Logos der Materie - Bloch, Ernst
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Ernst Bloch hat seit seiner frühen Jugend versucht, der »Zerstreuung« der Kultur der Jahrhundertwende einen »Systemwillen« entgegenzusetzen. Der Band Logos der Materie dokumentiert diese theoretische Auseinandersetzung vor allem auf dem Gebiet der Logik. Dem Band liegt vor allem die Rekonstruktion eines im Nachlaß verstreuten Buchmanuskripts aus den Jahren 1934-1937 zugrunde. Die Zusammenstellung der weiteren Texte richtet sich nach den Dispositionen von 1949. Blochs Beitrag zur Logik besteht vor allem in einer praxisbezogenen Erkenntnistheorie und einer utopisch-ontologischen Kategorienlehre. …mehr

Produktbeschreibung
Ernst Bloch hat seit seiner frühen Jugend versucht, der »Zerstreuung« der Kultur der Jahrhundertwende einen »Systemwillen« entgegenzusetzen. Der Band Logos der Materie dokumentiert diese theoretische Auseinandersetzung vor allem auf dem Gebiet der Logik. Dem Band liegt vor allem die Rekonstruktion eines im Nachlaß verstreuten Buchmanuskripts aus den Jahren 1934-1937 zugrunde. Die Zusammenstellung der weiteren Texte richtet sich nach den Dispositionen von 1949. Blochs Beitrag zur Logik besteht vor allem in einer praxisbezogenen Erkenntnistheorie und einer utopisch-ontologischen Kategorienlehre.
  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp
  • 2000.
  • Seitenzahl: 679
  • Deutsch
  • Abmessung: 40mm x 149mm x 225mm
  • Gewicht: 836g
  • ISBN-13: 9783518582787
  • ISBN-10: 351858278X
  • Artikelnr.: 08549701
Autorenporträt
Bloch, Ernst
Ernst Simon Bloch wurde am 8. Juli 1885 in Ludwigshafen am Rhein geboren und starb am 4. August 1977 in Tübingen. Er entstammte einer jüdischen Familie aus der Pfalz. Von 1905 bis 1908 studierte er Philosophie bei Theodor Lipps in München und Oswald Külpe in Würzburg und wurde im Jahr 1908 promoviert. 1913 heiratete er die aus Riga stammende Bildhauerin Else von Stritzky. Als engagierter Gegner des Krieges ging er von 1917 bis 1919 mit seiner Frau in die Schweiz und war in Bern für das Archiv für Sozialwissenschaften tätig. 1917 beendete er in Locarno sein Werk Geist der Utopie. Ein Jahr nach dem Tod seiner Frau heiratete er 1922 die Malerin Linda Oppenheimer. Die Ehe hielt bis 1928. In der Zwischenzeit kehrte Bloch zurück nach Berlin. Zu seinen damaligen Freunden gehörten Bertolt Brecht, Kurt Weill, Theodor W. Adorno und Walter Benjamin. Politisch war Bloch sehr aktiv und bekämpfte schon früh die aufstrebende NSDAP. Nach Hitlers Machtübernahme wurde er ausgebürgert und emigrierte mit seiner ebenfalls jüdischen Lebensgefährtin Karola Piotrowska in die Schweiz. Nachdem sie von der Züricher Fremdenpolizei des Landes verwiesen wurden, heirateten beide 1934 in Wien. Von 1934 bis 1937 lebten sie in Paris, Sanary und Prag und emigrierten anschließend in die USA, wo sie zehn Jahre blieben. Dort schrieb Bloch an seinen Werken Das Prinzip Hoffnung, Subjekt - Objekt. Erläuterungen zu Hegel und Naturrecht und menschliche Würde. Nach dem Krieg, 1948, erhielt er einen Ruf nach Leipzig auf den Lehrstuhl für Philosophie. Trotz langjähriger Konflikte mit der SED blieb er bis 1961 dort. Kurz vor dem Bau der Mauer befand sich Bloch für einen Vortrag in Tübingen. Angesichts der neuen politischen Situation beschlossen er und seine Frau, in Westdeutschland zu bleiben. Unter anderem aufgrund des großen Einsatzes von Freunden konnte Bloch eine Gastprofessur in Tübingen antreten, wo er bis zu seinem Tod 1977 blieb.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 12.12.2000

