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Im Leben von Jakob Hoederer ist fast alles schiefgelaufen: Sein Job und seine Frau sind weg, und auch der spontan beschlossene Banküberfall misslingt: Die Beute ist gering und zur Flucht entwendet Hoederer ein Auto, ohne zu wissen, dass er sich damit zum Entführer macht. Im Wagen versteckt sich ein Mädchen im Engelskostüm: Malu ist zwölf und schon ein Fernsehstar. Bodo Kirchhoff erzählt von zwei Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Hier der vom Pech verfolgte Mann, dort das Kind, dem alles gelingt - eine ebenso zeitgemäße wie wunderbare Geschichte vom Glück im Unglück.…mehr

Produktbeschreibung
Im Leben von Jakob Hoederer ist fast alles schiefgelaufen: Sein Job und seine Frau sind weg, und auch der spontan beschlossene Banküberfall misslingt: Die Beute ist gering und zur Flucht entwendet Hoederer ein Auto, ohne zu wissen, dass er sich damit zum Entführer macht. Im Wagen versteckt sich ein Mädchen im Engelskostüm: Malu ist zwölf und schon ein Fernsehstar. Bodo Kirchhoff erzählt von zwei Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Hier der vom Pech verfolgte Mann, dort das Kind, dem alles gelingt - eine ebenso zeitgemäße wie wunderbare Geschichte vom Glück im Unglück.
  • Produktdetails
  • dtv Taschenbücher Bd.14173
  • Verlag: Dtv
  • Seitenzahl: 286
  • Erscheinungstermin: 1. Dezember 2012
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm x 121mm x 22mm
  • Gewicht: 266g
  • ISBN-13: 9783423141734
  • ISBN-10: 3423141735
  • Artikelnr.: 35649621
Autorenporträt
Kirchhoff, Bodo
Bodo Kirchhoff, geboren 1948 in Hamburg, lebt in Frankfurt am Main und am Gardasee. Sein umfangreiches Werk umfasst Romane, Erzählungen und Novellen, Theaterstücke und Drehbücher. Er wurde u.a. mit dem Deutschen Kritikerpreis und der Carl-Zuckmayer-Medaille ausgezeichnet. 2012 wurde der Roman 'Die Liebe in groben Zügen' für den Deutschen Buchpreis nominiert, 2016 erhielt Bodo Kirchhoff den Deutschen Buchpreis für die Novelle 'Widerfahrnis'.
Rezensionen
"In seinem Roman 'Die kleine Garbo' erzählt Bodo Kirchhoff die ebenso zeitgemäße wie wunderbare Geschichte vom Glück im Unglück."
Dresdner Morgenpost 30.11.2012
Besprechung von 04.10.2006
Jeder Desperado findet seine Diva
Bodo Kirchhoff erweist sich auch mit „Die kleine Garbo” als Meister des Schundromans / Von Kristina Maidt-Zinke
Einen Schundroman, der sich mit dem Titel „Schundroman” selbst auf die Schippe nimmt, kann man nur einmal schreiben. Das hat Bodo Kirchhoff vor vier Jahren bravourös erledigt. Deshalb heißt sein neues Werk nun geheimnisträchtig-cinephil „Die kleine Garbo”, obwohl es nichts anderes ist als eine neue Schundroman-Variante, diesmal jedoch eine, die nicht mit hartschaligen Männermythen ihr Spiel treibt, sondern auf den weichen Kern – um nicht zu sagen Keks – in uns allen zielt. Zwar fließt auch hier reichlich Blut, und es sind sogar zwei Leichen zu beklagen, aber die trifft es bloß aus Versehen, weil der Held ein solcher Unglücksrabe ist, dass seine Knarre immer im falschen Moment oder in die falsche Richtung losgeht. Ansonsten haben wir es mit einem Märchen zu tun, in dem vom einsamen Wolf bis zum treuen Hund, vom Winterwald bis zum Weihnachtsengel, von der Wahrheit aus Kindermund bis zum gutherzigen Gangster alles nach einer familienfreundlichen Fernsehverfilmung schreit. Dass der Autor auch noch so etwas wie eine Mediensatire mitliefert, darf deshalb als pure Koketterie verbucht werden.
Was sich marktanalytisch nicht einkalkulieren ließ, war der jüngste Medien-Hype um die rätselhafte Beziehung zwischen einem Kidnapper und seinem jahrelang bei ihm ausharrenden Opfer. Die Geschichte, die Kirchhoff sich viel früher schon ausgedacht hat, könnte in diesem Zusammenhang allerlei Fantasien freisetzen, kreist sie doch unter anderem um eine komplizierte Form von Anhänglichkeit und Abhängigkeit, die sich zwischen einer Zwölfjährigen und ihrem vier- bis fünfmal so alten Entführer entwickelt. Zwar ist Kirchhoffs Pechvogel ein Kidnapper wider Willen, und das zufällig in seine Gewalt geratene Mädchen wird nicht erst durch den Kriminalfall berühmt, sondern ist längst ein populärer Fernsehstar. Auch verbringen die beiden nicht Jahre miteinander, sondern nur einen halben Tag und eine Nacht. Aber an manchen Stellen scheint sich anzudeuten, dass bei weniger effizienter Polizeiarbeit und ohne dramaturgischen Auflösungszwang diese merkwürdige Zweisamkeit sich auf unbestimmte Zeit hätte verlängern lassen. Und wieder haben wir einen schönen Beleg dafür, wie das wirkliche Leben dem imaginativen Furor unserer Erfolgsschriftsteller hinterherhinkt.
