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Nowa Ruda im schlesischen Riesengebirge ist ein Ort mit wechselnden Identitäten. Heute polnisch, war das Städtchen früher deutsch, tschechisch, davor österreichisch-ungarisch. Hier, in der Mitte Europas, wo sich Grenzen verschieben und Sprachen kommen und gehen, sind Menschen in Häuser einzogen, in denen noch alte Fotoalben in den Schubladen liegen. Es ist ein Ort, an dem sich Schicksale und Erinnerungen vermischen. Als die Erzählerin mit ihrem Mann in die Gegend kommt, beginnt sie, die Geschichten Nowa Rudas und seiner Bewohner zu sammeln. Dabei hilft ihr die Perückenmacherin Marta, ihre…mehr

Produktbeschreibung
Nowa Ruda im schlesischen Riesengebirge ist ein Ort mit wechselnden Identitäten. Heute polnisch, war das Städtchen früher deutsch, tschechisch, davor österreichisch-ungarisch. Hier, in der Mitte Europas, wo sich Grenzen verschieben und Sprachen kommen und gehen, sind Menschen in Häuser einzogen, in denen noch alte Fotoalben in den Schubladen liegen.
Es ist ein Ort, an dem sich Schicksale und Erinnerungen vermischen. Als die Erzählerin mit ihrem Mann in die Gegend kommt, beginnt sie, die Geschichten Nowa Rudas und seiner Bewohner zu sammeln. Dabei hilft ihr die Perückenmacherin Marta, ihre rätselhafte Nachbarin, die sie in die Kunst einführt, die Geschichten vom Tag und die Träume der Nacht zu entwirren.
  • Produktdetails
  • Verlag: Kampa Verlag
  • Erscheinungstermin: Dezember 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 212mm x 136mm x 35mm
  • Gewicht: 519g
  • ISBN-13: 9783311100201
  • ISBN-10: 3311100204
  • Artikelnr.: 57898227
Autorenporträt
Tokarczuk, Olga
OLGA TOKARCZUK, 1962 im polnischen Sulechów geboren, studierte Psychologie in Warschau und lebt heute in Breslau. Ihr Werk (bislang neun Romane und drei Erzählbände) wurde in 37 Sprachen übersetzt. 2019 wurde sie mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Für »Die Jakobsbücher«, in Polen ein Bestseller, wurde sie 2015 (zum zweiten Mal in ihrer Laufbahn) mit dem wichtigsten polnischen Literaturpreis, dem Nike-Preis, geehrt und 2018 mit dem Jan-Michalski-Literaturpreis. Im selben Jahr gewann sie außerdem den Man Booker International Prize für »Unrast«. Zum Schreiben zieht Olga Tokarczuk sich in ein abgeschiedenes Berghäuschen an der polnisch-tschechischen Grenze zurück.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

""Wie erzählt man die Unmöglichkeit des Neuen in neuartiger Weise?" fragt ein sichtlich schwer beeindruckter Richard Kämmerlings und verweist als Antwort auf diesen Roman. Geschichten und Figuren des Buches werden als "zwischen Fakt und Legende", Historie und Fiktion changierend beschrieben - und letztlich zwischen Leben und Tod. Augenscheinlich spielt das Buch im dörflichen Milieu Schlesiens. Doch Kämmerlings mag in diesem Rückzug zur Natur nicht "zwingend eine Verweigerung der Zeitgenossenschaft" sehen. Denn im "Echoraum romantischer Todessehnsucht" der Protagonistin wäre ohnehin kaum Platz für "idyllische Verklärung". Auch gebe es in dieser Welt nicht nur einen Zugang zur Natur, sondern auch ins Internet. In der digitalen Vernetzung sieht Kämmerlings auch das dezentrale Erzählprinzip der Autorin abgebildet, deren Roman wie ein endlos in sich zurücklaufender Hypertext gelesen werden könne. Der Rezensent skizziert Handlung und Personen und zieht dabei immer wieder tief den Hut vor Olga Tokarczuks poetischer Kunst, ihrer virtuosen Einfühlung in Personen.

