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Ingeborg Bachmann ist ein Mythos der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Die divenhaften Auftritte und die frühe Berühmtheit, die Beziehungen mit Paul Celan und Max Frisch und nicht zuletzt ihr rätselhafter, tragischer Tod sorgen für ein glamouröses Bild. Ina Hartwig schaut hinter die Fassade und entdeckt in zahlreichen Gesprächen mit Zeitzeugen wie Hans Magnus Enzensberger, Martin Walser oder Henry Kissinger eine andere Persönlichkeit: Ingeborg Bachmann als politisch denkende Intellektuelle und Medienprofi, als Dichterin, die trotz all ihrer Gefährdungen überrascht mit Witz und lebenspraktischer Klugheit.…mehr

Produktbeschreibung
Ingeborg Bachmann ist ein Mythos der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Die divenhaften Auftritte und die frühe Berühmtheit, die Beziehungen mit Paul Celan und Max Frisch und nicht zuletzt ihr rätselhafter, tragischer Tod sorgen für ein glamouröses Bild.
Ina Hartwig schaut hinter die Fassade und entdeckt in zahlreichen Gesprächen mit Zeitzeugen wie Hans Magnus Enzensberger, Martin Walser oder Henry Kissinger eine andere Persönlichkeit: Ingeborg Bachmann als politisch denkende Intellektuelle und Medienprofi, als Dichterin, die trotz all ihrer Gefährdungen überrascht mit Witz und lebenspraktischer Klugheit.
  • Produktdetails
  • Verlag: S. Fischer
  • 3. Aufl.
  • Seitenzahl: 320
  • Erscheinungstermin: 21. November 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm x 135mm x 26mm
  • Gewicht: 400g
  • ISBN-13: 9783100023032
  • ISBN-10: 310002303X
  • Artikelnr.: 48105726
Autorenporträt
Ina Hartwig studierte Romanistik und Germanistik in Avignon und Berlin. Neben Lehrtätigkeiten an der FU Berlin, in St. Louis und Göttingen war sie viele Jahre lang verantwortliche Literaturredakteurin bei der 'Frankfurter Rundschau' und arbeitete ab 2010 als freie Kritikerin, Autorin und Jurorin. 2011 wurde sie mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik und dem Caroline-Schlegel-Preis der Stadt Jena ausgezeichnet, 2015/16 war sie als Fellow am Wissenschaftskolleg in Berlin. Seit 2016 ist Ina Hartwig Kulturdezernentin in Frankfurt am Main.
Rezensionen
Ina Hartwigs Buch [...] reißt alle Türen und Fenster in der muffigen Bachmann-Kirche auf.
Besprechung von 16.12.2017
Hinter dem Chiffonschleier
In ihrem Buch „Wer war Ingeborg Bachmann?“ porträtiert Ina Hartwig den weiblichen Literaturstar der Nachkriegszeit als große Zerrissene
Die Frage „Wer war Ingeborg Bachmann?“ ist als Buchtitel hintersinnig, spricht sie doch zwei grundverschiedene Publikumsgruppen an. Die eine könnte sich aus jungen Leuten rekrutieren, die noch nie etwas von Ingeborg Bachmann gehört oder gar gelesen haben, was (man glaubt es kaum) selbst unter Germanistikstudenten keine Seltenheit mehr ist. Sie verstehen die Frage womöglich ganz handfest, im Sinne von: „Wer war das überhaupt?“ Und werden im Idealfall neugierig. Die andere Fraktion stellen die Kenner(innen) und Verehrer(innen) der österreichischen Dichterin, die wissen, dass deren Lebenslauf auch 44 Jahre nach ihrem Tod noch immer von ungelösten Rätseln und dunklen Gerüchten umwittert ist. Sie lesen die Frage um einiges pathetischer: „Wer war sie wirklich?“ Und hoffen auf Enthüllungen.
Die Literaturwissenschaftlerin und Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig gehört nicht zu den schwärmerisch Raunenden, für die Ingeborg Bachmann, der erste weibliche Literaturstar deutscher Sprache, mit Glorienschein und Dornenkrone weiterlebt. Und doch hat ein aus intimer Kennerschaft geborener Wissensdrang sie veranlasst, sich auf die Suche nach neuen Antworten zu begeben. „Eine Biographie in Bruchstücken“ nennt sie ihr Buch im Untertitel, was fast in die Irre führt, da die Fragmente so frei arrangiert sind, dass nicht einmal der Anschein einer linearen Lebensschilderung entsteht.
Eher handelt es sich um „Bruchstücke einer Biographie“, die sich wie Spiegelscherben zu einem vielfach gebrochenen Porträt fügen. Auch ließe sich mit einigem Recht von einem Buch für Insider sprechen, denn die Autorin setzt vieles als bekannt voraus. Dass der Zugang dennoch leicht fällt und die Lektüre schnell einen Spannungssog erzeugt, liegt zweifellos an Ina Hartwigs langjähriger Berufserfahrung als Journalistin. Sie geht nicht wissenschaftlich, sondern erzählend vor, sieht sich selbst als „biographische Detektivin“, die alle Mittel und Wege der Informationsbeschaffung nutzt, die das Anekdotische, zuweilen gar das Boulevardeske nicht scheut und ihre Subjektivität unverstellt in die Ermittlungen einbringt.
So gelingt es ihr, die Persönlichkeit der Dichterin und die Epoche, in der sie lebte, auch für ein Publikum außerhalb der Bachmann-Gemeinde und der fachlich-germanistisch involvierten Zirkel interessant zu machen. Auch für diejenigen etwa, die nicht das Vorwissen mitbringen, dass Bachmanns dramatische Beziehung zu Max Frisch einerseits der Dreh- und Angelpunkt ihrer nachträglichen Stilisierung zur Schmerzensfrau der literarischen Moderne war, andererseits nicht wirklich untersucht werden kann, bevor der geheimnisumwobene Briefwechsel der beiden zugänglich gemacht oder publiziert wird.
