Alarmstufe 'Hornisse'
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Produktdetails
  • Verlag: Metropol
  • Seitenzahl: 464
  • Deutsch
  • Abmessung: 240mm
  • Gewicht: 735g
  • ISBN-13: 9783936411270
  • ISBN-10: 3936411271
  • Artikelnr.: 12204061
Autorenporträt
Torsten Diedrich ist Jahrgang 1956, Dr. phil., 1984/90 wissenschaftlicher Assistent am Militärgeschichtlichen Institut der DDR in Potsdam, seit 1990/91 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Militärgeschichtlichen Forschungsamt (MGFA), Potsdam; zahlreiche Veröffentlichungen zur Militärgeschichte der DDR.
Rezensionen
Besprechung von 16.06.2003
"Einen zweiten 17. Juni wird es nicht geben!"
Der Volksaufstand vor fünfzig Jahren aus der Perspektive aufgeschreckter Unterdrücker: Volkspolizei, Ministerium für Staatssicherheit und sowjetische Besatzungstruppen

Torsten Diedrich/Hans-Hermann Hertle (Herausgeber): Alarmstufe "Hornisse". Die geheimen Chef-Berichte der Volkspolizei über den 17. Juni 1953. Metropol Verlag, Berlin 2003. 464 Seiten, 21,- [Euro].

Roger Engelmann/Karl Wilhelm Fricke: Der "Tag X" und die Staatssicherheit. 17. Juni 1953: Reaktionen und Konsequenzen im DDR-Machtapparat. Edition Temmen, Bremen 2003. 346 Seiten, 17,90 [Euro].

Thomas Flemming: Kein Tag der deutschen Einheit. be.bra Verlag, Berlin 2003. 168 Seiten, 19,90 [Euro].

Guido Knopp: Der Aufstand. 17. Juni 1953. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2003. 303 Seiten, 24,90 [Euro].

Ilko-Sascha Kowalczuk: 17. 6. 1953: Volksaufstand in der DDR. Ursachen - Abläufe - Folgen. Edition Temmen, Bremen 2003. 311 Seiten, 1 CD, 19,90 [Euro].

Unter dem unmittelbaren Eindruck des Aufstandes mehrerer hunderttausend Menschen verlangte die "Hauptverwaltung Deutsche Volkspoliizei" des Ostberliner Innenministeriums von allen Bezirken ausführliche Berichte über lokale Ereignisse und Polizeieinsätze. Der Bezirkschef von Erfurt tischte daraufhin eine abenteuerliche - bis heute nicht verifizierbare - Geschichte über festgenommene Fallschirmspringer des "Klassenfeindes" auf, die der "Sowjet-Armee übergeben" worden seien. Außerdem prahlte er mit einem "auf Weisung einer höheren Dienststelle" am Abend des 17. Juni erlassenen Befehl Nr. 21/53. Darin hieß es: "Alle Provokateure, Saboteure, die sich im Laufe der Nacht und am morgigen Tage eines Angriffs auf Angehörige der Deutschen Volkspolizei, Staatsfunktionäre oder Herunterreißen von Emblemen der Deutschen Demokratischen Republik (z. B. Bilder von Wilhelm Pieck, Otto Grotewohl, des Genossen Stalin, sonstige Embleme und Transparente) schuldig machen, werden im Beisein der Massen erschossen, ohne Urteil." Allerdings dürfe "nicht wahllos in die Massen geschossen" werden. Von diesem Befehl habe die Erfurter Polizei keinen Gebrauch machen müssen, aber er habe wesentlich dazu beigetragen, daß sich viele "Provokateure und Rädelsführer ihre Handlungen überlegten".

Über das Erfurter Vorgehen geriet Volkspolizeichef Karl Maron auf der "I. Zentralen Konferenz der Deutschen Volkspolizei" einen Monat später in Rage: "So etwas hat es in der ganzen Weltgeschichte noch nicht gegeben, daß ein Polizeichef eines begrenzten Bezirkes praktisch das Standrecht im Quadrat für sein Gebiet verkündet." Gleichzeitig prangerte er "Feigheit und Kapitulantentum" solcher Polizisten an, die Pistolen und Gewehre "unter Gerümpel" versteckt oder in Waffenkammern sorgfältig verschlossen hätten, um bei Einsätzen "Zwischenfälle" zu vermeiden.

