Aufstand - Polk, William R.

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Der renommierte Historiker und Experte für den Nahen und Mittleren Osten William Polk nimmt uns in seiner Untersuchung mit auf einen kurzen und erkenntnisreichen Rundgang durch die Geschichte der Aufstände. Er analysiert ein Dutzend Guerillakriege, vom Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg bis zu den Widerstandsbewegungen im Irak und in Afghanistan. Trotz ihrer hohen menschlichen und materiellen Kosten war und sind "Aufstände" offenbar das Mittel der Wahl, um die politische Verfügungsgewalt über das eigene Territorium (wieder)zu erlangen. Warum sie entstehen, welche wiederkehrenden sozialen,…mehr

Produktbeschreibung
Der renommierte Historiker und Experte für den Nahen und Mittleren Osten William Polk nimmt uns in seiner Untersuchung mit auf einen kurzen und erkenntnisreichen Rundgang durch die Geschichte der Aufstände. Er analysiert ein Dutzend Guerillakriege, vom Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg bis zu den Widerstandsbewegungen im Irak und in Afghanistan. Trotz ihrer hohen menschlichen und materiellen Kosten war und sind "Aufstände" offenbar das Mittel der Wahl, um die politische Verfügungsgewalt über das eigene Territorium (wieder)zu erlangen. Warum sie entstehen, welche wiederkehrenden sozialen, politischen und kulturellen Bedingungen dabei zu beobachten sind, welche typischen Phasen solche Bewegungen durchlaufen und warum Bemühungen, diese Art von Rebellion niederzuschlagen regelmäßig scheitern, sind Fragen, die William Polk erstmals systematisch-vergleichend beantwortet. Seine Schlussfolgerungen sind nicht nur hochaktuell und relevant für die Politik der internationalen Gemeinschaft,
sondern auch für das Engagement deutscher Truppen in den "Krisengebiete" der Welt.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hamburger Edition
  • Seitenzahl: 340
  • 2009
  • Ausstattung/Bilder: 2009. 340 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 224mm x 151mm x 30mm
  • Gewicht: 410g
  • ISBN-13: 9783868542103
  • ISBN-10: 3868542108
  • Artikelnr.: 26464903
Autorenporträt
William R. Polk lehrte bis 1961 Geschichte und Politik des Mittleren Ostens an der Harvard University, bevor er als Berater für den Mittleren Osten und Nordafrika ins Policy Planning Council des amerikanischen Außenministeriums berufen wurde. Polk wechselte 1965 auf einen Lehrstuhl für Geschichte an der University of Chicago und wurde dort Gründungsdirektor des Center for Middle Eastern Studies. Zu seinen zahlreichen Buchveröffentlichungen zählen »The Birth of America«, »Understanding Iraq«, The United States and the Arab World« und »The Elusive Peace«.
Rezensionen
Besprechung von 09.12.2009
Wer vertritt das Eigene? Und wer ist der Fremde?

Hat der Westen in Afghanistan schon so viele Fehler gemacht, dass die Niederlage unvermeidlich ist? William Polk rechnet mit den politisch-kulturellen Borniertheiten von Aufstandsbekämpfern ab.

Für die Afghanistanstrategie der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten hat William Polk keine gute Nachricht: Die vergleichende Analyse ähnlicher Aufstände zeigt, dass es für den Westen am Hindukusch so gut wie keine Erfolgsaussichten gibt, selbst dann nicht, wenn die Nato-Truppen in einer direkten Konfrontation mit den Kampfverbänden der Taliban siegreich wären. Die bewaffnete Auseinandersetzung stellt nach Polks Auffassung nämlich die unwichtigste der drei Komponenten eines Aufstands wie seiner Bekämpfung dar. Viel größeres Gewicht kommen der Politik und der Verwaltung zu, und hier habe der Westen die Auseinandersetzung in Afghanistan längst verloren.

Die in den ersten zwei Jahren des Afghanistan-Engagements gemachten Fehler seien nicht wiedergutzumachen, so Polk, und deswegen werde die von General David Petraeus und anderen entwickelte neue Strategie der Aufstandsbekämpfung nur in eine weitere Niederlage führen. Polks Ratschlag lautet darum, der Westen solle seine militärische Präsenz in Afghanistan so schnell wie möglich beenden und zusehen, dass er mit dem sich dann dort durchsetzenden Regime politisch vernünftige Beziehungen entwickele. So spare man Geld und Menschenleben.