Lebensphilosophisch, wenn man denn so hoch greifen will, geht es in dem Roman um die Frage, warum die einen im Dunkeln und die anderen im Licht stehen. Das Mädchen mit dem soap-kompatiblen Namen Marie-Luise März steht routinemäßig im Scheinwerferlicht, kommt aus wohlhabendem Hause und hat keine Probleme außer jenen, die früher Starruhm mit sich bringt. Klar, in der Schule läuft auch nicht immer alles rund, die Eltern können manchmal nerven (zum Beispiel der Papa, wenn er den Familientisch auf der Terrasse des „Gritti” in Venedig in peinlich schlechtem Italienisch bestellt), und wenn es ganz schlimm kommt, dann wächst einem auch noch ein Pickel auf der Elfenbeinstirn. Sollte Bodo Kirchhoff zu Recherchezwecken Mädchenbücher gelesen haben, dann hat er sie jedenfalls treffsicher ausgewertet.
Näher ist ihm naturgemäß die Gegenfigur, Giacomo Hoederer, ein Mann knapp jenseits der besten Jahre, der äußerlich sogar Merkmale des Autors aufweist, etwa die „spitze, aber solide Nase” und die auffällig wohlgeformten Ohren. Auch die Liebe zum Kino teilt er mit seinem Erfinder, die Affinität zu Italien und noch ein paar generationstypische Sentimentalitäten. Aber er ist eben kein Erfolgsschriftsteller mit Zweithaus am Gardasee, sondern ein Loser, wie er im Buche steht: Wegen gesellschaftsfeindlicher Umtriebe hat man ihm einst den Lehrerberuf verweigert, als Redakteur eines Stadtmagazins taugt er aus Altersgründen nicht mehr, und bei einem Limousinenservice ist er rausgeflogen, weil er seinen Fahrerjob für kleine Nebengeschäfte mit vertraulichen Informationen missbraucht hat.
Spätestens in diesem Stadium des anschwellenden Elends pflegt die Ehefrau mit ihrem Therapeuten durchzubrennen. Um die seinige (Männer!!) mit einer Luxuskreuzfahrt zurückzuködern, will Hoederer eine Bankfiliale ausrauben, aber einer wie er erwischt nur kleine Scheine, erschießt versehentlich eine greise Kundin und verunglückt auf der Flucht mit dem Motorrad. So kommt es zur schicksalhaften Begegnung zwischen dem ewigen Verlierer und dem Jaguar Daimler (Vollausstattung), in dessen Fond das Glückskind Marie-Luise hockt, mit einer zotteligen Promenadenmischung namens Lorca im Arm und, weil auf dem Weg zum familienfreundlichen Filmdreh im verschneiten Wald, mit Engelsflügeln am Rücken.
Leider muss nun auch noch, wir befinden uns ja in einem Schundroman, der nette Chauffeur das Zeitliche segnen – ebenfalls unbeabsichtigt, weil der enervierte Held die Beretta Brigadier, die aus der Waffensammlung seines polnischen Zahnarztes stammt, nicht richtig im Griff hat. In einem letzten Versuch, die Situation zu seinen Gunsten zu wenden, mutiert Hoederer zum Geiselnehmer, fordert über das Mobiltelefon des Mädchens einige Millionen Euro Lösegeld und lenkt seine kostbare Beute immer tiefer hinein in den Wald, den literarischen Ort für Verdunkelung und Wirrnis, aber auch Erkenntnis und Katharsis seit undenklichen Zeiten. So beginnt ein Roadmovie, das sich selbst ad absurdum führt, weil die Bewegung immer langsamer wird und schließlich zum Stillstand kommt. Wohingegen sich im Inneren des Wagens, um ihn herum (man muss ja mal pinkeln) und später auch noch in einer finsteren Höhle die Auseinandersetzung und Annäherung zwischen dem selbstmitleidigen Desperado und dem altklugen Kind heftig menschelnd, keineswegs kitschfrei, doch überwiegend niveauvoll zum dramatischen Ende hin beschleunigt. Unterdessen zieht es den possierlichen Hund Lorca mit aller Macht zu einer läufigen Wölfin, die unerlaubt im deutschen Wald herumstreunt, und was sich derweil im aufgescheuchten Fernseh-Produktionsteam, im Polizeiapparat und in der Familie der entführten Kleindiva abspielt, wird ein wenig harmlos, aber jederzeit unterhaltsam kolportiert.
Zuweilen gehen die Männermythen wieder mit dem Autor durch, etwa wenn er, bei einer Befreiungsoffensive der Polizei, eines der wohlgestalteten Helden-Ohren derart schlachtreif schießen lässt, dass dessen Besitzer es sich wenig später mit van Goghschem Märtyrer-Heroismus abschneiden muss. Das liegt vielleicht, mit Blick auf die „Tatort”-Version, die wir irgendwann gern sehen möchten, schon jenseits der Geschmacksgrenze. Ansonsten muss man Kirchhoff lassen, dass er virtuoser auf der Klaviatur des Trivialromans spielt als viele, die ausschließlich in dieser Ecke siedeln – und unter seinen „seriösen” Kollegen, die sich in diesem Genre nur halbherzig-berechnend versuchen, kann ihm ohnehin keiner das Wasser reichen.
Bodo Kirchhoff
Die kleine Garbo
Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2006. 287 Seiten, 19,90 Euro.
Rätselhafte Beziehung zwischen Kidnapper und seinem Opfer: Szene aus dem Film „Kommissar X – Drei blaue Panther” (BRD 1967).
Foto: Cinetext Bildarchiv
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Besprechung von 12.03.2007
Das Kind als Kumpel
Bodo Kirchhoff bekennt sich zum Schutzengel, der Garbo heißt