Bau auf, freier deutscher Philosoph
Doch unsere Studenten singen nicht mehr mit Bloch das Lied vom System / Von Rüdiger Bubner

Dem vermutlich ersten Auftritt Blochs in der Bundesrepublik durfte ich als studentischer Anfänger im überfüllten Festsaal der Universität Tübingen beiwohnen. Walter Schulz, mit Bloch aus der frühen Leipziger Zeit gut bekannt, führte den Gewaltigen ein mit einem Hegel-Wort: Ein gebildetes Volk ohne Metaphysik sei wie ein ausgeschmückter Tempel ohne Allerheiligstes. Da kam nun die zentrale Ergänzung für den Tempel unseres Wissens in Gestalt einer "Ontologie des Noch-nicht-seins" (1960). Diese Ontologie entspricht dem inzwischen populär gewordenen "Prinzip Hoffnung". Ergriffenheit im Publikum.

Jahrzehnte später fand ich mich im akademischen Amte wieder in Tübingen. Bloch war gestorben, die energische Witwe verwaltete den Ruhm, und der schwäbische Protestantismus war zu Teilen mit dem Bloch-Erbe eine feste Liaison eingegangen. In Frankfurt und an anderen progressiven Plätzen hatte längst die Welle anglo-amerikanischer Nüchternheit den schwärmerischen Expressionismus Blochs abgelöst, jenen Zauberklang des Propheten, der aus den zwanziger Jahren herüberwehte.

Wieder sind Jahrzehnte vergangen, und uns wird ein Nachlaßband beschert. Der Band ist zustande gekommen dank der hingebungsvollen und sichtlich mühsamen Arbeit des Sammelns und Abschreibens im Bloch-Archiv. In der Erwartung, einer Blochschen Systematik auf der Spur zu sein, von der in Briefen der Autor gelegentlich berichtet, hat ein Genueser Religionsphilosoph, Gerardo Cunico, das Opfer im Dienste seines Klassikers erbracht. Der Aufwand war erheblich, und die Bescheidenheit des Editors berührt sympathisch angesichts einer Kommentierung, die fast ein Drittel des ganzen Buchumfanges ausmacht. Im Vergleich mit dem Triumphalismus anderer Nachlaßverwalter, die Werke sehen, wo höchstens Zettelkästen vorliegen, schätzt man die Leistung.

Ob man für die Tat auch dankbar sein soll? Die Lektüre ist überaus beschwerlich. Geboten wird nichts außer Textbruchstücken, angefangenen und abgebrochenen Manuskripten, Blöcken mit beigefügten, kürzeren oder längeren Zusätzen, auch verstreute Zettel. Man meint, einen unendlich langen Papyrus mit unzählbaren Lücken und Auslassungen vor sich zu haben. Zu den Schwierigkeiten der Textgestaltung mögen Fachleute ihre Stimme erheben.

In der Sache wirkt die Zusammenhanglosigkeit deshalb so störend, weil ein System entworfen werden soll - und System heißt nun einmal, daß alles "zusammensteht". Bloch folgt den Vorstellungen seiner Zeit, bezieht sich gelegentlich auf Neukantianer, natürlich auch auf große Vorbilder wie Hegel. Die Systemidee soll keinen falschen Zwang ausüben, das System soll vielmehr "offen" sein. Solchen Versicherungen am Rande der Schulphilosophie kann man bis zum heutigen Tage bei philosophischen Schriftstellern begegnen. Auch darüber soll hier kein Streit entstehen.

Die fundamentale Frage, die sich indes stellt, lautet: Ist aus dem Stoffe des Enthusiasmus eine konsequente Systemkonstruktion überhaupt denkbar? Diese Frage ist keineswegs ad hoc erfunden, sondern besitzt eine venerable Vorgeschichte. Die Frühidealisten, welche Kants Kritizismus überwinden wollten, suchten nach einem Weg für die Artikulation ihrer neuen Ideen. Der blutjunge Schelling beginnt Platon im Original zu lesen, was damals völlig aus der Konvention herausfiel. Die Autorität Kants hatte Platon immerhin als "Vater aller Schwärmerei" deklassiert.