Marons Rede und sechzehn Berichte aus den Bezirken haben Torsten Diedrich und Hans-Hermann Hertle herausgegeben und mit einer gediegenen Einleitung versehen. Herausgestellt wird einerseits die Ohnmacht der fast 95 000 Mann umfassenden und schlecht ausgerüsteten Volkspolizei, andererseits die Selbstzufriedenheit Marons über den schwierigen Einsatz, als sich "ein Teil des werktätigen Volkes . . . von seinen eigenen erbitterten Feinden ins Schlepptau nehmen ließ". Von "irregeleiteten Arbeitern" sprach der oberste Schutzpolizeichef, dann davon, daß die Arbeiterschaft insgesamt noch nicht gelernt habe, "zwischen den Schwächen und Mängeln im Verfolg einer grundsätzlich richtigen Politik, die die Wahrnehmung ihrer grundsätzlichen Interessen zum Inhalt hat, und dem bewußten Verrat im Interesse der Großkapitalisten zu unterscheiden". Schließlich meinte Maron: "Einen zweiten 17. Juni wird es nicht geben, das können wir den amerikanischen Monopolherren und ihren deutschen Handlangern versprechen." Daher sollte die Volkspolizei personell und technisch besser ausgestattet werden. Diedrich und Hertle konstatieren die große "Furcht der Regierenden vor dem eigenen Volk" und bezeichnen die getroffenen Maßnahmen treffend als "Mobilmachung gegen das Volk".

Konnte sich die Volkspolizei noch darauf herausreden, daß die Bezirke nicht rechtzeitig vor den Protestbewegungen gewarnt worden seien, so übernahm das Ministerium für Staatssicherheit unfreiwillig-freiwillig die Rolle des Versagers an dem angeblich "von langer Hand vorbereiteten Tag X", der bald zum "faschistischen Putschversuch" hochstilisiert wurde. MfS-Minister Wilhelm Zaisser, ein Gegner des innerparteilich stark angeschlagenen SED-Parteichefs Ulbricht, verlor sogar seinen Posten, und das bisher eigenständige Ministerium wurde für zwei Jahre zu einem Staatssekretariat im Innenministerium "degradiert". Im Dokumentenanhang der wichtigen Studie von Roger Engelmann und Karl Wilhelm Fricke über die Nachwirkungen des Volksaufstandes werden die Selbstbezichtigungen Zaissers und seines Staatssekretärs Erich Mielke, der den jähen Sturz des Ministers unbeschadet überstand, auf dem 15. Plenum des Zentralkomitees der SED Ende Juli 1953 wiedergegeben. Zaisser beklagte das "niedrige Niveau" der Aufklärungsarbeit des MfS, den "völlig mangelhaften und ungenügenden Kontakt zu den Arbeitern" in den Betrieben und sogar die Tendenzen in seinem Ministerium, "sich über die Partei zu stellen, um einer Analyse des Versagens" auszuweichen. Mielke versicherte dann, daß es künftig um die "Stärkung der Partei" und die kollektive Führung gehe, über die sich der hochmütige Zaisser einfach hinweggesetzt habe. Mit Hilfe der Partei wollte Mielke die gemachten "Fehler auch überwinden". Dazu gehörte in Zusammenarbeit mit der DDR-Justiz vor allem auch die Verbreitung der Legende vom "konterrevolutionären Putsch" westdeutscher "Faschisten" und amerikanischer "Imperialisten" zur Vorbereitung der Wiedervereinigung am "Tag X". Dabei gestaltete sich die auf der Putsch-Lüge basierende Suche nach Drahtziehern als derart ausweglos, daß Zaissers Nachfolger Ernst Wollenweber Ende 1953 auf einer internen Konferenz zerknirscht eingestand: "Hier müssen wir feststellen, daß es uns bis jetzt noch nicht gelungen ist, nach dem Auftrag des Politbüros die Hintermänner und die Organisatoren des Putsches vom 17. Juni festzustellen. Es ist uns bisher nicht gelungen, diesen Auftrag zu erfüllen."