Bodo Kirchhoff hat ein deutsches Wintermärchen geschrieben. Wie schön! Er hat es aber so geschrieben, wie heute das deutsche Fernsehen Wintermärchen erzählen würde. Wie schade! Aber andererseits: Bodo Kirchhoff weiß natürlich genau, dass die Sehnsüchte, die früher in Märchen Erfüllung fanden, heute von den industrialisierten Phantasmagorien der Medien bedient werden. Wer ist denn noch so naiv, an Märchen zu glauben, die nicht wie Fernsehfilme daherkommen?

Deshalb hat der Leser des neuen Romans von Bodo Kirchhoff auch oft das Gefühl, er sitze eigentlich vor dem Fernsehapparat, und in höchstens neunzig Minuten sei das Ganze zu Ende. Aber auch diesen Effekt kalkuliert der Autor ein und erzählt deshalb, wie sich sein Wintermärchen parallel zu den Ereignissen in eine Fernsehproduktion verwandelt: Was da passiert, werden wir gewiss bald im Fernsehen sehen können. Wie schlau! Wie selbstreflexiv! Nur: Das kennen wir bereits; selbstreflexiv ist heute ja schon jeder "Tatort". Warum schauen wir uns dies Wintermärchen dann nicht gleich im Fernsehen an, wo es gewiss Eindruck machen würde; warum müssen wir noch den Roman lesen? Das ist schwer zu sagen.

