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Eine Reise bis ans Ende der Nacht, angeführt von einem wortgewaltigen Kunstmaler Der begnadete Sprachschöpfer Feridun Zaimoglu wirft böse Blicke auf Zerfall und Fäulnis und reißt den Leser mit auf eine apokalyptische Todesfahrt. Mit maßlosem Furor geißelt der Ich-Erzähler, ein erfolgloser Künstler und begehrter Lustsklave, die Hohlheit eines Milieus, das sich auf Oberflächenreize kapriziert hat. Wieder eine Vernissage mit den immergleichen Gästen, die sich an den immergleichen Inszenierungen ergötzen: Kaskadenartig ergießt sich der Wortschwall des frenetischen Erzählers, und Häme und Spott…mehr

Produktbeschreibung
Eine Reise bis ans Ende der Nacht, angeführt von einem wortgewaltigen Kunstmaler
Der begnadete Sprachschöpfer Feridun Zaimoglu wirft böse Blicke auf Zerfall und Fäulnis und reißt den Leser mit auf eine apokalyptische Todesfahrt. Mit maßlosem Furor geißelt der Ich-Erzähler, ein erfolgloser Künstler und begehrter Lustsklave, die Hohlheit eines Milieus, das sich auf Oberflächenreize kapriziert hat. Wieder eine Vernissage mit den immergleichen Gästen, die sich an den immergleichen Inszenierungen ergötzen: Kaskadenartig ergießt sich der Wortschwall des frenetischen Erzählers, und Häme und Spott schüttet er über die Bohemiens aus, die sich zu diesen Szene-Ereignissen einfinden. Ihm bleibt nur der Rückzug in sein wüstes Atelier. Doch dort hat "Mongo-Maniac", seine autoaggressive Nachbarin, ihr Lager aufgeschlagen. Während sich ihr gegenüber die fürsorgliche Ader des Erzählers zeigt, geht er mit wachsender Härte seinen unprofitablen Alltagsgeschäften nach. Erst die Beschäftigung als Bühnenbildner auf einem Theaterworkshop in Ostdeutschland scheint eine Perspektive zu bieten. Drei Wochen in einer ehemaligen Russenkaserne mit Buto-Kurs und Proben eines experimentellen Stücks sollen sinnsuchende Westler wieder auf das Gleis bringen, erweisen sich jedoch als Irrweg. Dann erscheint die geläuterte "Mongo-Maniac", sitzt dem Schwindel auf und verleitet den erzürnten Erzähler zu einer Bußpredigt alttestamentarischen Zuschnitts.
Feridun Zaimoglu, Schöpfer der "Kanak Sprak", schlägt in German Amok einen neuen Ton an. Bildreich, wortmächtig und eindringlich lässt er eine abgründige Welt entstehen, deren Verfall nicht aufzuhalten ist. In drastischer Gnadenlosigkeit wird ihre Verkommenheit angeprangert, und lustvoll wird sie der Verdammnis überantwortet.
  • Produktdetails
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Seitenzahl: 255
  • Erscheinungstermin: 15. August 2002
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 132mm x 27mm
  • Gewicht: 368g
  • ISBN-13: 9783462031287
  • ISBN-10: 3462031287
  • Artikelnr.: 10783647
Autorenporträt
Feridun Zaimoglu, geboren 1964 im anatolischen Bolu, lebt seit seinem sechsten Lebensmonat in Deutschland. Er studierte Kunst und Humanmedizin in Kiel und schreibt für Die Welt, die Frankfurter Rundschau, Die Zeit und die FAZ. 2002 erhielt er den Hebbel-Preis, 2003 den Preis der Jury beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt und 2005 den Adelbert-von Chamisso-Preis. Im Jahr 2005 war er Stipendiat der Villa Massimo in Rom. Zahlreiche weitere Preise folgten, u.a. der Grimmelshausen-Preis (2007), der Corine-Preis (2008), der Jakob-Wassermann Literaturpreis (2010) sowie der Preis der Literaturhäuser (2012). 2016 erhielt er den Berliner Literaturpreis sowie die Ehrenprofessur des Landes Schleswig-Holstein. Nach »Leyla«, »Liebesbrand« und »Siebentürmeviertel« erschien zuletzt sein großer Luther-Roman »Evangelio«.
Rezensionen
Besprechung von 30.12.2002
Ich bin der Hass
Ölgemälde gegen Simsalabim: Feridun Zaimoglus „German Amok”
„German Amok”: es war nur eine Frage der Zeit, wann Feridun Zaimoglu die selbst erfundene Sprachmaske des „Kanaksters” ablegen würde. Sie war ihm zu eng geworden, auch weil sie mittlerweile einer Menge Leute passte, die mit Zaimoglu zwar die Herkunft, aber nicht sein Partisanentum teilten. Feridun Zaimoglu hat es nie auf den Chamissopreis für literarische Migranten abgesehen, er möchte lieber alle Welt gegen sich aufbringen, freilich mit dem paradoxen Ergebnis, dass es ihm die Welt zumeist mit Liebe oder wenigstens mit freundlicher Aufmerksamkeit dankt. „German Amok”, der neue Roman, möchte gern ein Schlag ins Gesicht der „Kulturlinken” sein, die Zaimoglu einst zum Malcolm X der türkischen Jugendkultur in Deutschland erwählte. Ein Riesenangriff soll dieser Roman sein, eine, so nennt man das gern, „bitterböse Abrechnung mit”, eine „hasserfüllte Tirade gegen” – was und wen eigentlich?