Im August 1792 resümiert Schelling aus seiner Lektüre eine Blütenlese über "Dichter, Propheten, Enthusiasmus . . ." Er vertiefte sich in den Dialog "Ion", wo Platons Ironie die zungenredenden Rhapsoden vorführt, die in ihrem höheren Ahnen gar nicht wissen, was sie tun. Schelling hingegen nimmt die Lehre in vollem Ernste auf. Der "Ion" liegt am Rande des Platonischen Werks, aber er trifft nun ein Bedürfnis. Enthusiastisch hat der Philosoph zu sein, sonst verkümmert er zum Pedanten!

Man hat Bloch schon öfters mit Schelling verglichen. Da lag der Akzent auf Blochs Materialismus. Wir vermögen jedoch anhand des Nachlaßbandes einen Systemanspruch zu prüfen, den die Materialisten des neunzehnten Jahrhunderts, vor allem der Anthropologe Feuerbach, schon wegen der gefährlichen Nähe zum Idealismus Hegels nie erhoben hatten.

Sehen wir also der Entwicklung des Systems im einzelnen zu. Die Sache von "Logos der Materie" beginnt mit einer "Logik", welche sternenweit vom kunstreichen "Organon" der aristotelisierenden Scholastik entfernt ist, wie auch von der dagegen ausgeführten Spekulation in Hegels "Wissenschaft der Logik". Galaxien trennen die Texte gar vom technischen Raffinement der mathematischen Logik, die im zwanzigsten Jahrhundert führend geworden ist. Statt dessen wird eine "Arithmetik der Revolution" avisiert. Es folgt ein "Erkenntnistheoretischer Eingang". In Anknüpfung an die "Idealtypen" aus Max Webers Methodologie, der Lukács zur Seite steht, werden in freier Manier Fragen um Induktion, Empirismus, Gesetzesannahmen, Abgrenzung der Einzelwissenschaften von der Philosophie erörtert. "Induktive Vernunft ist eine durch Schaden klug gewordene Phantasie." Dem hätte wohl Popper zugestimmt, "Philosophisches Erkennen ist die Vernunft, die durch faktischen Schaden nicht klug wird, nicht resigniert." Von mancherlei Warte aus zustimmungsfähig. "Praxis als Beweis der Wahrheit" klingt nach einer Maxime des Pragmatismus. Dann zielt die Praxis jedoch auf das "Reich der Freiheit" - "ein Sein der Ankunft, ein Sein wie Glück".

Der nächste Schritt lenkt ins Reich der Materie, zu der breit gestreute Konvolute vorliegen, darunter Begriffsgeschichte (Meister Eckart, Jacob Böhme) und innermarxistische Polemik (Lenin, Engels). Leitwort bildet ein Marx-Zitat aus einem Brief an Ruge: "Die Reform des Bewußtseins besteht nur darin, . . . daß man die Welt aus dem Traum über sich selbst aufweckt, daß man ihr ihre eigene Aktionen erklärt . . . Es wird sich dann zeigen, daß die Welt längst den Traum von einer Sache besitzt, von der sie nur das Bewußtsein besitzen muß, um sie wirklich zu besitzen." Bloch kommentiert: "Materialismus ist erstens: gutes Gewissen des Glücks; zweitens: Erklärung der Welt aus sich selbst; drittens: Anweisung, im Prozeß der Welt, in der Materie als der ,Möglichkeit' dieses Prozesses . . ., das menschliche Glück zu finden." Ist also in diesem offenen System der Philosophie die Einführung der Materie zugleich ein Kapitel der Ethik?

Dann eine "Kategorienlehre als Krönung der Erkenntnistheorie". Gegen den Kantianischen Transzendentalismus wird das "Machen" ins Feld geführt. "Das Machen beginnt erst jetzt, erst im sozialistischen Aufbau, ein konkretes zu werden, und das Denken dient ihm wie nie zuvor." Dieser Text stammt aus dem Prager Exil 1937, hätte aber sicher noch für den Leipziger Universitätsprofessor der beginnenden fünfziger Jahre gegolten. Lange, streckenweise existentialistisch getönte Erörterungen über Raum und Zeit schließen sich an.