© Perlentaucher Medien GmbH"

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 25.08.2001

MartaKijowska
Martas magische Momente
Die Quintessenz eines Lebens – Olga Tokarczuk, Shootingstar der polnischen Literatur, legt einen neuen Roman vor: „Taghaus, Nachthaus”
Der Mariannenplatz im Berliner Bezirk Kreuzberg ist keine feine Adresse. Schon gar nicht, wenn man das Haus mit der Nummer eins bewohnt. Heruntergekommen und menschenleer ist es, mit einer Schar von Obdachlosen, die direkt vor dem Küchenfenster ihr Quartier aufgeschlagen hat und bei schönem Wetter im Gebüsch vor dem Eingang kampiert, scheint es für eine junge, kaum deutsch sprechende Ausländerin denkbar ungeeignet zu sein.
Die polnische Starautorin Olga Tokarczuk, die gerade auf Einladung des Deutschen Akademischen Austauschdienstes ein Jahr in Berlin verbringt, sieht die Dinge allerdings anders. Hier in Kreuzberg fühlt sie sich dem Leben und dem wahren Berlin viel näher als etwa in einem Appartement in Charlottenburg, das ihr von ihrem Gastgeber auch angeboten wurde. Dort würde sie im Haus nur anderen Schriftstellern und auf der Straße „älteren Damen, die ihre Hündchen ausführen”, begegnen. Hier aber, am Mariannenplatz, kann sie direkt aus ihrem Fenster eine Berliner Subkultur beobachten und ihre Gedanken und Empfindungen gleich in den Erzählband, an dem sie gerade arbeitet, einfließen lassen. Das ist ihr viel wichtiger als der Komfort, den ihr das Charlottenburger Domizil bieten würde.
Auch sonst nimmt Olga Tokarczuk ihre Berliner Einjahresexistenz ausgesprochen gelassen. Sie mag die Stadt, es gibt hier so vieles, was sie an Breslau erinnert, wo sie zeitweise wohnt. Selbst das hiesige Deutsch kommt ihr vertraut vor. Das muss an dem Klang der Sprache, an der Satzmelodie liegen, denn manchmal vergisst sie, dass sie den Sinn der Worte kaum versteht, und ist nahe dran, sich in ein Gespräch einzumischen. Vielleicht liegt es aber auch an den vielen Deutschland-Besuchen, die sie seit dem vergangenen Herbst – in dem sie mit dem Roman „Ur und andere Zeiten” und dem Erzählband „Der Schrank” ihr deutsches Doppeldebüt gab – absolviert hat. Schließlich waren sie und Andrzej Stasiuk („Die Welt hinter Dukla”) während der letzten Frankfurter Buchmesse die am meisten porträtierten und interviewten polnischen Autoren.
Im eigenen Land ist die 38-Jährige solche Erfolge längst gewohnt. Dort wurde bereits ihr erster Roman „Die Reise der Buchmenschen” zum „besten Prosadebüt des Jahres 1993” gekürt, sie war zweimal für die „Nike”, den zur Zeit wichtigsten polnischen Literaturpreis, nominiert, und „Ur und andere Zeiten” wird mittlerweile zu den schönsten Büchern der 90-er Jahre gezählt. Die Kritiker, die sie oft mit Umberto Eco und Gabriel García Marquez vergleichen, loben sie für ihre Erzählweise, in der sie philosophische Reflexionen mit Epischem verbindet. Und die Leser begeistern sich für die Welten ihrer Prosa, die zwischen Mythen, Träumen und der Realität angesiedelt ist.
Trotz ihres Erfolgs ist sie, die Psychologie studiert hat, weit davon entfernt, Schreiben als einen Beruf, geschweige als eine Berufung zu betrachten. „Eigentlich bin ich keine richtige Schriftstellerin”, behauptet sie sogar. „Es macht mir nichts aus, wenn ich an keinem neuen Buch arbeite. Ich brauche das Schreiben in erster Linie für mich selbst. Ich will mich auf diese Weise genauer kennen lernen, besser mit meinem Leben, meiner Sicht der Welt zurechtkommen.”
Von vier Erzengeln bewacht
Sie will so auch besser mit ihren Obsessionen fertig werden, zu denen die Auseinandersetzung mit der Zeit gehört. Sie kreist ständig um dieses Thema „wie ein Nachtfalter um das Licht”, sieht in der Zeit eine der faszinierendsten Dimensionen: „Ich stelle mir immer wieder die Frage, was die Zeit ist, und bleibe ohne Antwort. Ich weiß nicht, wie sie funktioniert und ob wir alle eine gemeinsame Zeit haben. Vielleicht hat jeder von uns eine eigene Zeit. Wenn ja, weiß ich nicht, wie sich diese individuellen Zeiten zueinander verhalten und wie sich die Geschichte dazu verhält.”
Der letzten Frage ging sie am eindringlichsten in „Ur und andere Zeiten”, ihrem wohl bisher reifsten Roman, nach. Bei aller Fülle der Figuren, die das Buch bevölkern, scheint die Zeit darin die Hauptrolle zu spielen. In 84 kurzen Kapiteln werden jeweils nur Ausschnitte aus der Existenz einer Person, eines Ortes, eines Gegenstands erzählt. Diese fragmentierte, in Bruchstücke aufgelöste Handlung und das rhythmische Wiederkehren einzelner Motive sind das eine Element, das dem Roman seine magische Anziehungskraft verleiht – das andere ist die märchenhafte Aura. Allein der Ort, in dem die Handlung spielt, das Dorf Ur, ist einerseits real, andererseits trägt er fantastische, zuweilen biblische Züge. Seine Grenzen werden von vier Erzengeln bewacht, und das Buch erweckt den Eindruck einer vollkommenen, in sich geschlossenen Einheit, eines Mikrokosmos, in dem Geist, Materie und Natur fließend ineinander übergehen. Die entscheidenden Momente der polnischen Geschichte des 20. Jahrhunderts spiegeln sich zwar in der Handlung wider, doch das Leben des Dorfes wird nicht durch die historischen Umwälzungen bestimmt, sondern durch den fundamentalen Zyklus von Geburt und Tod, durch das Auf und Ab der menschlichen Gefühle.
