Troia und Homer - Latacz, Joachim
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Homers Troia-Drama 'Ilias' ist das erste Literaturdokument Europas. Die 'Ilias' wurde jedoch erst rund 450 Jahre nach dem Untergang Troias verfasst. Kann die Geschichte im Kern trotzdem wahr sein? Neue Quellen machen das jetzt sehr wahrscheinlich. Für alle Liebhaber des Altertums - gerade auch die Nichtspezialisten - zeichnet Joachim Latacz, einer der besten Kenner der Troia-Frage, in einer spannenden Beweisführung die Wege der verschiedenen Disziplinen der Altertumsforschung zur Lösung des Problems nach. Allen voran die moderne Archäologie, deren Grabungen am Hügel von Troia-Hisarlik Latacz…mehr

Produktbeschreibung
Homers Troia-Drama 'Ilias' ist das erste Literaturdokument Europas. Die 'Ilias' wurde jedoch erst rund 450 Jahre nach dem Untergang Troias verfasst. Kann die Geschichte im Kern trotzdem wahr sein? Neue Quellen machen das jetzt sehr wahrscheinlich. Für alle Liebhaber des Altertums - gerade auch die Nichtspezialisten - zeichnet Joachim Latacz, einer der besten Kenner der Troia-Frage, in einer spannenden Beweisführung die Wege der verschiedenen Disziplinen der Altertumsforschung zur Lösung des Problems nach. Allen voran die moderne Archäologie, deren Grabungen am Hügel von Troia-Hisarlik Latacz seit ihrem Neubeginn 1988 intensiv verfolgt hat. Das Buch ist eine fesselnde Darstellung des neuesten Forschungsstands zum großen Thema 'Troia und Homer'.
  • Produktdetails
  • Verlag: Koehler & Amelang
  • Artikelnr. des Verlages: 2562438
  • 6. Aufl.
  • Seitenzahl: 464
  • Erscheinungstermin: September 2010
  • Deutsch
  • Abmessung: 214mm x 136mm x 33mm
  • Gewicht: 670g
  • ISBN-13: 9783733803322
  • ISBN-10: 3733803329
  • Artikelnr.: 13345620
Autorenporträt
Joachim Latacz, geboren 1934, ist einer der weltweit besten Kenner Homers. Seit 1981 lehrt er Griechische Philologie an der Universität Basel. Als Autor und Herausgeber veröffentlichte er zahlreiche Werke zu Homer und der altgriechischen Literatur.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 23.07.2001

Was ich entschieden bestreite!
Der Kampf um Troia geht weiter: Zwei Bücher von Dieter Hertel und Joachim Latacz im Gespräch

Passend zur Ausstellung "Troia - Traum und Wirklichkeit" (F.A.Z. vom 28. März 2001), die nach Stuttgart nun bis zum 14. Oktober in Braunschweig zu sehen ist, sind zwei Bücher erschienen, in denen die Ergebnisse der vielbeachteten Grabungen des Tübinger Prähistorikers Manfred Korfmann am Hügel von Hisarlik und die möglichen Folgerungen daraus vorgestellt werden.

Joachim Latacz, Altphilologe und Homer-Forscher, sucht in der stringenten Kombination der Resultate und Hypothesen verschiedenster Disziplinen wahrscheinlich zu machen, daß die Ilias kein Produkt dichterischer Phantasie war, die sich im achten vorchristlichen Jahrhundert allenfalls von einigen unverstandenen Ruinen aus grauer Vorzeit inspirieren ließ, sondern als erste Verschriftlichung einer ununterbrochenen Kette mündlich tradierter Hexameterdichtung die Erinnerung an einen historischen Krieg um Troia in der Bronzezeit bewahrt habe. Dieses Troia sei ein bedeutendes Zentrum im Machtgefüge des Vorderen Orients gewesen.

