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Über das Ende der religiösen Vielfalt und Akzeptanz im alten Rom - eingeläutet durch das Christentum.
Das alte Rom war in vielerlei Hinsicht fortschrittlich. Unzählige Götter und Religionen lebten in der Millionenstadt am Tiber nebeneinander - es war eine politische Strategie des Weltreiches, andere Kulturen und deren Rituale zu integrieren, aber auch Religionskritik und Skepsis zu akzeptieren. Wie sich das mit dem Aufkommen des Christentums änderte und wie religiöse Intoleranz und Toleranz entstanden, zeichnet Stephen Greenblatt in seinem Essay nach. Damit zeigt er auch, wie sich aus der…mehr

Produktbeschreibung
Über das Ende der religiösen Vielfalt und Akzeptanz im alten Rom - eingeläutet durch das Christentum.

Das alte Rom war in vielerlei Hinsicht fortschrittlich. Unzählige Götter und Religionen lebten in der Millionenstadt am Tiber nebeneinander - es war eine politische Strategie des Weltreiches, andere Kulturen und deren Rituale zu integrieren, aber auch Religionskritik und Skepsis zu akzeptieren. Wie sich das mit dem Aufkommen des Christentums änderte und wie religiöse Intoleranz und Toleranz entstanden, zeichnet Stephen Greenblatt in seinem Essay nach. Damit zeigt er auch, wie sich aus der kultischen Vielfalt der Antike eine Gesellschaft entwickelte, die auf Reinheit und Einheitlichkeit, auf Zerstörung und Zensur setzte. Vor allem die materialistische Vorstellung völlig unbeteiligter Götter erwies sich bald als etwas, das unter keinen Umständen toleriert werden konnte und dessen Träger (ob Bücher oder Menschen) vernichtet werden musste.
  • Produktdetails
  • Historische Geisteswissenschaften. Frankfurter Vorträge .12
  • Verlag: Wallstein
  • Seitenzahl: 144
  • Erscheinungstermin: 4. November 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 200mm x 118mm x 15mm
  • Gewicht: 186g
  • ISBN-13: 9783835335752
  • ISBN-10: 3835335758
  • Artikelnr.: 56526324
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 26.11.2019

