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  • Format: ePub


Ein Gulag-Roman mit deutschen und österreichischen Protagonisten. Eine Rückschau ins Wien der zwanziger Jahre. Ein Roman, der ins Zentrum des 20. Jahrhunderts führt. Eben noch war Rafael Schermann in der Wiener Caféhaus-Szene ein bunter Hund, bekannt mit Gott und der Welt von Adolf Loos, Oskar Kokoschka, Magnus Hirschfeld bis zu Else Lasker-Schüler, Herwarth Walden, Ehrenstein, Döblin, Bruckner, Eisenstein, Stanislawski, Piscator... Selbst der scharfzüngige Karl Kraus erhoffte sich von Schermanns graphologischer Begabung beim Deuten von Briefhandschriften entscheidende Hilfe in seinem…mehr

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Produktbeschreibung
Ein Gulag-Roman mit deutschen und österreichischen Protagonisten. Eine Rückschau ins Wien der zwanziger Jahre. Ein Roman, der ins Zentrum des 20. Jahrhunderts führt. Eben noch war Rafael Schermann in der Wiener Caféhaus-Szene ein bunter Hund, bekannt mit Gott und der Welt von Adolf Loos, Oskar Kokoschka, Magnus Hirschfeld bis zu Else Lasker-Schüler, Herwarth Walden, Ehrenstein, Döblin, Bruckner, Eisenstein, Stanislawski, Piscator... Selbst der scharfzüngige Karl Kraus erhoffte sich von Schermanns graphologischer Begabung beim Deuten von Briefhandschriften entscheidende Hilfe in seinem Liebeswerben um Sidonie Nádherný... Und jetzt landet dieser schillernde Mann völlig abgerissen und todkrank als Gefangener am Ende der Welt, hundertfünfzig Kilometer östlich von Kotlas an der Bahntrasse nach Workuta im Lager Artek. Sofort zieht einer, der aus Handschriften Vorhersagen ableiten kann, außerordentliches Interesse auf sich, ob nun das des Lagerkommandanten (selbst der kann nicht sicher sein, ob er morgen Chef eines größeren Lagers sein oder man ihn erschießen wird) oder das seiner Mitgefangenen, "achthundert Männer, zweihundert Frauen. Eine echte sowjetische Großfamilie... jeder weiß alles vom anderen und wünscht ihm die Krätze an den Hals." Und dann behauptet Schermann noch, kein Russisch zu können, und beansprucht einen Übersetzer. Steffen Mensching stellt ihm den jungen deutschen Kommunisten Otto Haferkorn an die Seite. Das ungleiche Paar, mal Herr und Knecht, mal Don Quijote und Sancho Pansa, kämpft ums Überleben unter brutalen, absurden Verhältnissen im mörderischen Räderwerk des zwanzigsten Jahrhunderts. Zwölf Jahre hat Steffen Mensching an seinem opus magnum gearbeitet, es ist ein großer Wurf geworden.

Dieser Download kann aus rechtlichen Gründen nur mit Rechnungsadresse in A, B, BG, CY, CZ, D, DK, EW, E, FIN, F, GB, GR, H, IRL, I, LT, L, LR, M, NL, PL, P, R, S, SLO, SK ausgeliefert werden.