„German Amok” ist ein romanlanger „hate speech”, mit dem sich Zaimoglu um die Sanktionen bewirbt, die für Pornographie, Sexismus und multiple Kultur- Lästerung vorgesehen wären, wenn es so etwas wie ,political correctness‘ hierzulande wirklich gäbe. Der Roman ist zur einen Hälfte die satirische Beobachtung eines zynisch leerlaufenden und pseudo-provokatorischen Kunstbetriebs, zur anderen, interessanteren Hälfte das Selbstbildnis eines jungen Mannes mit türkischem Hintergrund, der sich in diesem (Berliner) Milieu als erfolgloser Maler und stark nachgefragter Lustsklave verdingt. Während alle anderen Performance- und Konzeptkunst machen, hält er allein am Ölgemälde fest, während alle anderen von der ultimativen Überschreitung faseln, hält er die Tristesse der sozialen Welt im Abbild fest. All das Abgebrühte und Exzessiv-Erschöpfte des zeitgenössischen Kunstwollens ist für ihn in der Person und Rolle der „Kunstfotze” verkörpert, die im wirklichen Leben Birgit heißt, aber mit ihrem Künstlernamen die Galerienwelt verzückt: „Die Kunstfotze”, sinniert der junge Mann während einer ihrer Vernissagen, „erfindet die Kunst neu. Sie tut so, als müsse sie nur die richtige Formel aussprechen, und alle Fassaden und Oberflächen glitzerten in einem übersinnlichen Goldlack. Ihr Simsalabim besteht aus dem Quatsch, den sich duzfreundliche Kunsthallenkuratorinnen für die Gespräche mit jungen Talenten aufheben.”
In diesem Stil sind weite Teile des Romans, man darf sagen, runtergeschrieben, ein streckenweise erheiternder, auf Dauer ermüdender Redestrom in verdammender Absicht, dem dazu nur leider die Kenntnis und Erkenntnis seines Gegenstandes fehlt. Der Kunstmarkt, die Strategien künstlerischen Erfolgs, der Kult vom Avantgarde-Künstler: das sind fabelhafte Roman-Themen, nur müsste man sich in der Kunstwelt dafür auch ein bisschen auskennen. Nach Zaimoglus Auskunft besteht die Kunst der Kunst ja namentlich im „Simsalabim”. Künstler ist demnach, wer am lautesten behauptet, einer zu sein; die Verzauberung von Trash in Gold wird dann schon von allein gelingen. So funktioniert es aber wahrscheinlich nicht, und deshalb sind Zaimoglus vermeintliche Innenansichten vom Kunstbetrieb nach Abzug ihres rhetorischen Aufwands eher belanglos.
Wahrscheinlich hat Zaimoglu die karikaturhafte Kunstwelt dieses Romans aber ohnehin nur als Fassade hochgezogen. Das zeigt sich, wenn im zweiten Teil des Romans der ganze Kunst-Tross aufs flache Land umzieht, wo ein experimenteller Theaterworkshop samt Selbsterfahrungsgruppe stattfindet, zu dem der Held das Bühnenbild zu liefern hat. Immer greller werden dann die Späße, immer „krasser” die Sprüche, und schließlich mündet alles notgedrungen in die letztmögliche Geschmacklosigkeit, deren dramaturgischer Dreischritt „Harmonie-Erholung-Totalgas” heißt, denn, so das Konzept, „die ganze Welt ist ein einziger Duschraum, in den wir, die Geschorenen, Entflöhten und Nackten, hineingetrieben werden.” Weidlich nutzt Zaimoglu den Umstand aus, dass mit solchen Motiven, und sei es auch zum Zweck der Kunstmarktsatire, üblicherweise keine Scherze gemacht werden. Dass er es trotzdem tut und sich darin noch als Provokateur gefällt, das macht wohl sein literarisches Alleinstellungsmerkmal aus.
Der Kultursöldner
Kunst erscheint in „German Amok” als der Vorwand, der es der Hauptfigur ermöglicht, Hass zu entwickeln auf Verhältnisse, denen sie sich selbst zurechnet. Der Amoklauf, als den man sich den Roman vorstellen kann, darf vor der eigenen Person nicht Halt machen. „Ich habe gelernt, dass ich mir als Kultursöldner keinen Charakter leisten kann”, lässt Zaimoglu seinen Helden einmal sagen. Durch seinen Roman zieht sich unterschwellig eine kleine Theorie des Söldners – in der Kunst und, vor allem, im Sex. Der Söldner unterwirft (sich) nicht, weder ist er Herrscher noch Beherrschter. In seiner Figur kommen der Dienstleister und der Partisan zur Deckung. Der Söldner unterhält unter den Bedingungen des Marktes die sauberste, die sachlichste und unsentimentalste Beziehung zu seiner Umwelt. Wenn man sich keinen Charakter leisten kann, soll man ihn konsequent aus dem Spiel lassen. Wenn das so einfach wäre. Einige Zeit hat der Maler einer gestrandeten Junkie-Existenz in seinem Atelier ein Notlager aus Pappkartons gewährt. Am Ende ist sie tot und ihrem Beschützer, dem Kultursöldner, bleibt nur die Totenklage: „Ihr Kopf ist doch nur ein kleines Depot für den Wahn gewesen, und jetzt ist er leer, es ist einfach so passiert. ... Ich lege mich zu ihr und strecke mich an ihrer Seite, ich reibe mein Gesicht an ihrer kalten Schläfe. Clarissa.” So endet „German Amok”. Kein Buch, mit dem man sich anfreunden könnte. Aber eines, in dem es dem Söldner Zaimoglu nicht gelingt, die Spuren seines Charakters völlig zu verwischen.
CHRISTOPH BARTMANN
FERIDUN ZAIMOGLU: German Amok. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2002. 256 Seiten, 18,90 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Besprechung von 08.10.2002
Musterschüler des Unkorrekten
Feridun Zaimoglu gibt sich Mühe / Von Tobias Döring