Denn tatsächlich reicht die Grundidee des Romans eher für einen Fernsehfilm mit Paraderollen für zwei echte Rampensäue, die sich wechselseitig gegen die Wand spielen. Die Story: Der ewige Verlierer trifft in einer Situation absoluter Ausweglosigkeit auf einen berückenden Schutzengel und erlebt mit ihm doch noch einen Augenblick des Glücks, von dem sich sagen ließe: Verweile doch, du bist so schön. Oder genauer: Verweile doch, du bist zu schön. Schließlich sind wir im Fernsehen.

Der Verlierer heißt Giacomo Hoederer und ist ein überaus alter 68er, zwar noch keine sechzig Jahre alt, aber komplett am Ende. Seine "glücklichste Zeit" waren die Tage des Ansturms "gegen das Hurra-Blatt-Gebäude", danach ging es kontinuierlich bergab: Lehrer konnte er wegen des Radikalenerlasses nicht werden; seinen letzten Job hat er gerade verloren, und nun hat ihn auch seine zunehmend vom Leben enttäuschte Ehefrau mit ihrem - ach, Kirchhoff! - Psychoanalytiker verlassen und treibt sich in der Karibik herum. Also besorgt sich Hoederer eine Pistole und fährt an einem verschneiten Wintertag in die Wälder Brandenburgs, um sich dort aus dem Leben zu helfen. Statt dies zu tun, raubt er aber, einem spontanen Einfall folgend, eine erbärmliche kleine Bank aus, um - ach, Kirchhoff! - seine Frau mit einer gemeinsamen Kreuzfahrt durch die Karibik zurückgewinnen zu können, und erschießt dabei versehentlich eine alte Frau. Und überschlägt sich bei der Flucht mit dem Motorrad. Und erschießt, wie es das Fatum des ewigen Verlierers verlangt, ebenso versehentlich den ihm zur Hilfe eilenden Fahrer einer Luxuslimousine. In die sich Hoederer nun setzt, um sich nach all dem Elend endlich selbst zu erschießen. Woran ihn aber die Tatsache hindert, dass auf dem Rücksitz ein Schutzengel mit seinem Schoßhündchen sitzt.

Der heißt Marie-Luise März und ist ein knapp dreizehnjähriger Fernseh-Kinderstar mit hinreißenden Augen im Kindergesicht und wattierten Flügeln auf dem Rücken, denn "die Kleine" - so heißt sie fortan in dem Buch - war gerade auf dem Weg zum Set, wo die Filmcrew auf sie wartet, weil sie über einem zugefrorenen See einem komplizierten Liebespaar als Schutzengel erscheinen sollte. Daraus wird nun nichts mehr, weil der Kleinen zu ihrer und Hoederers Verblüffung plötzlich die Rolle der Geisel eines geborenen Verlierers zugefallen ist, denn Giacomo Hoederer entschließt sich, da er eh nichts mehr zu verlieren hat, einfach dazu, vier Millionen Lösegeld für das Glückskind zu verlangen. Und wer jetzt noch nicht begriffen hat, wie leicht es ist, diesen Roman zu verreißen, dem wird auch der übelstgelaunte Kritiker nicht mehr helfen können.

Der Autor dieser Zeilen hat aber gar keine Lust, dieses Buch zu verreißen: zum einen, weil es zu einfach wäre; zum anderen, weil er ein professionelles Vergnügen daran empfindet zu beobachten, wie bewusst und treffsicher der Autor selbst dem Kritiker die sichersten Steilvorlagen liefert, denn Kirchhoff weiß schließlich selbst genau, was Schund ist; und zum dritten, weil Kirchhoff seine Geschichte als Märchenerzähler, der von allen Plausibilitätserwägungen befreit ist, zügig und vergnüglich, traurig und am Ende auch spannend, auf jeden Fall aber mit einem mutigen Ja zu Kitsch und Sentimentalität, wenn ihm danach ist, heruntererzählt.

