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"Keinland" ist ein Liebesroman, aber auch ein Roman über Schuld, Erinnerung, Herkunft und Grenzen.
Eigentlich hatte Nadja nur ein Interview mit Martin Stern führen wollen, aber von der ersten Sekunde an ist da eine schwer erklärbare Nähe - und eine Fremdheit, die sich auch dann nicht auflöst, als die beiden sich näherkommen. Woher rührt diese Nähe? Und warum ist diese Fremdheit nur so schwer zu überwinden? Nadja sagt ja zu dieser Liebe, an die Martin nicht recht glauben kann. Martin, der als Jude in Frankfurt am Main aufgewachsen ist, Deutschland aber nach der Wiedervereinigung verlassen…mehr

Produktbeschreibung
"Keinland" ist ein Liebesroman, aber auch ein Roman über Schuld, Erinnerung, Herkunft und Grenzen.

Eigentlich hatte Nadja nur ein Interview mit Martin Stern führen wollen, aber von der ersten Sekunde an ist da eine schwer erklärbare Nähe - und eine Fremdheit, die sich auch dann nicht auflöst, als die beiden sich näherkommen. Woher rührt diese Nähe? Und warum ist diese Fremdheit nur so schwer zu überwinden? Nadja sagt ja zu dieser Liebe, an die Martin nicht recht glauben kann. Martin, der als Jude in Frankfurt am Main aufgewachsen ist, Deutschland aber nach der Wiedervereinigung verlassen hat und nach Tel Aviv gezogen ist. Zu vieles liegt zwischen den beiden: biographische Erfahrungen, geographische Entfernung und eine Vergangenheit, die nicht nur mit den eigenen Lebensläufen zu tun hat.
Das falsche Land, das richtige, das neue, das heilige - Jana Hensel lotet in kunstvollen Zeitsprüngen und Erinnerungen an Tage in Berlin und Nächte in Tel Aviv, an tiefe Innigkeit und immer wieder scheiternde Gespräche die Grenzen zwischen zwei Liebenden aus. Dabei umkreist sie mit großer sprachlicher Kraft und Intensität unsere Auffassung von Heimat, Geschichte und Schicksal und stellt mit ihren Charakteren die Frage, wie weit die Vergangenheit unser Leben bestimmt.
  • Produktdetails
  • Verlag: Wallstein
  • Seitenzahl: 195
  • Erscheinungstermin: 3. August 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 205mm x 129mm x 22mm
  • Gewicht: 293g
  • ISBN-13: 9783835330672
  • ISBN-10: 3835330675
  • Artikelnr.: 48187007
Autorenporträt
Jana Hensel, 1976 in Leipzig geboren, Studium in Leipzig, Marseille, Berlin und Paris. 1999 Herausgeberin der Leipziger Literaturzeitschrift "Edit", 2000 der Internatanthologie "Null" (zusammen mit Thomas Hettche). Jana Hensel lebt in Berlin.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 19.08.2017

Als das Wünschen nicht mehr geholfen hat
Israel ist nicht die Toskana: Jana Hensels Liebesroman "Keinland" verlangt fühlende Leser

Es fällt nicht leicht, den Debütroman von Jana Hensel zu kritisieren - so, wie es auch nicht leichtfällt, jemanden zu kritisieren, der richtig arg verliebt ist und nicht mehr klar denken kann.

Dass die Ich-Erzählerin dieses Romans richtig arg verliebt ist, merkt man schon an ihrer schwankenden Erzählhaltung, die vom Versuch einer Distanzierung geprägt ist. Sie bemüht sich, die Geschichte ihrer gescheiterten Fernbeziehung in der dritten Person zu erzählen. Doch es gelingt ihr nicht, dabei zu bleiben, sie gerät immer wieder in die Du-Form. So wird aus dem Roman ein Liebesbrief: "Kommst Du wieder zurück zu mir, Martin?"

Doch Martin bleibt fort, sein frühmorgendliches Verschwinden aus dem Leben der Erzählerin steht am Anfang und am Ende des Buches, dazwischen die Reflexion über eine schwierige Partnerschaft, die teilweise auch in minutiösen, dabei wenig überraschenden Dialogen dargestellt wird ("Es geht nicht immer nur um dich. Verstehst du das?").