Phantome lassen sich bekanntlich schwer fangen. Daß die "Organisation Gehlen" auf der Phantomjagd durchaus mit dem MfS konkurrieren konnte, zeigen Schriftstücke der damals noch nicht in den Bundesdienst übernommenen, sondern in amerikanischen Diensten stehenden Pullacher Nachrichtenbeschaffer. Am 20. Juni vermutete beispielsweise einer von Reinhard Gehlens verschwörungstheoretisch geschulten Mitarbeitern, "daß es sich um von östlicher Seite inszenierte Aktionen mit dem Ziel handelt, die Wiedervereinigung im großdeutschen Raum zugunsten anderer wichtiger außen- oder innenpolitischer Absichten ins Rollen zu bringen", also im Klartext: ein kommunistisches Störmanöver gegen Adenauers Kurs der Westintegration und gegen die bundesdeutsche Aufrüstung: "Die Aktion ging jedoch über den gewünschten Rahmen durch das Eingreifen unvermuteter Widerstandskräfte hinaus."

Vorgeschichte und Verlauf des Volksaufstandes stehen im Mittelpunkt der mit reichhaltigen Bildmaterial und faksimilierten Schriftstücken ausgestatteten Bücher von Thomas Flemming, Guido Knopp und Ilko-Sascha Kowalczuk. Flemmings Resümee lautet: "Das Ulbricht-Regime drohte zu scheitern, als es Rationalisierungen in der Wirtschaft autoritär durchsetzen wollte. Daß die Arbeiter sich dies nicht gefallen ließen, spricht wiederum für das Selbstbewußtsein ebenjener Arbeiter, die am 16./17. Juni ihre Oberen beim Wort nahmen. Eine ,Arbeiter-und-Bauern-Regierung' hatte gefälligst für die Interessen der Arbeiter und Bauern zu sorgen oder sie hatte zu verschwinden." Der Protest gegen die Normerhöhung war nur der auslösende Anlaß für die Demonstrationen in der gesamten DDR, die auf den Sturz Ulbrichts, demokratische Freiheitsrechte und die Überwindung der Teilung gezielt hätten. Laut Flemming verleitet die bloße Menge der SED- und Stasi-Akten dazu, den 17. Juni als "Unterdrückungsgeschichte" zu erzählen. Dabei sei der Aufstand vor allem eine "Freiheitsgeschichte" gewesen - "und das bei den als notorisch obrigkeitshörig geltenden Deutschen". Der Volksaufstand "war offenbar kein Akt schierer Verzweiflung. Fotos und Filme zeigen - vor dem Eingreifen der Panzer - viele entspannte, oft fröhliche Gesichter. Da gingen durchaus selbstbewußte Menschen auf die Straße, die es ,denen da oben' einmal zeigen wollten."

Guido Knopp läßt die Zeitzeugen von der Stalinallee und anderswo zu Wort kommen. Der ZDF-Haushistoriker hebt hervor, daß der 17. Juni - trotz der beiden jungen Männer, die gegen 11 Uhr wagemutig vom Brandenburger Tor die rote Fahne herunterholten, die unter großem Jubel verbrannt wurde - "kein Aufstand gegen die sowjetische Besatzungsmacht gewesen" sei, "auch wenn das mancher Kalte Krieger im Westen später gern so interpretierte". Die sowjetischen Besatzer, die Ulbrichts Kragen und Regime retteten, wären nicht die "blutrünstigen Bestien" gewesen, "die alles niederwalzten, auch wenn das die westlichen Medien in den Jahren des Kalten Krieges gern behauptet haben. Aus einen T 34 ist an diesem Tag wahrscheinlich kein einziger Schuß gefallen . . . Der Einsatz der Panzer hatte mehr psychologische als militärische Gründe. Sie fuhren - sieht man vom Potsdamer Platz einmal ab - fast überall langsam genug, daß sich die Demonstranten in Sicherheit bringen konnten." Als die Situation in den Straßen Ostberlins eskalierte, hätten die sowjetischen Truppen "punktuell mit Maschinengewehren und kleineren Panzerfahrzeugen" geschossen, "doch - soweit heute bekannt - nur in den wenigsten Fällen gezielt: ,Sie haben nicht in uns reingeschossen, sie haben über die Massen hinweggezielt.' Da ist sich Joseph Graczynski sicher. Klaus Konitzer geht noch weiter. ,Ich muß sagen, ich habe die Nerven der Russen bewundert', sagt der Arzt. ,Sie haben trotz aller Provokation nur Warnschüsse abgegeben.'"

