Der Eiffelturm - Barthes, Roland
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Unter den zahlreichen, zu Klassikern gewordenen Essays von Roland Barthes zählt der 1964 entstandene "Der Eiffelturm" zu den bekanntesten und folgenreichsten. In ihm wendet der Strukturalist sein Instrumentarium auf das weltweit bekannte Wahrzeichen von Paris, von ganz Frankreich, an - und gelangt zu überraschenden, immer noch beindruckenden Resultaten. Der Eiffelturm ist ein Mythos des Alltags, zugleich Symbol für technische Neuerungen wie unumgängliches Touristenziel, Wahrzeichen der aufkommenden Globalisierung, in jedem Buch, in jedem Film, im Fernsehen unausweichlich, auf Facebook und…mehr

Produktbeschreibung
Unter den zahlreichen, zu Klassikern gewordenen Essays von Roland Barthes zählt der 1964 entstandene "Der Eiffelturm" zu den bekanntesten und folgenreichsten. In ihm wendet der Strukturalist sein Instrumentarium auf das weltweit bekannte Wahrzeichen von Paris, von ganz Frankreich, an - und gelangt zu überraschenden, immer noch beindruckenden Resultaten. Der Eiffelturm ist ein Mythos des Alltags, zugleich Symbol für technische Neuerungen wie unumgängliches Touristenziel, Wahrzeichen der aufkommenden Globalisierung, in jedem Buch, in jedem Film, im Fernsehen unausweichlich, auf Facebook und Twitter von jedermann identifizierbar - kurz, ein Zeichen für alles und jedes. Roland Barthes gilt der Eiffelturm als nahezu unersetzliches Objekt: "Durch den Eiffelturm hindurch üben die Menschen jene große Funktion des Imaginären aus, die ihre Freiheit ist, da keine Geschichte, so dunkel sie auch war, sie ihnen jemals hat nehmen können."
  • Produktdetails
  • suhrkamp taschenbuch 46632
  • Verlag: Suhrkamp
  • 3. Aufl.
  • Seitenzahl: 80
  • Erscheinungstermin: 24. Oktober 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 177mm x 108mm x 12mm
  • Gewicht: 87g
  • ISBN-13: 9783518466322
  • ISBN-10: 3518466321
  • Artikelnr.: 42778675
Autorenporträt
Barthes, Roland
Roland Barthes wurde am 12. November 1915 in Cherbourg geboren und starb am 26. März 1980 in Paris an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Er studierte klassische Literatur an der Sorbonne und war danach als Lehrer, Bibliothekar und Lektor in Ungarn, Rumänien und Ägypten tätig. Ab 1960 unterrichtete er an der École Pratique des Hautes Études in Paris. 1976 wurde er auf Vorschlag Michel Foucaults ans Collège de France auf den eigens geschaffenen Lehrstuhl »für literarische Zeichensysteme« berufen. In Essais critiques beschäftigt sich Barthes mit dem avantgardistischen Theater. Prägend für ihn waren unter anderem Brecht, Gide, Marx, de Saussure sowie Jacques Lacan. Zudem war Barthes ein musikbegeisterter Mensch, vor allem als Pianist und Komponist.

Scheffel, Helmut
Helmut Scheffel, geboren 1925 in Gera und verstorben 2010 in Frankfurt am Main, studierte Philosophie, Soziologie, Romanistik in Frankfurt und Paris. Seit 1957 war er als freiberuflicher Übersetzer und Publizist und später auch als Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung tätig.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Roland Barthes ist vor allem beliebt, weil er den Geisteswissenschaften und dem Feuilletonismus neue Gegenstände erschloss - vom 2CV bis zum Beefsteak. Für die strukturalistische Arbeit dahinter interessiert man sich aber nicht, merkt Jürgen Kaube in seiner kleinen Kritik dieses Büchleins an. Der Essay über den Eiffelturm macht ihm zugleich Schönheit und Problematik von Barthes' Methode klar - Schönheit, weil er den Eiffelturm präzise als "'Schauspiel einer Funktion' ohne eine zu haben" definiere, problematisch, weil der Strukturalismus, wenn er sich nicht diszipliniert, zur Lizenz für überschießende Projektionen werden könne, in denen am Ende alles alles bedeuten kann.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 12.11.2015

Was denkt der Liebende von der Liebe?

