Stasiland - Funder, Anna

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Eine Australierin geht auf Entdeckungsreise und erzählt packende Geschichten aus einem fernen Land. Ohne Nostalgie wird die verblichene Welt der DDR ins Visier genommen. Anna Funder stellt Fragen: den Tätern von gestern - Stasiagenten, Kollaborateuren - und ihren Opfern, die sich dem System der Überwachung und Bespitzelung verweigerten. Einzelschicksale in Nahaufnahmen. Literarische Reportagen über ein totalitäres System, die unter die Haut gehen.
"Anna Funder legt den Finger in die Wunde. Sie zeigt Narben, die noch nicht verheilt sind." 'Saarbrücker Zeitung'
"Die australische Antwort auf Jana Hensel und Claudia Rusch." 'Deutschland Archiv'
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Produktbeschreibung
Eine Australierin geht auf Entdeckungsreise und erzählt packende Geschichten aus einem fernen Land. Ohne Nostalgie wird die verblichene Welt der DDR ins Visier genommen. Anna Funder stellt Fragen: den Tätern von gestern - Stasiagenten, Kollaborateuren - und ihren Opfern, die sich dem System der Überwachung und Bespitzelung verweigerten. Einzelschicksale in Nahaufnahmen. Literarische Reportagen über ein totalitäres System, die unter die Haut gehen.

"Anna Funder legt den Finger in die Wunde. Sie zeigt Narben, die noch nicht verheilt sind."
'Saarbrücker Zeitung'

"Die australische Antwort auf Jana Hensel und Claudia Rusch." 'Deutschland Archiv'
  • Produktdetails
  • Fischer Taschenbücher Bd.16746
  • Verlag: Fischer Taschenbuch
  • 5. Aufl.
  • Seitenzahl: 304
  • Erscheinungstermin: 1. September 2006
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm x 123mm x 25mm
  • Gewicht: 230g
  • ISBN-13: 9783596167463
  • ISBN-10: 3596167469
  • Artikelnr.: 20757568
Autorenporträt
Funder, Anna
Anna Funder, 1966 geboren, studierte in Melbourne und Berlin Germanistik, Englische Literatur und Rechtswissenschaften. Seit Ende der neunziger Jahre arbeitet sie als freie Autorin. Für ihr erstes Buch »Stasiland« (2002) erhielt sie den Samuel Johnson Award, den angesehensten Sachbuch-Preis in der englischsprachigen Welt. Ihr Roman »Alles, was ich bin« (S. Fischer, 2014) basiert auf einer wahren Begebenheit: 1935 wurden zwei bekannte deutsche Widerstandskämpferinnen vergiftet in ihren Betten aufgefunden. Das Schlafzimmer ihrer Wohnung im Londoner Exil war verschlossen. Die Bekanntschaft Anna Funders mit Ruth Blatt, einer Freundin dieser beiden Widerstandskämpferinnen, veranlasste die Autorin, Recherchen zu den mysteriösen Todesfällen in London anzustellen. In 'Alles, was ich bin' löst Funder die rätselhaften Tode mit einer Fiktion voller Mut, Liebe und Verrat. Der internationale Bestseller wurde allein in Australien mit dem renommiertesten Literaturpreis, dem Miles Franklin Prize, und sechs weiteren Preisen ausgezeichnet. Ihr Werk ist in 25 Sprachen übersetzt. Anna Funder lebt in New South Wales, Australien.
Rezensionen
Besprechung von 11.07.2003
Wie bei Schnitzlers unterm Sofa
Zwei australische Autorinnen gehen auf Spurensuche in "Stasiland"

Die Stasi ist tot. Der IM-Verdacht, der in den Jahren nach der Wende ausreichte, um eine Karriere zu zerstören, ruft heute in der Öffentlichkeit nur noch mäßige Emotionen hervor. Es scheint so, als ob die anfängliche Hysterisierung des Themas in ihr Gegenteil umgeschlagen wäre: in Gleichgültigkeit. Die sensationellen Enthüllungen aus der Wendezeit gehören nun schon zum mythologischen Bestand des vereinigten Deutschland. "Sascha Arschloch", der sterbende Ibrahim Böhme oder Knud Wollenberger, der seine Frau bespitzelte: Die Geschichten des Verrats, der "Zersetzung" und der Manipulation durch die Stasi werden mittlerweile rezipiert wie die Märchen der Brüder Grimm: Es war einmal.

