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Was haben Ölplattformen mit unseren Wertvorstellungen zu tun?
Die meisten Menschen heutzutage halten Demokratie und Gleichberechtigung der Geschlechter für eine gute Sache und sprechen sich gegen Gewalt und Ungleichheit aus. Aber bevor sich solche Auffassungen und die damit verbundenen Wertvorstellungen allmählich im 19. Jahrhundert herausbildeten, galten 10000 Jahre lang genau gegenteilige grundsätzliche Annahmen und andere Werte. Woran liegt das? An unseren Energiequellen, sagt Ian Morris in seinem neuen großen Wurf, diese formen unsere Gesellschaft wie nichts sonst. Was kommt auf die…mehr

Produktbeschreibung
Was haben Ölplattformen mit unseren Wertvorstellungen zu tun?

Die meisten Menschen heutzutage halten Demokratie und Gleichberechtigung der Geschlechter für eine gute Sache und sprechen sich gegen Gewalt und Ungleichheit aus. Aber bevor sich solche Auffassungen und die damit verbundenen Wertvorstellungen allmählich im 19. Jahrhundert herausbildeten, galten 10000 Jahre lang genau gegenteilige grundsätzliche Annahmen und andere Werte. Woran liegt das? An unseren Energiequellen, sagt Ian Morris in seinem neuen großen Wurf, diese formen unsere Gesellschaft wie nichts sonst. Was kommt auf die Menschheit nach dem Ende der fossilen Ära zu? In seiner Bedeutung vergleichen führende Historiker »Beute, Ernte, Öl« mit Jared Diamonds »Kollaps« und Steven Pinkers »Gewalt«.

  • Produktdetails
  • Verlag: DVA
  • Originaltitel: Foragers, Farmers and Fossil Fuels. How Human Values Evolve
  • Seitenzahl: 425
  • Erscheinungstermin: 27. Januar 2020
  • Deutsch
  • Abmessung: 225mm x 147mm x 43mm
  • Gewicht: 700g
  • ISBN-13: 9783421048042
  • ISBN-10: 3421048045
  • Artikelnr.: 58046438
Autorenporträt
Morris, Ian§Ian Morris, gebürtiger Brite, ist seit zwanzig Jahren Professor für Geschichte und Archäologie an der University of Chicago und der Stanford University. Seine Arbeiten sind preisgekrönt und werden gefördert u.a. von der Guggenheim Foundation und der National Geographic Society. Von 2000 bis 2006 leitete er Ausgrabungen auf dem Monte Polizzo, Sizilien, eines der größten archäologischen Projekte im westlichen Mittelmeerraum. Sein Buch »Wer regiert die Welt?« (2011) wurde ein Bestseller.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 10.03.2020

