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In Kiel begann 1918 die Revolution, die den Ersten Weltkrieg beendete und der Weimarer Republik den Weg ebnete. Theodor Plievier gehörte selbst zu den kriegsmüden Soldaten, die nicht mehr bereit waren, ihr Leben für einen bereits verlorenen Krieg zu opfern. Mit "Der Kaiser ging, die Generäle blieben" verfasste Plievier einen dokumentarischen Roman, der die Ereignisse von Kiel bis Berlin erfasst und so ein "lebendiges Gesamtbild" (Plievier) der Zeit schuf. Es ist ein Roman voller Lokalkolorit zwischen Kiel und Berlin über eine entscheidende Zeit der deutschen Geschichte und ein wichtiger Teil…mehr

Produktbeschreibung
In Kiel begann 1918 die Revolution, die den Ersten Weltkrieg beendete und der Weimarer Republik den Weg ebnete. Theodor Plievier gehörte selbst zu den kriegsmüden Soldaten, die nicht mehr bereit waren, ihr Leben für einen bereits verlorenen Krieg zu opfern. Mit "Der Kaiser ging, die Generäle blieben" verfasste Plievier einen dokumentarischen Roman, der die Ereignisse von Kiel bis Berlin erfasst und so ein "lebendiges Gesamtbild" (Plievier) der Zeit schuf. Es ist ein Roman voller Lokalkolorit zwischen Kiel und Berlin über eine entscheidende Zeit der deutschen Geschichte und ein wichtiger Teil der deutschen Literatur aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, dessen Wiederentdeckung sich unbedingt lohnt.
  • Produktdetails
  • Verlag: Wachholtz
  • Seitenzahl: 384
  • Erscheinungstermin: 13. Februar 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm x 126mm x 32mm
  • Gewicht: 436g
  • ISBN-13: 9783529051920
  • ISBN-10: 3529051926
  • Artikelnr.: 50253674
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 19.07.2018

Von den Schlachtfeldern in die Straßen von Kiel
Historischer Roman als historisches Zeugnis: Theodor Plieviers "Der Kaiser ging, die Generäle blieben" in einer neuen Edition

Wenn sich ein Roman, ein Drama oder Gedicht eines historischen Stoffes annimmt, geschieht dies oft unter dem Vorzeichen der Ergänzung: Das, was die zu darstellerischer Nüchternheit verpflichtete Wissenschaft nicht berücksichtigen könne, also erzählerische Lebendigkeit, ästhetische Farbe und eine beherzte Zuspitzung des historischen Geschehens, all dies sei für einen angemessenen Geschichtszugang doch eigentlich unerlässlich - und ausschließlich in der Literatur zu realisieren. Mitunter verbindet sich dieser Ansatz sogar mit der Behauptung, die Literatur sei der Wissenschaft überlegen, sie vermittle also ein wahrhaftigeres Bild der Vergangenheit.

Theodor Plievier, der heute wohl nur noch Literarhistorikern bekannt sein dürfte, aber mit seinem im sowjetischen Exil entstandenen Antikriegsroman "Stalingrad" (1945) einen der ersten Millionenbestseller der Nachkriegsliteratur schrieb - Plievier bewegt sich in ebendieser Tradition des historischen Erzählens. Im kurzen Nachwort zu seinem 1932 erstmals veröffentlichten und nun in einer Neuausgabe vorliegenden Roman über die Novemberrevolution von 1918 schreibt er, ein "lebendiges Gesamtbild" der tumultuarischen Ereignisse in den letzten Tagen des Ersten Weltkrieges entziehe sich einer "rein wissenschaftlichen Darstellung".

Seine Begründung: Die folgenschweren Ereignisse seien nicht durch den Austausch "diplomatischer Noten", sondern "durch den Zusammenprall gegensätzlicher Kräfte" ausgelöst worden. Dies in einem "lebendigen Gesamtbild" zu schildern liege nicht im Kompetenzbereich einer sich in papierenen Einzelheiten verlierenden Historiographie, sondern einer in größeren Zusammenhängen denkenden und diese plastisch veranschaulichenden Prosa. Zu Lasten der "historischen Treue" solle die Literarisierung allerdings nicht gehen: Plievier stellt dem Roman ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis hintan; zudem verweist er auf eine stattliche Anzahl von Interviews, die er für sein Werk mit "Personen der Zeitgeschichte" geführt habe, und auch auf sein "eigenes Erleben" (die Aufstände von Wilhelmshaven, an denen er als Agitator beteiligt war und die als Initialereignis der Revolution wirkten, bleiben dabei unerwähnt).

