Think Tank (Special Edition) - Blur
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Produktdetails
Trackliste
LP 1
1Ambulance00:05:07
2Out Of Time00:03:51
3Crazy Beat00:03:14
LP 2
1Good Song00:03:07
2On The Way To The Club00:03:46
3Brothers And Sisters00:03:47
LP 3
1Caravan00:04:24
2We've Got A File On You00:01:02
3Moroccan Peoples Revolutionary Bowls Club00:02:51
4Sweet Song00:04:00
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 10.05.2003

Zwischen Hoffen und Headbangen
Krise? Welche Krise? "Blur", die Pioniere des Britpop, entdecken die Langsamkeit und veröffentlichen ihr bestes Album seit langem

Es beginnt mit einer massiven Attacke: Der erste Song des neuen "Blur"-Albums klingt, als stamme er von den Bristoler Triphop-Pionieren: über trockenen, synthetischen Beats ein bedrohlich an- und abschwellender Baß, dazu alarmierende Keyboards. Die beständig wiederholte Botschaft "I ain't got nothing to be scared of" wird durch die Musik faustdicke Lügen gestraft. "Ambulance" heißt das Stück, das so beunruhigend wirkt, als singe hier jemand, der den größten anzunehmenden Unfall gerade hinter sich hat, davon, daß es schlimmer nicht kommen kann.

Medizinisch bedeutet eine Krise den Scheitelpunkt einer Krankheit, an den sich entscheidet, ob es gut oder schlecht ausgeht. So definiert, waren "Blur" sicher in einer Krise. Auf ihr neues Album "Think Tank" hat man lange warten müssen. Musikalisch schien die Band mit ihrem letzten Album "13" an einem Endpunkt angelangt, der nur noch in wenigen Glanzlichtern an die Band erinnerte, die in den neunziger Jahren wie keine andere - schon gar nicht die kreativ rasch ausgebrannten Rivalen von "Oasis" - mitten im Techno-Boom den Britpop als Jungbrunnen songorientierter Popmusik neu erfand und an ihre Glanzzeiten der später siebziger Jahre, an "The Jam", "Squeeze" oder "XTC" anschloß. Alben wie das Debüt "Leisure" von 1991 oder "Parklife" (1994) demonstrierten, wie man wieder rasiert und mit korrektem Haarschnitt Headbanging machen und Sakko zur Gitarre tragen konnte. Das moderne Leben mag zwar rubbish sein, wie ein Titel wußte, doch mit dieser musikalischen sophistication ließ sich auch ein Dasein als angehender Akademiker oder Angestellter ertragen.

Vor sechs Jahren erfolgte der Bruch. Damon Albarn, Sänger und Kopf der Band, wandte sich dem sperrigen Alternative-Rock von "Pavement" und anderen zu, was der Band ironischerweise mit dem eher untypischen Kracher "Song 2" ihren größten Erfolg bescherte. Nachdem Albarn mit der virtuellen Band "Gorillaz" ein überaus erfolgreiches Soloprojekt auf den Weg gebracht hatte und auch Gitarrist Graham Coxon eigene Wege gegangen war, mußte man schon "Blurs" Ende befürchten.

Weit gefehlt: "Think Tank" ist "Blurs" beste Arbeit seit vielen Jahren, ein entspanntes, souveränes Album, das vordergründig die Entdeckung der Langsamkeit feiert, doch unter einer ruhigen, harmlosen Oberfläche gefährliche Strömungen verbreitet. Obwohl man seinen Titel eher mit "Denkpanzer" übersetzen sollte - das tarngrüne Booklet legt es nahe -, ist es nur selten rockig-schroff, so in "Crazy Beat", mit dem man sicher bald die Tanzflächen beschallen wird, oder "We've Got a File on You", einer exakt einminütigen Stippvisite in der Punk-Ära.

Die meisten Stücke kommen ruhig daher, dem Auftaktstück folgt das optimistische "Out of Time", das die Suche nach innerer Reife empfiehlt - ein Kommentar vielleicht zum am eigenen Leib erfahrenen Burn-out-Syndrom, dem die Musiker unter anderem mit Aufnahmesessions in Marokko begegneten. Arrangiert wurde das Stück mit den Streichern der "Groupe Regional du Marrakesh". Doch bleiben Weltmusik-Einflüsse weniger spürbar als die Beschäftigung mit landeseigenen Musikprodukten Triphop oder Drum 'n' Bass. Elektronische Musik aus britischer Hinterhofhaltung hat ihre Spuren aber weniger in den Kompositionen als in der ausgefeilten Produktion Ben Hilliers hinterlassen, der jedem Song ein individuelles Klanggewand auf den Leib schneiderte - zum Glück nicht nach der neuesten Mode, dem virtuos nachlässigen Retro-Look, der noch die Bierflecken auf die Jeans gezeichnet bekommt.

Vor allem erweisen sich "Blur" als Meister der Ballade, deren Rehabilitierung und Rettung vor der Rockhymnen-Verkitschung im Stile Bryan Adams' oder Ozzy Osbournes eine der größten Leistung der jüngeren britischen Popmusik war. "On the Way to the Club" etwa beginnt und endet in einer düster-depressiven Stimmung des frisch Verlassenen, der in seinen Stammclub geht und von allen überrascht gefragt wird, warum er allein kommt. Doch im Refrain schiebt sich wie ein flash der Erinnerung an glückliche Zeiten eine fast fröhliche Phrase ein, bis das für den kurzen Glücksmoment selbstvergessene Ich dem Schicksal wieder ins Auge sieht: "My eyes aren't blue / There's nothing I can do." Von ähnlich schmerzlicher Dichte sind Stücke wie "Caravan", in dem Albarn mit verzerrter Stimme das ganze Gewicht des Verlusts und des Wiederfindens der Liebe beschwört, oder "Sweet Song", ein weiteres Trennungslied. Als Komponist wandelt Albarn deutlich auf den Pfaden Elvis Costellos, dessen brüchiges Vibrato er bereits perfekt beherrscht.

Mit wenigen Ausnahmen, wie dem ausgelassenen "Moroccan Peoples Revolutionary Bowls Club", liegt eine große Müdigkeit über diesen Songs, die Erschöpfung nach inneren und äußeren Kämpfen. Es ist vielleicht eine der produktivsten Phasen, wenn der Schmerz nachläßt und man die Wirklichkeit in neuem, klarerem Licht sieht. Ruhe gibt es dann freilich nur noch vor dem Sturm: "Sleeping but my works not done / I could be lying on an atom bomb", singt Albarn, aber auch: "Sometimes everything is easy." In diesem Zwischenstadium kommen die wegweisenden Gedanken wie von selbst. Ganz im Ernst: Fürchte dich nicht!

RICHARD KÄMMERLINGS

Blur, Think Tank. EMI 583434.

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