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Das »größte Buch, das je über Paris geschrieben wurde« (Raymond Queneau): eine Art geheime Chronik des alten Paris, ein Kaleidoskop von Begegnungen und Begebenheiten während der Zeit der deutschen Besatzung. Yonnet, der in diesem Buch seine Erfahrungen als Widerstandskämpfer im Pariser Untergrundverarbeitet, findet Phantastisches und Mythisches im Alltäglichen, und schafft das verdichtete Portrait einer Stadt im Ausnahmezustand. Dabei entwickelt der schnelle Rhythmus seiner brüchigen Sprache, versetzt mit Straßenjargon und Lautsprachlichem, einen Sog von großer poetischer Kraft. Das als…mehr

Produktbeschreibung
Das »größte Buch, das je über Paris geschrieben wurde« (Raymond Queneau): eine Art geheime Chronik des alten Paris, ein Kaleidoskop von Begegnungen und Begebenheiten während der Zeit der deutschen Besatzung. Yonnet, der in diesem Buch seine Erfahrungen als Widerstandskämpfer im Pariser Untergrundverarbeitet, findet Phantastisches und Mythisches im Alltäglichen, und schafft das verdichtete Portrait einer Stadt im Ausnahmezustand. Dabei entwickelt der schnelle Rhythmus seiner brüchigen Sprache, versetzt mit Straßenjargon und Lautsprachlichem, einen Sog von großer poetischer Kraft. Das als Meisterwerk gefeierte Buch blieb, neben einigen wenigen Theaterstücken, Gedichten und journalistischen Arbeiten, sein einziges Werk.
  • Produktdetails
  • Verlag: Matthes & Seitz Berlin
  • Originaltitel: Rue des Maléfices.Chronique secrète d'une ville
  • Seitenzahl: 445
  • Erscheinungstermin: November 2012
  • Deutsch
  • Abmessung: 221mm x 153mm x 38mm
  • Gewicht: 736g
  • ISBN-13: 9783882215557
  • ISBN-10: 3882215550
  • Artikelnr.: 33361711
Autorenporträt
Yonnet, Jacques§Jacques Yonnet (1915-1974) war ein französischer Erzähler, Chronist, genauer Beobachter, leidenschaftlicher Parisforscher, Poet, Vagabund und Antikonformist. 'Straße der Verwünschungen' blieb sein einziger Roman. Er gilt bis heute als eine der besten Beschreibungen des Paris unter der deutschen Besatzung. Während des Krieges beteiligte sich Yonnet selbst aktiv an der Résistance.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 31.01.2013

Diese Stadt ist wie eine Frau

Von Verlangen und Überschwang, von Entsagung und Scham: Jacques Yonnet lässt in "Rue des Maléfices, Straße der Verwünschungen" das alte Paris auf magische Weise auferstehen.

Dieses Buch ist der Albtraum von Georges-Eugène Haussmann, jenem Präfekten, der Paris zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts umkrempelte, um eine helle und saubere Stadt zu schaffen. Große Straßen sollten flüssigen Verkehr, gute sanitäre Bedingungen und politisch-militärische Kontrolle ermöglichen. Das mittelalterliche Paris, das Victor Hugo noch 1831 in "Der Glöckner von Notre-Dame" romantisch gefeiert hatte, wurde weitgehend abgerissen; arme Bewohner wurden in den Osten oder ganz aus dem Zentrum verdrängt. Nun, nicht alle Häuser, nicht alle Bewohner: Jacques Yonnet (1915 bis 1974) lässt in "Rue des Maléfices, Straße der Verwünschungen" jenes alte Paris mitten im zwanzigsten Jahrhundert auferstehen, mit seinen Gassen, Gaunern und Legenden. Denn: "In bestimmten Gegenden von Paris ist das Wunderbare an der Tagesordnung" - Man muss sie nur kennen. Ein grandioses Buch, viel eher Roman als "Chronik": Es lässt die "ville lumière", die Lichtstadt, zu einer "ville ombre", einer Stadt des Schattens, werden - auf ebenso malerische wie klischeeresistente Weise. Nein, dies ist kein Paris-Buch, es ist ein Buch über das düstere, ja magische Herz von Paris, wie es auf Deutsch noch nicht vorlag. Dass der auf 1954 datierte Band endlich hierzulande zu finden ist, kann man der findigen Übersetzerin Karin Uttendörfer und dem Verlag Matthes & Seitz nicht hoch genug anrechnen.