Die Zurückgebliebene, sie heißt Nadja und ist Journalistin in Berlin, wirkt fast traumatisiert, so schleifenhaft repetitiv ist ihre Erzählung, die sich teils dem Bewusstseinsstrom annähert. Und unter dem Schock des Verlassenseins entblößt sich diese Nadja emotional völlig, dabei auch vergessend, dass manche Liebeserfahrungen, die man halt so macht, wie einzigartig sie auch brennen und schmerzen mögen, niedergeschrieben doch nur Trivialliteratur ergeben: "Ich will mit dir essen. Ich will mit dir spazieren gehen. Ich will mit dir reden. Ich will mit dir schlafen. Vielleicht will ich auch mit dir weinen."

Der Kritiker in einem sagt: Solche Sätze sollten besser nicht in einem Roman stehen, sie sind dafür einfach nicht interessant genug. Der fühlende Mensch sagt: Ja, solche Sätze kann es geben, noch und noch. Schwieriger wird es dann schon bei anderen Sätzen, deren Kitsch und Klischeehaftigkeit dann doch kaum auszuhalten ist: "Zeitungen sind nichts für Träume", sagt die Journalistin einmal, die Liebhaberin wiederum weiß: "Sex ist in der Vorstellung am schönsten."

Dem Trivialen etwas Besonderes entgegenzusetzen versucht der Roman durch die Herkunft der beiden Liebenden. Er, Martin, um die fünfzig, ist ein in Frankfurt am Main geborener Jude, dessen Eltern Auschwitz überlebt haben. Sie, Nadja, ist eine Mittdreißigerin, die noch bis zu deren Untergang die DDR erlebt hat und diese nun als "das falsche Land" bezeichnet. Aber das "richtige Land", die Bundesrepublik Deutschland, ist auch Martin nie Heimat geworden, er leidet zudem an einer von den Eltern übernommenen Überlebendenscham. Somit fühlen sich beide Figuren heimatlos, und dieses Schicksal versucht die Erzählerin zu ändern mit einer poetischen Utopie: "Wir müssen unbedingt ein neues Land gründen! Unser Land. Bitte. Mit einem Tisch und zwei Stühlen, einem Bett und einem Schrank. Mehr brauchen wir doch nicht. Wie schön das klingt!"

Ja, das klingt fast so schön wie im Kinderbuch von Janosch, doch während der Bär und Tiger ihr Traumland am Ende vor der Haustür finden, verrät bei Jana Hensel schon der Buchtitel, dass es für Martin und Nadja nur "Keinland" gibt, nur den unverwirklichten Wunsch.

Ein Großteil dieses Buches handelt davon, wie Nadja auf einer Reise durch das reale Israel versucht, Martins Geschichte und die der Juden überhaupt besser zu verstehen. Sie leistet Trauerarbeit in Yad Vashem, begegnet überall den Spuren des Holocaust und bleibt doch gefangen in ihrer Erfahrungswelt, wenn sie nahe Jerusalem feststellt: "Es roch wie in der Toskana." Umgekehrt beklagt sie, dass Martin sich für ihr Berlin nicht interessiere. Der Graben zwischen beiden bleibt zu tief. Nadja kommt nicht umhin, zu erkennen, dass "meine Leute seine Leute in den Tod geschickt haben". Und in einer Schlüsselpassage, die fast wie ein Bühnenmonolog klingt, erklärt Martin, dass er sich als Verlorener fühlt, der nur in der Vergangenheit seiner jüdischen Vorfahren lebt und keine Zukunft hat.

Dass Jana Hensels Buch dezidiert die Genrebezeichnung "Liebesroman" trägt, soll wohl vor allem ein Signal an jene Leser sein, die sie als Journalistin und Sachbuchautorin ("Zonenkinder", 2002, "Neue deutsche Mädchen", 2008) kennen, dass sie nun etwas anderes wagt. Auf der Suche nach einem literarischen Ton hat sich die Autorin offenbar in einen Rausch geschrieben.