  • Produktdetails
  • Verlag: Wallstein Verlag
  • Seitenzahl: 820
  • Erscheinungstermin: 30.07.2018
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783835342903
  • Artikelnr.: 53237797
Autorenporträt
Steffen Mensching, geb. 1958 in Berlin (Ost), studierte an der HU Berlin Kulturwissenschaft und arbeitete viele Jahre als freiberuflicher Autor, Schauspieler, Clown und Regisseur. Bekannt wurde er vor allem durch die Clownsprogramme, die er mit seinem Partner Hans-Eckardt Wenzel auf die Bühne gebracht hat (u. a. "Letztes aus der DaDaeR", 1983 - 1989). Seit der Spielzeit 2008/09 ist Steffen Mensching Intendant am Theater Rudolstadt. 1979 debütierte er mit einem Gedichtband, zuletzt veröffentlichte er im Aufbau Verlag die Romane "Jacobs Leiter" (2003) und "Lustigs Flucht" (2005) sowie "In derselben Nacht", Rudolf Leonhards "Traumbuch des Exils" (2001).
Rezensionen
Besprechung von 09.08.2018
Der die Zeichen
zu lesen wusste
In der Tradition der Lagerliteratur: Steffen
Menschings Roman „Schermanns Augen“
VON HANS-PETER KUNISCH
Der elfjährige Schüler Steffen Mensching aus Berlin-Lichtenberg war stolz, als er zum Agitator gewählt wurde, verantwortlich für die Politinformation in der Klasse. Davon erzählt er in seinem ersten, teils autobiografischen Roman „Jacobs Leiter“ (2003). Noch als Jugendlicher glaubte er, dass sich aus der DDR etwas machen ließe. Er hielt ihr zugute, dass Brecht und Eisler dort hätten leben wollen. Aber dann muss ihm klar geworden sein, wie schwierig Veränderung werden konnte. Im Jahr 1979 veröffentlichte der 21-jährige Autor seinen ersten Gedichtband und schloss sich der Clowns-Truppe „Karls Enkel“ an, die unter dem Dach der Berliner Volksbühne für ungewöhnlichen Widerstand sorgte. Mit Worten gingen die „Enkel“ vorsichtig um, spielten aber mit Masken und Musik und prägten dabei einen Code, der schwer zu knacken war. Als Scharlatanerie war Widerspruch möglich.
Heute leitet der frühere, bald sechzigjährige „Clown“ Mensching das Theater Rudolstadt. Zwölf Jahre lang hat ihn zudem ein anderer, einst berühmter „Scharlatan“ beschäftigt: der Krakauer Grafologe Rafael Schermann, eine historische Figur, die Menschings neuem, opulentem Roman den Titel „Schermanns Augen“ gibt. Diese Augen müssen übersinnliche Fähigkeiten besessen haben. Ein kurzer Blick auf eine Handschrift oder gar blindes Betasten reichte Schermann, um sich ein Bild der schreibenden Person und ihrer Zukunft machen zu können. Das bezeugte etwa der Prager Psychiater und Mitentdecker der Alzheimer-Krankheit Oskar Fischer in seinen 1924 veröffentlichten „Experimenten mit Schermann“. Rafael Schermann war ein Hellseher mit professoraler Lizenz. Er ließ sich in Wien nieder, praktizierte aber auch in Paris und New York.
Dass er manchmal sogar Fehler eingestand, machte ihn noch glaubwürdiger. Sogar ein kritischer Geist wie Karl Kraus ließ sich von Schermann beraten, um seine Problempartnerin Sidonie Nádherný zu ergründen. Oskar Kokoschka und Adolf Loos waren Schermanns Klienten. Mensching, der schon während der Recherche für „Jacobs Leiter“ in den Beständen eines New Yorker Antiquariats auf Fischers „Experimente“ stieß, war fasziniert. Als ihm die 1919 in Wien geborene, jüdische Emigrantin Lily Ruth Hull, bei der Mensching in New York wohnte, erzählte, dass ihre Mutter die ersten Schrifterzeugnisse der kleinen Lily zu Schermann gebracht habe, begann er sich intensiv mit dem „jüdischen Wundermann“ zu befassen.
In „Schermanns Augen“ erfährt man den historisch verbürgten Teil der Geschichte erst nach und nach. Mensching erzählt Schermanns Schicksal vom Ende her. Am Anfang des Romans lesen wir, wie ein alter Mann im Lazarett eines sowjetischen Lagers eingeliefert und von seinem Pritschennachbarn gefilzt wird. Es finden sich eine Brille, eine Zahnbürste, ein ledernes Adressbuch – der Kerl muss reich gewesen sein. Wieso hat man ihm die Sachen nicht schon vorher abgenommen?
Der filzende Nachbar heißt Otto Haferkorn, es ist ein fiktiver kommunistischer Setzer aus Berlin-Lichtenberg, der bei der Moskauer Deutschen Zentral-Zeitung gearbeitet hat und unter dem Verdacht ins Lager kam, der Gestapo anzugehören. Dort aber ist er durch den Hitler-Stalin-Pakt kurios geschützt. Mensching erzählt aus der Perspektive Haferkorns, dem „der Pole“ suspekt ist. Dass beide Deutsch sprechen, bringt die Männer einander bald näher. Haferkorn kann Russisch und muss Schermanns Gespräche mit dem Lagerleiter dolmetschen, der ihn aufgrund „trotzkistischer Umtriebe“ verdächtigt.
Die Fähigkeiten des hellseherischen Grafologen haben auch dem historischen Schermann im dunklen 20. Jahrhundert nur bedingt genutzt. Vor den Nazis nach Lemberg geflohen, kam er nach der Besetzung durch die Sowjetarmee als „polnischer Kontingentflüchtling“ ins Sonderlager Fediakowo, 500 Kilometer südöstlich von Archangelsk.
Ein Lager ist, erzählerisch gesehen, kein schlechter Ausgangspunkt: ein gleichbleibender, aber auch dramatischer Ort, an dem über die Vergangenheit gesprochen wird. Auch die Zweifel an Schermanns Fähigkeiten werden da plausibel. Aber wie erzählt man von einem Lager, in dem man nicht gewesen ist? Am besten gar nicht. Die Geschichten von Überlebenden, sei es des Gulags oder des KZs, sind wahrhaftiger und interessanter. Damit kann keiner konkurrieren. So dachte wohl auch Steffen Mensching und erfand ein Lager Sofranowka, in dessen Lazarett sein Schermann liegt, bevor er nach Fediakowo kommt.
„Sofranowka, ITL 47, genannt Artek II, war ein Nebenlager im Archangelsker Gebiet (…) an der Bahntrasse nach Workuta gelegen.“ Hier sind politische Gefangene, Kriminelle, Mörder, Unschuldige inhaftiert und die Sitten rau. Damit die Lagergeschichten keine Räuberpistolen werden, hat Mensching die Bedingungen vergleichbarer sowjetischer Institutionen genau recherchiert. Aber vor allem hat er sich auf die Fährte von Peter Weiss begeben, dessen Roman-Großessay „Die Ästhetik des Widerstands“ die Existenz des Einzelnen unter totalitären Bedingungen untersucht.
Wie bei Weiss gibt es bei Mensching lange Textblöcke, die kaum in Abschnitte eingeteilt sind und nicht erkennen lassen, wer da spricht. Bei Weiss symbolisiert diese Form die geballte, gleichmacherische Kraft der kommunistischen Bewegung nach dem Ersten Weltkrieg. Anders bei Mensching, der zwar den Einzelnen auch stilistisch in der Masse aufgehen lässt. Die Textblöcke, in denen er verschwindet, stehen hier aber für die totalitären Systeme, zwischen denen Haferkorn und Schermann zerrieben werden. Im Lager wird der Einzelne von einem System geschluckt, in dem es egal ist, dass Schermann mit dem Trotzkismus so wenig am Hut hat wie Haferkorn mit der Gestapo.
Mensching arbeitet den „Auswuchs der Machtvollkommenheit“ des Lagers großartig heraus. Kleine Geschehnisse statt großer Ereignisse, Zwists zwischen Kriminellen und politischen Häftlingen erscheinen wichtiger als die Empfindungen Einzelner. Und doch wird Menschings Buch durch das Schicksal seiner Figuren mehr zu einem realistischen Roman als Weiss’ „Ästhetik des Widerstands“. Und die hochfliegende essayistische Ideologiekritik des modernen Klassikers ersetzt Mensching durch eine Kulturhistorie, die sich aus der Erinnerung von Schermann und Haferkorn zusammensetzt.
In Schermanns Gesprächen mit dem Lagerleiter Kosinzev kommt es zu geradezu Tschechow’schen Monologen, die etwas grotesk Elegantes haben, gerade weil sie nicht ganz zur Schwäche aller Protagonisten im Lager passen wollen. Mensching schwankt zwischen Konzeptkunst, genau recherchierten Details und ausuferndem, realistischem Erzählen.
Über die langen Jahre seiner Entstehung ist „Schermanns Augen“ keine einheitliche, geschlossene Kunstanstrengung geworden, wie es vielleicht einmal beabsichtigt war, sondern ein erstaunliches erzählerisches Bergwerk, ein modernes Epos. Der historische Schermann übrigens starb, vermutlich 1943, im kasachischen Kriegsgefangenenlager Akmolinsk.
Seine hellseherischen Fähigkeiten
haben Schermann im dunklen
20. Jahrhundert wenig genutzt
Rafael Schermann (1879 – 1945) wurde in Krakau geboren. In der intellektuellen Welt der Zwanzigerjahre spielte der Grafologe eine
wichtige Rolle.
Der Schriftsteller, Schauspieler und Regisseur Steffen Mensching, 1958 in Ostberlin geboren, ist seit der Spielzeit 2008/09 Intendant am Landestheater Rudolstadt in Thüringen.
Foto: Maurice Weiss / Ostkreuz
Steffen Mensching: Schermanns Augen. Roman. Wallstein-Verlag, Göttingen 2018.
820 Seiten, 28 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Besprechung von 28.08.2018
Der Gefangenenchor aus dem GULag
Realität und Literatur gehen ein unschlagbares Bündnis ein: Steffen Menschings Roman "Schermanns Augen"