Nun kehrt das Thema ausgerechnet vom anderen Ende der Welt, aus Australien, zu uns zurück. Unabhängig voneinander haben sich dort zwei Frauen aufgemacht, den deutschen Osten zu erkunden, und zwei bemerkenswerte Bücher geschrieben. Die Fremdheit ist für sie eine gute Voraussetzung, um auch einfache Fragen zu stellen, bei denen Einheimische längst abgeschaltet hätten. Alison Lewis legt mit "Die Kunst des Verrats" eine literaturwissenschaftliche Studie vor, die den Wirkungszusammenhang von Verrat und Kunst, Kollaboration und Autonomie untersucht. Anna Funders "Stasiland", bisher nur in einer englischen Ausgabe zu haben, ist eine breit angelegte Reportagensammlung, die die Gegenwärtigkeit eines untergegangenen Landes sichtbar macht.

Alison Lewis kam 1986 für ein Semester in die DDR, um ihre Doktorarbeit über "das Subversive an der weiblichen Phantastik in der Literatur der DDR" zu schreiben. Abends lernte sie am Prenzlauer Berg die ortsansässigen Poeten und Künstler kennen. Besonders faszinierten sie die Auftritte Sascha Andersons, die sie als "gesellschaftlichen Widerstand" begriff. Seine "etwas unheimliche Lyrik" blieb ihr jedoch dunkel. Es war ein Schock für Lewis, als Anderson 1991 als Stasizuträger entlarvt wurde. "Kann man Gedichte simulieren?" fragt sie sich und überlegt, ob nicht vielmehr der Begriff der Subversivität erweitert werden müßte: "War das, was die Spitzel leisteten, die Subversion der Subversion? Subversion hoch zwei, hoch drei oder Staatstreue und Konformität? Oder war es etwas qualitativ anderes?"

Lewis interessiert sich weniger für Fragen der Moral als für ästhetische Konsequenzen der Kollaboration. Ihre Analyse stützt sich vor allem auf die Stasihinterlassenschaften von Sascha Anderson und Rainer Schedlinski, auf deren literarische Texte und nachträgliche Rechtfertigungsversuche. Im Ergebnis legt sie nahe, die einfache Frontstellung von Tätern und Opfern in Frage zu stellen. Stasigesteuerte Kunst und autonome Kunst sind für sie im Falle Sascha Andersons keine Gegensätze, sondern bilden eine merkwürdige, widersprüchliche Einheit: Was die Stasi von ihm verlangte, wollte Anderson auch, und was er tat, konnte der Stasi nicht gefallen.

Lewis sucht die Mechanismen des Verrats nicht in der puren Auftragserfüllung des Spitzels, nicht in Verbotsbefolgung und systemkonformer Auftragskunst. Entschieden wendet sie sich gegen die These von der Literatur, die eine Simulation der Stasi gewesen sei, und setzt statt dessen direkt "in der kritischen, ästhetischen Urteilskraft der Poeten" an. Sascha Anderson glaubte, autonom zu handeln. Und doch veränderten sich seine ästhetischen Leitlinien und die Kriterien der Urteilsbildung allmählich. Lewis vergleicht das "Ritual des Verrats" mit kirchlichen Ritualen, die den Glauben nicht einfach ausdrücken, sondern im Vollzug zugleich erst erzeugen. So erzeuge auch das Ritual des Spionierens erst die ideologische Einstellung, die doch dessen Voraussetzung sein müßte.

