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Der Untergang des russischen Adels nach der russischen Revolution 1917 - eine Tragödie um Terror und Tod in einer entfesselten Welt. Erstmals erzählt der renommierte Historiker Douglas Smith die ganze Geschichte. 1917 wird die russische Aristokratie im Mahlstrom der Oktoberrevolution der Bolschwisten vernichtet. Douglas Smith beschreibt die berührenden Schicksale und menschlichen Dramen, die sich dahinter verbergen. Er erzählt von nächtlichen Fluchten adliger Gutsherren, aber auch ihrer Diener, von plündernden Bauern und brennenden Herrenhäusern. Im Mittelpunkt stehen zwei der mächtigsten…mehr

Produktbeschreibung
Der Untergang des russischen Adels nach der russischen Revolution 1917 - eine Tragödie um Terror und Tod in einer entfesselten Welt. Erstmals erzählt der renommierte Historiker Douglas Smith die ganze Geschichte.
1917 wird die russische Aristokratie im Mahlstrom der Oktoberrevolution der Bolschwisten vernichtet. Douglas Smith beschreibt die berührenden Schicksale und menschlichen Dramen, die sich dahinter verbergen. Er erzählt von nächtlichen Fluchten adliger Gutsherren, aber auch ihrer Diener, von plündernden Bauern und brennenden Herrenhäusern. Im Mittelpunkt stehen zwei der mächtigsten Adelsfamilien des Zarenreiches, die Scheremetews und die Golizyns, deren Mitglieder ermordet wurden, in sibirischen Lagern hungerten oder ins Exil gingen. Das brutale Ende einer glanzvollen Epoche Russlands und der Untergang einer prachtvollen Welt im Gefolge der Revolution - packend erzählt, mit zahlreichen historischen Fotos von Menschen und Ereignissen.
  • Produktdetails
  • Fischer Taschenbücher Bd.19777
  • Verlag: Fischer Taschenbuch
  • Artikelnr. des Verlages: .1015887
  • Seitenzahl: 528
  • Erscheinungstermin: 27. April 2016
  • Deutsch
  • Abmessung: 213mm x 139mm x 32mm
  • Gewicht: 547g
  • ISBN-13: 9783596197774
  • ISBN-10: 3596197775
  • Artikelnr.: 44778535
Autorenporträt
Smith, Douglas
Douglas Smith ist Historiker und Übersetzer. Er arbeitete für das U.S. State Department in der Sowjetunion und als Russisch-Dolmetscher für Ronald Reagan und war als Russland-Spezialist für Radio Free Europe/Radio Liberty in München tätig. Er hat verschiedene Auszeichnungen erhalten, unter anderem das renommierte Fulbright-Stipendium für Wissenschaftler. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Seattle/USA. www.douglassmith.info
Rezensionen
ein wichtiges, schönes Buch
Besprechung von 29.11.2014
Auf den Adel ließ aller Hass sich lenken

Grausame Abrechnung mit der Elite des Zarenreiches: Der Historiker Douglas Smith beschreibt den gewaltsamen Untergang der russischen Aristokratie nach der Oktoberrevolution.

Von Jörg Baberowski

Die russische Revolution war eine Umwälzung, die niemanden unberührt ließ. Millionen kamen ums Leben, wurden um Haus und Hof gebracht, entwurzelt oder mussten das Land verlassen. Überall, wo Ordnungen zerstört und neue errichtet werden, gibt es Verlierer, über die später niemand mehr spricht. Die Geschichte wird nicht von den Siegern, sondern über die Sieger geschrieben, schreibt Douglas Smith. Über die Verlierer hätten die Historiker nur geschrieben, was aus der Perspektive der Sieger einen Sinn ergab: dass der Adel verdient habe, was ihm widerfahren sei. Solch ein Urteil aber hält Smith für "historisch und moralisch falsch".

Smiths Darstellung folgt einem moralischen Motiv. Der Leser soll erfahren, welches Unrecht an der Elite des Zarenreichs verübt worden war. Und er soll sich mit den Opfern identifizieren, die unverschuldet in die Mühlen des bolschewistischen Terrors gerieten. Denn als die Revolution ausbrach, waren die meisten Adligen keineswegs auf der Seite des Zaren und seiner Ordnung. Manche fühlten sich den Slawophilen, andere den Liberalen verbunden, manche sahen in der Monarchie, andere in der Republik die Zukunft Russlands.

Der erste Ministerpräsident der Provisorischen Regierung, die sich im Februar 1917 nach der Abdankung des Zaren konstituierte, stammte aus altem Adelsgeschlecht.Fürst Georgi Lwow sah überhaupt keinen Widerspruch zwischen seiner Herkunft und den liberalen Überzeugungen, die er vertrat. Wie viele Adlige seiner Generation empfand auch er die Revolution als Verheißung. Die Welt sollte besser, Russland ein demokratischer Rechtsstaat werden. Die Adelsgeschlechter der Scheremetjews und Golizyns, denen Smith ein Denkmal setzt, waren ein Abbild der gebildeten und begüterten Gesellschaft. Manche Familienmitglieder hielten es mit der Monarchie, andere wollten Veränderungen.