Jemand muste ihn verpfiffen haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens deportiert. So ergeht es Rafael Schermann, und dieses Schicksal kommt uns bekannt vor: aus der Literatur-, mehr aber leider noch aus der Zeitgeschichte. Was Franz Kafka 1914 seinem Josef K. im Roman "Der Process" angedeihen ließ, ist im "Dritten Reich" ebenso normal geworden wie im sowjetischen Herrschaftsgebiet. Man musste dazu nicht einmal verleumdet werden, als Jude war man beiden Regimen grundsätzlich suspekt. Schermann ist Jude und dazu noch mit einer besonderen Begabung gesegnet: Er besitzt die Gabe der Hellsicht. Aus der Handschrift ihm unbekannter Menschen sagt er deren Zukunft voraus. Ein Wiener Mediziner hat seine Fähigkeiten jahrelang untersucht und kennzeichnete sie als "Fernsehen und psychischen Transfert". Wer dergleichen beherrscht, kommt in einem totalitären System nicht so einfach davon. Nach dem Einmarsch der Sowjets in Ostpolen festgenommen, dauert es denn auch nicht lange, bis Schermann gegen seinen Willen in Diensten mächtiger Interessenten steht: "Der Zug stand schon bereit, und ehe er sich versah oder jemandem ein Wort zurufen konnte, war er dem Transportführer übergeben und in den Waggon gestoßen worden. Eine regelrechte Entführung. Ihn hatte der Erdboden verschluckt. Ein Verschwundener."