Wenn Christen Unkraut jäten
Stephen Greenblatt über die Erfindung der Intoleranz
An einem Abend gegen Ende des zweiten Jahrhunderts gehen drei Freunde am Strand von Ostia spazieren. Einer wirft der Statue der Serapis, der römisch-ägyptischen Göttin, eine Kusshand zu. Entgeistert schauen ihn seine Freunde an: Wie er denn einem Stein eine solche Zuwendung entbieten könne? Ob das nicht Aberglaube und Götzendienst sei?
Dann kommen den Freunden Zweifel: Vielleicht verberge sich nur eine gute Gewohnheit in dieser Geste. Das Gespräch ist als Fragment eines ansonsten unbekannt gebliebenen Apologeten namens Minucius Felix überliefert. Es bildet den Ausgangspunkt für ein Traktat des amerikanischen Literaturwissenschaftlers Stephen Greenblatt, der damit klären möchte, warum der Streit zwischen dem einen Gott der Christen, dem antiken Polytheismus und dem Atheismus bis heute nicht aufgelöst ist.
Stephen Greenblatt, eigentlich ein literaturwissenschaftlicher Fachmann für Shakespeare und die Renaissance, präsentiert in der ersten Hälfte seines Buches eine Geschichte des Christentums. Sie handelt vom aufhaltsamen Aufstieg erbarmungslos Liebender. Während der Erfolg Roms darauf beruht habe, dass man fremde Götter zu eigenen machte und jeden nach seiner Façon opfern ließ, habe das Christentum eine unbedingte Verpflichtung auf seinen Stifter in die Welt getragen. Die frühen Christen hätten sich, so Greenblatt, in ihren Ansprüchen weder ethisch noch sozial zurückgehalten. Vor allem hätten sie die vorgefundene Vielfalt nicht dulden wollen.
Nicht verwunderlich also, dass die alten Römer ihre Lebensart bedroht sahen. Sie wehrten sich, indem sie die Horrorgeschichten, die man sich seit Langem vom stets gewalt- und paarungsbereiten Treiben der Dionysos-Anhänger erzählt hatte, auf die Christen ausweiteten. Es dauerte eine Weile, bis der Kaiser und seine Getreuen verstanden hatten, dass die Anklagen erfunden waren. Daraufhin wurde – für und zugleich gegen die neue Religion – ein Toleranzedikt verhängt: „Offen und frei“ sollte fortan jeder seinen Kult ausüben dürfen. Das war im Jahr 313.
Schon kurze Zeit später war das Christentum Staatsreligion. Und seine Würdenträger begannen, darüber zu debattieren, ob das Gleichnis Jesu, wonach niemand das Unkraut jäten solle, um dem Weizen nicht zu schaden, für oder gegen die Hinrichtung von Irrlehrern und Gottesleugnern spreche.
Greenblatts Ausführungen berühren hier Motive, die in jüngerer Zeit in Schriften wider den Fanatismus oder zumindest gegen die geringe Toleranzbereitschaft monotheistischer Religionen vorgebracht wurden. Dabei unterschlägt Greenblatt indessen die in dieser Hinsicht wichtigste Eigenheit des Christentums, nämlich die Zusammenführung eines alles Göttliche enthaltenden Gottes (der alleinige Gott des Judentums) mit einem alles Menschliche umfassenden „Gottessohn“.
Aus dieser Verbindung erst resultiert die Sorge um den Nächsten als Pflicht – und das schließt die Missionierung sowie den Kampf gegen Häretiker ein. Das Christentum konnte, so gesehen, gar nichts anderes werden als Staatsreligion. Und es ließ sich dennoch vom Staat durchdringen: Das aus der Lehre von der Nächstenliebe hervorgehende Prinzip der Toleranz ist das Ferment sämtlicher Regelungen zu Menschenrechten und Religionsfreiheit, die heute in der westlichen Welt anzutreffen sind.
Und noch eine Eigenheit des Christentums unterschlägt Greenblatt. In der Spätantike wurde es nicht radikaler, sondern heidnischer. Denn bei allem Eifer für ihren Stifter – den „Weg, die Wahrheit und das Ziel“ – galt es, das tägliche Leben im Hier und Jetzt zu bestreiten. Dafür stand ein reiches Reservoir an Gesten und Personifikationen zur Verfügung, mit dem man optimistisch auf Fruchtbarkeit oder gute Ernte blicken konnte. Muttergottheiten überlebten in Marienwallfahrtsorten und Wassergeister an gesegneten Quellen. Gegenüber der Universalität des aus dem Judentum stammenden allmächtigen Gottes hielt die pagane Welt – und als „paganus“ beschimpfte man auf Lateinisch den dummen Bauern – alles zur Verortung der Lebenswelt bereit.
Im etwas kürzeren zweiten Teil seines Buches kehrt Stephen Greenblatt die Frage um: Wie konnte, unter den Bedingungen christlicher Intoleranz, die antike Vielfalt samt ihrer Skepsis gegenüber den Göttern überleben? Am Beispiel von Lukrez’ Langgedicht „De rerum natura“ führt Greenblatt vor, wie Kulturtechniken der Gelehrsamkeit ein dem christlichen Glauben widersprechendes Werk in der Renaissance in eine Art Kälteschlaf versetzten. Dass Lukrez der Unendlichkeit des Kosmos mit seinen sich ewig wandelnden, aus Atomen bestehenden Grundformen, der Vergänglichkeit der Seele und folglich der Lust als höchstem Lebensziel huldigte, wurde von einer historisch denkenden Philologie überdeckt, die alle lebenspraktischen Implikationen in ein Zeugnis des Altertums verwandelten. Die Wiederbelebung des sorgsam einbalsamierten Gedichtkörpers erfolgte danach durch Dichter, die sich auf die ästhetischen Eigenschaften der Vorlage beriefen und somit die Wahrheitsfrage zu einer künstlerischen umdeuteten. An diesem Punkt steht sie, laut Greenblatt, noch heute.
Diese Apologie der Kunst als Signatur einer ebenso kulturellen wie natürlichen Evolution – zu der das Christentum das Seine beiträgt, weil es den Widerstreit von wahrer und falscher Religion, von Gottesfurcht und Weltfreude erst ermöglicht – ist vielleicht selbst eine Kusshand an Serapis. Der Autor wirft sie an den materialistischen Vereinfachern der Welt ebenso vorbei wie an evangelikalen oder islamistischen Gotteskriegern.
Vor allem erweist seine Geste der Philologie als Magd der Dichtung Reverenz. Und sie demonstriert, dass man das schlechthin Sinnlose nicht verteidigen kann. Wäre man nicht ein skeptischer Humanist, man könnte dieses Unternehmen einen Gottesbeweis nach der Natur des Menschen nennen.
ULRICH VAN LOYEN
Stephen Greenblatt:
Die Erfindung der Intoleranz. Rom und das Christentum. Aus dem Englischen von Tobias Roth. Wallstein
Verlag, Göttingen 2019.
144 Seiten, 12 Euro.
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