Ina Hartwig hat über mehrere Jahre hinweg Zeitzeugen befragt, genauer, Menschen, die Ingeborg Bachmann kannten, darunter auch Marianne Frisch, die Witwe des im Mythos von der „heiligen Ingeborg“ so übel beleumundeten Schriftstellers. Und wie bei allen anderen Befragungen – sogar Henry Kissinger als vermuteter Liebhaber ist darunter – geht es nicht um harte Fakten, sondern um die subjektive Einfärbung von Erinnerungen und die ambivalente Gefühlslage der Beteiligten.
Im übrigen hat die Autorin dort, wo man die chronologische Einordnung und Schilderung der sagenhaft unglücklich endenden Liaison mit Max Frisch erwarten würde, einfach eine Lücke gelassen – das „leere Zentrum“, um das sie, wie sie in einem Interview sagte, herumschreiben musste, das dann aber bei näherem Hinsehen gar nicht leer bleibt. Denn das verwendete Material, seien es kürzlich erschienene Texte aus Bachmanns Nachlass, aktuelle Forschungsergebnisse oder Resultate eigener Recherchen füllt die freibleibende Mitte unmerklich auf und verwandelt sie in einen Resonanzraum klarerer Einsichten und gelassenerer Einschätzungen, als sie oft den Zeitgenossen möglich waren.
Wie fern ist uns inzwischen eine Epoche, in der während einer vierjährigen Liebesbeziehung nicht ein einziges Foto entstand oder aufbewahrt wurde, auf dem das Paar gemeinsam zu sehen ist! Denn so war es, zum Leidwesen der Nachgeborenen, im Fall Bachmann/Frisch. Aus Ina Hartwigs facettenreich funkelnder Darstellung gewinnt man, sozusagen als Nebenprodukt, ein eindrückliches Bild der Fünfziger-, Sechziger- und frühen Siebzigerjahre. Und man staunt nicht zuletzt über die Selbstverständlichkeit, mit der alles, was in der Literatur und den anderen Künsten Rang und Namen hatte, sich an einschlägigen Brennpunkten kosmopolitisch zusammenfand, gesellschaftlichen Umgang und geistigen Austausch pflegte. Wer die Gegenwart als das Zeitalter der Kommunikation preist, muss da ins Grübeln kommen.
Andererseits galt so manches, was heute niemanden mehr aufregt, damals noch als zu skandalös, um in seriöse Künstlerviten eingehen zu dürfen. Deshalb wurde lange mehr oder weniger verschleiert, was Hartwigs Buch jetzt sachlich und fundiert berichtet: dass Ingeborg Bachmann, die hochempfindsame, glänzend geistvolle und glamourös auftretende Vorzeigefrau der deutschsprachigen Intellektuellenszene ihrer Zeit, alkohol- und tablettensüchtig war und sexuelle Exzesse auslebte, bis hin zur Prostitution und zu selbsttherapeutischen „Orgien“, die sie mit Gleichgesinnten (nur Männern) so plan- wie stilvoll inszenierte. Angenehm ist, dass Hartwig diese dunklen Seiten der Dichterin nicht voyeuristisch ausschlachtet, sondern in das Porträt einer von Widersprüchen zerrissenen Persönlichkeit einfügt, die ihre geniale Begabung mit Hypersensibilität, selbstdestruktiven Tendenzen und innerer Vereinsamung bezahlte.
Dass es dabei bisweilen sehr psychoanalytisch zugeht, wie etwa im Blick auf den Nazi-Vaters und die komplementär dazu betrachtete Liebesaffäre mit dem jüdischen Dichterkollegen Paul Celan, schadet dem Buch nicht, ebensowenig wie ein gewisses Quantum an Klatsch und Tratsch. Sehr bereichert wird das Bild Ingeborg Bachmanns indessen durch ganz andere Wesenszüge. Die notorisch desorganisierte, kapriziöse und hilflos wirkende Poetin konnte zupackend und strategisch sein und fiel (was vor allem ihre Rundfunkarbeiten belegen) durch nüchterne politische Reflexion ebenso auf wie durch ausgeprägten Humor. Anschaulich wird dieser Kontrast in einer Bemerkung Peter Härtlings: „Sie trank wie ein Bauer, saß aber da in Chiffonkleidern.“
Nicht aus Chiffon, sondern aus Nylon war das Nachthemd, in dem die Bettraucherin Bachmann sich in ihrer römischen Wohnung die Brandverletzungen zuzog, die zu ihrem frühen Tod führten. Mit dieser Tragödie und ihren noch ungeklärten, hier aus Medizinersicht kommentierten Umständen lässt Ina Hartwig ihr Buch beginnen. Am Ende hat sie abenteuerlichen Thesen über Mord oder Selbstmord den Boden entzogen. Was man vermisst, ist ein Exkurs zu Bachmanns Dichtungen, der jenseits des schillernden Lebensbildes begründen würde, warum ihr Aufstieg zum literarischen Stern nicht nur ein Medienphänomen war und ihr Werk die Zeiten überdauern wird.
KRISTINA MAIDT––ZINKE
Die langjährige Journalistin
Ina Hartwig schreibt als
„biographische Detektivin“
Manches, was heute niemanden
mehr aufregt, galt zu Lebzeiten
Bachmanns noch als skandalös
Ina Hartwig: Wer war
Ingeborg Bachmann? Eine Biographie in Bruchstücken.
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2017. 320 Seiten, 22 Euro. E-Book 19,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Ina Hartwigs Versuch, sich Ingeborg Bachmann zu nähern, besticht laut Steffen Martus durch seine Beiläufigkeit. Zufällige Begegnungen führen zu Meinungen und Erinnerungen, führen zu überraschenden Wendungen und Fragen, aber nicht unbedingt zu Antworten, erklärt Martus das Vorgehen der Autorin. Ob Hartwig in Rom den letzten Spuren der Bachmann nachgeht oder nach ihrer Berliner Wohnung sucht, die Autorin springt von Szene zu Szene, so Martus. Sogar der Blick in die seelischen Abgründe Bachmanns bekommt so laut Rezensent etwas Leichtes. Wer Bachmann war, tablettensüchtige Diva oder kühle Strategin, kann Hartwig trotz Feingefühls beim Zerlegen der Selbstinszenierungen der Dichterin nicht erklären, meint Martus. Vor allem für die Lyrikerin Bachmann interessiert sich das Buch herzlich wenig, so der Rezensent.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 27.01.2018
Hingetrimmt zum Typus neuer Weiblichkeit
Ina Hartwigs Annäherung an Ingeborg Bachmann ist mehr eigener Erfahrungsbericht als Biographie