Ein Vorurteil muss sogleich entkräftet werden: In seinem einzigen Roman wendet sich der Journalist Yonnet nicht der Legende zu, um die Geschichte zu fliehen. Nichts wäre näherliegender, denn die Rahmenhandlung spielt während des Zweiten Weltkriegs und kurz danach: Zur Zeit der deutschen Besatzung zog sich manch einer in private Träumereien zurück. Nicht Yonnet: Er flieht aus der deutschen Gefangenschaft und geht in die Résistance, in deren Dienst er sein Leben riskiert; so wird der Anarchist zu Kriegsende von General de Gaulle mit einer Tapferkeitsmedaille geehrt. Seine Erlebnisse und Taten - darunter die Tötung eines Gestapo-Spitzels - berichtet der Ich-Erzähler von "Rue des Maléfices", dessen Leben den Faden der Chronik gibt: Er verbindet die Figuren und Erzählungen der diversen historischen und legendären Schichten miteinander. Auf den ersten Blick mehr schlecht als recht: Man hat den Eindruck einer Kompilation von Geschichtchen. Dann fügt sich eins ins andere und dem Leser dämmert, dass er es mit einem gerissenen Konstrukteur zu tun hat.

Paris, wer oder was ist das? "Eine sehr alte Stadt ist wie eine Sumpflandschaft, mit ihren Farben und Lichtreflexen, ihrer Kühle und ihrem Morast, ihrem Brodeln, ihren Verwünschungen, ihrem verborgenen Leben." Der Landschaftsvergleich benennt die verhexte Seite und ihre moralische Ambivalenz. Das entscheidende rhetorische Vehikel aber findet Yonnet in der Personifikation: "Eine Stadt ist ganz Frau, mit ihrem Verlangen und ihrem Widerwillen, ihrem Überschwang und ihrer Entsagung, ihrer Scham - vor allem ihrer Scham." Die konventionelle Metapher der Stadt als Frau wird keck forciert: Sie ist eine Geliebte, die freilich "ein bisschen Hure ist" - ein Detail, das Yonnet nicht schrecken kann. Paris' Besatzung gleicht einer Schändung, die zum Glück den Kern nicht trifft. Hier erweist sich der Sinn der Legendensuche: Die Geliebte soll vor dem Krieg, "ein unvorstellbares Gebräu, ein Ungeheuer", gerettet werden. Darum macht Yonnet sich auf die Suche nach dem verborgenen Sinn der Stadt, den ihm Exzentriker wie der Verbrecher Tanz-Weiter und der Zigeuner Zoltan vermitteln: Die Chronik ist Initiation und Verteidigung in einem. Das Erzählen soll das vielschichtige Gewebe der Identität weniger lüften als ergreifen - Yonnet will dem Feind den Schleier entreißen.

Geschichtenerzählen, das kann Yonnet: "Rue des Maléfices" wimmelt von unheimlichen, übernatürlichen und kriminellen Worten, Figuren, Taten. Es ist die Rede von Zigeunern, die ihre Feinde verrückt machen, von Verbrechern, die ihre Ohren verzaubern lassen, von einer Katzenfrau, die sich mit einem Katermann leidenschaftlich zerfleischt. Berichtet wird ebenso selbstverständlich vom Ursprung religiöser Bräuche im Mittelalter wie von Flohmärkten, vom Alltag der Bouquinisten am Seineufer wie von Sitten des fahrenden Volks. Gefallene Priester, Auswanderer, Maler, Diebe, Säufer, Zwerge, Clochards, Schiffswrackpuppen, blinde Gesundschläfer, zaubermächtige Marionettenbauer, "hitlerphobische Önophile", der letzte Flusskrebsfischer von Paris, der "Alte von nach Mitternacht" - im Funzelschein zieht ein unterirdisches Defilee vorbei. Durch die Formel "dieser Winkel, seine Steine und Leute" sind die Gestalten an bestimmte Orte gebunden: "die Mouffe", die Gegend der Rue Mouffetard, die anschließenden Viertel (Montagne Sainte-Geneviève, Maubert, Monge), das Seineufer, Bicêtre, die triste Banlieue. Yonnet macht das magische Potential der Orte erfahrbar.

