Produktdetails
  • Verlag: DuMont Buchverlag
  • ISBN-13: 9783832178246
  • ISBN-10: 3832178244
  • Artikelnr.: 20858803
Rezensionen
Besprechung von 29.12.2006
Ein Weekend in der Hölle
Houellebecq für Anfänger: Benjamin Berton provoziert am Pool

Éléonore Caribou, Consultingfrau bei Ernst & Young, ist jung, sexy, intelligent und erfolgreich, aber auch einsam, "verzweifelt underfucked" und überarbeitet. Beim Power-Napping in der Bürotoilette erscheint ihr das Arbeitsleben bereits als "ermüdendes Theater, in dem derjenige, der kacken müßte, selber zum Scheißhaufen wird". Keine Frage, Nanou braucht Urlaub, selbst wenn in ihren Kreisen schon ein freies Wochenende als wirtschaftsethische Todsünde gilt. Immerhin will die "großartige Persönlichkeit" nicht mit der Unterschicht in der sozialen Hängematte herumhängen, sondern sich in einer Villa an der Côte d'Azur eine standesgemäße Sause mit ehrgeizigen, jungen Führungskräften, kaltherzigen Liquidatoren und "atemberaubend attraktiven" Zicken wie Sylvie gönnen. "Meine Aufgabe als Berichterstatter", verkündet der Autor umständlich, "besteht darin zu erzählen, was sich in jenen Tagen ereignet - und wenn ich ordentlich dick auftrage, was soll's -, damit Sie dadurch etwas erfahren, wie junge Frauen heute leben, und auch, weil ich Ihnen Freude bereiten will."

Offen bleiben muß, inwiefern ein verlängertes Wochenende voller "Lebensüberdruß" und "Daseinsleere", homo-, metro- und parasexuelle Orgien, Gewaltexzesse, Körperpflege und gepflegte Langeweile am Pool Freude bereiten können. Das Autorenfoto zeigt einen blassen, hilflos artigen Franzosen, und so haben sich denn auch gleich der deutsche Verlag und der Übersetzer Michel Houellebecqs des Falles angenommen. Die "Sittengeschichte einer vergnügungssüchtigen Business-Class", aufgeputscht mit Ecstasy, Pasolini und de Sade, hat uns gerade noch gefehlt. Daß Berton Politikwissenschaftler ist und in einer Pariser Sozialbehörde arbeitet, macht alles noch schlimmer. Wenn er sich, ganz auktorialer Erzähler von altem Schrot, in hölzernen Kommentaren und direkten Leseransprachen über seine arroganten Schnösel ("Das Böse herrscht im Berufsleben ebenso wie im Horrorfilm, ohne jede Subtilität, ungeschminkt, und trotz der besseren materiellen Bedingungen besudelt es die Wirtschaftswelt wie ein fetter Pinsel einen breiten, speckigen Hintern"), die "Versklavung des Volks" durch Fernsehjournaille und Stars ("Wo ist die Qualität geblieben? Wo Schönheit und Stil?") oder den frauenfeindlichen Konsum- und Modeterror ereifert, sehnt man sich fast nach Houellebecqs fischblütigem Zynismus.

Überraschenderweise hat "Am Pool" aber auch "qualitätvolle Momente". Zwar malt Berton sein Sittenbild der neoliberalen jeunesse dorée mit dem fetten, vor Abscheu und Empörung triefenden Pinsel eines Zola; aber je detaillierter er Dekadenz und Demütigungen beschreibt, desto surrealer und zweideutiger wird sein sozialkritischer Realismus. Der Ausflug der Clique in eine Nobeldisco etwa beginnt harmlos als danteske Höllenfahrt und steigert sich unversehens zu einer Feier rauschhafter Selbstverschwendung und bizarrer Todeslust, als habe Georges Bataille zu dick aufgetragen; die monströse Charity-Party in einer Villa am Strand zitiert und übertrifft in ihrer "Grausamkeit ohne Scham" alle Orgien von Gilles de Rais bis "Eyes Wide Shut"; selbst für die an sich gutmütige Nanou ist ein Mordanschlag auf Sylvie nur ein legitime Form mikroökonomischer Marktbereinigung.