Das Buch beginnt am Ende: beim "Krieg am Sterbebett". Ingeborg Bachmann hat ihr Kunststoffnachthemd mit einer Zigarette versengt und liegt mit Brandverletzungen auf einer Intensivstation des römischen Hospitals Sant'Eugenio. Gespräche mit der Patientin, um die sich Ärzte bemühen, können per Telefon geführt werden. Die Verbrennungen sind schwer, aber vielleicht doch nicht lebensgefährlich. Informationen über die Drogenabhängigkeit der Patientin fließen spät und nur spärlich. Vielleicht hätte die Behandlung besser auf den vom Entzug geplagten Körper eingestellt werden müssen. Nach einiger Zeit fällt Bachmann ins Koma und stirbt am 17. Oktober 1973. Zu diesem Zeitpunkt tobt bereits der Kampf um die Deutungshoheit zwischen Bekannten, Freunden und Familienmitgliedern, der sich in der Öffentlichkeit und Forschung fortsetzt. Bachmann hatte sich jahrelang mit dem "Todesarten"-Projekt befasst, zu dem auch das Flammeninferno des Romans "Malina" (1972) zählt. War es da nicht konsequent, dass Leben und Werk in einem tödlichen Feuer miteinander verschmelzen? Was aber hätte es für den Mythos "Bachmann" bedeutet, wenn sie nicht den Flammen zum Opfer gefallen wäre, sondern lediglich ihrer Drogensucht?

