichert seit kurzem, wie auch die Suhrkamp-Ausgabe der Schriften, mehr als preiswert erwerben, zwei große Ausstellungen gab es (in Marbach und Wien), und in den letzten Jahren erschienen mehrere Briefwechsel von Kraus mit Zeitgenossen und (in einer stark überarbeiteten Form neu ediert) die große Sammlung der Briefe an seine Lebensfrau Sidonie Nádherný von Borutin. Kraus ist kein massenhaftes Lesephänomen, das war er nie, übersetzbar ist er eigentlich auch nicht wirklich, das mindert den Radius seines Wirkens, aber nicht dessen Intensität. Gemessen daran, dass der Kraus-Enthusiast Werner Kraft 1952 eine schmale Auswahl vorlegte in einer Reihe, die den Titel trug „Verschollene und Vergessene”, ist dies eine Entwicklung, die auch den kühnsten Krausianern seinerzeit unvorstellbar war.
Nun also ein neuer, stattlicher Band. Friedrich Pfäfflin hat unter dem Titel „Aus großer Nähe” Berichte gesammelt, in denen Kraus als öffentliche wie als private Person Kontur gewinnt, und es ist dies, das sei sogleich festgestellt, eine aufregende, irritierende, faszinierende und vor allem gegen das Ende hin auch herzbeklemmende Lektüre, die dieser ebenso findigen wie mustergültig annotierten Edition zu danken ist – allein das Quellenverzeichnis liefert als Zugabe noch sorgfältig recherchierte Biographien entlegenster Provenienz mit.
Rund 120 Zeugen lässt der Band zu Wort kommen, und er schließt von vorneherein jeden Verdacht einer hagiographischen Schlagseite aus. „Größerer Gegner gesucht”, so hieß einmal eine Glossenüberschrift in der Fackel – und Kraus hatte Gegner weidlich genug. „Sadistischer Hysteriker” (Willy Haas), „Trompethiker” (Alfred Kerr) „Tierstimmenimitator” (Anton Kuh) – wer ihn so nannte, das waren Gegner, wenn auch nicht allerersten Ranges, die sich Kraus selbst geschaffen, die er polemisch getroffen hatte. Von anderem Kaliber war da schon Robert Musil, der, nicht unwitzig, Kraus anlastete, dass die „Leier, die er im Busen trägt, mit Achillessehnen bespannt ist”, und Kafkas ambivalente Haltung zu Kraus ist bekannt.
Bedenklicher war es, wenn enthusiastische Anhänger sich in schäumende Antipoden verwandelten wie im Fall Franz Werfels, aber auch in dem Elias Canettis. Der junge Canetti war in die Vorlesungen von Kraus geraten und war hingerissen. Als aber das Jahr 1934 die berüchtigte Parteinahme von Kraus für Dollfuß brachte, also für das, was man bis heute, wenn auch nach wie vor umstritten, „Austro-Faschismus” nennt, da wandten sich Freunde und Anhänger von Kraus ab, von denen er gehofft hatte, sie würden ihn verstehen, auch wenn sie anderer Meinung waren.
Am nächtlichen Schreibtisch
Im besten Falle jedoch verstanden sie ihn nicht, wie Bertolt Brecht oder Berthold Viertel, im schlimmeren Falle verdammten sie ihn, so Canetti: „Goebbels im Geiste”, „Hitler der Intellektuellen”, „größenwahnsinniger Popanz” – daraus spricht auch die Erbitterung der enttäuschten Liebe. Canetti hat später öffentlich bekannt, dass er diese Verdammung so nicht stehenlassen wollte, sogar von Werfel gibt es private Zeugnisse, die Ähnliches bekunden. Bis heute beten schlecht Informierte nach, dass Kraus zu Hitler nichts eingefallen sei – so lautet in der Tat der erste Satz der „Dritten Walpurgisnacht”. Würde man über 300 Seiten weiterlesen, dann müsste man bestätigen, dass ihm mehr als den meisten Zeitgenossen eingefallen ist.
„Aus großer Nähe” ordnet die erkleckliche Zahl der Zeugnisse (von denen viele nur an ganz entlegenen Stellen publiziert, einige bedeutende bisher gänzlich unbekannt waren ) in einer einleuchtenden Mischform von chronologischem und themenbezogenem Vorgehen. Der kurzsichtige Weit- und Klarseher am nächtlichen Schreibtisch, der gegen Mitternacht mit der Arbeit begann und sich bei Sonnenaufgang niederlegte, der siebenhundertmal öffentlich Auftretende mit Vorlesungen aus eigenen und fremden Werken, der Shakespeare, Nestroy und Offenbach als Einmanntheater vortrug, sprechend, singend, gestikulierend (einige Film- und Tonzeugnisse sind glücklicherweise erhalten), der Polemiker und Satiriker, der als solcher in der Weltliteratur, halten zu Gnaden, keinen Rivalen hat, der von der Sprache sich willig beherrschen lassende Meister aller Töne, der, so wurde es dreimal vergeblich vorgeschlagen, eigentlich den Literatur- oder auch Friedensnobelpreis hätte erhalten müssen, allein wegen seines Weltkriegsdramas „Die letzten Tage der Menschheit” – all dies wird hier in einer unmittelbaren Weise deutlich und vital.