In der Apartheidsgesellschaft des Zarenreiches waren die Bauern von allem ausgeschlossen, sie waren nicht Teil der Gesellschaft von Besitz und Bildung gewesen. Für viele Adlige waren Bauern Angehörige eines wilden Stammes, mit denen man keine gemeinsame Sprache finden konnte, die man verachtete und fürchtete. Die Bauern hielten die Herren für Fremde und Räuber, die von ihrem Land und ihrer Arbeit lebten.

Vom Staat und seinen Dienern hatten Bauern wenig zu erwarten. Sie zahlten Abgaben und stellten Rekruten, aber sie bekamen nichts dafür zurück. Warum hätten sie sich für eine Revolution interessieren sollen, die den Liberalen den Rechtsstaat versprach, ihnen aber das Land vorenthielt, das sie seit jeher für sich beanspruchten? Das Volk wusste nichts vom Sozialismus und seinen Verheißungen, es wollte keine neue Ordnung, es wollte überhaupt keinen Staat. Und dennoch konnten die bolschewistischen Hassprediger die Ressentiments von Bauern und Soldaten für ihre Zwecke mobilisieren.

In der russischen Wirklichkeit aber gab es für den Adel und die alte Elite keinen Platz mehr. Diese Erfahrung mussten auch jene machen, die Sympathien für die Revolution empfanden. Wenige Wochen nach dem Ausbruch der Revolution bekamen die alten Eliten den Hass des Volkes zu spüren. Smith beschreibt, wie die Urussows ihr Gut im Süden Russland verließen, als niemand mehr für ihre Sicherheit garantieren konnte. Die Bauern zerlegten das Gutshaus, bis nichts mehr von ihm übrig blieb, zerstörten die Familiengruft der Fürsten, dann enthaupteten sie die Diener der Herren und verfütterten ihre Köpfe an die Hunde. Nichts mehr sollte an die Herren von einst erinnern.

Als die Provisorische Regierung die Polizei des Zaren auflöste und die Gouverneure für abgesetzt erklärte, gab es keine Institutionen mehr, die der Gewalt hätten Einhalt gebieten können. Der russische Staat beging Selbstmord, auf den Straßen der großen Städte regierten Lynchjustiz und Willkür. Menschen, die feine Anzüge, weiße Hemden oder Brillen trugen oder durch weiche Hände auffielen, waren der Gewalt schutzlos ausgeliefert. Offiziere wurden von Soldaten grausam gefoltert, Wohnungen und Palais von Bauern und Soldaten durchsucht, Adlige gezwungen, Straßen zu fegen oder Toiletten zu säubern.

Nach der Oktoberrevolution ergoss sich Gewalt über Russlands Städte und Dörfer. Im Winterpalais des Zaren kam es zu einer wüsten Sauforgie, die mehrere Tage dauerte. Weinkeller, Geschäfte und Wohnungen wurden geplündert, Angehörige der alten Oberschicht verschleppt und umgebracht. In der Familie Golizyn sprach man in diesen Tagen nur noch von der Apokalypse und der Strafe Gottes.

Die neuen Machthaber aber verstanden es, die Wut des Volkes auf Ziele zu lenken. Sie führten Arbeitsbücher ein, und nur wer in ihrem Besitz war, konnte Lebensmittel erwerben. Für Adlige gab es nichts mehr. Sie mussten ihren Besitz verkaufen, an Straßenecken betteln und sich öffentlich als Gedemütigte zur Schau stellen lassen. Zur "Strafe" zwang man sie, Gräber für Typhusopfer auszuheben, manche mussten Hausdurchsuchungen über sich ergehen lassen oder wurden aus ihren Wohnungen vertrieben. Gold, Schmuck und Geld verschwanden in den Taschen der Rotgardisten, und an manchen Orten wurden die Töchter der Edelleute von Soldaten vergewaltigt. Es mag für die Opfer ein schwacher Trost gewesen sein, dass auch Lenin, der Revolutionsführer, im März 1918 von Soldaten auf der Straße angehalten und ausgeraubt wurde. Man nahm ihm das Auto weg und ließ ihn am Wegesrand stehen.

Nach dem Attentat auf den Chef der Petrograder Tscheka, Urizki, im August 1918, sprengte der Rote Terror alle Grenzen. Ihm fielen allein in der Hauptstadt und in Petrograd Tausende Adlige zum Opfer. "Für das Blut Lenins und Urizkis", schrieb die "Krasnaja Gazeta", "lasst Blutströme der Bourgeoisie fließen - mehr Blut, so viel wie möglich." Tag für Tag wurden Menschen erschossen, die das Regime als Geiseln genommen hatte. In Pjatigorsk im Nordkaukasus wurden fast alle Adligen, die sich dort in Sicherheit bringen wollten, verhaftet, mit Stacheldraht gefesselt und auf dem lokalen Friedhof mit Genickschüssen umgebracht, manche mit Macheten zu Tode gehackt.