Ruckartig macht jedes der sechs Kapitel eine neue historische Szene auf. Plievier führt seine Leser auf die Schlachtfelder des Krieges, in die Verhandlungszimmer des letzten kaiserlichen Reichskanzlers Max von Baden, in die Wohnungen der zermürbten, darbenden Zivilbevölkerung, auf die Straßen und Plätze von Kiel, in und auf denen sich die ebenso aufgebrachten wie hellsichtigen Matrosen zum Widerstand zusammentun (die vermutlich ausführlichste, eingehendste literarische Darstellung dieses Geschehens in der Literatur), schließlich in die Revolutionsstadt Berlin, in der Philipp Scheidemann und Karl Liebknecht am 9. November kurz nacheinander die Republik ausrufen. Nein, die Lektüre dieses Romans über die hochnervösen Tage im Herbst 1918 ist nicht bloß anstrengend, vielmehr schwirrt einem dabei bald schon der Kopf - ein vermutlich erwünschter Effekt des Nachempfindens.

Um dies umzusetzen, greift Plievier auf nahezu sämtliche Techniken zurück, die ihm die moderne Romankunst bietet: auf Verfahren der Montage und Collage (von Briefzitaten, Flugblättern, Reichstagsreden und so fort), auf eine an Döblins "Berlin Alexanderplatz" erinnernde Parataktik, auf Elemente aus Expressionismus, Surrealismus und insbesondere auch aus dem Film (nicht nur inhaltlich, sondern auch formal ist die Nähe des Romans zu Sergej Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin" unübersehbar). Ein "Gesamtbild", wie das Nachwort konstatiert, ergibt sich aus dem Zusammenspiel dieser Verfahren aber nicht. Ebenfalls im Sinne des modernen Romans bringt Plievier eher die Ungleichzeitigkeit und Individualität allen Erlebens zum Ausdruck; nichts in diesem Roman verbindet den Schmerz des Frontsoldaten mit der Anspannung der Politiker und dem Hunger der Bevölkerung. Momente der Einheitsstiftung gibt es allenfalls in der Schilderung der aufständischen Massen, die sich, in einem steten Prozess der Vergrößerung, durch die zugigen Straßen Kiels bewegen: "Der Zug marschiert weiter - durch die Holstenstraße bis zum Markt, dann in die Brunswiker Straße hinein. Andere Patrouillen leisten keinen Widerstand. Sie lassen ihre Führer stehen und schließen sich dem Zuge an. Die in den Kaffeehäusern und Kinos sitzenden Matrosen kommen heraus und marschieren mit. Hinter ihnen werden die Türen geschlossen. Die Restaurants lassen die Rolläden herunter."

Der Begriff des Dokumentarismus, der Plievier immer wieder zugeschrieben wird, sagt nur wenig über das Verfahren und den Anspruch dieses Erzählers aus. Zumal es dem Roman keineswegs nur um die bloße Komposition von Daten und Fakten geht, sondern auch um entschiedene Deutungen, vor allem was die Rolle der Sozialdemokraten Gustav Noske und Friedrich Ebert betrifft: Nichts anderes als ihr politisches Machtstreben, so legt es der Roman nahe, habe zum Scheitern der Revolution geführt - und damit zum Scheitern der von Liebknecht ausgerufenen "freien sozialistischen Republik Deutschland". Entsprechend endet der Roman mit dem berüchtigten Telefonat zwischen Reichskanzler Ebert und Generalquartiermeister Groener, das die antirevolutionäre Zusammenarbeit von SPD und Reichswehr einleitete: "Der Kaiser ging, die Generäle blieben."

Gegenüber der äußerst kritischen Bewertung der Sozialdemokratie, die Anfang der dreißiger Jahre alles andere als originell war, bleibt eine Frage allerdings unberücksichtigt: die Frage nämlich, ob eine "Forcierung" der Revolution nicht zu einer "Auflösung der administrativen und ökonomischen Strukturen" in dem ohnehin aufgeriebenen, verbrauchten Land geführt hätte, ja vielleicht sogar mit einem "Bürgerkriegs- und Verelendungsrisiko" verbunden gewesen wäre, wie Helmuth Kiesel in seiner jüngst erschienenen "Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1918-1933" zu bedenken gibt. Dasselbe gilt für die Erfolge der Revolution, vor allem für die im Jahr 1932 immer noch bestehende Republik, die Thomas Mann zehn Jahre vor Plieviers Roman als "positive Rechtsform" der Humanität bezeichnet hatte.

Allein dies lässt den im Nachwort erhobenen Anspruch auf "historische Treue" als fragwürdig erscheinen, zumal sich die "Deutungstendenz" des Romans - so ein Begriff von Walter Arnold, der für die Neuausgabe einen äußerst hilfreichen Überblickskommentar verfasst hat - heute nicht auf den ersten Blick erschließt. Ja, insgesamt ist das Buch ohne wissenschaftliche Vermittlung streckenweise kaum zu verstehen, zumindest dann nicht, wenn Titel und Namen wie Kanzleichef Wahnschaffe, Legationsrat von Prittwitz oder Oberhofprediger von Dryander im Leser keine unmittelbaren Assoziationen aufrufen. Plieviers historischer Roman ist ein historisches Zeugnis, das nicht nur ästhetisch erfahren, sondern auch kritisch studiert sein will.

KAI SINA

Theodor Plievier: "Der Kaiser ging, die Generäle blieben". Ein deutscher Roman.

Wachholtz Verlag, Kiel 2018. 384 S., geb, 24,- [Euro].

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