Die Frau sitzt nicht auf dem Esel, weil sie keinen hat
Der britische Historiker Ian Morris erzählt eine ganz andere, aufregende Geschichte über den Ursprung der menschlichen Werte
Der britische Archäologe und Historiker Ian Morris ist nicht bekannt dafür, klein zu denken. Im Gegenteil. Morris’ Disziplin ist die Big History oder Makrogeschichte, die sich den großen Linien widmet, den grundlegenden Mustern der Geschichte. Im Zuge der Verunsicherung des Westens seit dem 11. September 2001 hat sie anhaltend Konjunktur. Man denke nur an Jared Diamonds „Kollaps – Warum Gesellschaften überleben und untergehen“ (2005), Steven Pinkers „Gewalt – Eine neue Geschichte der Menschheit“(2011) oder Yuval Noah Hararis Superbestseller „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ (2011).
Morris wurde 2010 mit seinem elften Buch „Why The West Rules – For Now“ weltberühmt. Er hielt sich darin genretypisch nicht mit der Erforschung von Gesellschaften in kurzen Zeiträumen und begrenzten Regionen und lästigen widersprüchlichen Details auf. Zur Lösung des Rätsels, warum sich der Osten und der Westen unterschiedlich entwickelten und schließlich (vorerst) der Westen gewann, durchmaß er vielmehr 15 000 Jahre Menschheitsgeschichte – und zwar als beinharter biologistischer Materialist. Ergebnis: Entscheidend waren allein die geografischen Nachteile Europas. Die klassische Kulturhistorie, die eher weichere Faktoren wie politische Ideen, Werte oder Religionen für die treibenden Kräfte der Geschichte hält, verwarf er.
Dass ihm eben dies prompt vorgehalten wurde, scheint ihn dann aber doch gewurmt zu haben. 2015 folgte „Foragers, Farmers, and Fossil Fuels“, das unter dem Titel „Beute, Ernte, Öl“ jetzt endlich auch auf Deutsch vorliegt. Und es handelt trotzig von den biologisch-materialistischen Ursachen der Werte, deren Vernachlässigung ihm bei seiner Makrogeschichtsschreibung vorgeworfen wurde.
Die zentrale These des neuen Buchs lautet, dass die Werte nicht – wie es die Moralphilosophie vorschlägt – einer kontinuierlichen, mal bewussten, mal unbewussten Verhandlung unter den Menschen entspringen oder überzeitlich gültig sind, sondern dass jedes Zeitalter die Werte für die plausibelsten hält, die es eben braucht. Und welche Werte ein Zeitalter braucht, hängt nach Morris mit der je dominie-
renden Form der Energiegewinnung zusammen.
Der dramaturgisch geschickte Ausgangspunkt ist dabei die Anekdote, wie Morris 1982 bei seiner ersten großen archäologischen Ausgrabung in einem nordgriechischen Dorf eines Abends einem alten Mann auf einem Esel begegnete, neben dem eine alten Frau „unter der Last eines großen Sacks ächzte“. Die Briten grüßten, der Mann hielt erfreut an und plauderte eine Weile mit einem der Archäologen, der etwas Griechisch sprach. Als das Paar weitergezogen war, wollte einer der Forscher von seinem Kollegen wissen, was er mit dem Mann gesprochen habe. Er habe Herrn Géorgios gefragt, so der Kollege, wie es ihm gehe und warum nicht seine Frau auf dem Esel sitze, woraufhin der aber bloß gesagt habe: „Weil sie keinen hat.“
Dreißig Jahre lang, so Morris, habe er über diesen Kulturschock immer wieder nachgedacht. Wie kann es sein, dass der Bauer die Frage, wer auf dem Esel sitzen darf, völlig selbstverständlich so anders sieht als er? Das Buch sei der Versuch, ihn zu erklären. Dafür betrachtet er die vergangenen 20 000 Jahre des Planeten und identifiziert „drei mehr oder weniger aufeinanderfolgende Wertesysteme“, jedes hängt mit einer bestimmten gesellschaftlichen Organisationsform zusammen, die ihrerseits die Folge der Art und Weise ist, wie jeweils Energie aus der Umwelt gewonnen wird. Um seine These wiederum „auf wenigen Hundert Seiten darstellen zu können“, nimmt er nicht alle Werte in den Blick, sondern konzentriert sich auf jene, die ihm besonders relevant erschienen: „Vorstellungen von Gleichheit und Hierarchie in Bezug auf Politik, Wirtschaft, Geschlecht“ sowie Einstellungen gegenüber Gewalt.