Ein schönes Beispiel bieten die Legenden um die "Straße der Verwünschungen" (heute: Rue Xavier Piras). Dreimal kommt Yonnet auf sie zu sprechen, zu Anfang, Mitte und Ende des Romans. Schon die wechselnden Namen verzaubern: "Rue des Trois-Chandeliers" (Straße der drei Kerzenhalter) etwa, oder "Rue de l'Homme-qui-Chante" (Straße des Mannes, der singt). Harmlos ist der Zauber nicht, der Erzähler spürt ein "schmerzliches Unbehagen" und schwört: "Ich würde die Straße, diese übellaunige Heimlichtuerin, zwingen, ein Zipfelchen des Schleiers zu lüften." Schließlich wird folgende Geschichte erzählt: Eines Abends spürt ein Bettler, dass er sterben muss; er will sich von der Seine verabschieden. Auf dem Weg trifft er eine ebenfalls moribunde Frau und legt sich mit ihr unter einen Baum am Ufer. Am nächsten Morgen sind keine Leichen dort: "Der Mann, plötzlich erfüllt von neuer Lebenskraft, in der sich eine unerschütterliche Freude zeigte, begann auf der Straße zu singen. Er sang mit hoher, klarer und warmer Stimme, mit einer Stimme, die alles Licht der Welt in sich trug. Doch er war blind geworden." Das ist nicht das letzte Wort, Yonnet führt die Legende später weiter, ohne dass am Ende alles gesagt wäre: In fast allen Erzählungen bleibt ein mysteriöser Rest, der auf Abgründe verweist.

Was esoterisch wirkt, ist in Wahrheit modern und hochreflektiert. Sicher, es geht um die Vergewisserung der eigenen Identität, Ziel ist jedoch auch die Archivierung des Nichtfaktischen, die Niederschrift urbaner Märchen, die Verewigung der kleinen Geschichte gar nicht so kleiner Leute. Am Ende steht ein anderes Paris, zusammengesetzt aus Orten, "an denen sich nichts anderes als Ewiges abspielen kann". Es ist ein Paris, in dem Gelehrte mit Lumpensammlern anstoßen, "wo sich vierzig Rassen mischen" - ein Gegenentwurf zu Nazismus und sozialer Spaltung, der mitunter utopisch, aber kein bisschen naiv ist; die Kollaboration etwa wird benannt und verurteilt.

Das Interesse an dem, was sich der modernen Ratio entzieht, ist kein romantischer Schmus: Yonnet teilt es mit der Avantgarde um André Breton; nicht zufällig werden die Surrealisten erwähnt, nicht zufällig hat der ehemalige Surrealist Raymond Queneau das Buch als Lektor zu verantworten. Schließlich sind die literarischen Mittel auf der Höhe der Zeit. Uttendörfer nennt zu Recht die Montagetechnik, und auch Yonnets Umgang mit Sprache ist virtuos: Er verwandelt den Klang von Jargon und Argot, von ausländischem Akzent und älteren Sprachstufen überzeugend in eine hochliterarische Sprache, die den Vergleich mit Célines Kunst-Argot nicht zu scheuen braucht. Es ist eine Leistung der Übersetzerin, ein deutsches Äquivalent geschaffen zu haben - übertragen lässt sich so etwas nicht.

Die Chronik schöpft auch aus alten Quellen, etwa dem Paris-Buch von Privat d'Anglemont. Literarisch sind die spätmittelalterliche Galgenpoesie von François Villon präsent sowie die Gaunerromantik von Victor Hugo. Man erahnt visuelle Vorbilder, auch Yonnets eigene Zeichnungen, die den deutschen Band üppiger noch als das Original bebildern, legen es nahe; er selbst nennt Callot und Mantegna als Gewährsmänner. All das verwebt "Rue des Maléfices" zum dichten Schleier von Paris, der in der Dunkelheit magisch leuchtet. Ein Papierschleier: Denn die wahre Zauberkraft, die liegt in Yonnets Feder.

NIKLAS BENDER

Jacques Yonnet: "Rue des Maléfices. Straße der Verwünschungen".

Aus dem Französischen von Karin Uttendörfer. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2012. 448 S., geb., 34,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Oh la la, was für ein Buch, freut sich Niklas Bender. Zwar schon 1954 veröffentlicht und jetzt erst auf Deutsch, laut Bender kongenial dank Karin Uttendörfer. Doch dass Jacques Yonnet modern ist, hochliterarisch zudem, daran zweifelt Bender keine Minute. Wenn Yonnet ihn mitnimmt in das alte Paris der Gaukler, Zwerge und Diebe, klischeefrei dabei und raffiniert konstruiert zuerst episodisch, dann immer romanesker erzählt, fasst es Bender magisch an. Orte, Taten, Figuren, alles beginnt für den Rezensenten vor unheimlicher, übernatürlicher, krimineller Energie zu strahlen. Dieses Paris aber ist für Bender mehr, als bloße Gaunerromantik, es ist ein utopischer Ort, ein Gegenentwurf zum Barbarentum der deutschen Besatzung, die Yonnet in die Rahmenhandlung verweist.

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