Man kann natürlich immer sagen, daß eine Gesellschaft die Romane bekommt, die sie verdient. So wie man nach einem Amoklauf oft hört, das eigentliche Problem sei im "gesellschaftlichen Umfeld" auszumachen. In beiden Fällen ist der Bescheid jedoch so lange nichtssagend, wie kein genauer Aufschluß über die Grenzen sozialer Determinierung erhältlich ist. Gesellschaftskritische Romane leben von der Distanz zum Kritisierten, die sie geltend machen.

Schon der Titel "German Amok" weckt wohlig schauernde Erwartung. Erst recht aber die ominöse Formulierung "Zeit für infernalische Dekadenzen", die dem Text wie ein Losungswort voransteht, läßt das Schlimmste hoffen. Sage niemand, wir seien nicht gewarnt! Ein "drastischer Ton" herrsche in diesem Buch, hat uns der Autor vorab wissen lassen, aber das sei eben "der Ton unser Zeit". Und der klingt so: "Die Kunstfotze ist nicht zu übersehen: ein ennuyantes Warzenmädchen, mittelgroß und mittelmäßig, in diesem Moment bis auf eine Perücke in Hauchrosa völlig nackt und deswegen für die älteren Herrschaften im Publikum eine Augenweide. Es ist ihr Abend und ihre Vorstellung, sie reißt ihr blödes Mäulchen auf, um vor versammelter Mannschaft (die Männer sind natürlich in der Mehrzahl!) eine Ansprache zu halten, an der sie wochenlang gefeilt haben muß."