Das erste der drei Wertesysteme nennt Morris das „Wertesystem der Wildbeuter“, das zweite das „Wertesystem der Bauern“ und das dritte das „Wertesystem der fossilen Energie“. Die Wildbeuter deckten ihren täglichen Energiebedarf für Nahrung, Kleidung und so weiter mit Jagen und Sammeln, lebten tendenziell nomadisch und hatten deshalb kaum Gründe, Besitz anzuhäufen. Ihre Werte waren tendenziell egalitär, weil Jagen und Sammeln ein hohes Maß an Kooperation verlangt. Obwohl die Männer eher jagten und die Frauen eher sammelten, war ihr Verhältnis nicht allzu hierarchisch. Es herrschte jedoch auch ein hohes Maß an Toleranz gegenüber Gewalt. Morris schätzt, dass mehr als zehn Prozent der Erwachsenen einen gewaltsamen Tod starben.
Vor etwa 10 000 Jahren änderte sich die Situation fundamental, als immer mehr Jäger und Sammler in fruchtbaren Gegenden wie dem Mittleren Osten, Zentralamerika und Südostasien sesshaft wurden. Mit ihrem deutlich höheren täglichen Energiebedarf, so Morris, kamen neue Werte. Die Landwirtschaft ermöglichte die Akkumulation von Besitz, was eine größere Toleranz gegenüber Ungleichheit, aber eine kleinere in Bezug auf Gewalt zur Folge hatte. Zudem wurden Erbfragen wichtiger, woraus wiederum eine stärkere Unterdrückung der Frauen resultierte und insgesamt eine deutlich gestiegene Neigung zu Hierarchien und Regeln.
Ein drittes und bislang letztes Mal wendete sich für Morris das Blatt schließlich im 18. Jahrhundert, in dem in großem Stil die Ausbeutung fossiler Brennstoffe wie Braunkohle, Steinkohle, Erdgas und vor allem Öl beginnt. Der Energiebedarf explodiert, es entsteht großer Wohlstand. Die Folgen sind wieder eine abnehmende Toleranz gegenüber Hierarchien im Allgemeinen und Geschlechterungleichheit im Besonderen als bei den Bauern und noch weniger Toleranz gegenüber Gewalt. Hier argumentiert Morris wie der Psychologe Steven Pinker, der in „Gewalt“ belegen will, dass die Gewalt etwa in Europa seit dem Mittelalter trotz der große Kriege massiv abgenommen hat.
So zusammengefasst, klingt all das noch ungleich pointierter und reduktionistischer als auf den gut 200 Seiten, die Morris für seine Darstellung braucht. Die Konsequenz, mit der er seinen Ansatz durchhält, die vielen Statistiken und Belege, der Fleiß, die Neugier, die Belesenheit und die methodische Reflektiertheit – all das macht die Ausführungen an jeder Stelle nicht nur lesens- und bedenkenswert, sondern immer wieder auch wirklich unterhaltsam. Zumal Morris alles andere als blind ist für die Untiefen seiner Sache, allem voran gegenüber dem Umstand, dass systematische Daten zu menschlichen Wertvorstellungen erst seit ein paar Jahrzehnten erhoben werden. Er besteht dennoch darauf, dass die Energiegewinnung „unter dem Strich“ der „eigentliche Motor“ für unser Werteverständnis ist. Und dann beinhaltet das Buch ja auch noch seine eigene Fundamentalkritik. In einem zweiten Teil folgen nämlich in vier Gastbeiträgen die Einwände von renommierten Kollegen: des Altertumsforschers Richard Seaford, des Historikers und Sinologen Jonathan D. Spence, der Moralphilosophin Christine Korsgaard und der Schrifstellerin Margaret Atwood. Das ist ein interessanter Einblick in den Maschinenraum der Forschung und eine sehr zeitgenössische Geste der Wissenschaft, auch wenn es arg kleinteilteilig wird. Ein Link zu einem Audio- oder Video-Gespräch, bei dem die Diskutanten direkt miteinander streiten und sich, wenn sie sich falsch interpretiert fühlen, sofort zu Wort melden können, wäre bestimmt kein Fehler gewesen.
Von der mitunter harten Kritik der vier – die im Wesentlichen Morris’ Reduktionismus scharf angreifen – lässt sich Morris in seiner abschließenden, gut siebzig Seiten langen Replik übrigens selbstverständlich nicht einschüchtern. Wenn dafür ein bisschen Krittelei an der Vereinfachung reichte, wäre er ein schlechter Materialist. Zumal er ja auch noch den Trumpf im Ärmel hat, dass angesichts von Klimakatastrophe und rapide schwindenden Erdölreserven eine viertes Zeitalter der Energiegewinung wohl unmittelbar bevorsteht. Wer „Beute, Ernte, Öl“ gelesen hat, wird sich dann auf jeden Fall nicht wundern, wenn drastische Veränderungen der gesellschaftlichen Organisation und unserer Werte folgen.
JENS-CHRISTIAN RABE
Die Art der Energiegewinnung
ist der „eigentliche Motor“
des Werteverständnisses
Ian Morris: Beute, Ernte, Öl. Wie Energiequellen Gesellschaften formen. Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer. DVA, München 2020.
423 Seiten, 26 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 11.04.2020