William R. Polks Empfehlungen haben Gewicht. Polk gehört zu jenem Typus politischer Wissenschaftler, wie es ihn nur in den Vereinigten Staaten gibt: Von der Universität ist er während der Kennedy-Ära in die unmittelbare Politikberatung gegangen, um dann wieder in die universitäre Forschung und Lehre zurückzukehren und sich danach erneut als Experte für die arabische Welt und den Mittleren Osten in die Beratungsverantwortung nehmen zu lassen. Vor allem freilich gründet sich Polks Ruf darauf, dass er bereits 1963 in einem Vortrag am National War College die Niederlage der Vereinigten Staaten in Vietnam vorausgesagt hat.

Die Überlegungen, die seiner damaligen Prognose zugrunde lagen, hat Polk nunmehr auf ein gutes Dutzend Aufstandsbewegungen angewandt und ist dabei zu dem Ergebnis gekommen, dass die entscheidende Auseinandersetzung politisch sei und um die Identifikation der Ordnungsmacht als "fremd" geführt werde. Ist es den zunächst wenigen Rebellen erst einmal gelungen, sich selbst als die Verteidiger des Landes sowie seiner Sitten und Gepflogenheiten zu etablieren, während die Gegner als Fremde markiert werden, die von außen kommen und die Eigenheiten des Landes zerstören, haben sie den entscheidenden Schritt zum Sieg bereits getan. Und das ist nicht selten der Fall, bevor die bewaffnete Auseinandersetzung ihren Höhepunkt erreicht hat.

Die Kontroverse um die Frage, wer das Eigene vertritt und wer der Fremde ist, wer für das "Innen" steht und wer "von außen" kommt, ist die entscheidende Auseinandersetzung eines Aufstandes, und es gehört seit dem späten 18. und frühen 19. Jahrhundert zu den Borniertheiten der Aufstandsbekämpfer, dass sie diese politische Front nicht hinreichend beachten und stattdessen alle Energie auf die militärische Auseinandersetzung konzentrieren. Polks erstes Beispiel dafür ist die britische Strategie gegen den Siedleraufstand in den Neuenglandstaaten, aus dem schließlich die Vereinigten Staaten hervorgegangen sind. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass gerade die Amerikaner die ausschlaggebenden Faktoren ihres Siegs im Unabhängigkeitskrieg nicht begriffen und den Erfolg der Kontinentalarmee George Washingtons zugeschrieben haben, die doch eigentlich alle großen Schlachten gegen die Briten verloren hat.

Die Anführer eines Aufstands haben demnach durchaus die Chance, militärisch zu verspielen, was sie politisch bereits gewonnen haben, und sie tun das, wenn sie ihre militärischen Fähigkeiten überschätzen und einen Krieg, den sie zwangsläufig durch seine Dauer gewinnen, abkürzen wollen, indem sie die Entscheidung auf dem Schlachtfeld suchen. Titos Partisanen im Zweiten Weltkrieg stellen hier eine absolute Ausnahme dar, bei der zu beachten ist, dass der Partisanenkrieg in Jugoslawien Bestandteil einer kontinentalen Auseinandersetzung war, weswegen die in ihm gemachten Erfahrungen nicht generalisiert werden können. Der Amerikaner George Washington und der Nordvietnamese Vo Nguyen Giap haben durch militärische Unbedachtheit ihre Aufstandsbewegungen an den Rand einer Niederlage gebracht. Was sie gerettet hat, war der Umstand, dass die militärische Niederlage durch nichtintendierte Effekte zum politischen Sieg wurde. Auch die französischen Fallschirmjäger hatten die Schlacht um Algier gewonnen, aber durch die angewandten Methoden, wie etwa Folter, den Krieg politisch verloren.

Neben der politischen Auseinandersetzung um die Position des Autochthonen, wie Carl Schmitt dies in seiner "Theorie des Partisanen" genannt hat, und der Stigmatisierung der Aufstandsbekämpfer als "Fremde", wie sie Polk vor allem herausstellt, spielt der Kampf um die Kontrolle beziehungsweise Loyalität der lokalen Verwaltung eine entscheidende Rolle; für Polk ist sie jedenfalls wichtiger als die bewaffnete Auseinandersetzung. So hatten die Vietminh beziehungsweise Vietcong systematisch die örtlichen Honoratioren und die von der Regierung eingesetzten Verwaltungsbeamten ermordet und so Autorität und Kompetenz der Ordnungsmacht von unten her zerstört.