Eine Rezension mag Streiflichter werfen, Linien oder Drehpunkte beleuchten. Nie vermag sie den Reichtum an Einfällen, gelehrten Bezugnahmen, verfolgenswerten Gedankengängen und einer eilig gerafften, mitunter blühenden Prosa wiederzugeben. Das dem gesammelten Material unterlegte Systemgerüst rückt Bloch, den Emphatiker, deutlicher als bisher bekannt, in eine Reihe mit den Traditionen seines Fachs. Der Außenseiter wollte der Philosophenzunft nicht vollends abhanden kommen.

Noch einmal jedoch die Grundfrage, der bei diesem Text nicht ausgewichen werden kann: Ist ein System des Enthusiasmus möglich? Die Antwort muß anhand des vorliegenden Versuchs negativ ausfallen. Eine ständig hocherregte, oft überspannte Diktion ergießt sich wie strömende Lava, die innen noch glüht und außen bereits erstarrt. Ein System verlangt dagegen Ausgangs- und Endpunkte sowie dazwischen Fixpunkte, die das eine Thema vom zweiten und vom nächsten zu unterscheiden gestatten. Schließlich erfordert das System eine nachvollziehbar argumentative Verknüpfung der relevanten Themen, so daß die intendierte Konstruktion überschaubar wird. Konstruktion läßt Rekonstruktion zu. Das ist Ernst Blochs Sache nie gewesen. Seine Sache bringt Philosophie in die Nähe der Verkündigung. Angesichts einer Verkündigung aber muß der Wunsch nach Rekonstruierbarkeit wie Blasphemie erscheinen.

Ernst Bloch: "Logos der Materie". Eine Logik im Werden. Aus dem Nachlaß 1923-1949. Herausgegeben von Gerardo Cunico. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000. 679 S., geb., 98,- DM.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 06.12.2000

