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"Ich fragte mich vor der Reise: was willst du dort, das ist doch Wahnsinn!" Rainer Merkel
Rainer Merkel reist in drei vom Krieg verwüstete Länder: Welche Anziehungskraft können Traumata und Gewalt auf Menschen haben? Erweitert wird das Buch um das bisher nur als E-Book erschienene und von der Presse gefeierte 'Go Ebola Go', in dem er nach Liberia zurückkehrt, als die Ebola-Epidemie dort wütet. "Das ist nicht das Herz der Finsternis, das ist die Wirklichkeit."…mehr

Produktbeschreibung
"Ich fragte mich vor der Reise: was willst du dort, das ist doch Wahnsinn!" Rainer Merkel

Rainer Merkel reist in drei vom Krieg verwüstete Länder: Welche Anziehungskraft können Traumata und Gewalt auf Menschen haben? Erweitert wird das Buch um das bisher nur als E-Book erschienene und von der Presse gefeierte 'Go Ebola Go', in dem er nach Liberia zurückkehrt, als die Ebola-Epidemie dort wütet. "Das ist nicht das Herz der Finsternis, das ist die Wirklichkeit."
  • Produktdetails
  • Fischer Taschenbücher Bd.18918
  • Verlag: Fischer Taschenbuch
  • Seitenzahl: 603
  • Erscheinungstermin: 24. September 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm x 126mm x 38mm
  • Gewicht: 445g
  • ISBN-13: 9783596189182
  • ISBN-10: 3596189187
  • Artikelnr.: 42672040
Autorenporträt
Merkel, Rainer
Rainer Merkel, 1964 in Köln geboren, hat Psychologie und Kunstgeschichte studiert und lebt in Berlin. Von 2008 bis 2009 arbeitete er für Cap Anamur im einzigen psychiatrischen Krankenhaus Liberias. Es erschienen die Romane »Das Jahr der Wunder«, für den er den Preis der Jürgen Ponto-Stiftung erhielt, »Das Gefühl am Morgen«, »Lichtjahre entfernt«, der auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand, »Bo«, »Stadt ohne Gott« und die Reportagen »Das Unglück der anderen. Kosovo, Liberia, Afghanistan« und »Go Ebola Go. Eine Reise nach Liberia«. 2013 wurde Rainer Merkel mit dem Erich Fried-Preis ausgezeichnet.Literaturpreise:Literaturförderpreis der Jürgen Ponto-Stiftung 2001Erich Fried-Preis 2013
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 11.12.2012

Entschuldigungserkundungen

Der Schriftsteller Rainer Merkel macht sich auf die Suche nach dem "Unglück der anderen". Die Recherche lässt ihn dabei auch eigene Narben entdecken.

Nicht erst seit unter Federführung von Tom Wolfe, Truman Capote oder Norman Mailer der New Journalism die Parameter von Authentizität und Fiktionalität, von Objektivität und Subjektivität neu ausgelotet hat, ist die Reportage eine Erzählform, bei der gern in Frage gestellt wird, wie viel "Ich" sie verträgt oder, andersherum, wie viel Subjektivität sie bedarf, um angemessen auf das Beobachtete reagieren zu können. Immer noch sind es amerikanische Autoren wie jüngst der New Yorker Reporter John Jeremiah Sullivan anlässlich der Übersetzung seines Essay- und Reportagebands "Pulphead", denen in der Kunst des erkenntnisträchtigen Ich-Sagens eine Vorreiterrolle zugesprochen wird. Auch unter deutschsprachigen Autoren - man denke an Marc Fischer, Moritz von Uslar oder Benjamin von Stuckrad-Barre - gibt es einige, die sich darauf verstehen.

Liest man nun das jüngste Buch des 1964 geborenen Rainer Merkel, der mit seinem Roman "Lichtjahre entfernt" 2009 für den Deutschen Buchpreis nominiert war, dann findet man die Subjektivität auf eine Spitze getrieben, die irritierend ist. Zum einen angesichts der Themen, Regionen und Menschen, von denen Merkels Reportagen erzählen, vor allem aber auch deshalb, weil nie ganz klar ist, ob der Autor sich seiner Subjektivität bewusst, ob sie gar Teil seines Konzepts ist. Eher das Gegenteil scheint der Fall. "Das Unglück der anderen" heißt der annähernd fünfhundert Seiten umfassende Band, der sich in drei umfangreiche Reportagen gliedert, die von Besuchen Merkels in drei Krisengebieten berichten: dem Kosovo, Liberia und Afghanistan. Liberia nimmt dabei nicht nur den umfangreichen Mittelteil ein, sondern stellt auch eine Ausnahme dar, weil Merkel von 2008 bis 2009 dort für die Hilfsorganisation Cap Anamur in einem psychiatrischen Krankenhaus gearbeitet hat. Über diese Zeit berichtet er in seinem Buch allerdings kaum; allenfalls in vereinzelten Rückblenden und knappen Erinnerungen, die dem Vergleich mit aktuelleren Reisen dienen, findet sie Niederschlag. Eine der Episoden, die Merkel wieder aufruft, ist die Erinnerung an eine deutsche Ärztin, die ins Krankenhaus in dem nach fast anderthalb Jahrzehnten Bürgerkrieg erschütterten Liberia kam und ihn nach Trauma-Patienten befragte. ",Davon haben wir nicht einen Einzigen', sagte ich dann. ,Niemand. So etwas haben wir hier nicht ...'" Merkel kommentiert die Reaktion der Ärztin, die er sichtlich aus der Fassung brachte: "Leute, die auf der Suche nach dem Trauma waren, konnte ich nicht ertragen. Solche Leute waren mir suspekt. Die rotgesichtige, dezent schwitzende deutsche Ärztin aus dem Landesinneren stand stellvertretend für eine Anmaßung und Selbstgerechtigkeit, mit der ich nichts zu tun haben wollte."

