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Maxim Biller hat den jüdischsten, amerikanischsten, komischsten Roman der deutschen Gegenwart geschrieben Dies ist die verrückte Geschichte von Soli und Noah, beste Freunde und fast Brüder seit ihrer Bar-Mizwa in der Hamburger Synagoge im Jahr 1976, verbunden durch ihre Herkunft, ihren Humor und ihre bizarren sexuellen Fantasien - und gemeinsam verstrickt in eine groteske Erpressungs- und Entführungsstory globalen Ausmaßes. Soli Karubiner, Schriftsteller und Erzähler dieses epochalen Romans, muss Deutschland verlassen, nachdem er in einer Sauna einen Skandal verursacht hat und ein deutscher…mehr

Produktbeschreibung
Maxim Biller hat den jüdischsten, amerikanischsten, komischsten Roman der deutschen Gegenwart geschrieben
Dies ist die verrückte Geschichte von Soli und Noah, beste Freunde und fast Brüder seit ihrer Bar-Mizwa in der Hamburger Synagoge im Jahr 1976, verbunden durch ihre Herkunft, ihren Humor und ihre bizarren sexuellen Fantasien - und gemeinsam verstrickt in eine groteske Erpressungs- und Entführungsstory globalen Ausmaßes.
Soli Karubiner, Schriftsteller und Erzähler dieses epochalen Romans, muss Deutschland verlassen, nachdem er in einer Sauna einen Skandal verursacht hat und ein deutscher Jungschriftsteller droht, das dabei aufgezeichnete Video online zu stellen. Aus Prag verfolgt Soli, wie Millionärssohn Noah Forlani, Gründer der NGO Goodlife und wild entschlossen, sein Erbe durchzubringen, den Hollywoodstar Gerry "El Dick" Harper dazu bringt, in seinem neuesten Kunstvideo mitzuwirken - in dem Noah selbst Joseph Goebbels spielt, natürlich nackt. Während es bei den Dreharbeitenim Sudan zu einer Entführung kommt, muss Soli sich mit seiner hysterischen, besitzergreifenden jüdischen Familie herumschlagen - und sieht den Ausweg aus diesem ödipalen Superdrama nur in der Flucht nach Tel Aviv. Von dort reist er mit Noah weiter nach Buczacz, dem Herkunftsort ihrer Familien, und kommt dem Geheimnis seines undurchschaubaren Vaters, eines Ex-Kommunisten, Geschäftsmanns und Doppelagenten, auf die Spur.
Einmalig: Etwas wie diesen Entwicklungs-, Liebes-, Künstler-, Familien-, Wende-, Spannungs-, Heimat- und Holocaustroman hat es in der deutschen Literatur noch nicht gegeben. Schnell, episch, dialogisch und bei aller Ernsthaftigkeit sehr komisch!
  • Produktdetails
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Seitenzahl: 892
  • Erscheinungstermin: April 2016
  • Deutsch
  • Abmessung: 222mm x 154mm x 56mm
  • Gewicht: 1043g
  • ISBN-13: 9783462048988
  • ISBN-10: 3462048988
  • Artikelnr.: 44110523
Autorenporträt
Maxim Biller, geboren 1960 in Prag, lebt seit 1970 in Deutschland. Von ihm sind bisher u.a. erschienen: der Roman »Die Tochter«, die Erzählbände »Wenn ich einmal reich und tot bin«, »Land der Väter und Verräter« und »Bernsteintage«. Sein Roman »Esra«, den die FAS als »kompromisslos modernes, in der Zeitgenossenschaft seiner Sprache radikales Buch« lobte, wurde gerichtlich verboten und ist deshalb zurzeit nicht lieferbar. Sein Short-Story-Band »Liebe heute« wurde unter dem Titel »Love Today« in den USA veröffentlicht, seine Bücher wurden insgesamt in sechzehn Sprachen übersetzt. Zuletzt erschienen sein Memoir »Der gebrauchte Jude« (2009), die Novelle »Im Kopf von Bruno Schulz« (2013) sowie der Roman »Biografie« (2016), den die SZ sein »Opus Magnum« nannte, und über den es im Deutschlandfunk hieß: »Unglaublich glänzend erzählt, mit knallharten Dialogen und aberwitzigen Pointen ... Eine neobarocke Wunderkammer.«
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 31.03.2016