Vor allem aber: Für jene Leser, die ein Bild von Kraus haben, das mehr an einen Scharfrichter auf des Wortes Schneide erinnert, als an eine fühlende Seele, dürfte die Lektüre des Bandes eine verstörende Erkenntnis mit sich bringen. Dieser Mann war im persönlichen Umgang zugewandt, liebenswürdig, spontan und unmittelbar, konnte es zumindest sein. Hatte er einen Menschen (es mochte aber auch ein Hund sein) ins Herz geschlossen, dann dauerte es lange, bis diese Zuneigung ins Wanken kam; wenn dieser Mensch allerdings massiv versagte (Hunde waren da beständiger), dann war der Fall bodenlos und nicht revidierbar.
Kraus konnte in den Caféhäusern und Restaurants, wo der Junggeselle sein Familienleben lebte, charmant und witzig sein, konnte imitieren, parodieren und erzählen, dass sich die Zuhörer vor Lachen krümmten. Er wurde von vielen gehasst, von nicht wenigen, die ihn besser kannten, aber nicht nur verehrt, sondern auch geliebt, und er erwiderte diese Liebe mit Zuneigung und Zuwendung, ja oft mit erheblichen finanziellen Anstrengungen gegenüber Notleidenden, die der persönlich nahezu Bedürfnislose mit vollen Händen beschenkte.
Die große Nähe zu Kraus, die dieser Band vermittelt, wird schmerzhaft und nur schwer zu ertragen, wenn sich die Zeugnisse den letzten Lebensjahren nähern. Die Vereinsamung des von seinen engsten Anhängern missverstandenen, dann verlassenen und bespuckten Sechzigjährigen enthüllt sich hier in ihrer ganzen Tragweite. Dass er, der die titanische Arbeitsleistung seines Lebens der Überzeugung abgerungen hatte, dass es aller Mühe wert sei, sich gegen der Zeiten Ungeist zu stemmen, indem man ihn sprachlich stellte und am polemischen Pranger dem Spott preisgab, nun seiner Freundin Helene Kann sagte: „Es ist alles vergeblich, das Unvorstellbarste wird noch von der Wirklichkeit überholt”, stimmt auch heute noch trübe, vor allem deshalb, weil noch die letzte Fackel-Nummer von dieser Resignation nahezu nichts spüren lässt. Er, für den die Arbeit am Vortragstisch vor Hunderten, ja Tausenden gebannten Zuhörern eine Erholung von der eigentlichen Arbeit bedeutete, der sich nach monatelanger äußerster Anstrengung durch kurze Pausen an Schweizer Wasserfällen und in böhmischen Parks völlig regenerieren konnte, scheint in den letzten Lebensmonaten seine Arbeitsenergie nur noch mit verzweifelter Mühe aufbringen zu können. Es kamen körperliche Hinfälligkeiten hinzu.
Das umfangreichste Zeugnis, das Pfäfflin präsentieren kann, ist auch das bewegendste: Helene Kann, die im Kraus-Kreis nicht unumstrittene enge Freundin, hat seine letzten Monate und Wochen in einen Text gegossen, der hier zum erstenmal veröffentlicht wird, und sie hat sich mit diesem Text rehabilitiert, falls das nötig war.
Bei Tristans Ehre
Die Schilderung, wie Kraus, dem die Sprache alles geschenkt hatte, was er in demütiger Liebe von ihr gefordert hatte, eben diese Sprache sich versagt, und er nur noch mit Mühe und kaum verständlich hervorpressen kann „Es ist etwas nicht geheuer”, ist herzzerreißend. „Ich kann nicht sterben, solange ich der bin, der ich bin. Nur im Zustand des Wahnsinns könnte der Tod an mich heran”, sagte er einmal zu Helene Kann, aber er täuschte sich, glücklicherweise auch über den Ernst seiner Erkrankung. Ein Herz- und Gehirnschlag beendete das Leben jenes Mannes, der ebendiese Organe als Einzelkämpfer ohne Rücksicht auf die Begrenztheiten der eigenen Kräfte eingesetzt hatte, um die Welt darauf hinzuweisen, dass sie im Großen wie im Kleinen auf dem falschen Wege war. Als sein Hausarzt wider besseres Wissen wagnerianisch-witzelnd versicherte, dass er in wenigen Tagen das Bett wieder verlassen könne, „bei Tristans Ehre”, richtete Kraus sich auf und sagte, mit größter Anstrengung, aber plötzlich gut verständlich: „Pfui Teufel !”
Es waren seine letzten Worte – angemessener hat sich kein Satiriker von der Welt, gegen die er stand, verabschiedet. Friedrich Pfäfflins liebevolle Sammlung legt Zeugnis ab über eine Jahrhundertgestalt, die recht behielt, auch dort, wo sie zu irren schien. JENS MALTE FISCHER
FRIEDRICH PFÄFFLIN (Hrsg.): Aus großer Nähe. Karl Kraus in Berichten von Weggefährten und Widersachern. Wallstein Verlag, Göttingen 2008. 480 Seiten, 39,90 Euro.
Oskar Kokoschka: Karl Kraus II (1925) Abb.: bridgemanart.com
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.sz-content.de
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 03.01.2009