So schonungslos macht gleich der erste Absatz alles klar. Dekadente Künstlerszene, obszöner Voyeurismus, zynische Misanthropie. Die Figuren heißen "Kunstfotze" oder "Mongo-Maniac", die Handlung spielt in "dieser für immer verfluchten und vergammelnden Metropole", also in Berlin, das Interesse gilt vornehmlich den stumpfsinnigen Sexualpraktiken ihrer Einwohner, und das Ganze wird so platt und maulaufreißerisch präsentiert, daß sich der Roman in nichts von den Peinlichkeiten der Gesellschaft unterscheidet, die er karikieren will.

Gefragt ist, was schockiert. Frustrierter Kunstmaler mit Libido-Überschuß und Geldmangel versucht sich erfolglos als Kuppler, Schächter oder Callboy durchzuschlagen, bevor er sich auf seine autoaggressive Nachbarin und auf ein ABM-Theaterprojekt in der brandenburgischen Provinz einläßt, wo er die Gruppenrituale westdeutscher "Frontlesben" wie ostdeutscher "Dorftrampel" und "Sklaven" stört. Dazu übt er sich in diversen Gewalt- und analen Kopulationsakten und produziert schließlich als Bühnenbild für die Workshop-Aufführung eine "Nachahmung der Mauer als Pornowall", die er als "billige Provokation für die billigen Neudeutschen" entwirft. Darf es noch etwas mehr sein?

Es darf. "Totalgas" heißt der geplante letzte Akt des Stücks, zu dem die Darsteller sich Duschhauben aufsetzen, derweil tödliches Gas aus monströsen Düsen strömt. Sobald nämlich des Erzählers Anstrengung zu ordentlich provozierenden Ferkeleien zu erschlaffen droht, kann nur der ultimative deutsche Tabubruch noch für Abwechslung sorgen. So jämmerlich verbissen ringt dieser Roman um politische Inkorrektheit, und so rührend war schon länger niemand um seinen Ruf als tadelloser Skandalautor bemüht.

Keine Frage, wir verdanken Feridun Zaimoglu scharfsichtige, wortmächtige Reportagen aus den türkisch-deutschen Zwischengängerzonen unserer Gesellschaft. Doch seit sein furioses Debüt "Kanak Sprak" zum Gegenstand soziolinguistischer Hauptseminare geworden ist, hat er sich vornehmlich der Pflege klassischer Literaturgattungen verschrieben. "Liebesmale, scharlachrot" versuchte vor zwei Jahren, die unzeitgemäße Form des Briefromans wiederzubeleben, nun mag man bei "German Amok" an späte Brechungen des Künstlerromans denken, an jenes schöne deutsche Genre bürgerlicher Selbsterfindung.

Aber man mag nicht. Mit Ausnahme einer kurzen Szene im Schlachthof, die Zaimoglus Gabe für groteske Miniaturen erneut unter Beweis stellt, ist dieser Text von so unkomischer Pointensucht und so lustloser Großspurigkeit getrieben, daß er die Schweißperlen nicht lohnt, die über seinen grimmen Posen vergossen worden sind. Was immer "Amok" sonst bedeuten mag, hier heißt es einfach Leerlauf.

Feridun Zaimoglu: "German Amok". Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2002. 256 S., geb., 18,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Dieses Buch, so der Rezensent Steffen Richter, könnte man getrost als polemische "Provokation" abtun, so sehr zieht es alle Satireregister gegen die Attitüden der Kunstszene, der "Berliner Kulturpest", so sehr greift es alle heiklen Tabus bis hin zum Holocaust auf, wäre da nicht ein gewisser trauriger Unterton, der den "ungehemmten Unfug" durchziehe. Dieser "ernsthafte" Ton entspinne sich im "Liebesmärchen" um das geistig verwirrte Mädchen Clarissa, das Zaimoglu "wesenhaft fremdartig" nennt, und das auf einmal die "Sehnsucht nach Authentizität" aufkommen lasse, untentrinnbar und bestechend wie ein "erratischer Block". Doch Richter liest Clarissa auch als Sinnbild für die "Fremden" im Land, denn sie ist die Fremde par excellence, die es immer bleiben wird. So dass die "kulturelle Vermischung" nur noch als "Utopie" dastehen könne. Zaimoglus Orakel, dass das "Unglück" der Fremden zu "unserem Verhängnis" werden wird gehört für den Rezensenten zum literarischen "Bodensatz" dieses Buches, der wert ist, "aus der Konkursmasse des Pops gerettet zu werden".

© Perlentaucher Medien GmbH
"Für abgebrühte Fans ein höllischer Genuss." go