Das Resultat ist ungewöhnlich und kann sich schon deshalb sehen lassen: die mystische Hochzeit von "Tatort" und Weihnachtsmärchen. Dass am Ende viel von einem Taschentuch Gebrauch gemacht wird, darf man getrost als Lektüreanweisung verstehen. So etwas schreit doch nach einem skrupellosen Regisseur! (Nicht nach dem windelweichen Routinier, mit dem die Kleine ihre Filme dreht und der am Ende auch als der Regisseur für die Verfilmung ihrer Entführung auserwählt wird.)

Der müsste sich aber zu beherzten Eingriffen in die Story entschließen. Denn sie wird dadurch in die Länge gezogen, dass sich der alte Achtundsechziger relativ rasch als deutscher Oberlehrer entpuppt, was man wohl als Generationsschicksal verstehen muss, denn Hoederer selbst teilt der Kleinen mit, sein Jahrgang sei "der letzte" gewesen. Bodo Kirchhoff wird es wissen; schließlich gehört auch er ihm an. Nun aber kommt das Wunder: Die Generation der jetzt Kleinen scheint sich nach solchen Oberlehrern zu sehnen. Das Prinzip Hoffnung! ("Warum soll ein Hund keine Hoffnungen haben?") Jedenfalls gibt die Kleine, die aus einem Elternhaus von gutsituierter Oberflächlichkeit stammt und sich im übrigen in dem Alter befindet, in dem Töchter ihre Väter peinlich zu finden beginnen, ihrem Entführer die Chance, bei dem langen nächtlichen Warten auf die Geldübergabe im kalten Winterwald, durch den die Wölfe streifen, seine lange unterdrückten Talente als Lehrer unter Beweis zu stellen: Bruchrechnung, Dialektik, Theologie, "Macbeth", hier wird kaum etwas ausgelassen, und spätestens an dieser Stelle merkt der Leser, wie schlimm es sein muss, eine Geisel zu sein. Es gibt also für den künftigen Regisseur Möglichkeiten für mächtige Striche.

Die Grundsituation muss allerdings erhalten bleiben, denn aus ihr ergibt sich die Essenz der Story. Die selbstbewusst-widerständige Kleine entdeckt in ihrem erbärmlichen Entführer den klugen Lehrer, dem sie Vertrauen schenken kann, und so kommt es denn zu jenem Prozess emotionaler Verkumpelung, der das Publikum heute offensichtlich an Entführungen am meisten interessiert: Zuerst teilt man sich die Decke, dann kommt das Du, und am Ende dieser Geschichte, in der viel "Tatort"-Blut fließt, erweist sich die Kleine im Rahmen ihrer Möglichkeiten tatsächlich als das, was die Filmrolle ihr ohnehin schon vorgeschrieben hat: als Schutzengel. "Wie im Märchen kam ihr das plötzlich vor" - gewiss, aber musste das wirklich noch gesagt werden? Schließlich ist schon auf Seite 122 eine Sternschnuppe über das ungleiche Paar im Winterwald hinweggezogen; die beiden haben sie zwar nicht gesehen, der Leser aber hat sie leider gesehen und stapft von da an frohgemut durch Kälte und Schnee dem Ende entgegen.

Ein Mann braucht eben nur einen Engel, um kein Verlierer zu werden. Genauer gesagt: Er braucht ein Kind. Ebendies ist die Essenz dieses Buches. Natürlich ist Giacomo Hoederer, so elend er auch dasteht, gar kein wirklicher Verlierer, denn sonst könnte er in Situationen absoluter Ausweglosigkeit nicht ein so wunderbarer Lehrer sein und Sätze bilden wie: "Weißt du, was Stolz ist? Das Gefühl einer selbst erreichten Freiheit." (Wie totale Verlierer in ihrer Sprachlosigkeit aussehen, lernt man bei anderen Autoren, etwa bei Ludwig Fels.) Und vor allem ist er seelisch nicht so abgestumpft oder gar erloschen, dass er in der Winterwaldnacht mit der Kleinen nicht rasch spüren würde, was da in seine Existenz getreten ist: "das Stück Leben, das er nicht gekannt hatte bisher". Ein Kind eben, das ihn mit dem "Strom des Lebens" - so steht es wirklich da - verbindet.