So also denkt der Krankenhausmitarbeiter Rainer Merkel. Wenn er sich aber einige Monate später für sein Buchprojekt jeweils für einen relativ überschaubaren Zeitraum von wenigen Wochen auf Reisen begibt, dann ist es ebenjenes Ansinnen, das ihn umtreibt: in von Krieg heimgesuchten Regionen den Traumata der Menschen auf die Spur zu kommen.

Dieser Gesinnungswandel wird nicht thematisiert. Man mag ihn als das Dilemma von Merkels Buch ansehen, als dessen inneren Widerspruch. Gerade dieser Widerspruch bezeichnet aber das - zunächst verborgene, später immer deutlicher zutage tretende - Movens von Merkels Reisen und das ästhetische Prinzip, das er seinen Reportagen zugrunde legt: "Die Rohfassung der Geschichte, die Essenz des Traumas, ist schwer zu fassen. Es ist eine Geschichte, die nicht chronologisch erzählt werden kann, die keinen stringenten Aufbau, keine richtige Abfolge hat und die nichts davon verrät, was der Betroffene im Augenblick der Katastrophe empfindet."

Merkel erzählt deshalb mit dem scheinbaren Anspruch auf Vollständigkeit des Erlebten - und auch des Nicht-Erlebten, gescheiterte Interviews etwa -, und zugleich verschneidet er in seinem Text immer wieder die beobachtete Wirklichkeit mit kurzen Erinnerungen, bricht die Chronologie auf, springt zwischen den verschiedenen Schauplätzen hin und her.

Das Komponierte und das vermeintlich noch nicht entschlackte Material stehen deshalb in merkwürdigem Missverhältnis zueinander. Das scheint damit zusammenzuhängen, dass Merkel, als er die drei Kriegsregionen besuchte, zunächst selbst mehr ahnte als wusste, was er dort suchte. Bezeichnend ist etwa, dass sein dringlichstes Anliegen in Liberia war, einen (kleinen) Marathon mitzulaufen, im Regen, ohne Ausrüstung, ohne dass er erklären würde, warum ihm dieser Lauf so wichtig war, wo ihm doch nur ein paar Tage blieben, um dem eigentlichen Ansinnen nachzugehen: nach den Spuren von Kriegstraumata zu suchen.

Symptomatisch wird es, als sich abzeichnet, dass es Merkel um die Überschreitung einer eigenen Grenze geht, die er zur Vergangenheit seines Vaters gezogen hat. Der hatte eine schwere Verletzung aus dem Zweiten Weltkrieg davongetragen, ohne dass der Sohn je Interesse für die Geschichte des Vaters gezeigt hätte. Während er durch die Kriegsgebiete reist, werden die Bombenkrater in der Landschaft zum vernarbten Rücken seines Vaters, den er als Kind betrachtete. Die Reisen, die Merkel jetzt unternimmt, sind Stellvertreterreisen, ein Wiedergutmachen der Schuld, den Vater nie gefragt zu haben.

"Die anderen", von deren Unglück Merkel erzählt, sind deshalb beide: die Bewohner der Krisenregionen, aber auch die Helfer aus der Fremde. Man liest Merkels Buch deshalb mit Empathie und nachdenklichem Interesse. Gleichwohl gibt es immer wieder Passagen, die von einer Art erzählerischem Autismus bestimmt sind, der die Lektüre mühsam macht. Ein bisschen weniger "Ich" wäre womöglich nicht das gewesen, worum es Merkel in seinen Reportagen ging. Dem ästhetischen und auch dem erkenntnisstiftenden Potential des Buches wäre es zuträglich gewesen.

Dass Merkel den richtigen Stoff dafür gefunden hat, zeigt die Episode über ein Ehepaar, das in Liberia seinen Traum verwirklicht hatte: Der Schweizer Wissenschaftler und die einheimische Farmertochter haben einen Zoo nicht nur aufgebaut, sondern pflegten ihn mit aller Leidenschaft. Nun aber stehen die Käfige leer, alle Tiere wurden von Soldaten erschossen. Die auch nach Jahren anhaltende Trauer, die noch immer anhaltende Fassungslosigkeit dieser beiden alten Menschen und verlorenen Seelen angesichts der leeren Gehege erzählt gerade deshalb so viel, weil dabei das Hinschauen einfacher ist als bei den menschlichen Leichen, die der Krieg hinterlassen hat.

WIEBKE POROMBKA

Rainer Merkel: "Das Unglück der anderen". Kosovo, Liberia, Afghanistan.

Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2012. 478 S., geb., 22,99 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Ein Mann auf der Suche nach den Traumata des Krieges - im Kosovo, in Liberia und Afghanistan. Wiebke Porombka lässt sich auf Rainer Merkels Reportagen ein und stellt fest: Die Subjektivität in den Texten ist irritierend. Auch ahnt Porombka, dass der Autor sich dieser Subjektivität nicht bewusst ist. So liest sie von gescheiterten Interviews und Merkels Vater-Beziehung. Dass ihre Empathie und ihr Interesse dennoch nicht versiegen, liegt am Stoff. Laut Rezensentin ein Haufen erkenntnisstiftendes Potenzial, das zu aktivieren dem Autor auch mitunter gelingt.

© Perlentaucher Medien GmbH