Durch ihn kann man Schreiben, ja Denken lernen

Ein so treuer wie tyrannischer Diener der Sache, an die er glaubte: Friedrich Pfäfflins wertvoller Beitrag zur Erschließung von Leben und Werk von Karl Kraus.

Von Joachim Kalka

Wahrscheinlich ist unter den großen Autoren deutscher Sprache des zwanzigsten Jahrhunderts keiner seinem Wesen nach bis jetzt so unbekannt geblieben wie Karl Kraus - der in seiner ganzen störrischen Widersprüchlichkeit, seiner unnachgiebigen, Revolution und Reaktion vermählenden Haltung sich der flüchtigen und punktuellen Lektüre verweigert. Er war der Einzige, der von Anbeginn an Grauen und Lüge des Ersten Weltkriegs erkannte und festhielt, er war der große Satiriker, der seinem fundamentalen Misstrauen gegen die Medienwelt in der schließlich ganz allein verfassten Zeitschrift "Die Fackel" satirische Sprache verlieh, er war der mit dem Geheimnis der Sprache zutiefst verbündete Dichter. Und: "Man versteht nichts von diesem Manne, solange man nicht erkennt, dass mit Notwendigkeit alles, ausnahmslos alles, . . . für ihn in der Sphäre des Rechts sich abspielt", wie Walter Benjamin schrieb. Als die Macht herausfordernder Satiriker hatte er jenen "hinreißende(n) Totschläger-Elan", den Berthold Viertel ihm in der Rolle des Negerprinzen in einer Privataufführung von Wedekinds "Lulu" attestierte. Sein Einfluss war und ist an unerwarteten Stellen groß; bei Arnold Schönberg findet sich in einem Nachlassmanuskript, dem Entwurf einer Autobiographie, der Satz: "Und ich habe Kraus geschrieben: Ich habe durch Sie Schreiben, ja fast Denken gelernt."

Die Sätze von Viertel und Schönberg können wir in Friedrich Pfäfflins neuem Buch nachlesen. Als 1999 der Marbacher Katalog zur großen Karl-Kraus-Ausstellung mit seinen fünf Beiheften erschienen war, hätte man glauben können, so etwas wie die Summe von Pfäfflins jahrzehntelanger Arbeit für die Erschließung von Leben und Werk von Karl Kraus in Händen zu halten. Doch er schickte sich da bereits zu einem neuen Unternehmen an, dem alle Kraus-Leser viel verdanken. Dies ist die "Bibliothek Janowitz", benannt nach dem Lebensort der von Kraus geliebten Sidonie von Nádherny, Bezeichnung eines über verschiedene Verlage sich erstreckenden Ensembles von Texteditionen und Studien. Die umfangreicheren Arbeiten erscheinen bei Wallstein, die essayistischen oder spezialmonographischen Untersuchungen im mittlerweile fast berühmt zu nennenden Kleinverlag von Ulrich Keicher in Warmbronn. Der jüngste Band der Bibliothek Janowitz trägt nun den Titel "Aus großer Nähe", und der Untertitel erläutert: "Karl Kraus in Berichten von Weggefährten und Widersachern". Es ist ein außerordentlich reichhaltiger und aufschlussreicher Band, in dem viel Geduld, Arbeit und Jagdglück stecken, wie vor allem bisher unveröffentlichte Texte zeigen, darunter als bedeutendstes Ineditum die Aufzeichnungen der langjährigen mütterlichen Freundin Helene Kann. Das Quellenverzeichnis wird zu einem vierzig Seiten starken biographischen Kompendium.

