Ursprünge - Dartnell, Lewis
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Warum stehen in New York so viele Wolkenkratzer? Warum hat sich dagegen in London ein so weit reichendes U-Bahn-Netz entwickelt? Zufall? Menschlicher Einfallsreichtum? Nein, sagt Lewis Dartnell, die Gründe reichen viel tiefer in die Vergangenheit - bis zur Geburtsstunde unseres Planeten. Denn alles, was unsere moderne Welt ausmacht - seien es Metropolen, technische Errungenschaften oder globale Handelswege -, hat seinen Ursprung in der natürlichen Beschaffenheit der Erde: ihrem Klima, ihrer Landschaft, ihren geologischen Veränderungen. In "Ursprünge" deckt er das Zusammenspiel aus Kräften auf,…mehr

Produktbeschreibung
Warum stehen in New York so viele Wolkenkratzer? Warum hat sich dagegen in London ein so weit reichendes U-Bahn-Netz entwickelt? Zufall? Menschlicher Einfallsreichtum? Nein, sagt Lewis Dartnell, die Gründe reichen viel tiefer in die Vergangenheit - bis zur Geburtsstunde unseres Planeten. Denn alles, was unsere moderne Welt ausmacht - seien es Metropolen, technische Errungenschaften oder globale Handelswege -, hat seinen Ursprung in der natürlichen Beschaffenheit der Erde: ihrem Klima, ihrer Landschaft, ihren geologischen Veränderungen. In "Ursprünge" deckt er das Zusammenspiel aus Kräften auf, das die Umwelt geformt, die Evolution gesteuert und letztendlich unsere Gesellschaft gebildet hat.
Autorenporträt
Dartnell, LewisLewis Dartnell ist Astrobiologe und Professor für Wissenschaftskommunikation an der University of Westminster. Für seine wissenschaftlichen Beiträge wurde er vielfach ausgezeichnet. Seine Artikel erscheinen, u. a. in The Times, The Guardian und New Scientist. Zuletzt (2014) erschien von ihm "Das Handbuch für den Neustart der Welt" bei Hanser Berlin.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 17.09.2019

Wir Kinder der Lithosphäre
Nicht ganz von der Hand zu weisen: Lewis Dartnell erklärt sich den Menschen aus der Geschichte seines Planeten

Wer sich Manhattan einmal nicht von den üblichen Aussichtspunkten aus ansieht, sondern aus der Ferne von Osten oder Westen, bemerkt etwas Seltsames. Die Wolkenkratzer sind nicht gleichmäßig über die Landzunge zwischen Hudson und East River verteilt, sondern bilden zwei Büschel: eines am Südende und eines in Midtown. Warum ist das so?

Auch Sozialwissenschaftler würden vermuten, dass dies unter anderem mit naturräumlichen Gegebenheiten zu tun hat: Im Süden, rings um die Wall Street, liegt den Nutzern der besonders repräsentativen Büros die Upper Bay zu Füßen und in Midtown treibt unter anderem der Blick auf den Central Park die Immobilienpreise. Hier wie dort werden damit aber auch soziale und ästhetische Faktoren in die Erklärung miteinbezogen. Lewis Dartnell dagegen kann mit einem rein geologischen Grund aufwarten: Unter Manhattan liegt eine Schicht harten metamorphen Schiefers, der zerknautschte Rest eines uralten Gebirges. Diese Gesteinslage verläuft aber nicht eben, sondern bildet eine Mulde, so dass der Schiefer in Midtown und am Südende nahe der Oberfläche liegt und dort spielend die Fundamente sehr großer und schwerer Gebäude trägt, während man auf den weicheren Formationen dazwischen nicht so einfach hoch bauen kann.

In seinem Buch "Ursprünge" behandelt der britische Fachjournalist und Professor für Wissenschaftskommunikation an der University of Westminster noch ganz andere Phänomene aus der Sphäre des Menschlichen, die gleichwohl mit geowissenschaftlichen Vorgängen und Gegebenheiten in Zusammenhang gebracht werden können: mit Klimaschwankungen, mit der Verbreitung potentieller Nutzpflanzen und -tiere in verschiedenen Weltgegenden und immer wieder mit der Plattentektonik der irdischen Lithosphäre. Das geht von den Wahlergebnissen im Südosten der Vereinigten Staaten über das britische Empire, die athenische Demokratie und fast sämtliche frühe Hochkulturen bis zurück zum Homo sapiens selbst, für dessen Da- und Sosein Dartnell allerhand Gründe aus der geologischen und klimatischen Geschichte Ostafrikas anzugeben weiß.