Früher gab es noch andere Faszinationen. Etwa die Metaphysik, mit der sich Olga Tokarczuk in ihrem ersten Roman, „Die Reise der Buchmenschen”, auseinander setzte. Als Schlüsselort des Romans fungiert das Paris des 17. Jahrhunderts, von dem aus sich mehrere Menschen aufmachen, um nach dem geheimnisvollen, titelgebenden Buch zu suchen und deren Reise die Kritik als eine Formel für das geistige Reifen eines jeden Menschen interpretierte.
Das Thema griff Tokarczuk erneut zwei Jahre später in dem Roman „E. E.” auf, der allerdings eine viel leichtere Kost war. Im Mittelpunkt der Handlung, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Breslau spielt, steht ein 15-jähriges Mädchen namens Erna Eltzner. Sie besitzt mediale Fähigkeiten, die eine Gruppe von Wissenschaftlern zu mehreren spiritistischen Sitzungen animieren. Im Lauf der Zeit verliert Erna jedoch ihre Fähigkeiten – und damit jeden Reiz für ihre Umgebung. Mit diesem realistischsten ihrer Bücher sorgte Olga Tokarczuk ungewollt für eine zeitweilige Diffamierung der Prosa von Frauen, die in den 90-er Jahren eine ungewöhnlich starke Präsenz auf dem polnischen Büchermarkt erlebte: Da sie sich die Beschreibung der ersten Monatsblutung ihrer jungen Protagonistin erlaubte, schmiedete ein boshafter Rezensent sofort den Begriff „Menstruationsprosa”, mit dem ein Teil der Kritik von nun an genüsslich die gesamte Frauenliteratur bedachte.
Solche Sticheleien gehören jedoch längst der Vergangenheit an. Von Tokarczuks neuestem Roman, der „Taghaus, Nachthaus” heißt und in die sen Tagen den deutschen Leser erreicht, wurden seit seinem Erscheinen in Polen (1998) rund 50000 Exemplare verkauft, und die Kritik sprach oft von dem besten Roman des Jahres. Es ist ihr bislang persönlichstes Buch und eine, wie sie es formuliert, Quintessenz ihrer bisherigen schriftstellerischen Arbeit.
Es handelt von einer Gebirgslandschaft bei Nowa Ruda (Neurode) nahe der tschechischen Grenze, wo sie zusammen mit ihrem Mann und ihrem 14-jährigen Sohn ein altes Haus bewohnt. Sie besitzt zwar noch eine Wohnung in Walbrzych (Waldenburg), in der ihr Mann, ebenfalls ein Psychologe, einen gemeinsam gegründeten kleinen Fachverlag leitet, und ein kleines Appartement am Breslauer Hauptmarkt. Doch dieses Haus, das 1932 von einem Deutschen erbaut und von ihr mit alten Möbeln eingerichtet wurde, ist ihr am liebsten. Und auch den Landstrich, von dem im Buch die Perückenmacherin Marta erzählt – sie ist die Nachbarin der Ich-Erzählerin, die wiederum autobiografische Züge trägt – sieht Olga Tokarczuk als ihr eigentliches Zuhause an.
Natürlich ist ihre Erzählweise auch in diesem Fall keine traditionelle, lineare – der Begriff „magischer Realismus”, der so oft auf ihre Prosa angewandt wird, verpflichtet im Falle eines „quintessenziellen” Buches in besonderem Maße. So lässt sie ihre Hauptfigur Marta die Geschichte der Gegend in Form einer Hand voll von Episoden erzählen. Mal handeln sie von der Heiligen Kümmernis, die bei ihrem Märtyrertod die Gesichtszüge Jesu hatte, mal von dem Deutschen Franz Frost, der das Haus der Erzählerin erbaut hat. Die Erinnerungsbilder und Visionen stammen aus verschiedenen Epochen, vom Beginn der Zeit, aus dem Mittelalter, dem 18. Jahrhundert und der Gegenwart – als konstante Elemente lässt Tokarczuk nur den Raum und die Natur erscheinen.
Ein Schrank als Zufluchtsort
Nun schreibt sie an neuen Erzählungen. Wird sie auch hier verschiedene Möglichkeiten der räumlichen und zeitlichen Verwandlung durchspielen? Wie in ihrem Erzählband „Der Schrank”, einer Sammlung von Geschichten, die zwar meist in der Welt von heute angesiedelt sind, denen aber, ähnlich wie ihren Romanen, eine magische Aura anhaftet? Denn selbst wenn die Schauplätze der Handlung anfangs real anmuten, bekommen sie bald eine andere, traumhafte Dimension: Ein Schrank fungiert als Zufluchtsort, schließlich als einziger Lebensraum, ein Hotel als ein geheimnisvolles Labyrinth.
Dieses Schwanken zwischen Realem und Fantastischem, das aber niemals die Grenze des Vorstellbaren überschreitet, ist typisch für Olga Tokarczuks Schreiben. „Es roch nach anderen Orten und einer anderen Zeit, die mir fremd war. Aber mein Gott – es erinnerte mich trotzdem an etwas so Bekanntes, so Vertrautes, dass mir die Worte fehlten, um es beim Namen zu nennen.” Diese Zeilen könnten als ihr schriftstellerisches Motto gelten. Ob sie in Berlin eine Inspiration zu neuen Geschichten dieser Art findet? Solchen, in denen selbst der Mariannenplatz als ein magischer Ort erscheint?
Magischer Realismus – Kritiker vergleichen sie mit Umberto Eco und Gabriel García Marquez: die polnische Autorin Olga Tokarczuk
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SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 06.11.2001