Überall, wo während des Bürgerkrieges Rote gegen Weiße kämpften, verübten die Bolschewiki Greueltaten an Adligen, die sie für Repräsentanten der alten Ordnung hielten. Im sibirischen Tjumen wurde Fürst Lwow, der erste Ministerpräsident der Provisorischen Regierung, vor einem wütenden Mob öffentlich zur Schau gestellt, der Bischof von Tobolsk im Fluss Tura ertränkt.

Allein im Juni 1919 wurden in Charkow mehr als 1000 Geiseln erschossen, 1800 in Kiew und 2000 in Odessa. Als die Rote Armee im Winter 1920 die Krim eroberte, richteten die Bolschewiki ein furchtbares Massaker an. Mehr als 50 000 Offiziere und Diener der Weißen Armee wurden getötet, die Überlebenden in Konzentrationslager geschafft. Eine halbe Million Menschen verließen ihre Heimat und emigrierten nach Europa. Nur 50 000 Adlige blieben in Russland zurück. Für sie hörte die Zeit des Leidens auch nach dem Ende des Bürgerkriegs nicht auf.

Zwar gab es in den Jahren der Neuen Ökonomischen Politik manche Erleichterungen, weil die liberale Wirtschaftspolitik auch Adligen Möglichkeiten eröffnete. Damit aber war es 1927 schon wieder vorbei. Das Regime entzog den Angehörigen der alten Elite das Wahlrecht und versperrte ihnen damit den Zugang zu allen lebenswichtigen Ressourcen, es verbannte sie aus den Universitäten und verjagte sie aus ihren Wohnungen. Adlige wurden zu Aussätzigen, die alle Rechte verloren, die anderen Untertanen noch zustanden. Im Jahr 1929 wurden die Golizyns für immer aus Moskau deportiert.

Als der Parteichef von Leningrad, Sergei Kirov, im Dezember 1934, einem Attentat zum Opfer fiel, nahm Stalin dieses Ereignis zum Anlass, mit der alten Elite abzurechnen. Im Jahr 1935 wurden die letzten Adligen aus Leningrad und anderen Städten deportiert. Im Sommer 1937 endeten die meisten von ihnen vor einem Erschießungskommando des NKWD.

Die Klassenidee, schreibt Smith, sei nun "quasi-biologisch" definiert worden. "Sie geriet zu einer fast rassischen Kategorie, einem Vererbungsmerkmal, mit dem man geboren wurde und auf das man keinen Einfluss hatte. Nicht auf das gegenwärtige Leben (also auf die ,soziale Stellung') kam es an, sondern auf den Familienstatus vor 1917 (also die ,soziale Herkunft'). Der Makel, der den Vorfahren anhaftete, konnte nie getilgt werden."

In Wahrheit aber war der Terror der Bolschewiki flexibel. Er konnte jeden treffen, ob Edelmann oder Arbeiter, ob Bauer oder Kommunist. Für das Regime kam es immer nur darauf an, potentielle Feinde zu eliminieren. Sobald es in ihnen keine Gefahr mehr sah, verlor es das Interesse an ihnen. Und so konnten manche Adlige überleben, weil sie sich fremde Namen zulegten, im Krieg als Soldaten kämpften oder einfach untertauchten.

Der Stalinismus war das Ende der alten Welt, die vom Adel dominiert worden war. Mit ihr ging auch die Kultur zugrunde, die dem zarischen Russland ein menschliches Gesicht gegeben hatte. Das bolschewistische Experiment war eine Tragödie, deren Folgen noch in der Gegenwart zu besichtigen sind. Über sie hat Smith ein wichtiges, schönes Buch geschrieben.

Douglas Smith: "Der letzte Tanz". Der Untergang der russischen Aristokratie.

Aus dem Amerikanischen von Bernd Rullkötter. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2014. 528 S., geb., 24,99 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur WELT-Rezension

Hannes Stein empfiehlt Douglas Smith und seine Geschichte vom Untergang des Zarenreiches und der Aristokratie in Russland mit Blick für die feinen Unterschiede. Die vermag der Autor laut Stein herauszuarbeiten, wenn er die historische Rolle des Adels nicht schönfärbt, wie Stein schreibt, aber auch die Ausnahmen, Liberale, wie Nabokov sen., nicht verschweigt oder die ganze Grausamkeit der Bolschwewiki. Von letzterer scheint der Band mehr als genug zu bieten, wenn wir Steins Nacherzählungen anschauen.

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