Der Deutsche Gewerkschaftsbund 1956-1963 - Schönhoven, Klaus / Weber, Hermann (Hgg.)

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Die Edition gehört mit bislang 11 Bänden zum festen Bestand geistes- und sozialwissenschaftlicher Standardwerke. Der wissenschaftlichen Forschung werden wichtige Materialien zur Erschließung gesellschaftspolitischer Probleme und gewerkschaftlicher Vorstellungen seit Beginn des Ersten Weltkriegs zugänglich gemacht, vieles davon zum ersten Mal. Band 12 dokumentiert eine Zeit, die von programmatischem Wandel geprägt war. Der Bundesvorstand des DGB nahm seine Aufgaben als politischer Akteur in der Bundesrepublik entschlossener wahr als früher. Zwischen den Gewerkschaften kam es immer wieder zu…mehr

Produktbeschreibung
Die Edition gehört mit bislang 11 Bänden zum festen Bestand geistes- und sozialwissenschaftlicher Standardwerke. Der wissenschaftlichen Forschung werden wichtige Materialien zur Erschließung gesellschaftspolitischer Probleme und gewerkschaftlicher Vorstellungen seit Beginn des Ersten Weltkriegs zugänglich gemacht, vieles davon zum ersten Mal. Band 12 dokumentiert eine Zeit, die von programmatischem Wandel geprägt war. Der Bundesvorstand des DGB nahm seine Aufgaben als politischer Akteur in der Bundesrepublik entschlossener wahr als früher. Zwischen den Gewerkschaften kam es immer wieder zu Grundsatzdiskussionen über ihr Selbstverständnis und ihre Rolle in der Demokratie sowie die Reichweite einer gemeinsamen Interessenpolitik. Die Ablehnung von atomarer Bewaffnung und Notstandsgesetzgebung stand dabei ebenso zur Debatte wie die Kritik des DGB an der Regierung Adenauer. Ferner eröffnet der Band neue Zugänge zu den deutschlandpolitischen Vorstellungen der Gewerkschaften und ihrer internationalen Vernetzung. Die Edition ermöglicht viele Einblicke in das spannungsreiche Verhältnis zwischen dem DGB als Dachverband und seinen selbstbewussten Einzelverbänden.
Autorenporträt
Klaus Schönhoven: geb. 1942, Dr. phil., ist seit 1984 Professor für Politische Wissenschaft und Zeitgeschichte an der Universität Mannheim.

Hermann Weber: geb. 1928, Dr. phil., Dr. h. c., em. Professor für Politische Wissenschaft und Zeitgeschichte an der Universität Mannheim.
Rezensionen
Besprechung von 24.02.2006
Gegen die Feinde der Demokratie
Die Sitzungsprotokolle des Bundesvorstandes des Deutschen Gewerkschaftsbundes 1956 bis 1963

Für die westdeutschen Gewerkschaften war es eine vergleichsweise ruhige und wenig spektakuläre Zeit. Aus heutiger Sicht, wo Gewerkschaften massive Mitgliederverluste beklagen müssen, im ständigen Konflikt mit der SPD als traditionellem politischen Bündnispartner liegen, Reallohnzuwächse ein schöner Traum sind und die Errungenschaft der Flächentarifverträge immer stärker unter Beschuß gerät, erscheinen die späten fünfziger und frühen sechziger Jahre geradezu als märchenhaft. Die Konjunktur boomte, Vollbeschäftigung blieb kein leeres Programmversprechen, aktive Lohnpolitik und Expansion der Sozialleistungen gehörten zur Signatur der Zeit. Die Einzelgewerkschaften und der DGB als Dachverband verfügten über eine politisch starke Stellung, so heftig auch die öffentliche Polemik gegen sie bisweilen ausfiel. Die beiden großen Streiks mit überregionaler Bedeutung von 1956/57 in Schleswig-Holstein und 1963 (mit Aussperrung) in Baden-Württemberg konnte die IG Metall als größter und stärkster Verband erfolgreich durchstehen und im wesentlichen für sich entscheiden. Schließlich brachte das neue Grundsatzprogramm von 1963 die notwendige ideologische Modernisierung, gewissermaßen das gewerkschaftliche "Godesberg". Parallel zu einem weitreichenden Generationswechsel im Führungspersonal fand die programmatische Anpassung an die veränderte politische Großwetterlage statt. Und das Düsseldorfer Programm bedeutete mit seinem Verzicht auf die Formulierung von Endzielen und gesellschaftlichen Gegenentwürfen de facto den Abschied vom Münchener Gründungskongreß, der noch von Sozialisierung und Planwirtschaft bestimmt gewesen war.