Werwolf beim Blutspenden
Olga Tokarczuk serviert triftige Pilze / Von Richard Kämmerlings

Was man von einem Roman wohl zuallerletzt will, sind Rezepte. Vorschriften und Ratschläge, wie man zu fühlen, zu lieben oder sein Leben einzurichten habe, lassen den Fluß einer Erzählung stocken, weil nicht die allgemeine Regel, sondern das Besondere einer Geschichte den eigentümlichen Reiz der Literatur ausmacht. Der neue Roman der polnischen Schriftstellerin Olga Tokarczuk ist voller Rezepte. Es sind Kochrezepte, doch solche, deren genaue Befolgung den Tod verspricht. Es sind detaillierte Rezepte für "Knollenbätterpilz in Sahne", für "Fliegenpilztorte", für einen "süßen Nachtisch aus Bovisten". Wer diesen Roman beim Wort nehmen würde, könnte ihn nicht einmal zu Ende lesen.

Die Erzählerin ist eine Frau, namenlos und mittleren Alters, die mit ihrem undeutlich bleibenden Freund R. ein Haus in einem kleinen niederschlesischen Bergdorf nahe der tschechischen Grenze bewohnt. Sie könnte Schriftstellerin sein, jedenfalls überzieht sie ihre Umgebung mit einem Netz von Geschichten, so daß der schlichte Alltag zum bloßen Rahmen einer Sammlung von Anekdoten, Biographien und Legenden der Nachbarn und der früheren Bewohner wird. Sie freundet sich rasch mit der alten Nachbarin Marta an, die ihr ganzes Leben als Perückenmacherin im Dorf verbracht hat und deren Schweigsamkeit die ideale Projektionsfläche für die Phantasie der Jüngeren abgibt.