Der Titel scheint auf das Paradoxon anzuspielen, dass man aus der großen Nähe nur Facetten sieht, kein Gesamtbild. Ein Reiz des Bandes liegt in dieser widerspruchsvollen Facettierung. Der Kreis von Freunden, Feinden und gelegentlichen verunsicherten Passanten, die hier zu Worte kommen, ist groß. Er umfasst - um nur wenige Namen anzuführen - Canetti, Ludwig von Ficker, Chargaff, Klaus Mann, Alban Berg, Kokoschka, Krenek, Paul Engelmann (in persona die Verbindung zwischen Kraus und Wittgenstein), Kurt Wolff, Brecht ("ein großer Mensch, der Kraus, aber im Ernstfall wird man ihn doch an die Wand stellen müssen"), Endre Ady (in "Nyugat" 1913), Benjamin, Scholem; unter den Antagonisten Rilke, Schnitzler und Musil. Letzterer formuliert vielleicht die bedeutendste Gegnerschaft - neben der zutiefst existentiellen Verwerfung Kraus' durch den erst hingerissenen Canetti, der befürchtete, sich, "die Fackel im Ohr", selbst aufzugeben.

Kleinste Geschichten können hier durch einen Satz etwas Epochales bekommen. Wichtige Hinweise zur Lektüre der Werke ergeben sich en passant: Man erfährt, dass der Optimist, der in so vielen Szenen der "Letzten Tage der Menschheit" im Gespräch mit dem Nörgler (der Figuration von Karl Kraus selbst) durch Wien geht, viel von Adolf Loos hat. Manches ist sehr lustig - wenn Else Lasker-Schüler Kraus unbedingt eine selbstgefertigte Papierkrone bringen möchte und von dem den Tagesschlaf des Nachtarbeiters hütenden Hausmeister zurückgewiesen wird: Niemand darf zu Herrn Kraus. "Ich bin der Prinz von Theben und ich muss zu ihm." - "Und wann's der Prinz von Mödling san . . ."

Die Anekdote ist eine wohl unterschätzte Form, die in der "Fackel" ihre eigene Rolle spielt. So könnte man an jene anekdotisch zitierten Sätze erinnern, deren hohe Komik diese Zeitschrift interpunktiert, etwa "Irma - ich bitte!" (der österreichische Botschafter in Rom weist seine Frau auf den Petersdom hin) oder den lakonischen Kommentar eines Fiakerkutschers, dessen Pferd soeben ein Schaufenster zertrümmert hat: "Jung is er halt!" Für Kraus hatten solche Sätze kognitiven Wert, er verwandte sie zur satirischen Illustration eines geistigen Phänomens. Der Plan des Übersetzers und Schriftstellers Sigismund von Radecki (dem viele der schönsten Texte dieses Bandes zu verdanken sind), Kraus-Anekdoten zu sammeln, wurde von Karl Kraus selbst interessiert verfolgt. Hier wird er als ferner Umriss eingelöst. Die Texte sind in einer Verflechtung von Chronologie und thematischer Gruppierung ("Musik"; "Natur") angeordnet. Sie ersetzen keine Biographie, deuten aber den Weg an, den eine solche nehmen müsste, von der Ausgelassenheit des radikalen Eifers der frühen "Fackel" bis zur Bitternis des graduellen Verstummens angesichts der monströsen dreißiger Jahre.

