Archäologie der Gewalt - Clastres, Pierre

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Der Anthropologe und Ethnologie Pierre Clastres widmete sich zeit seines Lebens der Genealogie der Gewalt in primitiven Gesellschaften. In einer Reihe bahnbrechender, bislang nicht ins Deutsche übersetzter Essays entwickelt er die These, dass Stammesgesellschaften Gewalt systematisch praktizieren, gerade um zu verhindern, dass in ihrem Inneren das "kalte Monster" des Staates sich erhebt. Weder ist der Krieg hervorgegangen aus der Jagd (Leroi-Gourhan) noch ist er die Folge einer missglückten Handelsbeziehung (Lévi-Strauss). Nein: "Die primitive Gesellschaft ist eine Gesellschaft im permanenten…mehr

Produktbeschreibung
Der Anthropologe und Ethnologie Pierre Clastres widmete sich zeit seines Lebens der Genealogie der Gewalt in primitiven Gesellschaften. In einer Reihe bahnbrechender, bislang nicht ins Deutsche übersetzter Essays entwickelt er die These, dass Stammesgesellschaften Gewalt systematisch praktizieren, gerade um zu verhindern, dass in ihrem Inneren das "kalte Monster" des Staates sich erhebt. Weder ist der Krieg hervorgegangen aus der Jagd (Leroi-Gourhan) noch ist er die Folge einer missglückten Handelsbeziehung (Lévi-Strauss). Nein: "Die primitive Gesellschaft ist eine Gesellschaft im permanenten Kriegszustand", nur durch einen dauernden Schwebezustand der Feindschaft lässt sich jedwede politische Fusion verhindern und sich die Autonomie jeder (Klein-)Gruppe garantieren.

Denkt man diese staatenlose Gesellschaft als "eine Vielzahl von Gruppen, von denen jede jeder anderen gleichgestellt ist, wobei jede einzelne, einer Logik der Fliehkraft folgend, nach einer Ausdehnung ihres Wirkungskreises strebt", dann muss man den Krieg als das Mittel begreifen, welches das Fortbestehen dieser Logik garantiert, indem er unablässig Verstreuung und Zerstückelung generiert. "Nicht der Krieg ist Effekt von Segmentierung, die Segmentierung ist der Effekt des Krieges."