Auf den Brennstoff kommt es an
Evolution als unsichtbare Hand: Ian Morris betrachtet die Geschichte menschlicher Gesellschaften von sehr weit oben

Wer munitioniert durch Biologie und Ökologie den Blick auf die gesamte Geschichte der Menschheit als Teil von Erde und Kosmos richtet, nimmt für sich gern einen Realismus der Quantifizierung in Anspruch. Ian Morris hat vor zehn Jahren mit seinem Buch "Wer regiert die Welt? Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden" diese Eigenart von "Big History" auch hierzulande einem breiteren Publikum bekannt gemacht (F.A.Z. vom 30. März 2011). Doch solange die jeweils zur Verfügung stehende Energie, gemessen in Kilokalorien pro Kopf, als maßgebliche Größe für die Einteilung der Weltgeschichte und den Wettbewerb von Zivilisationen ausgewiesen wurde, konnten die akademischen Lordsiegelbewahrer der Ideen, Diskurse und Werte solche Bemühungen als platten Materialismus abtun. Ihr Achselzucken scheint dem in der fächerübergreifenden Denkfabrik von Stanford wirkenden Archäologen Morris keine Ruhe gelassen zu haben.

Durchaus in der Linie älterer Konzepte lässt der Autor nur zwei wirklich bedeutsame Umwälzungen in der Menschheitsgeschichte gelten: Stationäre Agrargesellschaften lösten vor etwa zehntausend Jahren die mobilen Wildbeuter ab, und trotz allen Innovationen, die zumal die handels- und seeorientierten Stadtstaaten der Antike und des Mittelalters oder die frühneuzeitlichen Holländer in Teilen so modern erscheinen lassen, konnte der Wachstumsdeckel von Ackerbau und Viehwirtschaft erst weggesprengt werden, als fossile Brennstoffe die zur Verfügung stehende Energie von acht- bis maximal dreißigtausend Kilokalorien pro Kopf und Tag auf sechsstellige Größen emportrieben.

Doch Morris erklärt nun auch provokativ die Wertsysteme der jeweiligen Gesellschaften aus ihren durch die verfügbare Energie bestimmten Lebensbedingungen. Demnach entwickelten Jäger und Sammler relativ egalitäre Strukturen, ließen wenig Ungleichheit zu, waren aber auch sehr gewalttätig. Dagegen dämmten Agrargesellschaften die Gewalt ein und pflegten steile Hierarchien, von der Sklaverei über die Dominanz des Mannes im Haus bis zum Gottkönig. Fossilenergiegesellschaften schließlich seien im Geschlechterverhältnis wie in der Politik tendenziell ausgesprochen egalitär und zugleich viel weniger gewalttätig als frühere Formationen. Was sich hier sehr holzschnittartig liest, unterfüttert der Autor überzeugend mit einer Fülle von Berechnungen und Forschungsergebnissen verschiedener Disziplinen. Zudem entwickelt er seine Thesen durchweg fragend-tentativ, nie dogmatisch, und legt seine Erklärungen in einer klaren, gut lesbaren Prosa dar.