Anekdoten vermögen vieles. Ein kleines Beispiel: Kraus war ein unnachsichtiger Gegner politischer Angriffe, die den Gegner durch Enthüllung seiner sexuellen Neigungen stellen wollen. Zu den Fällen, die ihm Gelegenheit gaben, seinen Abscheu vor dieser Vermengung des Öffentlichen und des Privaten zu formulieren, gehört neben Maximilian Hardens notorischen Versuchen, antiwilhelminische Politik durch Homosexuellenschnüffelei zu betreiben, "Der Fall Kerr" (1911). Hier ging es um eine Attacke auf den reaktionären Berliner Polizeipräsidenten in der Zeitschrift "Pan": Dieser Herr von Jagow hatte sich um die Schauspielerin Tilla Durieux bemüht, die Gattin des Kunsthändlers und Verlegers Paul Cassirer; Alfred Kerr verspottete ihn genüsslich.

Kraus beginnt nun: "In Berlin wurde kürzlich das interessante Experiment gemacht, einer uninteressanten Zeitschrift dadurch auf die Beine zu helfen, dass man versicherte, der Polizeipräsident habe sich der Frau des Verlegers nähern wollen." Er spricht vom "mediokre(n) Behagen über einen Zeremonienmeister, der durch eine Orangenschale zu Fall kommt", und schreibt, "dass man Schutzmannsbrutalitäten verabscheuen und gleichwohl das Gewieher über den ausgerutschten Präsidenten verächtlich finden kann". Der Ausrutscher auf dem Terrain der Erotik geht keinen Leser des "Pan" etwas an. Liest man nun, das Zitat im Ohr, in Pfäfflins Sammlung eine Geschichte Radeckis, kommt ein Punkt, wo sich Anekdotisches und Begriffliches berühren. Radecki hat einen Ethnologen kennengelernt und berichtet Kraus von dessen Forschungen in Neuguinea. ",Worüber lachten denn die Steinzeitmenschen?' fragte Kraus. ,Sie lachten, wenn jemand auf einer Bananenschale ausrutschte, und dann auch über erotische Dinge.' - ,Also derselbe Sauhaufen!' sagte Kraus."

"Das eigentlich Wichtige über bedeutende Menschen erfährt man nie" - mit dieser Warnung von Werner Kraft (dem großen Schüler und Exegeten von Kraus) schließt Pfäfflins Nachwort, und er selbst fügt vielsagend hinzu: "Das war zu beweisen." So vieles also hier zu finden ist, so vieles Wichtigeres bleibt uns notwendigerweise verborgen. Aber mögen wir uns auch weiterhin fragen, wer Karl Kraus war, wir wissen, was er war. Auf der hinteren Umschlagseite des Buches wird Alfred Polgar zitiert. Er sagte im Nachruf 1936 von Kraus: "Er war Hüter im Bezirk des Geistes, eifervoll bis zum Berserkerhaften im Attackieren und Abweisen derer, die ihm den geheiligten Bezirk zu verunreinigen schienen . . . Der Sache, an die er glaubte, diente er als ebenso treuer wie tyrannischer Diener." Es war die Tyrannis dessen, der liebend und hassend begriffen hatte, was die Sprache für uns ist. Dieses schöne Buch, das Kraus aus der großen Nähe der Zeitgenossenschaft zeigt, sollte ihm viele neue Leser verschaffen, die sich nicht scheuen, in das Labyrinth seiner Widersprüche am Ariadnefaden der Sprachverliebtheit vorzudringen.

Friedrich Pfäfflin (Hrsg.): "Aus großer Nähe". Karl Kraus in Berichten von Weggefährten und Widersachern. Wallstein Verlag, Göttingen 2008. 480 S., geb., 39,90 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Mit hohem Lob bedenkt Jens Malte Fischer diesen von Friedrich Pfäfflin herausgegebenen Band mit Texten über Karl Kraus. Er schätzt die Edition der teils bislang unveröffentlichten Berichte von rund 120 Zeugen wie Canetti, Brecht, Werfel, Kerr, Helene Kann und vielen mehr als ebenso beispielhaft wie klug. Überzeugend scheint ihm die Mischform von chronologischer und thematischer Anordnung der Berichte. Neben Bekanntem über Kraus findet er darin auch viel "Entlegenes und Neues". Sie vermitteln für ihn ein lebendiges Bild der öffentlichen wie privaten Person von Kraus und zeigen dabei eben nicht nur den gehassten und geliebten sprachmächtigen Polemiker und Satiriker, sondern auch den mitfühlenden, liebenswürdigen, herzlichen Freund, der Kraus auch sein konnte. Besonders berührt hat Fischer der Text von Helene Kann, die Kraus' letzte Monate und Wochen beschreibt.

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