Der Archäologe Dieter Hertel konzentriert sich in seiner knapperen Darstellung weitgehend auf die archäologischen Überreste der verschiedenen Troias und sucht die vor Korfmanns Grabungen überwiegende Ansicht, wonach die homerischen Epen nicht zur Rekonstruktion von Geschehnissen im zweiten vorchristlichen Jahrtausend benutzt werden können, erneut zu erhärten. Was freilich auffällt, ist der mitunter beinahe missionarische Ton in beiden Büchern. Um so mehr scheint es geboten, die Autoren in einen Dialog zu bringen.

WALTER: Für Sie, Herr Latacz, ist die Beschäftigung mit Troia und Homer nicht nur mehr als eine intellektuelle Spielerei, sondern geradezu ein Weg, den eigenen Ursprung zu ergründen und Helligkeit zu schaffen, wo vorher "dunkle Ungeordnetheiten" waren. Und auch Sie, Herr Hertel, fühlen sich aufklärerischem Denken verpflichtet, warnen aber zugleich vor neuen Mythen. Warum dieses Oppositionsmanifest?

HERTEL: Korfmanns suggestive Rekonstruktionen aus dem Computer, die Troia VI - das ist die Zeitschicht von etwa 1700 bis 1300 vor Christus - als altorientalische Residenzstadt mit bis zu zehntausend Einwohnern und ein Zentrum des bronzezeitlichen Welthandels zeigen, standen ja sogar schon in der Bild-Zeitung. Das ist aber reine Phantasie. Die hohen Kosten, die medial verstärkte Fixierung auf positive, "vorzeigbare" Entdeckungen und die nicht zuletzt durch Schliemann begründete Erwartung, man könne die Geschichte wenn nicht des, so doch eines großen Krieges um Troia mit dem Spaten ausgraben, all dies führt dazu, minimale und unklare Befunde zu extrapolieren. Hinzu kommen die Rhetorik des Sensationellen und die Hoffnung auf den einen, alles entscheidenden Fund.

LATACZ: Warum schätzen gerade Sie als Archäologe die Erkenntnismöglichkeiten Ihrer eigenen Disziplin so skeptisch ein? Es sind ja nicht nur die große Unterstadt und deren eindrucksvolle, freilich in hellenistisch-römischer Zeit abgetragene Befestigungsanlage, die Troia VI in den Kreis anatolischer Residenz- und Handelsstädte rücken . . .

HERTEL: Was ich entschieden bestreite!

LATACZ: . . . sondern auch ein 1995 gefundenes Bronzesiegel, das nach Schrift und Sprache in den Kontext der hethitisch-luwischen Staatsbildungen mit dem Zentrum Hattusa gehört. Was die Griechen später als "(W)Ilios" bezeichneten, hieß in hethitischer Zeit "Wilusa", und dieses über lange Zeit durchaus eigenständige Teilreich ist durch Erwähnungen in Staatsverträgen gesichert, in denen übrigens als sein Fürst ein Alaksandu genannt wird; dieser Name ist in leicht veränderter Form dann in die griechische Sage eingegangen und steht bei Homer: Alexandros/Paris, der Entführer der Helena. Das besagte Siegel dürfte jedenfalls der Restbestand einer wilusischen Staatskanzlei sein.

HERTEL: Die Gleichsetzung von Wilusa mit (W)Ilios/Troia ist sprachgeschichtlich ebensowenig gesichert wie die von Alaksandu und Alexandros. Viel wichtiger aber: Das Bronzesiegel ist ein völlig isolierter Fund; es fehlt ansonsten jedes Indiz, daß die Bewohner von Troia VI und VIIa (1300 bis 1200 vor Christus) schreiben konnten, wie es dort überhaupt kaum hethitische, mykenische oder gar ägyptische Fundstücke gibt - etwas wenig für einen "Vormachtposten in einer Art Hanse-System" an der Nahtstelle von Orient und Europa.