Blondinen benachteiligt

Zwei Jahre im Leben von zwei jüdischen Freunden - und das ganze Leben ihrer Familien gleich mit: Maxim Billers Romanfarce "Biografie" witzelt und kitzelt die Tragödie dahinter heraus. Doch dem Riesenbuch fehlt etwas Entscheidendes.

Irgendwann hockt Solomon Karubiner auf einem jüdischen Friedhof und denkt: "Bitte, bitte, lieber Gott, den es hoffentlich gibt, ich will gleich wieder die Augen aufmachen, es soll der 15. Dezember 2005 sein, ich bin zu Hause in Berlin und nichts ist passiert." Aber ob es nun Gott nicht gibt oder der sich einfach nicht erweichen lässt von diesem wehleidigen Bürschchen, das ihn da aus dem Heiligen Land anjammert: Es bleibt knapp zwei Jahre später, und einiges ist passiert. Wir sind ja auch schon auf Seite 795 eines insgesamt knapp neunhundertseitigen Romans, dessen eine Hauptfigur Karubiner ist, der auf den 794 Seiten zuvor einen Menschen hat umbringen wollen, zweimal beim Onanieren in der Öffentlichkeit fotografiert und dafür einmal angezeigt wurde, deshalb von Berlin nach Tel Aviv geflohen ist, seinen besten Freund Noah Forlani (die zweite Hauptfigur) im Sudan von Islamisten entführt glaubt, und generell mehr Probleme mit Vater, Mutter und älterer Schwester - schweigen wir von seinen Geliebten! - hat, als es auch eine weniger aufregende Zweijahresspanne verkraften dürfte. Man könnte mit dem Ton, der in diesem Roman vorherrscht, sagen: Solomon Karubiner ist im Arsch.

Wobei der Autor dieses Romans, Maxim Biller, dafür im Zweifel ein jiddisches Wort gefunden hätte: Tuches etwa. Oder eines der anderen, die das menschliche Hinterteil bezeichnen, dem in diesem Buch sehr viel sexuell bedingte Aufmerksamkeit geschenkt wird. Wir lernen auch zahlreiche Bezeichnungen für männliche und weibliche Geschlechtsteile kennen, denen in diesem Buch sehr viel . . ., na, Sie ahnen es schon. Aber wenn Sie nun denken, darauf könnte man den knapp neunhundertseitigen Roman reduzieren, dann liegen Sie falsch.

So falsch, wie Maxim Biller liegt, wenn er glaubt, er als Schriftsteller hätte die Kraftmeierpose nötig, mit der er seine Figuren zu armen Würstchen macht. Auf halber Strecke zu Seite 795 findet man Solomon Karubiners sehr kluge Bemerkung: "Wer so viele Worte macht, hat nie die ganze Wahrheit auf seiner Seite, und manchmal auch nicht die halbe." Nun geht es selbst in einem knapp neunhundertseitigen Roman mit dem bemerkenswerten Titel "Biografie" nicht um Wahrheit, aber die ist der klassischen Bestimmung des Kunstschaffens eben doch miteingeschrieben, und also erwarten wir neben dem Schönen und Guten auch das Wahre: als Wahrhaftiges, und das muss nun wiederum jeder Roman, selbst der dünnste, ja dümmste, sich als Anspruch vorhalten lassen. Wie steht es also mit der Wahrhaftigkeit dieser durch den Romantitel als Lebensbeschreibung ausgewiesenen Handlung?