Vergleichbares beschreibt Polk für den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, wo der eigentliche Feind der Rebellen gegen die britische Herrschaft die Loyalisten im eigenen Land waren. Als der Krieg zu Ende ging, waren um die hunderttausend gegenüber der britischen Krone loyale Siedler geflohen oder getötet worden. Auf die Übergriffe gegen die ihnen treuen Untertanen hatten die Briten mit militärischen Repressionen reagiert, und dadurch waren sie mehr und mehr zu Fremden geworden, während diejenigen, die das hätten verhindern können, in die Minderheit gerieten und vertrieben wurden. Eine ähnliche Entwicklung kann Polk in der Guerrillabewegung von 1808 bis 1813 in Spanien beobachten.

Gibt es aber nicht doch eine Reihe von Beispielen, bei denen die Aufstandsbekämpfung erfolgreich gewesen ist? In der Literatur werden üblicherweise der Mau-Mau-Aufstand in Kenia und die gescheiterte Rebellenbewegung in Malaysia angeführt. Der britische Feldmarschall Templer hat dafür die Formel "Winning hearts and minds" geprägt, die heute das Mantra der Terrorismus- und Partisanenbekämpfung darstellt. Aber auch in Kenia war schließlich die Entlassung aus dem britischen Empire nicht zu vermeiden, und in Malaysia wurde der Aufstand wesentlich von der chinesischen Minderheit im Lande getragen, die sich leicht in die politisch tödliche Rolle der Fremden drängen ließ.

Und die griechischen Partisanen nach dem Zweiten Weltkrieg? Polk macht für ihre Niederlage die politische Isolierung gegenüber dem Ostblock, die Schließung der Grenze zu Jugoslawien und die politische Spaltung der Aufstandsbewegung verantwortlich. Gibt es eine Erfolgsstrategie der Aufstandsbekämpfung, dann läuft sie auf die politische Spaltung der Rebellen hinaus, die dadurch ihre Rolle als Verteidiger des Eigenen verlieren.

Hier müsste auch eine Polks Beobachtungen und Hinweisen folgende Afghanistanstrategie ansetzen. Mit dem Begriff der "gemäßigten Taliban" ist vor geraumer Zeit ein Versuch dazu unternommen worden. Darin liegt nach wie vor die strategische Alternative zu einer weiteren Truppenverstärkung, die, selbst wenn sie militärisch Erfolge zeitigt, die entscheidenden Probleme nicht zu bearbeiten vermag. In Polks vergleichender Untersuchung von Aufständen des 18. bis 20. Jahrhunderts lassen sich viele gute Gründe dafür finden, in Afghanistan nach anderen Lösungen zu suchen, als weitere Truppen zu schicken.

HERFRIED MÜNKLER

William R. Polk: "Aufstand. Widerstand gegen Fremdherrschaft". Vom Amerikanischen Bürgerkrieg bis zum Irak. Aus dem Englischen von Ilse Utz. Hamburger Edition, Hamburg 2009. 340 S., geb., 32,- [Euro].