Der Selbstmord eines Alkoholikers löst daher wie von selbst eine Erzählung dessen gescheiterter Existenz aus, eine virtuose Einfühlung in seine Sucht als logisch zwingendes Resultat einer Sinnkrise. Die Betrachtung von Andachtsbildchen wird zum Anlaß einer Vita der Heiligen Kümmernis, die als gekreuzigte Jungfrau mit Bart dargestellt wird. Wie Tokarczuk diese rätselhafte Gestalt und ihren Hagiographen, den transsexuellen Mönch Paschalis, einflicht, zeigt die Kunst ihrer Poetik: Denn Kümmernis oder Wilgefortis wird tatsächlich mancherorts verehrt; es bleibt offen, wo Historie in Fiktion übergeht. Es ist auch gleichgültig, geht es doch um die Eröffnung eines erzählerischen Tiefenraums für eine Region, deren heutige Bewohner - nicht selten "Umsiedler" aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten - ihre Wurzeln oft ganz woanders haben. Einmal heißt es, daß ein Wort zwischen "Sehen" und "Ahnen" fehle. Ob im Haus der Erzählerin einst ein Kind an einer Pilzvergiftung starb oder ob sie sich das nur ausdenkt, ist ebenso unentscheidbar.

Auch die Geschichten anderer Figuren changieren zwischen Fakt und Legende: So die des im Krieg deportierten Altphilologen namens Ergo Sum, der nur überleben konnte, indem er einen toten Gefährten verspeiste: Nach der Lektüre eines Platon-Satzes, wonach der zum Wolf werden müsse, der menschliche Eingeweide gegessen habe, führt er fortan eine Werwolfexistenz und findet allein beim regelmäßigen Blutspenden kurze Entlastung. Oder die des Hellsehers Leo, der den exakt vorausberechneten Weltuntergang in der Badewanne erwartet und in Tränen ausbricht, wenn jemand auf seine Frage, wie es geht, antwortet: "Wie früher." Solche Stories können auch für sich bestehen, hier gewinnen sie durch Spiegelungen und Verweise zusätzliche Bedeutungsschichten.

Die alte Marta wird zur Allegorie des Landstrichs selbst, sie ist eine mythische Gestalt, zeit- und geschichtslos, "ein ewiges Jetzt". "Wenn du deinen Ort gefunden hast, bist du unsterblich", sagt sie einmal. In einer grotesken Episode wählt ein besuchsweise zurückgekehrter Vertriebener den Grenzstein zum Sterbeort, um dann von den polnischen und tschechischen Beamten, die sich Formalitäten ersparen wollen, abwechselnd heimlich auf die jeweils andere Seite geschleift zu werden - ein drastisches Bild, wie die Willkür der Geschichte der zyklisch-harmonischen Ordnung der Natur ins Werk pfuscht. Die Grenze wird zur großen Metapher für die Zustände des Dazwischen, die die Menschen erschrecken und von ihnen daher in das Prokrustesbett eines Entweder-Oder gezwungen werden. Die Schicksale von Kümmernis und Paschalis zeigen, daß es dabei nicht zuletzt auch um die Grenzen der Geschlechter geht.

Die deutlichste Grenze ist die zwischen Leben und Tod. Als die Erzählerin einmal Gästen Pilze serviert, die "moderne Pilzführer als giftig einstufen", und diesen Zivilisationsgeschädigten daraufhin der Appetit vergeht, sinniert sie: "Als könnte das Essen oder Nichtessen einer Speise uns vor dem Tod retten." Welch eine Naivität! Wie die morbide Sekte der Messerschmiede durchzieht ein irritierender, dunkel-romantischer Todestrieb das ganze Buch, eine Bewegung hin zur inneren Ruhe des Mystikers, hin zu Verstummen und Stillstand. Auch der Beziehung zu R. dürfen die Worte ruhig fehlen: "Über was hätten wir reden sollen. Die Leute reden nur von dem, was sich nicht wirklich ereignet." Unter der Sonne Niederschlesiens geschieht nichts Neues, der individuelle Tod ist Teil des natürlichen Kreislaufs von Werden und Vergehen.