Die sprachspielerische, sprachkritische Literatur der Szene am Prenzlauer Berg - von der Stasi wegen ihrer Politikferne durchaus erwünscht - war gleichwohl alles andere als eine Stasizüchtung. Andersons anarchischer Aktionismus wurde zunehmend unkontrollierbar. Doch die Stasi mußte ihrem Mitarbeiter Freiräume gewähren, um seine Loyalität zu bewahren. Es war ein Geschäft auf Gegenseitigkeit, bei dem der Spitzel am meisten profitierte. Machtgestützt eroberte er sich eine zentrale Position in der Szene, konnte auch in den Gesprächen mit der Stasi das eigene Bedeutsamkeitsgefühl steigern und in hypertropher Selbstüberschätzung daran glauben, die Entwicklung beeinflussen zu können. Selbst die Bespitzelten profitierten in gewisser Hinsicht, betraten sie doch in seinem Umfeld einen gesellschaftlichen Raum, der zwar observiert, aber auch relativ geschützt war. Anderson verstand sich als ein Vermittler, der dem Staat die Harmlosigkeit der Szene erklärte. Erst nach seinem Weggang in den Westen häuften sich die Durchsuchungen und Schikanen.

Dem vom Willen zum Künstlertum angetriebenen Sascha Anderson versprach die Kooperation mit der Stasi zudem "einen geheimen Fluchtweg aus dem Sackbahnhof des Untergrunds". So konnte er Szene-Guru bleiben und doch zugleich auf eine offizielle Karriere hoffen. Der Preis dafür, die künstlerische Entwicklung an die Kollaboration mit der Macht zu binden, war aber hoch: Er bestand in der völligen Entwertung der eigenen Hervorbringungen nach der Dekonspiration. Der eher schüchterne Rainer Schedlinski, der tatsächlich zum Schreiben eher gedrängt worden zu sein scheint, ist seither verstummt. Anderson versuchte, sich mit seinem autobiographischen Roman "Sascha Anderson" künstlerisch zurückzumelden. Das ist gescheitert; der Text wurde von der Kritik ganz zu Recht moralisch gelesen und als Rechtfertigungsversuch zurückgewiesen. Nach dem Verrat an der Kunst ist Anderson der Rückzug ins Ästhetische verstellt.

Die Journalistin Anna Funder agiert im Vergleich zu Alison Lewis naiver, doch richtet sich ihr Fokus auf die ganze Gesellschaft. Funder hielt sich Mitte der neunziger Jahre stipendienhalber in Potsdam auf und arbeitete 1996 beim Auslandsfernsehen der "Deutschen Welle" in Berlin. Für sie ist die DDR als untergegangene Diktatur ein Mythos, den sie entlang der unvorstellbaren Ungeheuerlichkeiten Mauer und Staatssicherheit erkundet. Sie nähert sich ihrem Gegenstand unbefangen und unbelastet von allen innerdeutschen Debatten und erzählt die klassischen Geschichten von Tätern und Opfern, Geschichten aus dem "Stasiland". Sie besucht den Chefpropagandisten Karl-Eduard von Schnitzler, der sie mit heiserer Stimme anbellt und immer noch eine Stalinbüste im Regal stehen hat. Ein Potsdamer Stasimann überreicht ihr beim Treffen in konspirativem Agentenstil ein "Kommunistisches Manifest", das sie doch bitte studieren möge. Er ist einer von vielen, die sich auf ihre Zeitungsanzeige meldeten, mit der sie ehemalige Stasileute um Auskunft bat: diskrete Abwicklung und englischsprachige Veröffentlichung garantiert. Dieses Versprechen machte gesprächig - aber nur, soweit es um Ruhm und Ehre des einstigen Arbeitgebers geht.

Funder trifft Hagen Koch, den Mann, der am 13. August 1961 mit Kreide die Position der Mauer auf den Straßen markierte - ein Bein im Osten, eins im Westen - und erzählt seine widerspruchsvolle Geschichte. Heute führt er Touristen an der ehemaligen Sektorengrenze entlang und betreibt ein privates Mauer-Archiv. Sie unterhält sich mit einem gewissen Herrn Bock, der einst auf der Stasihochschule "Spezialdisziplin" unterrichtete: die Wissenschaft der Informantenrekrutierung. Heute lebt er hinter zugezogenen Vorhängen am Rand von Potsdam eine gespenstische Schattenexistenz und arbeitet als Berater und Vermittler für westdeutsche Firmen im Osten.