Heute vor hundert Jahren wurde Roland Barthes geboren. Er war Philosoph, professioneller Stadtbewohner, ein großer Briefschreiber und passionierter Leser. Neue Bücher zeigen einen der vielseitigsten und aufmerksamsten Intellektuellen unserer Zeit.

Der Strukturalismus fand im deutschen Sprachraum nicht viele Freunde und unter den wenigen kaum aktive. An Roland Barthes, einem seiner gedankenreichsten Exponenten, zeigt sich das. Sein Werk hat Bewunderer - wie den Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil, der sich in einem verspielten Buch touristisch und genießerisch auf die Spurensuche in der Heimat von Barthes begeben hat -, aber kaum Nachfolger. Wirkung entfaltete der 1980 verstorbene Literaturwissenschaftler und Linguist über seinen Stil und seine Gegenstände. Dass er über das Beefsteak und den Striptease, die Fotografie, die Mode und die japanische Kultur als Zeichensysteme Essays von geheimnisvoller Klarheit schrieb, wurde vor allem als hocherfreuliche Gebietserweiterung der Geisteswissenschaften wahrgenommen.

Wer ihren älteren Aufgaben, zum Textverständnis beizutragen oder empirisches Wissen über Literatur zu gewinnen, sich entfremdet hatte, aber nicht zur Soziologie oder Ethnologie wechseln wollte, fand in Barthes einen Klassiker. Seitdem Barthes Ende der fünfziger Jahre damit begonnen hatte, Begriffe der Sprachwissenschaft unter dem Titel "Semiologie" zur Analyse kultureller Objekte einzusetzen, ist eine ganze Deutungsindustrie des Alltäglichen entstanden.

Was dabei oft auf der Strecke blieb, waren die ungemein skrupulösen Methoden und Begriffsbildungen von Barthes. Tausendfach wurden seine Zeitungsessays über das Catchen oder den 2CV zitiert und nachgeahmt. Doch fast niemand diskutierte den zweiten Teil der "Mythen des Alltags", der die theoretischen Prämissen solcher Deutungen vorstellte. Was an Barthes überzeugte, war die intellektuelle Geste, nicht die strukturalistische Arbeit.

Sein Essay über den Eiffelturm zeigt beide Seiten. Er ist blicköffnend und zugleich eine Übertreibung. Barthes' Deutung des Eiffelturms beginnt damit, dass man dieses Denkmal der Weltausstellung von 1889 in Paris nicht nicht sehen kann - ein Aussichtsturm, der niemandem auf der Welt unbekannt ist und der von fast jeder Stelle in Paris gesehen wird.

Um die begrifflichen Manöver zu verstehen, die Barthes liebte, muss man der Verwandlung dieses Befundes folgen. Der allgegenwärtige Eiffelturm wird zum "Objekt, das sieht", zum "Blick, der gesehen wird". Es folgt die Behauptung, das sei einzigartig, weil andere Objekte, die Dinge sehen, sich gerade nicht dem Blick darböten. Inwiefern das für Augen gilt, wie Barthes behauptet, könnte trotz der Behauptung, sie seien "mythisch betrachtet" mit dem Verborgenen und dem Voyeurismus verbunden, diskutiert werden. Nüchterner ist jedenfalls die Feststellung, dass der Eiffelturm zum Symbol von Paris werden konnte, weil er ein reines "fast leeres" Zeichen ist, das keine Bedeutung hat und darum unablässig mit Bedeutung angefüllt wird. "In ihm gibt es nichts zu sehen", er ist auch nicht schön, sondern das "Schauspiel einer Funktion", ohne eine zu haben; gegen den Vorwurf, er sei nutzlos, hatte sich schon sein Konstrukteur mühsam mit dem Hinweis verteidigt, man könne dort alle Arten wissenschaftlicher Messungen veranstalten. Anderen repräsentiert er die Moderne als solche.