Spätestens seit der Wende hat die polnische Literatur ihre Ränder entdeckt, ein vielfältiges, "multikulturelles" Polen jenseits des nationalkatholischen Einheitsmythos, das gerade - wie auch bei Andrzej Stasiuk - in den ländlichen Grenzgebieten zu finden ist. Daß der Rückzug auf das dörfliche Milieu nicht zwingend Verweigerung der Zeitgenossenschaft ist, kann man an Olga Tokarczuk sehen. In ihrem Echoraum romantischer Todessehnsucht wäre ohnehin kaum Platz für idyllische Verklärung. In Martas Welt gibt es nicht nur einen Zugang zur Welt der Natur, sondern auch einen zum Internet, dem die Erzählerin mittels einer newsgroup fremde Träume als Material und Inspiration entnimmt.

So ist es hier keine modische Überinterpretation, wenn man die digitale Vernetzung allgemein als Vorbild für Tokarczuks dezentrales Erzählprinzip bestimmt. Immer wieder öffnen sich die scheinbar abgeschlossenen Geschichten mit einem einzigen Wort auf eine ganz andere Stelle des Romans hin, wie ein Link in einem endlos in sich zurücklaufenden Hypertext - man könnte auch sagen: wie das geduldige Werk einer Perückenmacherin. Man kann dieses Buch daher nicht lesen, ohne immer wieder hin- und herzublättern. So wenn ein Abkömmling der deutschen Adelsfamilie von Goetzen, deren Vertreibung nach 1945 erzählt wird, als an Freud und Frazer geschulter Religionshistoriker über jene Vita der Heiligen Kümmernis promoviert, deren Entstehung sich dem persönlichen Drama des Paschalis verdankt. (Als Todesjahr des Wissenschaftlers wird beiläufig 1945 angegeben.) Oder wenn der vom pater familias für die Flucht geliehene Wagen vor den Sowjets im Wald versteckt und dort von der Erzählerin entdeckt wird: "Am Morgen erschienen im Internet Träume von Autos."

Schon als das erste Kapitel als Gesetz der Erzählung eine unbegrenzte Verfügung über Raum und Zeit beansprucht, wird die Perspektive verglichen mit einem "Pfeil auf dem Computerbildschirm, der sich selbsttätig bewegt oder einfach nur nichts von der Hand weiß, die ihn bewegt". Und am Schluß, bei einer von Haschischrauch umnebelten Betrachtung der Sternbilder, heißt es: "Hätten wir nur eine große Maus gehabt, eine Supermaus, um auf eine dieser Ikonen zu klicken, dann hätten sich andere Himmel aufgetan, die uns verblüfft und in Bann geschlagen hätten wie das Computerspiel die Kinder."

Man mag die in diesem, in Polen äußerst erfolgreichen Roman enthaltene Kulturkritik für antimodern und nostalgisch halten: die Ablehnung des Innovationszwangs, das Esoterische, die Manie, die Welt noch einmal wie ein Buch entziffern zu wollen. Doch das zeitgemäße Erzählverfahren dürfte genug davor warnen, das Weltbild der Erzählerin zum Nennwert zu nehmen. Nicht der rückwärtsgewandte polnische Dorfroman stand hier Pate, sondern eher der frühe Thomas Bernhard. (Kaum zufällig trägt der Erbauer des Hauses der Erzählerin den Namen Frost.) Olga Tokarczuk hat einen Roman über die Aufhebung der Zeit geschrieben, indem sie den Raum, das Haus, den Ort zur Hauptfigur machte. Wie erzählt man die Unmöglichkeit des Neuen in neuartiger Weise? Man lese selbst, denn dieses Rezept wird ihr so schnell keiner nachmachen.

Olga Tokarczuk: "Taghaus, Nachthaus". Roman. Aus dem Polnischen übersetzt von Esther Kinsky. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, München 2001. 318 S., geb., 39,80 DM.

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"Der Roman spielt in Schlesien, also dort, wo man in der Erde Kisten mit Porzellan und Silber findet und die Gräber deutsche Inschriften tragen. Ein Buch, in dem Historie, Mythologie, Einsicht und Erzählfreude auf höchst reizvolle Weise miteinander verschmelzen." (Die Zeit)
"Poetisch und bewegend - das liebevolle Porträt eines Landstrichs und seiner Bewohner." (Freundin)
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