Aber vielleicht ist die Entblößung der Ich-Erzählerin inklusive der beschriebenen Banalitäten und stilistischen Redundanzen auch beabsichtigt. Dann wäre auch eine Lesart des Buches möglich, nach der Martin diese Erzählerin nicht nur deshalb verlassen hat, weil er selbst so verloren ist, sondern weil er es mit dieser Frau, die oft genug wie ein reichlich naives Girlie wirkt, einfach nicht mehr ausgehalten hat.

JAN WIELE

Jana Hensel: "Keinland".

Ein Liebesroman.

Wallstein Verlag, Göttingen 2017. 196 S., geb., 20,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 09.10.2017

Falsch untergehen
Jana Hensel erzählt in ihrem Debütroman von der Liebe einer Ostdeutschen zu einem Israeli
Erstaunliche Dinge geschehen in diesem Debütroman, dessen Erzählerin den Namen eines berühmten Buches trägt. Sie heißt Nadja, wie die Heldin von André Bretons Roman aus dem Jahr 1928, aber das mag Zufall sein. Eine Verführerin ist sie nicht, eher eine Frau, die mit der Tür ins Haus fällt. Nadja ist Mitte dreißig, Journalistin und bekommt von ihrem Chefredakteur den Auftrag, eine Reportage über Länder zu schreiben, in denen es eine Mauer gibt. Da kommt sie gleich auf Israel. Irgendjemand hat ihr einmal die Mail-Adresse eines gewissen Martin Stern gegeben, der als Berater in einer deutsch-israelischen Wirtschaftsagentur arbeitet. Er reagiert sofort, per Telefon, allerdings ablehnend, er gebe keine Interviews, ihrer Zeitung schon gar nicht, die im Ruf steht, anti-israelisch zu sein. Abwechselnd lacht er sie aus und schreit sie an. Einige Wochen später fliegt sie nach Tel Aviv.
Dabei will sie ihn gar nicht mehr interviewen. Nein, sie will den Mann retten. George Clooney muss Modell für ihn gestanden haben. Er ist Mitte fünfzig und sie beschreibt ihn so: „Er lehnte an einer Säule und schaute auf sein Telefon. War viel größer, als ich es mir vorgestellt hatte, groß und schön. In seinem blauen Anzug und dem weißen Hemd sah er aus wie ein italienischer Architekt oder ein englischer Trader oder wie ein Anwalt aus New York.“
Was also gibt es an diesem Mann zu retten? Er wirkt, als käme er ganz gut alleine klar. Doch Nadja meint, in seiner Stimme Verzweiflung vernommen zu haben. Und sie imaginiert einen Satz, von dem sie glaubt, er sei die unterschwellige Botschaft des Telefongesprächs gewesen: „Ich liebe dieses Land, wenn es untergeht, gehe auch ich unter.“
Das Rettungs-Projekt ist zu einem beträchtlichen Teil ein Münchhausen-Projekt. Denn Nadja erkennt in diesem Satz eine Beschreibung ihrer eigenen Lage. Sie ist in der DDR aufgewachsen, die in diesem „Liebesroman“, wie „Keinland“ im Untertitel heißt, nicht beim Namen genannt wird, sondern nur das „falsche Land“ heißt. So wie auch Israel nur „heiliges Land“ heißt und gelegentlich sogar „heilendes Land“ (wobei die Autorin die ungewollte Implikation offenbar übergehen kann).
Nicht ganz ein Jahr dauert die Liebesgeschichte zwischen Nadja und Martin, der als Sohn zweier Holocaust-Überlebender in Frankfurt am Main aufgewachsen ist. „Deine Eltern hatten Auschwitz überlebt, irgendwie, du nicht“, sagt die Erzählerin einmal über den Geliebten, den sie in ihren inneren Monologen mal in der zweiten, mal in der dritten Person anspricht.
Jana Hensel erzählt ihre Liebesgeschichte vom Ende her. Nachdem Martin zum ersten Mal in Nadjas Berliner Wohnung übernachtet hat, verlässt er sie morgens, während sie noch schläft. Dass er längst auf dem Flughafen ist, als sie erwacht, erfährt sie über Twitter und Facebook.