LATACZ: Sie argumentieren immer nur mit den Lücken und ignorieren die kontinuierlich größer werdenden Wissensinseln, die sich immer deutlicher vernetzen. Auch wenn die herkömmlichen sprachwissenschaftlichen Beweisverfahren den ansonsten vorliegenden Fakten (noch) nicht gewachsen erscheinen, führt die Integration der archäologisch und philologisch gewonnenen Indizien zu einem Resultat, das die methodisch anfangs vielleicht bedenkliche Hypothesenbildung nachträglich zu rechtfertigen vermag. Dagegen führt es einfach nicht weiter, wenn die Archäologen nur ihre Mauern und Scherben interpretieren, die Philologen ihren Homer als reine Phantasieschöpfung eines Originalgenies lesen und die Historiker sich weigern, Dokumente zur Kenntnis zu nehmen, nur weil diese nicht auf griechisch geschrieben sind. Fachliche Selbstisolation und Eurozentrismus können wir uns einfach nicht mehr leisten! Schon längst müßte anerkannt sein, daß auch die Bezeichnungen für die Angreifer bei Homer, die "Achaier" oder "Danaer", in hethitischen beziehungsweise ägyptischen Texten erscheinen, als "Achijawa" und "Danaja". Übrigens haben die Griechen immer geglaubt, daß es zwischen der griechischen Landschaft Argos und Ägypten eine alte Verbindung gab. Vielleicht enthält der Danaidenmythos tatsächlich einen historischen Kern.

WALTER: Also hat Martin Bernal doch recht mit seiner "Schwarzen Athena"?

LATACZ: Bitte bleiben Sie doch sachlich! Es geht darum, daß eine griechische Sage, der homerische Text und die mykenischen Burgen auf der Peloponnes durch unbezweifelbare außergriechische Dokumente verbunden werden können und gemeinsam plötzlich einen Sinn ergeben. Homers Handlungskulisse ist historisch, die Ilias kann, ja muß deshalb auch als Geschichtsbuch gelesen werden. Wie wir seit der Entzifferung der Linear-B-Täfelchen im Jahre 1956 wissen, sprachen die Bewohner der mykenischen Paläste ein frühes Griechisch, waren also Griechen, und . . .

WALTER: Ist diese Gleichsetzung von Sprache und Ethnizität überhaupt zulässig?

LATACZ: Also, wenn Sie das in Frage stellen, dann bricht alles zusammen. Von den Griechen des zweiten Jahrtausends bis zu den Griechen im achten Jahrhundert gibt es eine direkte Kontinuitätslinie. Zwar änderten sich die Siedlungsverhältnisse sowie die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Verhältnisse zwischenzeitlich in den "Dunklen Jahrhunderten" tiefgreifend. Aber die menschliche Gemeinschaft, die Träger dieser Veränderungen war, blieb die gleiche.

WALTER: Ihr letzter Satz scheint mir unhaltbar, weil er Ethnien als kontextunabhängige und wandelresistente Entitäten voraussetzt.

LATACZ: Sie gehören also zu diesen Unbelehrbaren, die Wissenschaft mit habituellem Skeptizismus verwechseln! Die Fakten sprechen eine deutliche Sprache. Im zweiten Teil meines Buches zeige ich durch eine immanente Interpretation der Ilias, daß die Troia-Geschichte mit all ihren Namen und genauen geographischen Angaben - denken Sie nur an den Schiffskatalog! - für Homer nur eine Kulisse war, vor der eine Erzählung entfaltet wird, deren Problemgehalt in die Zeit des Dichters und seiner Zuhörer gehört, also ins achte Jahrhundert. Viele der Hintergrunddetails aber waren damals gar nicht mehr verständlich, weil etwa die betreffenden Orte längst verschwunden waren. Homer hätte das gar nicht erfinden können, es wäre auch ein viel zu großer Aufwand gewesen für ein Werk, das vom Troianischen Krieg nur 51 Tage, zentriert um vier Personen, erzählt. Zusammen mit vielen anderen Indizien beweist dies, daß die Troia-Geschichte noch in mykenischer Zeit zu einer Hexameterdichtung geformt und mündlich weitertradiert wurde, natürlich mit Veränderungen, aber im Kern authentisch. Darauf hat sich Homer dann bezogen. Wahrscheinlich gab es tatsächlich einen großen Militärschlag mykenischer Griechen unter Führung Thebens im dreizehnten Jahrhundert vor Christus. Das war Teil eines welthistorischen Ringens dreier Großmachtkreise, kurz bevor zwei von ihnen, die mykenischen Reiche und Hattusa, zusammenbrachen.