Ina Hartwig, lange Jahre als Journalistin tätig, seit 2016 Kulturdezernentin in Frankfurt, wertet die schriftlichen Quellen kenntnisreich aus. Vor allem aber verschafft sie sich ein lebendiges Bild vom Schicksal Ingeborg Bachmanns. Auf einer Berliner Party etwa unterhält sie sich zufällig mit einer Schriftstellerin, die als Kind in der Nachbarschaft von Heidi Auer lebte - über die Arztgattin konnte Bachmann ihre Tablettensucht befriedigen. "Und so ergab sich eines aus dem anderen": Im Telefongespräch bestätigt die Tochter Heidi Auers, wie "maßlos" und "freizügig" die Eltern mit Medikamenten umgegangen waren. Dann ein Schnitt: In Rom fährt Hartwig die Strecke ab, die der Krankenwagen mit der verletzten Ingeborg Bachmann genommen hatte. Im Krankenhaus entdeckt sie die alten Wandtelefone, mit denen man einst in den Krankenzimmern anrufen konnte. Ihre Begleiterin, Ruth Beckermann, stellt ohne Erlaubnis eine Kamera auf. Polizisten greifen ein. Sie befinden sich in Alarmbereitschaft, weil eine Woche zuvor in Paris das islamistische Attentat auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" stattgefunden hat. Beckermann hat ihren Ausweis im Hotel vergessen, wird abgeführt und von einem Kommissariat ins nächste verfrachtet. Das eigentliche Delikt, die unerlaubten Filmaufnahmen, spielen keine Rolle mehr. "Die Aufnahmen hatten wir".

Für die Frage, wer den "Krieg am Sterbebett" gewonnen hat, folgt daraus nichts. Unmerklich driftet Hartwig von einer Szene zur anderen, von der Vergangenheit in die Gegenwart. Sie nutzt die Gunst der Stunde, zufällige Begegnungen, Funde bei Gelegenheit. Bisweilen vertieft sie ihre Analyse, bohrt sich in eine Fragestellung. Bachmanns politische Einstellung wird genauer durchleuchtet oder das zwiespältige Verhältnis zum Vater, einem NSDAP-Mitglied und Wehrmachtsoffizier. Manchmal begnügt Hartwig sich mit einem klugen Arrangement von Gerüchten, Meinungen und Erinnerungen, stellt die richtigen Fragen, lässt die Antwort jedoch offen.

Einige Recherchen belegen lediglich, wie unzuverlässig die Informationen sind. Bei der Suche etwa nach dem Berliner Domizil Ingeborg Bachmanns erinnert sich Peter Härtling genau an eine Wohnung im Parterre, Adolf Opel an eine im ersten Obergeschoss, und eine Nachbarin ist sich sicher, dass Ingeborg Bachmann im zweiten Stock gewohnt hat. Diese Angabe wird von einer Nachmieterin bestätigt. In den "Gesprächen mit Zeitzeugen", die sich häufig spontan am "Rand einer Party oder einer Veranstaltung" ergeben, verraten Enzensberger, Martin Walser oder Peter Handke womöglich mehr über sich als über Ingeborg Bachmann. Dieser locker-lose Zugriff verleiht der ganzen Darstellung etwas unaufdringlich Leichtes selbst dort, wo die Analyse in die seelischen Abgründe Bachmanns blickt. Ina Hartwig beherrscht die große Kunst der Beiläufigkeit.