Maxim Biller ist als Schriftsteller bislang leider mehr durch Skandale ins Gerede gekommen als durch seine Bücher; notorisch ist der Rechtsstreit um seinen 2003 erschienenen Roman "Esra", in dessen offenherzigen Schilderungen sich eine frühere Partnerin und deren Mutter wiedererkannten, weshalb sie vor Gericht ein Verbot des Buchs erstritten. Viel verlorengegangen ist der Literaturgeschichte damit nicht, fortan war sie zumindest um eine Fußnote zur juristisch unzulässigen Vermischung von Realität und Fiktion reicher.

Biller hat für "Biografie", an dem er mehrere Jahre geschrieben hat, die Lehre aus dem "Esra"-Skandal gezogen und sein Personal nur vage an lebende Personen angelehnt. Einzig der amerikanische Schauspieler Jeff Goldblum hat einen unvorteilhaften Klarnamenauftritt als Figur, und er dürfte die Größe haben, diesem Spötteln nicht mit einer Klage zu begegnen. Ansonsten hat Biller die Vorgaben der Urteilsbegründungen in seinem Fall (der bis zum Bundesverfassungsgericht ging) diesmal geradezu buchstäblich befolgt und genügend Verwirrung bei den biographischen Fakten seines Romanensembles gestiftet, damit man zwar den Kitzel der Identifizierung von wirklichen Menschen verspürt, aber doch niemals eine Eins-zu-eins-Identifikation vornehmen kann. Nur ein Beispiel dazu, das auch keine Klage erwarten lässt: Der Ich-Erzähler Karubiner ist wie Biller selbst als Kind russisch-jüdischer Eltern in Prag geboren und im Jahr 1970 mit seiner Familie nach Hamburg gezogen, hat eine als Schriftstellerin aktive Mutter, lebt in Berlin und ist als deutscher Autor vor allem durch Provokationen aufgefallen. Aber Solomon Karubiner ist drei Jahre jünger als sein Autor, und er stellt einmal im Buch fest: "Naturschilderungen sind absolut nicht mein Fall." Da tritt Biller den Gegenbeweis an, und zwar schon fünf Zeilen nach dem Zitat: "Die Wolken aus Silberpapier waren schon lange verschwunden; was eben noch wie die Einstellung aus einem alten tschechischen Zeichentrickfilm aussah, war zur Kulisse aus War of the Worlds geworden. Dort oben hing jetzt eine beschissene schwere, dunkle, undichte, riesige Eisenplatte, die Claus und mir gleich auf den Kopf fallen und uns zusammen mit unserem kleinen roten Tretboot zerquetschen würde." Q.e.d.

Diese Passage ist typisch für Billers Stil im Roman, nicht nur was die sehr häufigen Bezugnahmen auf Filme angeht, sondern auch im Erschaffen von Beschreibungsgenauigkeit durch Sprachflapsigkeit. Die natürlich nicht verwechselt werden darf mit Billers eigener Stimme, denn es ist ja Solomon Karubiner, der hier spricht. Wobei sich der Fokus des Romans auch immer mal wieder auf Noah Forlani verschiebt, über dessen Lebensumstände in den zwei Jahren der eigentlichen Handlung Karubiner kaum etwas weiß, weshalb die Forlani-Kapitel einen auktorialen Erzähler aufbieten, der aber trotzdem nicht anders klingt als das sonstige Ich. Da hat Biller eine große Chance vertan, die Vielschichtigkeit seines Handlungsgerüsts auch durch Registerwechsel der Sprache kenntlich zu machen. Und damit wahrhaftig.

Denn was wir mit "Biografie" bekommen, ist eine große Farce, ein großes Erzählkunststück, leider ohne größeres Stilempfinden, denn was die Billersche Prosa glänzen lässt, sind Anleihen bei Thomas Pynchon (vor allem aus "Die Enden der Parabel, gerade in sexualibus). Und bei Heimito von Doderers späten "Merowingern", zur Idee einer durchgedrehten "totalen Familie" - die bei Biller eine totalitäre ist. Nur dass Biller den Karubiners (und auch den Forlanis, von denen aber zum Handlungszeitpunkt nur noch Noah lebt) eine Vergangenheit verschafft, an die sich Pynchon, oder auch Philip Roth, um ein weiteres unverkennbares Vorbild zu nennen - von Doderer können wir hier schweigen -, dann doch nie derart dezidiert gewagt haben: Sie sind Überlebende der Schoa, im Falle der beiden Freunde "in zweiter Generation", also als Kinder von Überlebenden.