Vor allem aber erzählt sie von Menschen, die in die Repressionsmaschinerie der DDR gerieten, allen voran die Geschichte der Leipzigerin Miriam Weber, die 1969 als Sechzehnjährige über die Berliner Mauer in den Westen fliehen wollte, kurz vor dem Ziel scheiterte und für anderthalb Jahre im Knast landete. Nach ihrer Entlassung blieb sie unter ständiger Observation. Auch ihr Mann wurde eines Tages verhaftet und starb wenige Tage später im Gefängnis. Angeblich habe er sich erhängt. Doch die Mitteilungen sind widersprüchlich, die Frau darf seinen Leichnam nicht noch einmal sehen. Bis heute ist es ihr nicht gelungen, die Wahrheit zu ergründen. Eine letzte Hoffnung könnten die Säcke mit Schnipseln zerschredderter Stasi-Unterlagen sein, die in mühsamer Geduldsarbeit im Bundesamt in Zirndorf zusammengepusselt werden. Auch dorthin begibt sich Anna Funder und macht eine einfache Hoffnungsrechnung auf: Bei vierzig Angestellten, die täglich zehn Seiten rekonstruieren, wird es etwa 375 Jahre dauern, bis alle Säcke aufgearbeitet sind. Aber welche Fragen sind dann beantwortet? Und welche werden dann noch relevant sein?

Viele der Geschichten in diesem Buch hat man so oder so ähnlich schon gelesen oder in Fernsehreportagen gesehen. Lehrreich ist vor allem das Nebeneinander der unterschiedlichen Sichtweisen und Schicksale, die sich gegenseitig kommentieren. Anna Funder bleibt stets wache Beobachterin und gleitet nie in schlichten Opferkitsch ab. Auch der mit ihr befreundete Musiker Klaus Renft kommt zu Wort, der, obwohl er selbst vom Verbot seiner Musik und schließlich der Übersiedlung in den Westen erzählt, doch auch sagt: "Für uns war die DDR nicht nur Stasi, Stasi, Stasi, sie war auch Sex and Drugs and Rock 'n' Roll."

Anna Funder zeigt, wie die Menschen heute mit ihren Erfahrungen fertig werden und wie sie mit ihren zerstörerischen Erinnerungen weiterleben. Ihre Freundin Julia, verschlossen wie eine Muschel und nur zögerlich sprechend, erzählt davon, wie sie durch einen Anwerbungsversuch der Stasi unter Druck geriet, und davon, wie sie kurz nach der Wende im Aufzug eines Plattenbaus vergewaltigt wurde. "Je klarer man sieht, um so schlechter fühlt man sich", sagt sie. Das ist in der Tat eine Konsequenz der Lektüre dieses Buches. Man legt es kopfschüttelnd beiseite und möchte mit der ganzen DDR-Aufarbeitung noch einmal von vorn beginnen. Denn die Geschichte ist nicht tot. "Stasiland" ist bestürzend gegenwärtig.

JÖRG MAGENAU

Alison Lewis: "Die Kunst des Verrats". Der Prenzlauer Berg und die Staatssicherheit. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2003. 272 S., br., 36,- [Euro].

Anna Funder: "Stasiland". Granta Publications, London 2003. 288 S., br., 15,41 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Sicher gab und gibt es immer wieder Berichte, die sich mit Einzelschicksalen in der DDR befassen, gibt Eva Behrendt zu. "Überraschenderweise" fehlt es bisher aber an Unternehmungen, die menschlichen Mosaiksteine zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Anna Funders diesbezüglicher Versuch gelingt. "In bester angelsächsischer Tradition" versuche Funder dabei, nicht künstlich objektivierend zu wirken, sondern ihre Neugier so in ihre Reportagen mit ein zu beziehen, dass "fast so etwas wie ein erzählerischer Bogen" und damit schließlich ein Roman entsteht. Nicht alle Personen, die Funder getroffen hat, sind neu, schreibt die beeindruckte Rezensentin, originell und einmalig findet sie aber die "treffenden" Schlussfolgerungen der australischen Journalistin.

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