Zu differenzierteren Ergebnissen kommt Ilko-Sascha Kowalczuk, der die ersten Schüsse aus sowjetischen Maschinenpistolen gegen Mittag des 17. Juni im Zentrum der Stadt nachweist: "Ob in Berlin aus schweren Maschinengewehren, wie oft kolportiert worden ist, geschossen wurde, scheint eher unwahrscheinlich. Am Brandenburger Tor, in der Friedrichstraße, in der Leipziger Straße, am Alexanderplatz und am Potsdamer Platz fielen die meisten Schüsse. Sowjetsoldaten schossen aus automatischen Waffen, zunächst über die Köpfe der Menschen hinweg, ehe sie zielgerichtet oder wahllos in die Mengen schossen. Dabei sind am 17. Juni mindestens zehn, am 18. und 19. Juni jeweils zwei Menschen tödlich getroffen, Hunderte schwer verletzt worden." Hohe sowjetische Offiziere hätten zunächst vergeblich versucht, die Menschen mit Argumenten zu beruhigen: "Der Aufzug Hunderter Panzer war bedrohlich genug. Die weltweit bekanntgewordenen Bilder aus Berlin, auf denen junge Männer die Panzer mit Steinen und Flaschen attackierten, waren alles andere als typisch für die Situation . . . Angriffe auf sowjetische Panzer oder Soldaten zählten in Berlin zu den Randerscheinungen."

Kowalczuk hinterfragt die herzzerreißende Geschichte von den 18 sowjetischen Offizieren und Soldaten, die am 28. Juni 1953 hingerichtet worden sein sollen, "weil sie sich weigerten, auf die Freiheitskämpfer des 17. Juni 1953 zu schießen" - so lautet der Text des 1954 aufgestellten Gedenksteines an der Potsdamer Chaussee im (westlichen) Bezirk Berlin-Zehlendorf. In den bislang bekannt gewordenen Dokumenten finde sich kein Hinweis darauf, daß es solche Hinrichtungen überhaupt gegeben habe; bei den russischen Behörden sei zudem seit 1991 kein Fall aufgetreten, daß ein Hinterbliebener die Rehabilitierung beantragt hätte. Der Autor führt am Schluß seines eindrucksvollen Buches dann minutiös die 701 Orte in der DDR auf, die sich "nachweislich am Volksaufstand beteiligten".

In den Publikationen zum 50. Jahrestag des 17. Juni wird jetzt oft die verräterische Frage Mielkes auf einer Besprechung vom 31. August 1989 zitiert: "Ist es so, daß morgen der 17. Juni ausbricht?" Ein eifriger Oberst versicherte dem Minister, dem wohl immer noch der Schrecken von 1953 in den morschen Knochen saß: "Der ist morgen nicht, der wird nicht stattfinden, dafür sind wir ja da!" Zehn Wochen später zeigte sich, daß der im Verlauf von 36 Jahren gigantisch angewachsene Überwachungs- und Unterdrückungsapparat das von Maron im Juli 1953 gegebene Versprechen nicht einhalten konnte und der "große Bruder" im Kreml kein zweites Mal zu Hilfe eilen wollte. Fricke und Engelmann weisen darauf hin, daß sich die MfS-Unfähigkeit zur realistischen Lageanalyse von 1953 im Herbst 1989 wiederholte: "War es die Arroganz der Macht, die die Geheimpolizei blind machte für die Wirklichkeit - oder war es die Befangenheit in den ideologischen Vorgaben der Politbürokratie?" Wahrscheinlich beides, obwohl sich die beiden namhaften MfS-Forscher eindeutig festlegen: "Die ,Tschekisten' durften jedoch nicht klüger sein als die Partei. Die entscheidenden Existenzkrisen des Systems vermochten sie so weder vorherzusehen noch wirkungsvoll einzudämmen." Dieser ideologischen Blindheit verdankte der ganze "allmächtige" Apparat mit den willfährigen Spitzelscharen im Herbst 1989 sein grandioses Scheitern - und das ist tröstlich.

RAINER BLASIUS

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