Als unsichtbare Hand wirkt in seinem Modell die Evolution; sie bringt auf der Ebene der Gene, der Individuen, der Familien und der Großgruppen beständig Variationen hervor, die sich je nach ihrem Erfolg durchsetzen oder eben nicht, wobei die kulturelle Auslese prinzipiell ähnlich wirkt wie die natürliche - wenn auch im Bereich der Kultur selbstverständlich immer Gründe zu finden waren und sind, die Altes neben dem besser Angepassten überleben lassen. Wie Morris dabei etwa die Eifersucht als eine evolutionäre Anpassung plausibel macht, das ist schon ein Kabinettstückchen. Die Frage, ob bestimmte Figurationen und Entwicklungsschritte auf Zwang oder freiem Willen beruhten, spielt in diesem Modell keine Rolle. Morris hat in einer Welt, die kaum mehr Wildbeuter und Agrarökonomien fast nur noch in einem fossilenergetischen Setting kennt, die Fakten auf seiner Seite.

Auf die fünf Kapitel folgen vier kürzere oder längere Einreden gegen Morris' Thesen sowie eine ausführliche abschließende Replik darauf. Viel ungeduldiger als gegen den immer möglichen Einwand von Historikern, bei genauerem Hinsehen und aus geringerer Flughöhe ergäben sich Differenzierungen oder sogar möglicherweise falsifizierende Befunde, reagiert der Autor auf die moralphilosophische Kritik, die ihre Gleichheits- und Gerechtigkeitspostulate als "wahre moralische Werte" essentialisiere. Wer Geschichte in der Schule oder an der Universität zu vermitteln sucht, kennt das Problem: Hierarchien jeglicher Art erzeugen überwiegend Kopfschütteln, ja Abscheu. Und in der Tat waren weder gottgleiche Könige noch männliche Überlegenheit oder geborene Sklaven jemals "real" oder gar "natürlich", jedoch auch keine bloße Ideologie der Herrschenden: Weil diese drei Vorstellungen in der bäuerlichen Gesellschaft funktionierten, das heißt zum Gedeihen einer möglichst großen Zahl von Menschen beitrugen, "riet der gesunde Menschenverstand den Menschen, an sie zu glauben und ihre Werte entsprechend anzupassen".

Die alte historistische Verteidigungslinie, jede Epoche müsse nach ihren eigenen Maßstäben, nicht den unseren beurteilt werden, findet hier Verstärkung durch gänzlich unerwartete Truppen. Auf die Vorhaltung schließlich, nicht die Fossilenergie, sondern der Kapitalismus habe die Wachstumsexplosion seit 1800 ausgelöst, reagiert Morris, indem er auf nichtkapitalistische (und nichtfreiheitliche) Modernisierungsregime seit 1917 mit teils beachtlichen Wachstumsraten verweist.

Aus der entschiedenen Vogelperspektive der "Big History" kann die Menschheit freilich eine endliche Phase in der Geschichte der Erde darstellen. In Morris' Zählung gab es im Laufe der letzten zweitausend Jahre fünf Agrargesellschaften, die experimentierend an die Grenze des in dieser Wirtschaftsform Möglichen stießen, neben den griechischen Stadtstaaten auch das Mittelmeerreich der Römer, doch nur in Nordwesteuropa gelang um 1800 der Durchbruch, als die fossile Energie entfesselt wurde. "Heute gibt es dagegen nur noch ein einziges globales Experiment, und wenn dieses scheitert, droht uns allen die Katastrophe."

Trotz dieses Satzes werden Klima-Erregte aus der kühlen Rationalität des Buches nur wenig Honig saugen können, und postapokalyptische Szenarien auszumalen, überlässt Morris lieber der Literatur, darunter Margaret Atwood, die unter dem Titel "Wenn die Lichter ausgehen" einen der Kommentare beigesteuert hat. Seine eigenen Bemerkungen über eine mögliche dystopische Zukunft erweisen eher evolutionären Optimismus: Nützliche Fähigkeiten überleben, unnütze verschwinden, die Menschen verlassen sich auf ihren gesunden Menschenverstand und passen sich und ihre Werte der chaotischen neuen Wirklichkeit an. Kurzum: auch das richtige Buch für lange Covid-19-Abende.