Nun ist der Ansatz, Faktoren der Menschheitsgeschichte in der Natur zu suchen, nicht völlig neu. So hatte etwa der amerikanische Wirtschaftshistoriker David Landes (1924 bis 2013) in "The Wealth and Poverty of Nations" (1998) die Gründe für den ökonomischen Vorsprung Europas und später Nordamerikas und Japans gegenüber anderen Erdteilen auch in klimatischen Faktoren gesehen. Dartnell wagt es nun, ein weitaus größeres Panorama aufzuziehen. Die Motivation dazu dürfte mit seiner Herkunft aus der Astrobiologie zu tun haben. Das ist jene Wissenschaft, die sich fragt, unter welchen astronomischen und geochemischen Voraussetzungen fremde Planeten oder Monde biologische Aktivität, komplexe Organismen oder sogar intelligente Lebensformen hervorbringen könnten. Da ist es nicht weit zu der Frage nach den natürlichen Faktoren, die auf der Erde die Herausbildung von Städten, der Hochseeschifffahrt oder des Kapitalismus ermöglichten.

Eine Erdgeschichtsphilosophie, die das Ineinandergreifen von Litho-, Bio- und Anthroposphäre auf universelle, am Ende gar noch rein naturwissenschaftliche Prinzipien zu reduzieren versucht, wird daraus aber nicht. Es bleibt bei einer langen Reihe interessanter Befunde und Beobachtungen, die der Autor auf ausgesprochen lesbare Weise vorstellt - wobei diese Lesbarkeit die Übersetzung ins Deutsche zum Glück gut überstanden hat, was im Sachbuchsektor heute leider keine Selbstverständlichkeit ist. Angesichts der ausgebreiteten Fülle an Informationen aus den verschiedensten Fachgebieten sind Fehler vielleicht unvermeidlich - zum Beispiel die Aussage, erst das Pferd hätte das Aufkommen des Überlandfernhandels ermöglicht. Tatsächlich waren die Fernhändler im präkolumbischen Mesoamerika eine besonders wohlhabende Berufsgruppe, und dort kannte man weder Pferde noch überhaupt irgendwelche Lasttiere. Generell sind Dartnells urgeschichtliche, altertumskundliche und allgemein die Menschheitsgeschichte betreffende Einlassungen vergleichsweise unterkomplex. Und hier neigt er auch am stärksten zu monokausalen Verknüpfungen, etwa der Niederlage Athens im Peloponnesischen Krieg (431 bis 404 v. Chr.) mit der Abhängigkeit der Stadt von der Getreideversorgung auf dem Seeweg.

Bei der Diskussion geowissenschaftlicher Zusammenhänge dagegen läuft Dartnell oft zu großer Form auf. Zu den besonders gelungenen Kapiteln gehört etwa das über die globalen Wind- und Meeresströmungsmuster und ihren Zusammenhang mit dem Anbruch des Zeitalters der Entdeckungsfahrten im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert. Es demonstriert zugleich die Grenzen des Nutzens der Naturgeschichte für die Historie. So macht Dartnell plausibel, warum Kolumbus 1492 wahrscheinlich auf dem Atlantik gescheitert wäre, anstatt die Neue Welt zu erreichen, hätte er die Fahrt statt in spanischen in portugiesischen Diensten unternommen. Denn dann wäre er von den schon damals portugiesischen Azoren aufgebrochen und an den Westwinden des Nordatlantiks gescheitert. So aber startete er viel weiter südlich von den spanischen Kanaren und hatte daher den Nordostpassat im Rücken. Dass es aber ausgerechnet das spanische Königspaar war, das ihm die Expedition finanzierte, und nicht der König von Portugal, bei dem er auch vorstellig geworden war, das kann Dartnell nur als "schieren Zufall" bewerten.

Doch das ist nur die Perspektive des Naturhistorikers. Tatsächlich hatten die Portugiesen damals bereits mehr Erfahrung auf dem Gebiet nautischer Fernreisen als die noch mit dem Krieg gegen das islamische Granada beschäftigten Spanier und durchschauten daher besser, dass Kolumbus die Durchführbarkeit seines Vorhabens auf eine unzulässig selektive Berücksichtigung der damaligen geographischen Fachliteratur stützte.

Zwar kann Dartnell anführen, die spanische Rückeroberung Granadas habe sich wegen des gebirgigen Terrains dort so lange hingezogen und hänge somit am Ende doch irgendwie auch mit der Plattentektonik zusammen, doch war die Geologie - wie später bei der Stadtentwicklung in New York - hier allenfalls ein Kontext unter vielen. Und historisches Verstehen bedeutet gerade das Erkennen und Aufzeigen aller relevanten Kontexte. Immerhin, bei Dartnell bekommt man vorgeführt, dass diese Kontexte nicht immer nur soziale, wirtschaftliche oder weltanschauliche sind, sondern zuweilen eben auch geowissenschaftliche.

ULF VON RAUCHHAUPT

Lewis Dartnell: "Ursprünge". Wie die Erde uns erschaffen hat.

Aus dem Englischen von Thorsten Schmidt. Hanser Berlin Verlag, Berlin 2019. 384 S., geb., 25,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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