Darum werden wir erst
Mit einer Kategorienlehre startet die historisch-kritische Ernst-Bloch-Ausgabe: „Logos der Materie”
Bloch-Leser sind Spurenleser. Nicht im Sinn des vom Meister hoch geschätzten Karl May. Für sie ist Ernst Bloch im Gegensatz zu den Pfadfindern, die die Spuren des nicht mehr Daseienden, aber gerade noch Sichtbaren lesen, der ewig junge philosophische Old Shatterhand des schon sichtbaren Noch-Nicht-Seins: Spurenlesen nach vorwärts.
Blochs Spuren beginnen mit diesem „Zuvor”: „Wie nun? Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst. ” Ein Menschenleben später lautet das „Zuvor” im Experimentum mundi: „Wie also? Ich bin. Aber ich habe mich noch nicht. Wir wissen mithin noch nirgends, was wir sind . . .”
Jetzt, in den unter dem Titel Logos der Materie herausgegebenen Nachlassmanuskripten, ist unter dem Titel „Das Dumpfe” zu lesen: „Ich bin. Aber das Bin hat sich nicht. Wir leben es nur dahin. ”
Wie kaum ein anderer großer Philosoph ist Bloch ein Denker des Anfangs – der philosophische Expressionist eines wirklich anfangenden Anfangs. Nicht um, wie bisher die Philosophie zumeist, am eindrücklichsten vielleicht bei Descartes und Hegel, einen voraussetzungslosen Anfang als unerschütterliches Fundament der Philosophie zu finden. Auch nicht, wie Heidegger, um vor eine seinsvergessene Metaphysik auf einen anderen Anfang zurückzugehen. Sondern um mit dem „Dunkel des gelebten Augenblicks” zu beginnen, in dem die unkonstruierbare, aber reale Frage des Daseins, ja der Welt nach sich selber einem noch unausgemachten Gegenstand gilt. Logisch-dürr formuliert: „S ist noch nicht P. ” Das Subjekt hat sein Prädikat noch nicht gefunden.
Dementsprechend sind in Blochs Anfängen die Personalpronomina zwischen „Ich” und „Wir” unterwegs. Andernorts kann sich auch das „Man” dazugesellen. Die Subjekte bewegen und wandeln sich in einer Zeitlichkeit, die der schroffen Negation des „Nicht” das „Noch-Nicht” abgewinnt, auf dass zum Ende, was einstweilen nur ist, sich durch das Werden womöglich „habe”. Grund genug, Blochs Anfänge systematisch zum Anfang einer neuen Bloch-Lektüre zu machen.
Ob diese Anfänge logisch-sprachanalytischen Maßstäben standhalten können, steht dahin. Auch könnte eine sprachkritisch sensibilisierte Ideologiekritik daran Anstoß nehmen, dass hier ausgerechnet ein Marxist vom Sein zum Haben unterwegs ist. Gewiss aber ist, dass in diesen Anfängen, so grundlegend einfach sie anmuten, schon Blochs ganze prozessuale Logik mit ihren als „Daseinsformen” verstandenen Kategorien steckt. Es ist ebenso reizvoll wie schlüssig, dass man nun anhand der Nachlasspublikation das Werden eines Autors beobachten kann, der in diesen Manuskripten zweifellos schon „er” ist, aber sich noch nicht hat, um schließlich das „wir” einer personifizierten „Enzyklopädie der Hoffnung” zu werden.
Außerdem kann man einige bemerkenswerte Neuentdeckungen machen: Blochs Beschreibung der „gesunden Umwelt” etwa, die indes nicht ökologisch, sondern phänomenologisch verstanden wird. Und Journalisten können sich das Kapitel über „Zeitung und Traktat” mit dem Porträt ihres Berufsstandes zur Brust nehmen: „Die Journalisten, von Natur und Amt aus bürgerliche Wesen, sind die Sprecher derer, die nur von außen handeln oder eigentlich gehandelt werden. Sie sind wesentlich unbeteiligte Zuschauer ihrer eigenen Schreibfertigkeit . . . Was sich dieser Art also findet, ist eine bloße Deckung subjektiver und objektiver Leere, oder: wesenlose Menschen geben hier das Wesenlose ihrer Umwelt wieder. ”
Das dunkle Jetzt als Ursprung
Übereinstimmend mit Blochs Prozessdenken versteht sich die von Gerardo Cunico, Professor für Religionsphilosophie an der Universität Genua, besorgte Nachlassausgabe als „ein erster Schritt auf dem Weg einer historisch-kritischen Ausgabe von Blochs Schriften”. Das gibt ihr eine über den Band hinausgehende Bedeutung. Die Edition ist eingehend kommentiert und textkritisch erschlossen. Insofern verdient sie Dank und Bewunderung für eine große gelehrsame Leistung.
In der Sache unterstreicht Cunico zu Recht den systematischen Anspruch Blochs und den materialen Gehalt seiner Kategorienlehre: „das dunkle Jetzt als Ursprung und der erfüllte Augenblick als erhoffte, mögliche Mündung; die Grundspannung von Dass und Was, Grund und Bestimmungsinhalt; die Materie-Möglichkeit als Substrat und Seinsweise des Prozesses mit ihrer Tendenz und Latenz; die qualitativen Bestimmungen der Welt, in der der Mensch als subjektiver Faktor zu wirken hat (Front, vermitteltes Novum, Ultimum); die . . . Hauptdimensionen des Prozesses (Nicht, Noch-Nicht, Alles oder Nichts). ”