Für Barthes macht der Eiffelturm die Stadt zu einer Landschaft. Man könnte auch sagen: man sieht von ihm aus die Gleichzeitigkeit. Jeder, so Barthes, der von ihm herabblickt, betreibt Strukturalismus, indem er die Stadt als Geflecht funktioneller Punkte wahrnimmt und als Gebilde, das entziffert werden muss. Wo ist der Arc de Triomphe? Wo das Marais? Welche Straße führt wohin? Im Blick vom dezentralen Eiffelturm herab kämpfen Wissen und Wahrnehmung miteinander, ganz wie in der strukturalistischen Tätigkeit der Mustererkennung und -deutung.

So weit, so aufschließend - eine hinreißende Skizze, in der vielleicht nur der Tourismus fehlt. Dann aber häuft Barthes selbst Deutung auf Deutung, ist ihm der Eiffelturm Symbol des Aufstiegs, der "Höhe an sich", der Leichtigkeit, Pflanze, Insekt, menschliche Silhouette ohne Kopf, Frau, die über Paris wacht. Hier wird der Strukturalismus von einer Forschungsmethode zur Lizenz für Projektionen, von denen unklar bleibt, wie sich ihre Triftigkeit überprüfen ließe.

Ganz anders verhält es sich mit "Fragmente einer Sprache der Liebe", das zum hundertsten Geburtstag jetzt in einer um die von Barthes verworfenen Anteile erweiterten Ausgabe vorliegt. Zu Recht war das Buch in Frankreich einer von Barthes' größten Erfolgen. Denn hier wendet sich der Autor Fragen zu, die es geradezu sachgemäß erscheinen lassen, dass die Grenze zwischen Philosophie, Literatur und Wissenschaft missachtet wird. Wie beschreiben glücklich und unglücklich Liebende sich selbst und einander? Wodurch wissen sie, was für ein Gefühl das ist? Welche Szenen - der Hingabe, Eifersucht, des Rückzugs oder der Erpressung - führen sie einander auf? Was meint, wer "Ich liebe dich" sagt. Ist das eine Aussage? "Warum ist dauern besser als brennen?" Was ist schlimmer als Eifersucht? (Barthes: der Rückzug der geliebten Person, ihr "Fading").

Erotische Liebe heißt für Barthes geradezu: ständig von der Unklarheit bewegt sein, was es ist, und sich darum ständig im Selbstgespräch zu befinden. Untersucht wird der entsprechende "Schwarm von Figuren, die sich in unvorhersehbarer Reihenfolge, nach Art der Zickzackflüge einer Fliege im Zimmer jagen". Den Impuls geben neben Alltagsszenen (der Geliebte ist unpünktlich) und Paradoxien - "der Andere ist mir schuldig, was ich brauche", "es ist mein Verlangen, das ich verlange, und das geliebte Wesen ist nicht mehr als sein Helfershelfer" - vor allem Literatur und Musik, darunter auffällig viel deutscher Herkunft. Goethes "Leiden des jungen Werthers" liefert unzählige Motive, aber auch Beethoven, Schubert und Heine werden aufgerufen.

Unter den von Barthes gestrichenen Einträgen in dieses Alphabet der Passion finden sich viele aufschlussreiche, etwa über die Neigung der Liebenden, Verletzungen, die sie erlitten haben, sich immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, oder der lakonische Befund: "Was denkt der Liebende von der Liebe? Kurz gesagt, nichts. Er möchte zwar wissen, was das ist, doch weil er darin befangen ist, nimmt er nur ihre Existenz, nicht ihre Essenz wahr." Hier also ist keine Übertreibung und auch keine Unüberprüfbarkeit fehl am Platz, weil der Gegenstand selbst einer voller Übertreibungen ist, der weder von innen noch von außen zureichend beschrieben werden kann. Die Liebe ist keine strukturalistische Tätigkeit, was weder gegen sie noch gegen den Strukturalismus spricht.

JÜRGEN KAUBE

Roland Barthes: "Fragmente einer Sprache der Liebe". Erweiterte Neuausgabe.