UWE WALTER.

Ian Morris: "Beute, Ernte, Öl". Wie Energiequellen Gesellschaften formen.

Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2020. 432 S., geb., 26,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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»Nicht nur lesens- und bedenkenswert, sondern immer wieder auch wirklich unterhaltsam.« Süddeutsche Zeitung
Auf den Brennstoff kommt es an
Evolution als unsichtbare Hand: Ian Morris betrachtet die Geschichte menschlicher Gesellschaften von sehr weit oben

Wer munitioniert durch Biologie und Ökologie den Blick auf die gesamte Geschichte der Menschheit als Teil von Erde und Kosmos richtet, nimmt für sich gern einen Realismus der Quantifizierung in Anspruch. Ian Morris hat vor zehn Jahren mit seinem Buch "Wer regiert die Welt? Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden" diese Eigenart von "Big History" auch hierzulande einem breiteren Publikum bekannt gemacht (F.A.Z. vom 30. März 2011). Doch solange die jeweils zur Verfügung stehende Energie, gemessen in Kilokalorien pro Kopf, als maßgebliche Größe für die Einteilung der Weltgeschichte und den Wettbewerb von Zivilisationen ausgewiesen wurde, konnten die akademischen Lordsiegelbewahrer der Ideen, Diskurse und Werte solche Bemühungen als platten Materialismus abtun. Ihr Achselzucken scheint dem in der fächerübergreifenden Denkfabrik von Stanford wirkenden Archäologen Morris keine Ruhe gelassen zu haben.

Durchaus in der Linie älterer Konzepte lässt der Autor nur zwei wirklich bedeutsame Umwälzungen in der Menschheitsgeschichte gelten: Stationäre Agrargesellschaften lösten vor etwa zehntausend Jahren die mobilen Wildbeuter ab, und trotz allen Innovationen, die zumal die handels- und seeorientierten Stadtstaaten der Antike und des Mittelalters oder die frühneuzeitlichen Holländer in Teilen so modern erscheinen lassen, konnte der Wachstumsdeckel von Ackerbau und Viehwirtschaft erst weggesprengt werden, als fossile Brennstoffe die zur Verfügung stehende Energie von acht- bis maximal dreißigtausend Kilokalorien pro Kopf und Tag auf sechsstellige Größen emportrieben.

Doch Morris erklärt nun auch provokativ die Wertsysteme der jeweiligen Gesellschaften aus ihren durch die verfügbare Energie bestimmten Lebensbedingungen. Demnach entwickelten Jäger und Sammler relativ egalitäre Strukturen, ließen wenig Ungleichheit zu, waren aber auch sehr gewalttätig. Dagegen dämmten Agrargesellschaften die Gewalt ein und pflegten steile Hierarchien, von der Sklaverei über die Dominanz des Mannes im Haus bis zum Gottkönig. Fossilenergiegesellschaften schließlich seien im Geschlechterverhältnis wie in der Politik tendenziell ausgesprochen egalitär und zugleich viel weniger gewalttätig als frühere Formationen. Was sich hier sehr holzschnittartig liest, unterfüttert der Autor überzeugend mit einer Fülle von Berechnungen und Forschungsergebnissen verschiedener Disziplinen. Zudem entwickelt er seine Thesen durchweg fragend-tentativ, nie dogmatisch, und legt seine Erklärungen in einer klaren, gut lesbaren Prosa dar.