Nichts legitimer, nichts aber auch frivoler, als die vielfältigen Störungen und Verstörungen der Romanfiguren Solomon Karubiner und Noah Forlani auf diese Erfahrung ihrer Eltern zu beziehen (und im Falle der Karubiners kommt noch ein Doppelspiel im sozialistischen Prag mit hinzu). Biller findet dabei seine stärksten Momente - solche großer Ernsthaftigkeit und Verbundenheit zwischen den beiden Schicksalsgenossen - und auch seine schwächsten, in Ausführungen wie denen anlässlich Karubiners Faszination für eine deutsche Blondine, die ihn räsonieren lässt: "Die Zeichen mehren sich! Ich muss weg aus D., nach Israel, Noah hatte recht, ich muss zu meinen Leuten und zur despotischen Ortile" - selbstverständlich eine Brünette -, "sonst mache ich Diaspora-Schmeggege eines Nachts mit einer von diesen Eva-Braun-Enkelinnen aus dem Borchardt oder Grill Royal oder Elstar Club ein riesiges, blondes, passiv-aggressives Kind, das tausend Minderwertigkeitskomplexe haben wird und ein angeborenes Arschgeweih."

Es ist kein Zufall, dass solche Passagen im typischen Ton von Billers Kolumnen für die "Zeit" oder die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" sich besonders dicht in der ersten Hälfte des Buchs finden. Die zweite wird dann ruhiger, ohne dabei weniger abgedreht zu sein - ob die ständige Verwendung von iPhones und iPads zu einem Handlungszeitpunkt, als es beide noch nicht gab, eine Reminiszenz an Martin Mosebachs "Blutbuchenfest" sein soll? Ruhiger vor allem, weil Billers Erzählen nun in die Vergangenheit ausgreift: mit dem Zielpunkt Buczacz, einer galizischen Kleinstadt, aus der die Karubiners wie die Forlanis stammen - und außer ihnen auch der erste jiddische Literaturnobelpreisträger, Samuel J. Agnon (im Buch erwähnt), und der Nazi-Jäger Simon Wiesenthal (im Buch nicht erwähnt). In beider Reaktion auf den Untergang des osteuropäischen Judentums finden sich Muster, die Billers Blick auf die Welt bestimmen, einmal literarischer, einmal politischer Art.

Und so ist denn "Biografie" wie gesagt vor allem große Farce, aber eine, die im Sinne der Geschichtstheorie von Karl Marx die Tragödie voraussetzt. Insofern ist Billers Roman in keinem anderen Kulturkreis als dem deutsch-jüdischen denkbar, und als Ausdruck des Willens, sich von der Last der Geschichte nicht die Lust am Fabulieren nehmen zu lassen, kann man ihn paradigmatisch nennen. Jedoch ist der Anlauf, den das Buch über Hunderte von Seiten nimmt, zu lang, als dass am Schluss, wenn die beiden Biographien in "Biografie" auf im besten Sinne pathetische Weise wieder zusammengeführt werden, noch Kraft genug da wäre für den literarischen Höhenflug, der Maxim Biller selbst vorgeschwebt haben dürfte.

ANDREAS PLATTHAUS

Maxim Biller: "Biografie". Roman.

Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016. 896 S., geb., 29,99 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Rainer Moritz ist enttäuscht von Maxim Biller. Dass der Autor mit Witz erzählen, seitenlang über Potenzstörungen fabulieren kann und Stilvermögen besitzt, bezweifelt er nicht. Das Problem des Romans liegt laut Moritz jedoch darin, dass der Autor sich dessen offenbar weniger sicher ist und daher zu nervender Kraftmeierei neigt. Darüber, so Moritz, tanzen dem Autor leider die Erzählfäden davon. Mehr Struktur, weniger auftrumpfende Metapherngewitter und Pirouetten und das mittels Rückblenden ein ganzes Jahrhundert, das Judentum, den Holocaust, den Stalinismus und allerhand mehr durchmessende Buch, das vordergründig von einem jüdischen Schriftsteller, seinem besten Freund, einem millionenschweren Mäzen, und beider Familien handelt, hätte Moritz durchaus gut gefallen.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 30.03.2016

Kraftakt gelungen,
Roman tot
Maxim Biller will das Leben selbst zu Wort kommen
lassen – das Ergebnis sind 900 Seiten „Biografie“
VON LOTHAR MÜLLER
Manchmal geben ältere Autoren jüngeren Autoren gute Ratschläge. Der Schriftsteller Maxim Biller hat das kürzlich in der „Landpartie“ getan, der jährlich erscheinenden Anthologie des „Instituts für literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft“ in Hildesheim. Nummer 2 seiner „33 Gründe, warum Sie Schriftsteller werden und auch bleiben sollten“, lautet: „Sie schreiben nur über das, was Sie selbst erlebt, gesehen und erfahren haben.“ Nummer 12: „Sie schreiben offen über Ihre eigenen Gefühle, Erfahrungen und Handlungen, von denen nicht einmal Ihr bester Freund etwas weiß.“ Nummer 21: „Ihr Stil ist klar, aber Ihre Gefühle und Gedanken sind düster. Und trotzdem und gerade deshalb haben Sie Humor.“
  Gerade ist der Roman „Biografie“ von Maxim Biller erschienen. Er hat knapp 900 Seiten und ist ein großer Kraftakt: den einmal angeschlagenen Ton bis zum Ende durchzuhalten. Der Kraftakt gelingt, und deshalb scheitert der Roman. Seine Handlung zusammenzufassen, wäre unsinnig. Denn die Figuren und Ereignisse sind nur dazu da, den Stil zur Geltung zu bringen, in dem das Ganze geschrieben ist.
  Er klingt, wenige Sekunden nach dem Start, so: „Während ich, der alles wissende, nichts verstehende Solomon Karubiner, in Prag auf einem Balkon des Hotels U Dvou koček stand, auf dieses blasse frühkapitalistische Silvesterfeuerwerk über dem Hradschin guckte und überlegte, was der Unterschied zwischen Neoliberalismus und Kommunismus war – kommt darauf an, wer fragt –, rutschte Noah in Berlin fast aus bei dem Versuch, sich Gerry Harper zu nähern, in Brentwood und Umgebung wegen seiner sexuellen Möglichkeiten auch ,El Dick‘ genannt. Gerry war mit Tal ,The Selfhater‘ Shmelnyk da, dem manischen, rotgesichtigen, matzebrotdünnen Israeli, der für Noah das zweite Goebbels-Video drehen sollte, was er aber noch nicht wusste. Noah wollte Gerry ein gutes neues Jahr wünschen. Er wollte ihn auch fragen, ob sie sich nicht mal in L. A. sehen könnten – entre nous –, er habe dort wegen der Beteiligung an einem Fairtrade-Kosher-Nacho-Inn bald zu tun. Und er wollte ihm sagen, aber erst später, er könne nur in der Gegenwart besonders berühmter, bedrückter Leute seine eigenen Geld- und Post-Holocaust-Depressionen vergessen. Vor allem, wenn diese Leute wie Gerry ,El Dick‘ Harper im letzten Bryan-Singer-Film den neuen Obernazi Tom Cruise an die Wand gespielt hatten, an der dieser zum Schluss von den anderen Gojim in gehackte Leber verwandelt wird.“