So steckt hinter jeder Fratze ein bocksbeiniger "Schakalgott", hinter jedem Ferienvergnügen ein profaner Mythos. Bertons heiliger Zorn scheint noch das einzig Echte und Schöne in einer häßlichen Welt voller Fakes und Silikonbrüste: "Voilà, das ist aus unserer schönen Riviera geworden: eine Luxus-Fickbude für Bankiers, Künstler, Schriftsteller." Nanou mit ihrem kleinen Bäuchlein, ihren Depressionen und Reflexionen ist dem freien Wettbewerb selbstsicherer Luxuskörper nicht gewachsen; der Wüstling, Moralist und Frauenversteher Berton nimmt sie zärtlich an der Hand und führt sie fast unversehrt ins Glück.

Ist das höhnische Satire oder grimmiges Pamphlet, subversive Guerrilla-Werbung für die Hölle oder Marketing in eigener Sache? Will Berton, wie einst Godard, eine abgewirtschaftete Bourgeoisie im "Weekend" an die Wand fahren lassen, oder hat er Mitleid mit ihr? Offenbar sind seine treuherzigen Moralpredigten und faden Gesellschaftsanalysen ernst gemeint; nur wenn er "die extreme geistige Dürftigkeit" seiner Helden beklagt ("An Romanfiguren aus diesem Milieu dürfte man schon einen höheren Anspruch haben"), blitzt so etwas wie grimmiger Humor auf.

Bertons erster Roman "Wildlinge" war ein unsentimentales Pubertätsdrama von ganz unten. "Am Pool", am anderen Ende der Gesellschaft angesiedelt, verbindet auf irritierende Weise Hyperrealismus mit schwarzen Grotesken und trostlosen Klischees, unsägliches Geschwafel mit präzisen, fast reportagehaften Beschreibungen sozialer Sprach- und Verhaltensmuster. Im Anhang - er enthält neben den Lebensläufen der angehenden Elite auch soziologische Tortendiagramme zur relativen "Lebenszufriedenheit leitender Angestellter" - heißt es kryptisch: "Kein Ereignis, Vorfall, Preis, Geschlechtsakt, Klima, Protagonist, keine Marke, Aktiengesellschaft, Musikaufnahme, Stadt oder Kritik darf mit der möglichen Realität zur Zeit ihrer Schilderung verwechselt werden"; wenn der Autor Figuren des öffentlichen Lebens auftreten lasse, dann nicht, um ihre Lebensweise zu diskreditieren, sondern um "die Lektüre zu erleichtern". Raffiniertes Spiel, alberne Provokation oder einfach nur Sozialkitsch? Den Wunsch, seinem Roman "mit der nötigen Prise Verachtung und Distanz zu begegnen", wird man Berton kaum abschlagen können.