Der Duktus des Romans gleicht einer Beschwörung. Immer wieder setzt die Erzählerin an und evoziert in Wiederholungsschleifen eine Liebe, deren Scheitern sie sich nur mit der Traumatisierung des Mannes erklären kann. Dabei geht es offenbar nicht nur um das schwierige Verhältnis zu seiner Mutter, die ihn als Kind mit ihren unkalkulierbaren Schreien verängstigte. Die Erzählerin greift auch zu epigenetischen Erklärungsmustern, also zu der These, dass Erfahrungen vererbt werden können, auch wenn sie das nicht so nennt.
Während sich Martin der Geliebten meistens entzieht und nicht nur anfangs einmal sagt, dass er sich sehnlichst ein Kind wünsche, sondern ständig Double-bind-Botschaften aussendet, versucht sie seinen Wünschen zu entsprechen: „Ich werde da sein, und ich werde weg sein, wann immer du willst.“
So muss sie zwar eine Menge Dinge ohne ihn unternehmen. Aber alles, was sie tut, steht im Zeichen einer gefühlten Nähe. Wenn sie mit einem Freund nach Polen fährt und Auschwitz besucht, aber auch, wenn sie in Israel ist und morgens alleine von Tel Aviv mit dem Bus nach Jerusalem fährt, um Yad Vashem zu sehen. Dort fühlt sie sich erstaunlich wohl: „man war so bei sich, ich mochte es eigentlich sofort.“ Nicht nur in ihrer Funktion als Ich-Erzählerin scheint sich bei Nadja alles um sie selbst zu drehen. „Es geht nicht immer nur um dich“, sagt Martin einmal zu ihr.
Nadjas Vater ist mit dem Mauerfall verschwunden, der Vater ihres Jugendfreundes Robert brachte sich um. „Keinland“ handelt auch von abwesenden Vätern und übertragener Liebe. Aber vor allem ist „Keinland“ ein Projektionskabinett, bei dem ausgerechnet Israel dafür herhalten muss, den Phantomschmerz über die verschwundene DDR zu kultivieren. Nadja steigert sich in das (vermutete) Trauma Martins hinein, um ihr eigenes aufzuwerten: „Aber du hast das nicht verstanden, du hast mich damals nicht verstanden, sehr geehrter Herr Stern! Wahrscheinlich ist es auch nicht zu verstehen, ich verstehe es selbst nicht immer. Aber weißt du, mein Land ist wirklich untergegangen, und ich glaube manchmal, ich mit ihm. Vielleicht weil ich damals so jung war, habe ich nicht verstanden, was passierte. Martin, verstehst du, vielleicht bin ich ja mit diesem Land untergegangen. Man kann auch mit falschen Ländern untergehen.“
Auch wenn das Nadja sagt und nicht die Autorin selbst, affiziert ihr falsches Pathos den Roman. Weil er in der Ich-Form geschrieben ist, hat er keine andere Stimme als die larmoyante Stimme der Erzählerin. Die Autorin Jana Hensel, 1976 in Leipzig geboren, hat bisher als Journalistin, unter anderem für den Freitag, gearbeitet. Mit „Zonenkinder“, ihrem Buch über Kindheit und Jugend in der DDR, wurde sie im Jahr 2002 bekannt. Mit dem Sound eines kollektivierenden „Wir“ unterlegt, reklamierte es die eigene Erfahrung als Generationserfahrung. Dass Jana Hensel in Interviews kokett betonte, das Ich ihres Buches sei gar nicht autobiografisch, sondern eine Rolle, wie in der Literatur, machte die Sache nicht besser. Wie „Zonenkinder“ steckt nun auch „Keinland“ voller falscher Töne.
MEIKE FESSMANN
Der Duktus dieses
Liebesromans
gleicht einer Beschwörung
„Wahrscheinlich ist es
auch nicht zu verstehen, ich
verstehe es selbst nicht immer.“
Jana Hensel: Keinland. Ein Liebesroman. Wallstein Verlag, Göttingen 2017. 196 Seiten, 20 Euro.
E-Book 15,99 Euro.
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