Kategorienlehre ist für Bloch eine Vorwegnahme der Prozessbewegung des Weltexperiments – Kategorien sind sowohl „Wege” wie „Zimmer”, um sich im „Haus der Welt” und unterwegs zurechtzufinden. Geschichte und Metaphysik sind folgerichtig in der Kategorienlehre, dem „hinreichend differenzierten Inhaltsverzeichnis der Realphilosophie, als des Buches von der Welt”, verbunden. Diese doppelte Negation schreibt der Logik und Kategorienlehre mit der Doppelformel vom „Logos der Materie” und der „Materie des Logos” eine Zwischenstellung zu. Blochs philosophischer Zweifrontenkrieg gilt sowohl dem reinen Formalismus der Logik wie einer bloßen Widerspiegelungslehre, die das Erbe des Idealismus, die kreative und kritische Beziehung des Subjekts auf das Objekt, annullieren will.
Unter den neueren Versuchen, Logik material, inhaltlich zu lesen, ist der von Klaus Heinrich (Tertium datur, Vorlesungen I) vielleicht der fruchtbarste. Heinrich fragt indessen nach dem von der Logik Ausgeschlossenen, Verdrängten, während Bloch das in ihr Eingeschlossene artikuliert. Immer noch zu entdecken die gelegentlich frappante Nähe von Blochs Kategorien als „Daseinsformen” zu den „Existenzialien” Heideggers, des Existentialismus insgesamt, zumal in Bezug auf das anfängliche „Dass”, auch wenn Bloch dieses nicht als „nackte” Faktizität, sondern als treibendes, intensives „Dass” bestimmt: marxistischer „Insistentialismus” sozusagen. Die Nachlassausgabe könnte neue Querverbindungen herstellen, neue Fragen stellen.
Editorisch gesehen freilich gibt es Anlass zur Diskussion. Die Edition mutet im Ganzen halbherzig an. Sie geht in der Hauptsache auf ein vom Herausgeber nach eigener Auskunft „nicht nur weitgehend rekonstruiertes, sondern auch tatsächlich wiedergefundenes” umfängliches Buchmanuskript zurück, das auf die Jahre 1934 bis 1937 datiert und Theorie-Praxis der Materie betitelt ist.
Von diesem aber wird einerseits nur ein Teil publiziert: der vierte, der die „Logik und Kategorienlehre” enthält und nun den Kern der vorliegenden Ausgabe bildet. Andererseits wird dieser Teil um mehrere andere Manuskripte angereichert, ein Zehlendorfer Manuskript von 1923, eines von 1933/38 mit dem suggestiven Titel Aufklärung und rotes Geheimnis, dann Die Hoffnung. Ihre Funktion und ihre Inhalte von 1944/52.
Der Herausgeber selber räumt ein, dass sein „Versuch der systematischen Anordnung von Nachlassmaterialien mit einem unvermeidlichen Rest von subjektiver Einschätzung belastet” ist. Auch der von Bloch selber, wenn auch unter vielen anderen erwogene Titel ist die Wahl des Herausgebers.
So hat man nun unter einem eher beliebigen Titel sozusagen ein Leipziger Allerlei („Multa, non multum” gegen Blochs berühmtes Schopenhauer-Zitat) aus verschiedenen Entstehungszeiten, nicht das, was Bloch selber zusammengefasst hat. Das lässt ein ziemlich freizügiges Verständnis einer historisch-kritischen Ausgabe erkennen. Es spricht für den Herausgeber, dass er die Problematik nicht verschweigt. Die Probleme einer Nachlass-Ausgabe sind noch ungelöst – einstweilen handelt es sich, mit Blochs eigenen Worten gesagt, um „Suchen und buntes Tasten”.
LUDGER LÜTKEHAUS
ERNST BLOCH: Logos der Materie. Eine Logik im Werden. Aus dem Nachlass 1923–1949. Hrsg. Gerardo Cunico. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2000, 679 Seiten, 98 Mark.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Der schlaue Ludger Lütkehaus hat sich die neue Zusammenstellung von Bloch-Texten aus dem Nachlass angeschaut. Er entdeckt ihn darin als Philosophen des Anfangs, den Bloch nicht als voraussetzungslos konstruieren will wie Descartes oder Hegel, sondern in seinem unabgeschlossenen Verweischarakter auf das Folgende. Da steckt schon Blochs "ganze prozessuale Logik" drin und "einige bemerkenswerte Neuentdeckungen" sind auch zu machen, aber leider mutet die Edition "halbherzig" an: Das umfangreiche Buchmanuskript "Theorie und Praxis der Materie" (1934-1937) findet sich darin nur zum Teil, andere Manuskripte sind hinzugekommen.

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