Der reale Rafael Schermann, 1874 in Krakau geboren, blieb das danach auch, als Todesjahr vermutet man 1943. In dem Roman, der seinen Namen im Titel trägt, "Schermanns Augen", taucht er dagegen noch einmal auf: im Norden Russlands, in einem Arbeitslager namens Artek II, etwa gleich weit von Sankt Petersburg und Moskau entfernt - nämlich sehr weit. Hier schuften Strafgefangene im Wald, und die Winter sind noch höllischer als die Sommer. Als der Roman einsetzt, ist es Dezember 1940.

Im Lazarett des Lagers befindet sich ein Mann, der schon seit mehr als zwei Jahren russischen Strafvollzug erleidet: Otto Haferkorn, ein junger deutscher Setzer, der als Kommunist vor den Nazis über die Tschechoslowakei nach Moskau floh, wo er 1937 eingebürgert wurde, um nur ein Jahr danach im Zuge der stalinschen Säuberungen verhaftet zu werden. Der Vorwurf, eher Vorwand, lautete dabei immer gleich: "konterrevolutionäre Aktivitäten" gemäß Paragraph 58 des Strafgesetzbuches. Aus deswegen Verurteilten rekrutiert sich der Großteil der Häftlinge in Artek II. "Alle 58er waren, wenn man ihnen eine Antwort über ihr Urteil entlockte, unschuldig. Otto hatte keinen einzigen Politischen getroffen, der sich zu der Tat bekannte, für die er bestraft worden war. Wie viele Häftlinge mit dem Paria-Paragraphen gab es? Zwanzig- oder einhunderttausend? Mochte es eine halbe Million sein. Davon waren vielleicht fünf Prozent unschuldig, höchstens zehn. Unmöglich alle." Die Perversion, dass der einzelne Häftling weiß, dass er selbst aufgrund falscher Beschuldigungen im GULag steckt, aber dennoch die meisten seiner Mithäftlinge just des ihm zur Last gelegten Vergehens für schuldig hält, war eine oft dokumentierte Besonderheit überzeugter Kommunisten, die in die Mühlen des von ihnen propagierten Systems gerieten.