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Besprechung von 30.01.2010
Kriege, die verloren werden
William R. Polk hat ein großes Werk über die Fremdherrschaft geschrieben und warum sie sich militärisch nicht verteidigen lässt: „Aufstand”
Im Sommer 1961 wurde William R. Polk Mitglied des Policy Planning Council des amerikanischen Außenministeriums. Sein erster Auftrag war die Leitung des interministeriellen Ausschusses, der sich mit dem algerischen Aufstand gegen die Franzosen befasste. Von 1962 an, kurz vor Beginn der Eskalation der amerikanischen Intervention in Vietnam, verbrachte er regelmäßig einen Teil des Tages damit, die Flut an Papieren über Indochina zu studieren, die auf seinem Schreibtisch landeten. Polk begann, sich systematisch mit Aufständen und Guerillakriegen zu beschäftigen. Als das National War College davon erfuhr, lud es ihn zu einem Vortrag ein. Vor der Abschlussklasse, die sich gerade auf den Krieg in Vietnam vorbereitete, legte er dar, dass der Guerillakrieg aus drei Elementen bestehe: Politik, Verwaltung und bewaffneter Kampf.
Polk war schon damals zu dem Schluss gelangt, die Vereinigten Staaten die politische Auseinandersetzung bereits verloren hätten. Denn Ho Chi Minh sei zur Verkörperung des vietnamesischen Nationalbewusstseins geworden. Das mache etwa achtzig Prozent der Auseinandersetzung aus. Zudem hätten die Vietcong den Verwaltungsapparat Südvietnams in einem solchen Umfang zerschlagen und so viele Beamte umgebracht, dass er nicht einmal mehr elementare Aufgaben erfüllen könne. Das mache nach seiner Schätzung weitere 15 Prozent aus. Da es also nur noch um die restlichen fünf Prozent gehe, hätten die Amerikaner schlechte Karten im bewaffenten Kampf.
Aufgrund der erschreckenden Korruptheit der südvietnamesischen Regierung, sah Polk die Gefahr, dass seine Landsleute auch hier nichts mehr würden ausrichten können. Daher versuchte er den vor ihm sitzenden Offizieren klarzumachen, dass der Krieg bereits verloren war. Es erscheint mehr als reizvoll, sich vorzustellen, was Polk heute der Abschlussklasse des National War College mit auf den Weg geben würde, die sich auf den Krieg in Afghanistan vorbereitet. Viel Phantasie braucht es dafür nicht. Denn der heutige Lehrstuhlinhaber für Geschichte an der University of Chicago und Gründungsdirektor des dortigen Center for Middle Eastern Studies hoffte wie viele andere bereits gegen Ende der sechziger Jahre, Vietnam sei die letzte Lektion für die Amerikaner gewesen: Wie viele Soldaten und Zivilisten auch getötet werden, wie viel Geld auch aufgebracht wird, wie viele wirksame und moderne Waffen auch eingesetzt werden, eine fremde Macht ist nach Polks Analyse nicht in der Lage, einen entschlossen geführten Aufstand militärisch niederzuschlagen – es sei denn durch einen Genozid. Und von einem solchen sah Polk die USA in Vietnam nicht weit entfernt: „Wir warfen mehr Bomben ab, als im Zweiten Weltkrieg von allen Streitkräften eingesetzt wurden, wir vergifteten und verbrannten große Teile des Landes und töteten ungefähr zwei Millionen Menschen. Und trotz alledem verloren wir den Krieg.”
Ist Afghanistan schon verloren?
Was in Bezug auf die Gegenwart noch viel nachdenklicher stimmen sollte, ist Polks vernichtendes Urteil über das aktuelle Verhalten seines Heimatlandes: „Wir lernten nichts aus Vietnam. Bis heute nicht.” Doch was gäbe es zu lernen? Bereits Mao Zedong und andere Guerillaführer geben nach Polks Beobachtungen eine Antwort: Die Kontrolle über ein Territorium hat für Guerillakämpfer und ihre Gegner eine vollkommen gegensätzliche Bedeutung. Wenn die Regierungstruppen ein Gebiet erobern, schaffen sie zugleich neue Ziele für die Guerillakämpfer. Um die Einrichtungen des Staates zu schützen, müssen die Sicherheitsorgane ihre Kräfte verteilen und in die Defensive gehen. Folglich können die Guerilleros an einer anderen Stelle ihre Kräfte bündeln und mit großer Wucht angreifen.
Wenn dagegen Guerilleros in ein Gebiet vorrücken, versuchen sie nicht, ihre Einrichtungen zu schützen, sondern die Kontrolle zu übernehmen und die Menschen für sich zu gewinnen. Um dies zu verhindern, müssen ihre Gegner zu repressiven und unpopulären Maßnahmen greifen. In Malaya und später in Vietnam wurde versucht, die Menschen zu isolieren, um sie von den Rebellen abzuschneiden.
Polk beschreibt, wozu dies im Extremfall führte: In Malaya hinderten die Briten Dorfbewohner sogar am Kochen, damit sie den Rebellen nichts abgeben konnten. In Kenia sperrten britische Sicherheitskräfte rund 150 000 Menschen in Lager. In Vietnam zwangen die Amerikaner beinahe die gesamte ländliche Bevölkerung, ihre Siedlungen zu verlassen und in Wehrdörfer zu ziehen. Polk zitiert die Herausgeber der „Pentagon Papers”, der von Verteidigungsminister Robert McNamara in Auftrag gegebenen, ursprünglich streng geheimen Vietnam-Studie: „In der langen Geschichte dieser Bemühungen war den Ergebnissen wie den Methoden eines gemeinsam: das totale Scheitern.”