MARTIN HALTER

Benjamin Berton: "Am Pool". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel. DuMont Verlag, Köln 2006. 272 S., geb., 19,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr
Besprechung von 13.02.2007
Sollte man sein Dasein in Frage stellen?
Eine fleißig nutzlose Klasse stellt sich bohrende Fragen: Benjamin Bertons soziologischer Roman „Am Pool”
„Am Pool” ist kein schlechter Titel für diesen Roman, aber „Classe affaires” trifft die soziologischen Intentionen des Buchs besser. Wie aber soll man den Originaltitel ins Deutsche übersetzen: „Die Affärenklasse” oder eher „Die Klassenaffäre” oder vielleicht „Die Klasse Affäre”? Nein, das funktioniert alles nicht, also hat es mit dem Pool, an dem sich die „classe affaires” vorzugsweise in der Freizeit versammelt, schon seine Richtigkeit. Der junge französische Autor Benjamin Berton hat – schon 2001 – einen Roman geschrieben, der sich wie eine Verlängerung von Pierre Bourdieus Untersuchungen zu den „feinen Unterschieden” der französischen Gesellschaft liest. Nicht um die ganze Gesellschaft geht es Berton, dem studierten Politologen, sondern um jenes Segment, dessen hervorstechendes Merkmal die Affäre zu sein scheint, und das kann sowohl Liebes- wie geschäftliche Affären betreffen. Um junge Leute aus der Beraterbranche geht es hier näherhin und um ihren eigenartigen Lebenswandel zwischen beruflicher Übersollerfüllung und privatem Wochenendexzess. Kokain, Sex und Kennzahlen, so ließen sich die vitalen Impulse der hier dargestellten Klasse umreißen, und dass es dem Autor um die Beschreibung eines bestimmten Milieus geht, macht ein Anhang deutlich, in dem, ganz im Stile Bourdieus, Kurzbiographien der Protagonisten gegeben werden.
Eléonore Caribou, die Hauptfigur des Romans, ist Wirtschaftsprüferin, 27 Jahre alt, ledig und arbeitet nach einem Studium der Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Personalmanagement nun bei Ernst&Young in Paris. Sie spricht Englisch, Deutsch und Französisch, und sie beherrscht Microsoft Outlook und MS Office. Ähnliches können auch die übrigen Romanfiguren – Auditoren, Finanzchefs, Verwaltungsbeamte und Journalisten – für sich beanspruchen: Sie sind jung, sie sind zielstrebig, ehrgeizig und angestellt, sie gehören zu den Erfolgreichen, die sich durchs selektive französische Bildungssystem nach oben gekämpft haben. Denkt man an Leute wie Eléonore, kommt einem schnell das „aufgeschobene Glück” in den Sinn, das nach Ansicht glücklicher Nicht-Angestellter ein Merkmal der Angestelltenklasse ist. Wie unglücklich ist Eléonore, und was könnte sie eventuell glücklich machen? Ihr Erfinder hält sie jedenfalls für erlösungsbedürftig; wobei die Erlösung weniger im Abschied von Ernst&Young läge, sondern in einem richtig guten Wochenende an der Côte d’Azur, das Elénores sexuelle Mangelerscheinungen lindern könnte.
Der heftige Kurzurlaub
Berton hat einen geschulten und scharfen Blick auf die Verhältnisse in den Büros, in denen junge Menschen Berufen nachgehen, die ihre Eltern nicht verstehen. Eléonore (auch Nanou genannt) ist eine tüchtige und zuverlässige Mitarbeiterin, aber immer wieder braucht sie eine Auszeit auf der Toilette, um sich in Ruhe mit bohrenden Fragen auseinanderzusetzen, die nicht nur ihr Leben, sondern das der ganzen Klasse berühren: „Muss man denn weiterleben, ohne das Heute zu genießen, oder sollte man sein Dasein in Frage stellen? Einen Laden gründen, dessen Kapitalmehrheit man selbst besitzt, oder eine etwas geselligere Lebensweise annehmen?” Und schlimmer noch: Was soll man tun, wenn man seit vier Monaten keinen Sex gehabt hat und sich zu Hause allenfalls mit den Zimmerpflanzen unterhält? Gegen beides hilft am ehesten ein Urlaubsantrag, ein unpopuläres Vorhaben zwar, denn bei Ernst&Young liebt man so etwas nicht. Irgendwie wird dem Antrag stattgegeben, und bald schon sehen wir Nanou am Flughafen Charles de Gaulle auf ihr Flugzeug nach Nizza wartend, das sie zu ihrem Ex-Liebhaber und einer Clique von vergnügungshungrigen Freunden bringen wird. Der heftige Kurzurlaub ist die gelebte Utopie im Leben der Angestellten, und nachdem man „aufgetankt” hat, wird man sich den Zumutungen des Büros erneut mit Frische stellen.