  Klarer Stil? Sagen wir mal so: hohe Adjektiv-Dichte, noch höhere Dichte von Namen und Wörtern, die Jüdisches signalisieren, viele Figuren und Schauplätze auf engem Raum, hohes Tempo, und die – hier noch dezente – Neigung, Substantiv-Reihen mit Bindestrichen durchzukoppeln.
  Der Ich-Erzähler Solomon, genannt „Soli“ Karubiner teilt mit seinem Autor Maxim Biller die Herkunft aus einer russisch-jüdischen Familie, die aus Prag in die Bundesrepublik emigrierte, ist aber anders als sein 1960 geborener Autor Jahrgang 1963. Denn der Untertitel, Roman, hebt den Titel, Biografie, auf. Aber was ist die Idee hinter diesem Turbo-Pointen-Feuerwerk-Stil? Knappe Antwort: Sitcom.
  Zur Welt von Gerry Harper – Sie erinnern sich, „El Dick“ – gehört der Hollywood-Schauspieler George Costanza. Die Serie, aus der er entliehen ist, hieß „Seinfeld“, lief zwischen 1989 und 1998 und Solomon Karubiner mag sie sehr. Sein Freund heißt Noah Forlani, beide entstammen turbulenten Familien, in denen Sex eine große Rolle spielt, beide haben schriftstellerische Ambitionen, beide sind hingebungsvolle Onanisten. Und natürlich haben sie „Portnoys Beschwerden“ von Philip Roth gelesen. Aber ihr Schicksal ist, dass ihr Autor die ewigen Appelle, der Roman solle sich ein Beispiel an den amerikanischen Serien nehmen, etwas zu sehr zu Herzen genommen hat. Er will partout die Schlagzahl der Pointenproduktion erhöhen und klingt dann schon auch mal wie deutsche Comedy: „damals hielten alle Pilates noch für eine besonders großflächige Perforierung weiblicher Oberschenkel oder für einen römischen Provinzgouverneur in Palästina in der Zeit von Joschua ben Josef.“
  Nun ja. Diese Pilates-Pointen passen zu den eher schlichten Techniken der Herstellung eines eingängigen Slangs: zum allgegenwärtigen Präfix „pseudo“ („pseudosensibel“, „pseudozüchtig“, „pseudo-gelangweilt“) und der beliebten Koppelung von „nicht“ und „un“ („nicht unstreng“, „nicht unmeditativ“, „nicht unwitzig“).
  Der Stoff dieses Buches ist die Innenwelt der „Second Generation“ nach dem Holocaust: es gibt Väter, die die Großväter dem Tod überantwortet haben, Agenten im Dienst des Kommunismus, zwielichtige Kunst- und Immobilienhändler zuhauf, bizarre Sexpraktiken, getürkte Selbstmorde und Enthauptungsvideos; die Handlung springt hin und her zwischen Hamburg und Tel Aviv, Berlin und Buczacz in der Ukraine, Prag, New York, Los Angeles, und die Traumatisierungen entspringen nicht nur dem Holocaust, sondern auch den Einsätzen der Armee und dem alltäglichen Terror in Israel. Darüber schwebt die Hoffnung des Autors auf den großen Erlöser, den Witz (samt nicht ununfeministischem Herrenwitz), streng herrscht der Stil über den Stoff.
  Sinnbild dafür ist die Schlüsselrolle, die er das „Wichsvideo“ seines Helden Solomon Karubiner spielen lässt. Es ist in einer Sauna entstanden, als Solomon, eigentlich eifriger Nutzer der Website „Wefuckonlyjews“ (WFOJ) angesichts des voluminösen Hinterteils einer Deutschen Hand an seinen „Dudek“ legt. Aus der Sauna-Episode geht die Flucht Karubiners von Berlin nach Israel hervor, außerdem eine Erpresser-Nebenhandlung und der Versuch des Autors, einen obszönen Comic in Prosa nachzubauen, als Freund Noah auf das Video stößt: „Noah klappten, nachdem er