Afghanistan ist für Polk ein Fall, in dem es weder den Guerillakämpfern noch ihren Feinden gelungen ist, Organisationsstrukturen außerhalb kleiner autonomer Gebiete oder einzelner Dörfer aufzubauen. Dies galt vor allem während des Widerstands gegen die Sowjetunion. Die fehlende Einheit des Landes machte es den Sowjets unmöglich, die Guerilla zu besiegen, machte es aber auch den Guerillakämpfern unmöglich, die Sowjets zu besiegen. Übrig blieben die Warlords, die nach dem sowjetischen Abzug einen Großteil Afghanistans zerstörten und damit den Boden für die Taliban bereiteten. Eine Hinterlassenschaft, die noch immer prägenden Einfluss auf Gesellschaft und Politik hat.
Da dort nun die blutigen Lehren Amerikas aus dem dritten Golfkrieg Anwendung finden sollen, analysiert Polk das „Counterinsurgency Field Manual” des amerikanischen Generals David H. Petraeus, der als Kommandeur des Central Command für die Operationen im Irak wie in Afghanistan zuständig ist. Nicht zuletzt die international viel gelobte Hauptthese des Feldhandbuches, von den Soldaten und Marines werde erwartet, dass sie sowohl kämpfen als auch an der Staatsbildung mitwirken, hinterfragt Polk vor dem Hintergrund der von ihm untersuchten Aufstände vom Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg bis zum Irak: „Ist diese Aufgabe jemals von einer fremden Macht erfüllt worden?”
Lauter glatte Fehlschläge
Seine Antwort fällt angesichts der historischen Erfahrungen gerade der Amerikaner ernüchternd aus: Seit der Gründung der Vereinigten Staaten sind amerikanische Streitkräfte mehr als zweihundertmal zu Kämpfen ins Ausland geschickt worden. Allein in jüngerer Zeit haben sie sechzehnmal versucht, einen Staat aufzubauen, einen Regimewechsel zu erreichen oder das Überleben eines Regimes zu sichern. Doch nach einer Studie der Carnegie-Stiftung waren elf dieser Versuche „glatte Fehlschläge”. Nur zwei, Deutschland und Japan, können als Erfolg gewertet werden, während zwei andere, Grenada und Panama, lediglich als „wahrscheinlich erfolgreich” gelten.
Das Handbuch von General Petraeus stellt nicht zu Unrecht fest, dass die „politische Macht die zentrale Frage bei Aufständen und ihrer Bekämpfung ist; jede Seite will die Menschen dazu bringen, ihre Regierungstätigkeit oder Autorität als legitim anzuerkennen”. Auch hier fragt Polk beinahe schon rhetorisch, ob dies ein für eine fremde Macht erreichbares Ziel sei. In der Geschichte hat er ein solches Beispiel vergebens gesucht: Selbst wenn die fremde Macht einen einheimischen Verbündeten wie im Fall Vietnam hatte, wurde dieser durch seine Verbindung mit der fremden Macht diskreditiert und jene keineswegs von den Einheimischen legitimiert. Im Gegenteil: Sowohl die Fremden wie auch ihre einheimischen Verbündeten werden in der Regel als Kräfte betrachtet, die einen zerstörerischen Einfluss auf die nationalen Belange und die Kultur des jeweiligen Landes ausüben. Selbst gutgemeinte Programme scheitern oftmals am einheimischen Nationalismus.
Das verdeutlicht Polk bereits am spanischen Aufstand gegen Napoleon: Zwar hätten die Franzosen den Spaniern durchaus etwas Gutes tun wollen – die Gesellschaft offener, produktiver und gerechter gestalten. Aber das spanische Volk habe diese Zielsetzungen als unwichtig bewertet, gemessen an seinem Drang nach nationaler Unabhängigkeit. Warum sollten heute Iraker oder Afghanen dazu eine andere Einstellung haben? Polk vermisst darauf nicht nur im Handbuch von General Petraeus eine Antwort. Vielmehr hat ihn die Geschichte der Aufstände gelehrt, wie unwahrscheinlich es ist, dass Fremde jemals das für eine erfolgreiche Aufstandsbekämpfung notwendige Element auf ihrer Seite haben werden. Wer im Westen will nach acht verlustreichen Jahren in Afghanistan noch dagegen wetten? THOMAS SPECKMANN
WILLIAM R. POLK: Aufstand. Widerstand gegen Fremdherrschaft – vom Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg bis zum Irak. Hamburger Edition, Hamburg 2009. 340 Seiten, 32 Euro.
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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Rolf Wiggershaus schätzt dieses Buch über mehr als zwei Jahrhunderte der Geschichte von Aufständen gegen Fremdherrschaft, das der US-amerikanische Historiker William F. Polk vorgelegt hat. Glänzend scheint ihm die Verbindung von prägnanter Beschreibung des Wesens von Aufständen und nuancierter Analyse einzelner Beispiele - vom spanischen Guerillakrieg gegen Napoleon über den Unabhängigkeitskampf der Iren und die vietnamesischen Befreiungskämpfe bis hin zum Irak. Auch die Analyse der verschiedener Elemente und Phasen von Aufständen findet Wiggershaus überaus erhellend. Insgesamt attestiert er Polk, den er als einen "unbestechlichen Autor" würdigt, eine Fülle von Einsichten über Aufstände, Terror und Guerillakrieg zu vermitteln.

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