Steffen Mensching hat zwölf Jahre an "Schermanns Augen" gearbeitet, und das heißt vor allem: in Archiven und Bibliotheken recherchiert. Der 1958 geborene Intendant des Theaters im thüringischen Rudolstadt trat zu DDR-Zeiten als Clown in satirischen Bühnenshows auf und hat nach der Wende mehrere Romane veröffentlicht, von denen indes keiner hätte vermuten lassen, was nun aus seiner Feder erschienen ist: eine mehr als achthundert Seiten starke Zeitgeschichts-Geschichte von einer Sprach- und Beschreibungsdichte, die man seit der "Ästhetik des Widerstands" von Peter Weiss in der deutschsprachigen Belletristik nicht mehr gesehen hat. Beide Romane sind eng verwandt: in den Herausforderungen einer Lektüre, die auf Absätze oder die Kennzeichnung wörtlicher Rede verzichten muss, in der Handlungszeit sowieso und im Realismus des erzählerischen Rahmens, bei dem jeweils nichts fiktiv ist. Wie bei Weiss agieren auch in Menschings Buch neben dem idealtypisch angelegten Otto Haferkorn etliche aus der Zeitgeschichte bekannte Persönlichkeiten, deren authentische Erlebnisse das Romangeschehen durchsetzen. Es ist bezeichnend, dass im Epilog von nahezu allen Protagonisten erzählt wird, wie sie zu Tode gekommen sind, Haferkorn dabei aber ausgespart bleibt. Er, der Schermann als Übersetzer (und Aushorcher) zugeteilt wird, ist dessen letztes Projekt: Noch einmal bestimmt der angebliche Hellseher das Schicksal eines Menschen.

Das Alltagsleben und -leiden im Lager hat Mensching den zahlreichen Zeugnissen überlebender Opfer entnehmen können, das Unglück deutscher Kommunisten im Russland der dreißiger Jahre den vielen Memoiren und historiographischen Untersuchungen zum Thema, die Karriere Rafael Schermanns zeitgenössischen Berichten aus Österreich, wo der "Fernseher" seit der Jahrhundertwende seine größten Erfolge feierte. Die feine Wiener Gesellschaft konsultierte ihn, aber auch ein Vernunftmensch wie Karl Kraus geriet in seinen Bann; um die Person Schermanns gruppierte sich ein ganzes Panoptikum aus Künstlern, Ärzten, Mördern - ein gefundenes Fressen für einen Romancier.

Wenn es aber einen Einwand gegen Menschings Buch gibt, dann den, dass er zu reichlich davon genascht hat. Schermanns Offenbarungen gegenüber Haferkorn über sein Leben, mit denen er wie die Akteure in Boccaccios "Dekameron" gegen den ihn umgebenden Tod anerzählt, ufern in der zweiten Hälfte des Romans derart aus, dass die eigentliche literarische Leistung des Buchs zeitweise außer Acht gerät: Worte gefunden zu haben, die das Dasein im GULag so beschreiben, dass die eigentlich unfassbare perfide Logik dieses Systems doch nachvollziehbar wird. Den Zeugnissen aus den Lagern fehlt diese Komponente, weil sie notwendig subjektiv sind. Und obwohl wir alles in "Schermanns Augen" auch nur aus einer einzigen Perspektive sehen, der von Otto Haferkorn, hören wir durch seine Begegnungen mit anderen Häftlingen einen veritablen Gefangenenchor.

Neben Schermanns eskapistischen Erinnerungen, die eine untergegangene Welt außerhalb des Lagers beschwören, gibt es da etwa Haferkorns Gespräche mit den ehedem hohen Staatsfunktionären Nikulin und Zederbaum, ein bei allen divergierenden Ansichten derart untrennbares Duo, wie wir es von Naphta und Settembrini aus dem "Zauberberg" kennen. Es ist nicht die geringste Stärke von "Schermanns Augen", dass der Roman so viele literarische Assoziationen weckt; Mensching bediente sich zur Inspiration nur beim Besten. Seine Banditen jedoch, die in der häftlingsinternen Lagerhierarchie weit über den "Politischen" stehen und von den Aufsehern bewusst zur Erzeugung von zusätzlichem Terror benutzt werden, sind eine Versammlung von brutalen, aber unvergesslich individuellen Figuren, die ganz originär ist. Wie es auch die beiden sowohl dämonischen als auch mitleiderregenden Lagerkommandanten während der achtmonatigen Handlungszeit sind.