sich konzentriert, aber einigermaßen unerregt beide Teile angeschaut hatte, wie einer Comicfigur die Augen aus dem schwitzenden, eiskalten Schädel. Lilly hatte also doch recht gehabt! Lilly Schechter, die rothaarige Tittenpferdkuh aus den verschmutzten und totally überbewerteten Boheme-Distrikten von Tel Aviv, mit der er vom Sudan aus und später von seiner entropischen Weltreise über die exklusive BDSM-Line von WFOJ ab und an cumhalber skypte, hatte ihm schon letztes Jahr von ihrer irren Netz-Affäre mit diesem deutsch-jüdischen Schreiberling erzählt, der beim Cybersex ein Kondom aufsetzte. ,Wieso das denn, Lilly?‘ Er meinte, er würde immer so viel und so weit spritzen, dass er seinen Mac vor seinen fruchtbaren, extrem ätzenden Premium-Spermien schützen müsste.‘ ,Hat er wirklich ,Premium-Spermien‘ gesagt? ,Ja. Gut, oder? Ich fand das auch originell. Ich hab’s gleich in mein Comedyprogramm eingebaut.‘“
  Das steht irgendwo kurz vor Seite 600. Da ist längst klar, dass keine der Figuren die Hauptrolle spielt, sondern der Stil, der schon nach 100 Seiten wie ein rasender Stillstand wirkt, in dem die Panik des Autors rotiert: Nur ja keine Unterbrechung, kein Innehalten, sonst stürze ich ab. Ich muss da durch, durch die Coolness der Vergleiche („Wenig später im Flugzeug nach Khartum zog es wie in Dora-Mittelbau“ etc.), das Gewühl von „Gefickten“ und „Ungefickten“, ich darf keine Pointe auslassen. „Zuviel vom selben“ – daraus geht das Völlegefühl hervor, das sich bald einstellt. Wenn aber die Erzählerstimme auf das Auswalzen der Pointen verzichtet, stellt sich plötzlich das angezielte „Catch 22“-Flimmern des bösen Witzes ein: bei der auf die entscheidenden Schrecksekunden fokussierten Figur des traumatisierten Elitesoldaten Tal, der zum Selbstmörder wird.
  Es gibt, zwischendurch, Sätze wie diesen: „Er verstand nicht, woher dieser sündhaft teure Spazierstock kam, mit dem er wütend gegen den Tisch schlug.“ Sie sind in der Minderheit. Zu dieser Minderheit gehören die Schlusssätze: „Später – es war schon fast zwölf und kein einziger Mensch war mehr auf den Straßen von Iwano-Frankiwsk – saßen Noah und ich noch lange auf der kalten Treppe der Podolischen Bezirksphilharmonie und warteten darauf, dass das Ukrainische Befreiungsorchester drinnen etwas Schönes, Trauriges für uns spielte, etwas, das so klang wie das Leben selbst. Aber wahrscheinlich schliefen die Musiker schon, denn man hörte von dort keinen Ton.“ Die Stimme, die hier zu Wort kommt, ist die des Erzählers Maxim Biller.
Er ist mit dem Journalisten, der mit der Kolumne „100 Zeilen Hass“ berühmt wurde, verwandt, hatte aber ein eigenes Projekt. Die Zeitschrift Tempo war für ihren lässig-coolen Ton berühmt. Der Erzähler Maxim Biller suchte nach einer deutschen Entsprechung für einen Ton, den es längst gab. Er hat in seinem schlanken, gut lesbaren Buch „Der gebrauchte Jude“ (2009) von den Lektüren berichtet, die darin eingingen: Saul Bellow, Joseph Heller, Philip Roth, Mordecai Richler. Das war die amerikanische Seite. Von ihr kamen die Stimmen der Juden in einem Einwanderungsland, das den Holocaust nur aus der Ferne kannte. Und es gab die europäische, vom Ghetto, vom Holocaust und Exil geprägte Seite: Bruno Schulz, der auf Polnisch, Samuel Joseph Agnon, der in Israel auf Hebräisch schrieb, halb vergessene Erzähler wie David Vogel aus Podolien, der 1944 in Auschwitz ermordet wurde und dessen aus dem Nachlass