Als unsichtbare Hand wirkt in seinem Modell die Evolution; sie bringt auf der Ebene der Gene, der Individuen, der Familien und der Großgruppen beständig Variationen hervor, die sich je nach ihrem Erfolg durchsetzen oder eben nicht, wobei die kulturelle Auslese prinzipiell ähnlich wirkt wie die natürliche - wenn auch im Bereich der Kultur selbstverständlich immer Gründe zu finden waren und sind, die Altes neben dem besser Angepassten überleben lassen. Wie Morris dabei etwa die Eifersucht als eine evolutionäre Anpassung plausibel macht, das ist schon ein Kabinettstückchen. Die Frage, ob bestimmte Figurationen und Entwicklungsschritte auf Zwang oder freiem Willen beruhten, spielt in diesem Modell keine Rolle. Morris hat in einer Welt, die kaum mehr Wildbeuter und Agrarökonomien fast nur noch in einem fossilenergetischen Setting kennt, die Fakten auf seiner Seite.

Auf die fünf Kapitel folgen vier kürzere oder längere Einreden gegen Morris' Thesen sowie eine ausführliche abschließende Replik darauf. Viel ungeduldiger als gegen den immer möglichen Einwand von Historikern, bei genauerem Hinsehen und aus geringerer Flughöhe ergäben sich Differenzierungen oder sogar möglicherweise falsifizierende Befunde, reagiert der Autor auf die moralphilosophische Kritik, die ihre Gleichheits- und Gerechtigkeitspostulate als "wahre moralische Werte" essentialisiere. Wer Geschichte in der Schule oder an der Universität zu vermitteln sucht, kennt das Problem: Hierarchien jeglicher Art erzeugen überwiegend Kopfschütteln, ja Abscheu. Und in der Tat waren weder gottgleiche Könige noch männliche Überlegenheit oder geborene Sklaven jemals "real" oder gar "natürlich", jedoch auch keine bloße Ideologie der Herrschenden: Weil diese drei Vorstellungen in der bäuerlichen Gesellschaft funktionierten, das heißt zum Gedeihen einer möglichst großen Zahl von Menschen beitrugen, "riet der gesunde Menschenverstand den Menschen, an sie zu glauben und ihre Werte entsprechend anzupassen".

Die alte historistische Verteidigungslinie, jede Epoche müsse nach ihren eigenen Maßstäben, nicht den unseren beurteilt werden, findet hier Verstärkung durch gänzlich unerwartete Truppen. Auf die Vorhaltung schließlich, nicht die Fossilenergie, sondern der Kapitalismus habe die Wachstumsexplosion seit 1800 ausgelöst, reagiert Morris, indem er auf nichtkapitalistische (und nichtfreiheitliche) Modernisierungsregime seit 1917 mit teils beachtlichen Wachstumsraten verweist.

Aus der entschiedenen Vogelperspektive der "Big History" kann die Menschheit freilich eine endliche Phase in der Geschichte der Erde darstellen. In Morris' Zählung gab es im Laufe der letzten zweitausend Jahre fünf Agrargesellschaften, die experimentierend an die Grenze des in dieser Wirtschaftsform Möglichen stießen, neben den griechischen Stadtstaaten auch das Mittelmeerreich der Römer, doch nur in Nordwesteuropa gelang um 1800 der Durchbruch, als die fossile Energie entfesselt wurde. "Heute gibt es dagegen nur noch ein einziges globales Experiment, und wenn dieses scheitert, droht uns allen die Katastrophe."

Trotz dieses Satzes werden Klima-Erregte aus der kühlen Rationalität des Buches nur wenig Honig saugen können, und postapokalyptische Szenarien auszumalen, überlässt Morris lieber der Literatur, darunter Margaret Atwood, die unter dem Titel "Wenn die Lichter ausgehen" einen der Kommentare beigesteuert hat. Seine eigenen Bemerkungen über eine mögliche dystopische Zukunft erweisen eher evolutionären Optimismus: Nützliche Fähigkeiten überleben, unnütze verschwinden, die Menschen verlassen sich auf ihren gesunden Menschenverstand und passen sich und ihre Werte der chaotischen neuen Wirklichkeit an. Kurzum: auch das richtige Buch für lange Covid-19-Abende.

UWE WALTER.

Ian Morris: "Beute, Ernte, Öl". Wie Energiequellen Gesellschaften formen.

Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2020. 432 S., geb., 26,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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