Gerade angesichts einer konfrontativen Gleichzeitigkeit von Globalisierung und Bürgerkrieg, von Taliban und G8 bietet das Denken Pierre Clastres heute einen nach wie vor äußerst fruchtbaren Ansatz zum Verständnis der Ursachen und Motive von Gewalt.
  • Produktdetails
  • Transpositionen
  • Verlag: Diaphanes
  • Seitenzahl: 128
  • Erscheinungstermin: 17. März 2008
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 137mm x 10mm
  • Gewicht: 191g
  • ISBN-13: 9783037340172
  • ISBN-10: 3037340177
  • Artikelnr.: 22845336
Rezensionen
Besprechung von 30.07.2008
Im Schatten der Gewaltdebatten
Erniedrigung und Schwäche: Wiederentdeckte Schriften französischer Denker liefern aktuelle Stichworte
An möglichen Anwendungsgebieten für hoch abstrakte Theorieprodukte französischer Herstellung mangelt es derzeit nicht. Der Dalai Lama spricht von einem „kulturellem Genozid” in Tibet, Hamas und andere Terrorgruppen werfen die Verhandlungen über einen eigenständigen Staat Palästina immer wieder dann durch Bombenanschläge zurück, wenn eine Einigung sich abzuzeichnen beginnt. Jonathan Littells Roman „Die Wohlgesinnten” und auch der Fall Amstetten haben die Frage nach Ursache und Ursprung der Gewalt im Einzelnen neu aufgeworfen. Angesichts solch archaisch anmutender Eruptionen des Grauens könnte dies also eigentlich der richtige Zeitpunkt sein, sich wieder anthropologisch der „Archäologie der Gewalt” und philosophisch der Konstellation von „Henker und Opfer” zuzuwenden.
In den zwischen 1969 und 1977 entstandenen Aufsätzen, die jetzt erstmals auf Deutsch vorliegen, deutet der französische Ethnologe Pierre Clastres (1934-1977) den Ethnozid als „systematische Zerstörung der Lebens- und Denkweisen von Leuten”, die sich von denen der Täter unterscheide. So werde der Geist eines Volkes getötet. Für Clastres ist die abendländische Zivilisation und die aus ihr hervorgegangene Staatsmaschinerie schon in ihrem Inneren ethnozidär veranlagt. Sie enthalte den Willen zur Reduzierung der Differenz und Andersartigkeit und bevorzuge das Gleiche und Eine. Die Ursache dafür sei letztlich der Kapitalismus. Dieser mache es unmöglich, diesseits einer Grenze zu verbleiben, da er immer weiter nach vorn flüchte – und dabei alles mit sich reißt. Interessanterweise verbucht der Schüler von Claude Lévi-Strauss die gewaltsame Praxis des Staates als Ausdruck seiner Schwäche. Die Gewalt gegen Minderheiten habe ein Ende, wenn der Staat sich nicht mehr in Gefahr sieht. Abkommen über wirtschaftliche Zusammenarbeit und Sicherheitsgarantien etwa für den Iran oder Nordkorea ließen sich so begründen.
Entmachtung des Subjekts
Im Weiteren ergeht sich Clastres jedoch in einer kruden Quasi-Apologie der Kriege primitiver Stammesgruppen, die dadurch „ihr Sein selbst bewahren” und die Entstehung eines Staates verhindern wollten. „Die Gemeinschaft will bei ihrem ungeteilten Sein verharren” und verhindere deswegen, dass sich mit dem per se schlechten Staat eine „vereinheitlichende Instanz vom gesellschaftlichen Körper abtrennt”, wäre doch sonst die Teilung in Herr und Knecht unabdingbar. Dieser ethno-strukturalistischer Ansatz erhellt heute im besten Fall das Machtkalkül terroristischer Gruppen und deren Versuche, den nation-building-Bemühungen entgegenzuwirken. Die deklaratorische Verdammung des Staates hat dagegen etwas merklich Verstaubtes an sich. In Anbetracht des pluralen Verfassungsstaates, der Minderheiten heute ja gerade zu schützen weiß, mutet die pauschale Ablehnung der Staatsform an sich kontraproduktiv an.
Georges Batailles Reflexionen über „Henker und Opfer” suchen nach einem anderen Zugang zur Gewaltfrage. Phasenweise lesen sich die 1947 entstandenen Aufzeichnungen wie ein ferner Kommentar zum Drama im niederösterreichischen Verlies von Amstetten. Die Schmerzen, die Menschen widerfahren, wirken weniger beunruhigend, solange gemeinsam und einhellig gegen sie vorgegangen werde, wie etwa bei Naturkatastrophen. „Erniedrigung, Schande und Schwachheit”, die allmählich das „Bollwerk der Vernunft” zerstören, treffen uns viel stärker. Bataille will trotzdem in die Abgründe der Seele blicken, denn es sei die Kenntnis des möglichen Schmerzes, die menschlich mache.
Mit abstrakten Theoremen, wie etwa Clastres’ Strukturalismus, sei das Entsetzliche, jenseits eines Normalzustandes, nicht zu entdecken. Oft könne nur die Feigheit eine Grenze der Grausamkeit sein, aber für diese Feigheit gebe es keine Grenze. Damit klingt von ferne das theoretische Zentrum der Philosophie Batailles an, die Entmachtung des Subjekts und die Erfahrung von ekstatischer Grenzüberschreitung. Der dünne Band ermöglicht aber kaum mehr als einen assoziativen Einblick in das Surrealismus, Psychoanalyse und Soziologie verbindende Werk.
Bataille steht unter dem Einfluss der rational nicht mehr greifbaren Katastrophe des Zweiten Weltkriegs. Das Subjekt ist entmachtet – und gerade deswegen zu allem fähig, bis hin zum Handwerk des Henkers im Konzentrationslager. Bei Clastres sind eine Generation später die omnipotenten und alles determinierenden „Strukturen” an dessen Stelle getreten. Jan Philipp Reemtsmas hat dagegen in seiner in diesem Jahr veröffentlichten großen Studie „Vertrauen und Gewalt” das Selbstzweckhafte der Gewalt ins Zentrum gestellt, das auf die Zerstörung des Körpers des Opfers abzielt und dabei den Wunsch nach absoluter Macht zu erfüllen versucht. Die Gewaltdebatte wird sich in den kommenden Jahren wohl eher an diesem Erklärungsansatz orientieren. LUTZ LICHTENBERGER
GEORGES BATAILLE: Henker und Opfer. Mit einem Vorwort von André Mason. Matthes & Seitz Verlag, Berlin, 2008, 96 Seiten, 10 Euro.
PIERRE CLASTRES: Archäologie der Gewalt. Aus dem Französischen von Marc Blankenburg, Diaphanes Verlag, Zürich, 2008, 125 Seiten, 18,90 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.sz-content.de
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Der anthropologische Blick auf die Gewalt, den Pierre Clastres in den zwischen 1969 und 1977 entstandenen, jetzt erstmals auf Deutsch vorliegenden Texten vorstellt, erscheint Lutz Lichtenberger nur noch bedingt zeitgemäß. Die Betrachtung von Gewalt als Ausdruck des Willens zur Einebnung von Differenz erhellt ihm bestenfalls das Kalkül des Terrors, der staatliche Strukturen zu verhindern beziehungsweise zu zerstören sucht. Angesichts des heutigen pluralen Verfassungsstaates kommt Lichtenberger Clastres "Verdammung des Staates" verstaubt vor.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Ist man erst einmal bereit, in der primitiven Lebensweise eine Form von Gesellschaft zu sehen, dann zeigt sich, wie Clastres aus ethnologischer Perspektive zur Kontroverse um die Pazifizierbarkeit von Gesellschaften und insbesondere zum Verständnis der Spannung zwischen Bedürfnis und Widerwille angesichts externer Regulierung beitragen kann." Astrid Jakob, Philosophischer Literaturanzeiger