Was die Anforderungen des Büros mit denen der Freizeit kurzschließt, ist die Makellosigkeit des Körpers. Kommt es am Arbeitsplatz darauf an, sich perfekt gekleidet, geschminkt und, in der rechten Dosierung, erotisch attraktiv zu präsentieren, so setzen sich diese Imperative am Pool erst recht fort. Schon der Weg dorthin ist mit Überlegungen wie denen gepflastert, die Nanou im Duty-Free-Shop anstellt, als ihr ein Kostüm aus bordeauxrotem Jersey begegnet: „Die junge Frau ist hypnotisiert. Das Kostüm wird lebendig und öffnet eine Art reißverschlussförmigen Metallmund, mit dem es sagt: ‚He, komm schon, Schlampe, ich bin wie für dich gemacht‘”. Während Nanou noch aufs Einchecken wartet, ist anderswo ein noch unbekannter Märchenprinz dabei, seines Amtes zu walten. Aurousseau, ein blutjunger Adonis und Banker, besiegelt irgendwo in der Provinz das Schicksal einer Sägemühle und verbreitet dabei eine „Eiseskälte”, die seine Umgebung einschüchtert und ihn in einen Machtrausch versetzt. Dann setzt er sich in den Zug nach Süden, um seinen Körper ein wenig am Strand spazieren zu führen. Nanou, die Hungrige, wird seine Schönheit nicht übersehen.
Wenn Bourdieu der eine Pate dieses Romans ist, dann ist Houellebecq der andere. Es geht Berton offenkundig um eine wissenschaftlich-unbeteiligte und gleichzeitig die Dinge ins Monströse und Groteske steigernde Darstellung eines bestimmten hedonistischen und selbstbezogenen Lebensstils. Diese Darstellung gelingt Berton verblüffend gut, und sie hat insgesamt die Form einer Eskalation. Es beginnt mit den Paarungsritualen der jeunesse dorée am Pool, setzt sich fort in Drogenexzessen und Streitereien, ehe schließlich das Geschehen ins Unwirkliche umkippt. Da hat Nanou schon den schönen Banker Aurousseau getroffen und wird mit ihm Zeugin einer von ferne an Kubricks „Eyes wide shut” erinnernden Sexparty, bei der sich alle denkbaren Facetten einer irgendwie dekadent-gelangweilten Sexualität auftun.
Sexueller Ultra-Realismus
Und endlich, die Party ist vorüber und Nanou hat sich mit Aurousseau an den Strand zurückgezogen, ist auch sie am Ziel ihrer Wünsche. „Jetzt ist es an der Zeit zu ficken”, beginnt das Kapitel, und was dann folgt, ist eine so selten gelesene Vermischung von soziologischem Kommentar und sexuellem Ultra-Realismus, den man, wie den Roman insgesamt, wohl als Kritik an der „Classe affaires” zu verstehen hat. Gefühle sind ihr fremd, ebenso die Sorge um andere oder um die Gesellschaft, was herrscht, ist der krasse Konsum- und Leistungszwang, der das Arbeitsleben ebenso in seinem Griff hält wie die freie Zeit. Dass es am Ende des Romans Tote und Verletzte gibt, verstärkt noch seinen Zug ins Apokalyptische. Eine böse Angestelltendämmerung hat Benjamin Berton geschrieben, das Gruppenporträt einer dominanten Lebensform dieser Jahre.CHRISTOPH BARTMANN
BENJAMIN BERTON: Am Pool. Roman. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. DuMont Verlag, Köln 2006. 272 Seiten, 19,90 Euro.
Urlaubsanträge sind bei Ernst & Young zwar nicht gern gesehen, aber manchmal braucht man eine Auszeit an der Cote d’ Azur. Foto: Tina Hager/Agentur Focus
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
…mehr

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Recht gelungen findet Christoph Bartmann diesen "soziologischen" Roman von Benjamin Berton über eine Gruppe erfolgreicher junger Menschen aus der Beraterbranche. Die Intention des Romans betrachtet er als soziologisch-kritisch und fühlt sich bei der Lektüre dann auch an Pierre Bourdieu einerseits, an Michel Houellebecq anderseits erinnert. Er bescheinigt dem Autor einen präzisen Blick auf das ebenso hedonistische wie egoistische Leben junger Karrieristinnen und Karrieristen zwischen Koks, Sex und Kennzahlen. Die Darstellung der Verhältnisse in Büro und am Pool scheint ihm "wissenschaftlich-unbeteiligt" und zugleich "Dinge ins Monströse und Groteske steigernd". Besonders das Kapitel über eine heftige Sexparty hat ihn beeindruckt. Er würdigt es als kritisch gemeinte "selten gelesene Vermischung von soziologischem Kommentar und sexuellem Ultra-Realismus".

© Perlentaucher Medien GmbH