herausgegebenen Roman „Eine Wiener Romanze“ Biller für sich entdeckte. Zu seinen literarischen Anfängen gehörte der Satz, „dass Prosa im Präsens unlesbar ist“. Das war ein Bekenntnis zum alten Bündnis des Erzählens mit dem Imperfekt. Heraus kamen nicht nur viele Short Stories, die zu ihren amerikanischen Vorbildern hinübergrüßten, es entstand auch ein Erzählband wie „Bernsteintage“ (2004), lesenswerte Geschichten mit sehr einfachen Anfangssätzen: „Vor der Abreise nach Luzienbad sah David ein letztes Mal in seinen Rucksack.“ „Draußen fuhr wieder ein Zug vorbei.“ „Manchmal sah Emi wie David aus, obwohl sie ein Mädchen war.“
  Der Erzähler, als den sich Maxim Biller ursprünglich entwarf, schrieb „Ein ganz normales Leben“ über eine seiner Geschichten, er folgte, ästhetisch gesehen, einem konservativen Programm. „Retro-Design“ könnte es in seinem neuen Buch heißen, aus dem der Erzähler nahezu verschwunden ist: das Opus magnum „Biografie“ entsteht aus der Häufung von Episoden, Sketchen, Sitcom-Pointen, jiddischen Brocken und Begriffen der jüdischen Alltagssprache, das Ganze könnte auch 400 Seiten kürzer oder 200 Seiten länger sein, einen erzählerischen Zusammenhang entfaltet es nicht. Aber der große Erzähler Samuel Joseph Agnon taucht in den Lektüren der Freunde Solomon und Noah auf, seinen Herkunftsort, die galizische Kleinstadt Buczacz, hat Biller zum Ursprungsort der Familien seiner Protagonisten gemacht, und zum Fluchtpunkt seines Romans. Das ist eine Reverenz an den Ton und Erzähltypus „einfacher Geschichten“, in dem es Biller schon weit gebracht hatte, der aber hier fast ganz verschwunden ist, um dem neuen bösen, demonstrativ unkorrekten, Holocaust und Hoden verkuppelnden Star Platz zu machen.
  „Es gibt in der Kunst ein unumstößliches Gesetz. Was einer recht auffällig ins Schaufenster legt, das führt er gar nicht“, hat Kurt Tucholsky einmal geschrieben und als Beispiel die Männlichkeit bei Brecht genannt. Maxim Biller wird nicht müde, die Literatur zur propagieren, in der das Leben selbst zu Wort kommt, das selber Gesehene und Erfahrene. Und den Literaturstudenten in Hildesheim hat er verordnet: „Kafka, nicht Thomas Mann!“ „Saul Bellow, nicht David Foster Wallace!“ In diesem Roman, einer monströsen, über weite Strecken hochtourig leerlaufenden Stilübung, ist von Saul Bellow oder Kafka wenig zu spüren. Das Sitcom-Format hat das Leben so fest im Griff, dass es kaum noch Luft bekommt.
Maxim Biller: Biografie. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016. 896 Seiten, 29,99 Euro. E-Book 24,99 Euro.
Hohe Adjektiv-Dichte, viele
Figuren und Schauplätze
auf engem Raum, hohes Tempo
Stoff des Buches ist die Innenwelt
der „Second Generation“
nach dem Holocaust
Das Ganze könnte auch
400 Seiten kürzer oder
200 Seiten länger sein
Nur ja keine Unterbrechung, kein Innehalten, sonst stürze ich ab: Maxim Billers Opus magnum „Biografie“ entsteht aus der Häufung von Episoden, Sketchen, Sitcom-Pointen.
Foto: Regina Schmeken
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"Maxim Biller hat also einen neuen Roman geschrieben, er ist schnell, er ist synkopisch, er klingt wie Musik in jeder Zeile, er ist traurig, er ist lustig, er erzählt vom Leben, wie es sich andere nie träumen ließen, nie wünschen würden, er kennt den Schmerz, er kennt die Sehnsucht, er kennt den Verrat und die Freundschaft, und vielleicht kennt er sogar die Liebe [...]." Spiegel Online