HERTEL: Ihr großes Szenario eines Krieges oder vieler Kriege scheitert aber schon daran, daß Troia VI nicht durch äußere Gewalteinwirkung, sondern durch ein Erdbeben zerstört wurde und danach gleich wieder besiedelt war. Dieses Troia VIIa fiel dann um 1200 einer viel schlimmeren Katastrophe zum Opfer, aber keinesfalls zwingend einem Angriff. Das gleiche gilt für Troia VIIb. Ab etwa 1000 vor Christus, mit Beginn der Eisenzeit, sickerten dann Griechen in das nur noch schwach besiedelte Troia VIII ein. Wenn überhaupt etwas, dann bildet diese schubweise Landnahme "äolischer" Griechen den historischen Kern der Ilias.

LATACZ: Sie argumentieren auf einer viel zu schmalen Basis und im "Sagen-Teil" Ihres Büchleins ziemlich freihändig. Die mittlerweile kumulierte Wahrscheinlichkeit, daß hinter der Troia-Geschichte ein historisches Ereignis aus mykenischer Zeit steht, verschiebt die Beweislast auf die Seite der Skeptiker. Und die streng objektiv arbeitenden Vertreter aller beteiligten Disziplinen werden täglich neue Stollen in den alten Rätselberg hineintreiben. Ihre Ergebnisse sollten wir mit ahnungsvoller Spannung abwarten.

WALTER: Das war ein vorläufiges Schlußwort. Ob aber die Historizität oder Fiktionalität des Troianischen Krieges die Bedeutung Homers für unser kulturelles Gedächtnis tatsächlich berührt und ob die Epen als politische Texte am Anfang der griechischen Bürgerstaatlichkeit nicht viel interessanter sind - mit diesen Fragen entläßt Sie für heute Ihr

UWE WALTER

Dieter Hertel: "Troia". Archäologie, Geschichte, Mythos. Verlag C. H. Beck, München 2001. 128 S., br., 14,80 DM.

Joachim Latacz: "Troia und Homer". Der Weg zur Lösung eines alten Rätsels. Verlag Koehler & Amelang, München/Berlin 2001. 384 S., geb., 49,80 DM.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 12.05.2001