Natürlich hätte auch er Kinder haben können, aber er hat sie abtreiben lassen, und dass er das nicht hätte tun sollen, das lehrt ihn nun sein Engel. Und so schleudert er denn bei der Geldübergabe dem Staatsanwalt die Botschaft dieser kalten Winternacht entgegen - das ganz große Bekenntnis zum Kind: "Aber Leben heißt, etwas weitergeben, egal, an wen, egal, unter welchen Umständen, auch fast egal, was - Hauptsache geben! Milch aufsetzen, ein Brot streichen, gute Miene machen, den Schulweg mitgehen." Das sind literarisch natürlich ganz gruselige Sätze, aufgrund ihres brutalen Willens zur Eindeutigkeit viel gruseliger jedenfalls als die Szene, in der Hoederer ein Ohr weggeschossen wird.

Der künftige Regisseur wird sie unbedingt streichen müssen, denn nicht einmal die übelste Knattercharge würde sie sprechen können. Und dennoch läuft bei diesem Buch alles auf diese Sätze hinaus, und deshalb wird man es, bei all seinen Schwächen, als Zeitsymptom doch hochinteressant finden dürfen. Es erzählt von der Sehnsucht nach einem Kind, das uns zuhört und uns durch seine Anwesenheit Augenblicke des Glücks schenkt. Zu dieser Einsicht haben es die alten Achtundsechziger also nun auch gebracht. Doch soll man es den Kindern wirklich wünschen, dass sie zu Geiseln solcher späten Sehnsüchte werden?

Aber wir befinden uns ja irgendwie in einem Märchen, und dass Kinder, die plötzlich in kalten Winternächten erscheinen, Großes bewirken können, dafür gibt es bedeutende Beispiele. Und so wird denn die Sehnsucht nach dem Kind zu dem Thema, das Bodo Kirchhoffs kruden "Tatort" ins Weihnachtsmärchen umkippen lässt. Der Verlierer und sein Engel werfen ihr bisschen Glauben an Gott zusammen, so dass es reichen könnte: "Für ein verdammtes Wunder. Mit dem wir hier irgendwie durch die Nacht kommen, du und ich und der Hund. So was wie Weihnachten, verstehst du?" Kamera ab! Damit wir uns das im nächsten Advent im Fernsehen anschauen können. Nachbarin, Euer Taschentuch!

ERNST OSTERKAMP

Bodo Kirchhoff: "Die kleine Garbo". Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2006. 287 S., geb., 19,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Für Rezensent Wolf-Bernhard Essig hat dieser Roman das "Zeug zum Bestseller". Denn noch virtuoser als in seinem "Schundroman" verbindet Bodo Kirchhoff darin seiner Ansicht nach literarische und filmische "Genre-Ingredienzen" zu etwas ganz und gar Originellem. Im Zentrum steht der Beschreibung des Rezensenten zufolge Luise März, ein "pubertierender Kinderstar", die mit ihrem Hund Lorca zufälliges Opfer einer Entführung wird. Der Täter ist kein wirklicher Bösewicht, sondern eher durch unglückliche Fügung in die Sache herein geschlittert und die Art, wie nun Kirchhoff in seiner Geschichte Realistisches mit Märchenhaftem und Schauerelementen mischt, begeistert den Rezensenten bis zur letzten Seite. Da treten, wie er uns mit größtem Vergnügen wissen lässt, heulende Wölfe ebenso in Erscheinung wie die geld- und aufmerksamkeitsgeile Sphäre des Privatfernsehens. "Wie kann man einem die Welt erklären, der nicht fernsieht", zitiert der Rezensent das an ihrem altmodischen Entführer verzweifelnde Entführungsopfer und freut sich diebisch an Kirchhoffs kongenialem Mix, in dem es neben "bedeutungsschweren Naturimpressionen" auch eine Art Soundtrack aus Schlagern, Pop-Stücken und Opern gibt, und der seinen populärem Geschmack ebenso gerecht zu werden versteht wie seinen intellektuellen Ansprüchen.

© Perlentaucher Medien GmbH…mehr