Aus dem Französischen von Hans-Horst Henschen und Horst Brühmann. Suhrkamp Verlag, Berlin 2015. 399 S., geb., 24,95 [Euro].

Roland Barthes:

"Der Eiffelturm".

Aus dem Französischen von Helmut Scheffel. Suhrkamp Verlag, Berlin 2015. 80 S., Abb., br., 9,- [Euro].

Hanns-Josef Ortheil: "Die Pariser Abende des Roland Barthes"/Roland Barthes: "Pariser Abende".

Aus dem Französischen von Hans-Horst Henschen. Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung, Mainz 2015. 159 S., Abb., geb., 18,- [Euro].

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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 12.11.2015

Spitzenforschung
Der berühmte Essay über
den Eiffelturm ist wieder da
Nahezu die einzige Stelle in Paris, von der aus man den Eiffelturm nicht sehen kann, ist der Eiffelturm. Wer ihm entgehen will, muss seine Nähe suchen, denn das markanteste Bauwerk der Stadt ist dort fast überall sichtbar, und es blickt auch selbst zurück – sogar durchs Fenster lugt es wie ein Voyeur in die Intimität der Wohnungen hinein. Mit diesem Paradox geht es gleich los in Roland Barthes’ berühmtem Essay „Der Eiffelturm“ aus dem Jahr 1964, der nun wieder auf Deutsch vorliegt – angereichert mit historischen Stichen aus der Bauphase des 1889 zur Weltausstellung eingeweihten Monuments. Einem „signature building“, wie es kein zweites gibt.
  Der Aufsatz über den Eiffelturm fällt heraus aus dem Werk des Literaturwissenschaftlers Barthes, der sich dezidiert nicht mit den Nationalikonen der französischen Kultur befasst hat, sondern mit den Mythen des Alltag, der Mode etwa und ihren ideologischen Einschreibungen. Dass er hier eine Ausnahme macht, hängt mit der symbolischen Alleinstellung des zur Verherrlichung der Französischen Revolution errichteten Eiffelturms zusammen. Denn für Barthes ist er ein „totales Denkmal“ und damit fast ein „leeres Zeichen“, ein Simulacrum, das Bedeutung anzieht „wie ein Blitzableiter“, aber über jede einzelne Bedeutung hinausweist. Vor allem seine Nutzlosigkeit erhebt den Eiffelturm für Barthes in den Rang eines Traum-Gebildes, an dem sich Sehnsüchte kristallisieren. Er repräsentiert den „Atopos“, den Nicht-Ort, um es mit einem Schlüsselbegriff seines Denkens zu sagen.
  Es war die paradoxale Verfasstheit, die Roland Barthes an diesem „Spitzengewebe aus Eisen“ faszinierte. Massiv und filigran, profan und sakral, funktional und dabei zweckfrei, ist der Eiffelturm Gebäude und doch nur dessen Gerüst, eine Brückenkonstruktion, aber in die Vertikale gekippt. Es sei „auf seine Quintessenz reduzierter, sublimierter Wind“, schreibt Barthes über das luftig durchbrochene Eisengeflecht. Mit seinem netzstrumpfartigen Gitterwerk ist dieses Skelett selbst reine Struktur und lässt zugleich die Stadt Paris als ebensolche lesbar werden. So wird der Eiffelturm zum geradezu magnetischen Studienobjekt der strukturalistischen Lehre und zu deren Stahl gewordenem Begriff. Jeder Besucher des Eiffelturms treibe Strukturalismus, „ohne es zu wissen“, so Roland Barthes. An den Streben und Plattformen des Eiffelturms als semiotischer Antenne schraubt sich sein Denken zur vollen Höhe empor. Der Gegenstand und sein Interpret – sie beide sind einsame Spitze.
MIDT
      
Roland Barthes: Der Eiffelturm. Aus dem Französischen von Helmut Scheffel. Suhrkamp Taschenbuch, Berlin 2015. 80 Seiten, 9 Euro.
Der Eiffelturm, 1920.
Foto: SZ Photo / Scherl
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