Aber auch harte Konflikte fielen in diese Zeit: der erbitterte Streit um die Atombewaffnung der Bundeswehr seit 1957/8, an dem sich die Gewerkschaften engagiert beteiligten; die bereits ansatzweise sichtbar werdende Strukturkrise des Ruhrbergbaus, die 1966 dann Erhards Sturz wesentlich beschleunigte; die Vorboten der heftigen Auseinandersetzung um die Notstandsgesetze, die während der Großen Koalition die Gewerkschaften zeitweilig zu einem wichtigen Element der außerparlamentarischen Opposition machte. Aus der breiten Palette von Themen, mit denen sich die DGB-Spitze befaßte, haben die Bearbeiter sich auf fünf thematische Schwerpunkte konzentriert: den Wandel des Führungspersonals, die Programm- und Satzungsdebatten, Probleme der Organisations- und Mitgliederentwicklung, sozialökonomische Weichenstellungen in der späten Adenauer-Ära und schließlich auf den DGB als politischen Akteur in den Ost-West-Fragen, der Atombewaffnung und der Notstandsgesetzgebung.

Breiter Raum wird den traditionell in der Arbeiterbewegung besonders ausgeprägten Satzungsdebatten und der Aufgabenbestimmung der Gewerkschaften (Dokument 67 über die Sondersitzung vom 3./4. Februar 1960 ist sehr aufschlußreich) gewidmet. Dazu gehörten auch die Reformdiskussionen, die auf das diffizile Verhältnis von DGB und Einzelgewerkschaften zielten. Letzteres mußte immer wieder neu bestimmt werden und verlangte in der Praxis gerade vom DGB-Vorstand viel Fingerspitzengefühl. Eine Stärkung der Spitze konnte letztlich gegen den Widerstand der großen Einzelverbände, insbesondere der IG Metall, nicht erreicht werden.

Die Dokumente belegen die erheblich erweiterte Palette von Aufgaben der Gewerkschaften in Politik und Gesellschaft. Dazu gehörten neben europäischen Fragen, dem Verhältnis zu den Medien, den Kirchen und zur aktuellen Politik auch Stellungnahmen zu den antisemitischen Schmierereien an der Kölner Synagoge 1960 oder zu den Ostermärschen. Wenig bietet der Band - und das markiert die relativ engen Grenzen dieser Quellengattung - über die großen Streiks von 1956/57 und 1963, die beide überregionale und grundsätzliche Bedeutung hatten. Fast völlig fehlt das Thema "Gastarbeiter", das in dieser Phase schnell an politischer und sozialer Bedeutung gewann.

Aus heutiger Sicht und angesichts öffentlicher Debatten um Stasi-Aktivitäten im Westen mag die Thematik der Ostkontakte und der Abwehr der ständigen propagandistischen Kontaktversuche des FDGB besondere Aufmerksamkeit finden. Sie taucht in den Sitzungsprotokollen immer wieder auf, ohne eine dominierende Rolle zu spielen. Die in den frühen fünfziger Jahren abgesteckte Linie - durch den Beschluß des Stuttgarter Kongresses 1959 bekräftigt - blieb auch nach dem Mauerbau vom August 1961 gültig: keine offiziellen Kontakte zum FDGB und offensive Auseinandersetzung mit den "Feinden der Demokratie" - so der Titel eines eigenen Informationsdienstes, der sich mit rechts- und linksradikalen Gruppierungen und Aktivitäten befaßte.