Wer also war Ingeborg Bachmann? Eine drogensüchtige Diva, mit einem Hang zu erotischen Exzessen, die unter ihrer verblassenden körperlichen Attraktivität litt? Eine Autorin, die ihren Vaterkomplex emotional und intellektuell ungenügend verarbeitet, ihre privaten Probleme aufgebläht und sich daher - auch literarisch - zum Opfer der deutschen Geschichte überhöht hat? Eine Entertainerin mit einem erstaunlichen "Talent für versöhnlerische Seifenopern"? Eine schüchterne Frau, die ihre Unsicherheit hinter Allüren verbarg? Oder eine kühle Strategin, die männliche Eitelkeiten für sich nutzte und sich in der Dichterkonkurrenz - auch mit ihrem geliebten Paul Celan - behauptete? Für eine Variante interessieren sich die "Bruchstücke einer Biographie" bemerkenswert wenig: für Ingeborg Bachmann als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen, die die Sprachnot ihrer Zeit in Worte gefasst und den literarischen Nachkriegssound geprägt hat.

Ingeborg Bachmann machte öffentlich ganz unterschiedlich Eindruck. Die von ihr kursierenden Fotos sagen vor allem etwas über die "Bildermaschine" aus, die Eindrücke von Bachmann nach außen projizierte, weniger über das Innenleben der Person. Daher erzählt Hartwig immer auch über die Milieus, in denen sich Bachmann bewegt hat, und über den Zustand der literarischen Öffentlichkeit. Als etwa Bachmanns Gesicht mit dem legendären "Spiegel"-Titel vom 18. August 1954 ins bundesrepublikanische Kulturpublikum "geschleudert" wurde, richtete das Nachrichtenmagazin die kunstvolle Fotografie Herbert Lists noch einmal zu. Spiegelverkehrt und aus dem Kontext gelöst blickt Bachmann "irr verdreht" irgendwohin. Die grobe Physiognomie und die achtlos drapierte Kurzhaarfrisur, der dunkel geschminkte Mund und der im Ansatz gerade noch erkennbare schwarze Rollkragenpullover: alles provoziert die geläufigen Frauenbilder und zielt auf einen "Typus neuer Weiblichkeit", ungeschönt und irritierend. Der Autor der Titelgeschichte kommt mit dieser Zumutung nicht zurecht und ergeht sich in despektierlichen Bemerkungen. Dass er dann auch noch Paul Celan in eine Reihe mit dem "SS-Soldaten" George Forestier stellt, zeigt nur besonders deutlich, wie die "Verdrängung und Geschichtsklitterung der fünfziger Jahre" darin den Ton angeben - "eine Zeitkapsel öffnet sich".

Ähnlich aufschlussreich behandelt Hartwig den Berlin-Besuch Bachmanns als Stipendiatin der Ford Foundation in den sechziger Jahren. Mit Feingefühl zerlegt sie die Selbstinszenierung der Dichterin, die sich - staatlich aufs beste alimentiert - dem Leid am hässlichen Deutschland und seinen Bewohnern hingab. Ihr Alkohol- und Tablettenkonsum war immens. Sie fühlte sich einsam, allein aber lebte sie gewiss nicht, denn Günter Grass, Uwe Johnson, Hans-Werner Richter oder Peter Szondi nahmen sich für Bachmann viel Zeit. Noch einmal entstanden große Gedichte, wie etwa "Böhmen liegt am Meer", vor allem aber kristallisierte sich in diesen Jahren das "Todesarten"-Projekt heraus. Die Lyrikerin wurde zur Romanautorin.

Die Rede zur Verleihung des Büchner-Preises, den Bachmann 1964 erhielt, liest Hartwig kunstvoll als Arbeit an jenem düster-schweren Motivreservoir, das auf den berühmten letzten Satz von "Malina" zuläuft: "Es war Mord." Hartwig zeigt in einer luziden Analyse, wie sich das Finale auf das "Unbewusste einer Frau" bezieht, "das in sich selbst mörderisch ist". Die Kernidee des Romans sieht sie darin, "dass die beschädigten Seelen der Frauen den äußeren Krieg, den Krieg der männlichen Welt, in sich aufgenommen haben und deshalb - sterben müssen". Umso geheimnisvoller, dass sich während der biographischen Recherche ausgerechnet die Beziehung Bachmanns zu Henry Kissinger, dem "konservativen, gnadenlosen Machtpolitiker", zum heimlichen roten Faden entwickelt hat. Ina Hartwig lässt solche überraschenden Wendungen zu. Darin zeigt sich die "Zeitgenossenschaft Ingeborg Bachmanns" in "ihrer vollen abenteuerlichen Dimension".

STEFFEN MARTUS

Ina Hartwig: "Wer war Ingeborg Bachmann?" Eine Biographie in Bruchstücken.

Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2017. 320 S., Abb., geb., 22,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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