Die reicht bis zum August 1941, kurz nach dem Einfall von Hitlers Truppen in der Sowjetunion. Zuvor waren beide Diktaturen verbündet, und diese bizarre politische Phase als zeitlicher Hintergrund macht "Schermanns Augen" besonders interessant: Haferkorn droht als deutschem Flüchtling die Abschiebung in die Heimat. Seine Abwägungen zwischen den ihm nur vom Hörensagen bekannten dortigen Konzentrationslagern und dem erlebten Lagerleben in Nordrussland sind beklemmend. Es sind solche Details, die in der achthundertseitigen erzählerischen Fülle für Schreckmomente des Lesens sorgen, die eine Abstumpfung angesichts all der Exzesse an Gemeinheit verhindern.

Den Höhepunkt seines Erzählens erreicht Mensching kurz vor Schluss, als das ungleiche Paar Schermann-Haferkorn jeweils zu zehn Tagen Einzelhaft im "Isolator" verurteilt wird, einer Dunkelzelle, vor der das ganze Lager bibbert. Vorbereitet ist diese Passage, in der sich dann auch Haferkorn nurmehr noch in die eigene Erinnerung retten kann, durch vielfache Erwähnungen auf den 750 Seiten zuvor, die aber nicht auffällig sind, weil das ganze Buch vom konsequenten Gebrauch der Lager-Terminologie und steter Beschwörung der Schrecken geprägt ist. Umso eindrücklicher dann die Szene: Auf den 25 Seiten, die wir mit Haferkorn in der Zelle liegen, wird durch die Verbindung von Beschreibungspräzision und verzweifelter Abschweifung eine Ambivalenz erzeugt, die den durch die Isolation einsickernden Wahnsinn geradezu spürbar macht. Plötzlich versteht man, dass Artek II als Ganzes nicht anders funktioniert.

"Schermanns Augen" ist deshalb mehr noch als ein erzählerisches ein psychologisches Ereignis. Die Paranoia der Angst und des Misstrauens würde einem Horrorroman gut anstehen. Zugleich gibt es die Reminiszenzen von Schermann und Haferkorn an frühere, bessere Zeiten, die aber doch nichts anderes gewesen sind als die Bedingungen der Möglichkeit der Gegenwart. Wenn Mensching seinen Rafael Schermann irgendwann sagen lässt, dessen Metier der Schriftdeutung sei eine Beobachtungskunst: "zunächst gelte es, die Abweichungen zu entdecken, jeder Mensch verberge etwas, keiner sei ein Engel", dann beschreibt das exakt das Verfahren dieses Romans: Für "Schermanns Augen" brauchte es Menschings Blick auf die Geschichte. Einen, der Kühle und Mitgefühl zu vermitteln weiß.

ANDREAS PLATTHAUS

Steffen Mensching:

"Schermanns Augen".

Roman.

Wallstein Verlag, Göttingen 2018. 820 S., geb., 28,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Der beeindruckte Rezensent Christoph Dieckmann fragt sich angesichts des "Kolossalgemäldes der sowjetischen Lager", das Steffen Mensching seiner Meinung nach in seinem Roman "Schermanns Augen" gezeichnet hat, wie jemand, der diese Hölle nicht selbst miterleben musste, sie so anschaulich vergegenwärtigen kann. Die Geschichte über einen jüdischen Grafologen, der vor seiner Flucht vor den Nazis die Handschriften der damaligen Wiener Kulturprominenz hellseherisch auslas und letztlich in einem Gulag landet, wo der gefangene Berliner Jungkommunist Otto Haferkorn seine Aussagen übersetzen soll, erscheint dem Kritiker so virtuos und akkurat erzählt, dass ihm bei der Vorstellung der geschilderten Schrecknisse die Haare zu Berge stehen. Den Vergleich mit Herta Müller scheut der Kritiker nicht.

© Perlentaucher Medien GmbH