Zum 1. Mai 1957 hatte der DGB noch eine ausführliche Erklärung zur Wiedervereinigung herausgegeben, in der nationale und soziale Ziele eng verflochten waren. Eine Wiedervereinigung sollte demnach "weder den Anschluß eines Teiles an den anderen noch die Gleichschaltung des einen Bereichs mit dem anderen bedeuten". Für diese Neuordnung eines wiedervereinigten Deutschlands wurden eine lange Reihe staatlicher, sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Grundsätze formuliert, die zum Teil auf die tradierten gewerkschaftlichen Postulate der frühen Nachkriegsjahre zurückgriffen. So sollte der Grundsatz der Überführung von Schlüsselindustrien in eine Gemeinwirtschaft bei der Neuordnung der "Volkseigenen Betriebe" beachtet werden.

An Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ der für die Zeit typische Tenor der Erklärung zum Mauerbau 1961 und zur Terrorwelle in den Wochen danach: "Die brutale Unterdrückung durch das Ulbricht-System unterscheidet sich durch nichts von dem Terror der Nazis." Von einer Stellungnahme zum Entwurf des "Gesetzbuchs der Arbeit" abgesehen, fanden jedoch interne Vorgänge in der DDR insgesamt nur geringen Niederschlag in den Beratungen des Bundesvorstandes. Deutschlandpolitisch wurden die Gewerkschaften aber mittelfristig ebenso wie die Parteien durch den Mauerbau 1961 zu neuen Überlegungen gezwungen. Das Festhalten am alten, mit großer Verve verfochtenen Ziel der schnellen Wiedervereinigung verlor doch immer mehr an Glaubwürdigkeit.

Der Band folgt den Editionsprinzipien der 1984 konzipierten Reihe. Er bietet im wesentlichen eine Auswahl aus den Sitzungsprotokollen des Bundesvorstandes des DGB. Er ist vorzüglich gestaltet, durch detaillierte Register erschlossen und von den Bearbeitern sachkundig eingeleitet. Er bietet gute Einstiege in die westdeutsche Gewerkschaftsgeschichte dieser Zeit, auch wenn er deren Darstellung und Analyse natürlich nicht ersetzen kann.

CHRISTOPH KLESSMANN

Der Deutsche Gewerkschaftsbund 1956 bis 1963. Bearbeitet von Jens Hildebrandt unter Mitarbeit von Boris Schwitzer. Quellen zur Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung im 20. Jahrhundert, Band 12. Verlag J. H. W. Dietz, Bonn 2005. 970 S., 78,- [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Die vorliegenden Sitzungsprotokolle des Bundesvorstandes des Deutschen Gewerkschaftsbundes von 1956 bis 1963 erscheinen Rezensent Christoph Klessmann im Blick auf Geschichte der westdeutschen Gewerkschaftsbewegung durchaus instruktiv. Die Bearbeiter Jens Hildebrandt und Boris Schwitzer haben Klessmann zufolge aus der breiten Palette von Themen, mit denen sich die DGB-Spitze befasste, fünf Schwerpunkte gewählt: den Wandel des Führungspersonals, die Programm- und Satzungsdebatten, Probleme der Organisations- und Mitgliederentwicklung, sozialökonomische Weichenstellungen und schließlich Ost-West-Fragen sowie Fragen Atombewaffnung und Notstandsgesetzgebung. Die Dokumente belegen nach Ansicht Klessmanns die "erheblich erweiterte Palette von Aufgaben der Gewerkschaften in Politik und Gesellschaft". Lobend äußert er sich über die Gestaltung des Bandes, das detaillierte Register und die sachkundige Einleitung der Bearbeiter. "Er bietet gute Einstiege in die westdeutsche Gewerkschaftsgeschichte dieser Zeit", so Klessmanns Fazit über den Band, "auch wenn er deren Darstellung und Analyse natürlich nicht ersetzen kann".

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