Befreiungsschlag
Homer und Troia – ein neuer Weg zur Lösung eines alten Rätsels?
Für Heinrich Schliemann gab es keinen Zweifel. Mit der Ilias unterm Arm war er an die Dardanellen gereist und hatte, mit Homer als Cicerone, Troia gefunden – und bei den Grabungen an dem wenig spektakulären Hisarlik-Schutthügel ganze Rätselberge neu aufgeworfen. Denn so naiv, so schriftgläubig wie der Schatzsucher aus Mecklenburg darf die Zunft nicht sein. Trotz der Funde und Erkenntnisse aus Schliemanns wie aus den späteren Grabungskampagnen – bewiesen war damit noch nichts. Weder, dass die aus dem Schutt der Jahrhunderte gebuddelte Burg identisch ist mit dem Ilios/ Troia der Dichtung Homers, noch, dass es dieses Troia und den Troianischen Krieg überhaupt gegeben hat und es sich bei der Ilias nicht um reine Fiktion handelt.
Um die homerische Frage – die Historizität der vom ersten Dichter des Abendlands besungenen Ereignisse, die Quellen, aus denen er schöpfte, die Traditionslinien – konnte also weiter gestritten werden. Das seit Schliemann von anhaltendem Troia-Fieber erfasste Laienpublikum war indes nie kontaminiert von Philologenskepsis. Am dreieinigen Mythos von Homer, Troianischer Krieg und dann Schliemann hielt es gläubig fest.
Keine gerade günstige Ausgangslage ist das für Joachim Latacz, der sich mit seinem Buch über das „alte Rätsel” Troia und Homer zwar auch an Kollegen wendet, die die entscheidenden Forschungsfortschritte der letzten zehn oder zwanzig Jahre noch nicht zur Kenntnis genommen haben; vor allem aber doch an die interessierten Laien. Da befindet sich Latacz, Professor für griechische Philologie und renommierter Homer-Kenner, in der Rolle eines Predigers, der ohnehin Tiefgläubige missionieren will. Der ihnen eine Geschichte erzählt, die sie längst kennen. Und die doch auch ganz anders erzählt werden kann, seitdem der Tübinger Prähistoriker Manfred Korfmann das Troianische Pferd von der anderen Seite aufgezäumt hat, ex oriente und nicht aus der griechenzentrierten Sicht der klassischen Altertumswissenschaft.
Korfmann beziehungsweise das internationale, interdisziplinäre Team, das seit 1988 in der Troas forscht, entdeckte Troia neu: als ein dem hethitischen Kulturkreis zugehöriges anatolisches Handelszentrum mit befestigter, 6000 bis 10000 Einwohner fassender Unterstadt; eine Stadt, die im Lauf ihrer um 2900
v. Chr. beginnenden Geschichte mehrmals zerstört und wiederaufgebaut wurde, ihre Hochblüte als Drehscheibe des Schwarzmeerhandels in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrtausends hatte und um 1180 jäh zu Grunde ging.
Um die Schlüsselstellung Troias (hethitisch Wilusa) war es Korfmann zu tun, nicht primär um Homer. Doch haben die Ergebnisse der von ihm geleiteten Grabungen auch die homerische Frage entscheidend befördert: als endlich, im Jahr zehn der Kampagne in Hisarlik, das lang ersehnte schriftliche Dokument ans Licht kam – ein Rollsiegel mit luwischer Hieroglyphenschrift; weil mittels dieses Siegels sowie weiterer Funde in Milet oder Theben sich die Indizien dafür häufen, dass es den von Homer und seinen Vorläufern geschilderten Troianischen Krieg gegeben hat. Dass also kurz vor dem Untergang der mykenischen Zentralpalastkultur ein Großaufgebot miteinander kooperierender mykenisch/achäischer Griechen, ausgerüstet mit 1086 Schiffen – deren Herkunft und Führer in der Schiffsaufstellung im zweiten Gesang der Ilias genannt werden –, nach dem Verlust von Milet, dem griechischen Brückenkopf an der kleinasiatischen Küste, noch einmal ausholte zum Befreiungsschlag: der Eroberung der reichen Küstenstadt Troia.
An dem historischen Hintergrund der Erzählung lässt sich, so Latacz, guten Gewissens heute nicht mehr zweifeln. Nicht nur als Dichter, auch als Historiker ist Homer ernst zu nehmen. Wobei die Tatsache, dass es ihm nicht um die Geschichte des Krieges geht, sondern um die des Achill, den Realitätsgehalt der Angaben über den Konflikt zwischen Achäern und Troianern nur noch vergrößert. Auch das Rätsel, wann die Troia-Geschichte erdacht wurde und wie sie zu Homer gelangte, ist so dunkel nicht mehr. Er griff, als er die Ilias Ende des 8.Jahrhunderts erstmals schriftlich fixierte, auf Gesänge zurück, die zwischen 1500 und spätestens 1250 zu datieren sind und durch das Medium der Hexameterdichtung über 450 Jahre der Nichtschriftlichkeit von den Sängerdichtern an kleinen Adelshöfen tradiert wurden – und gerade wegen der schon in mykenischer Hochzeit ausgebildeten strengen Versform nicht vergessen wurden.
Mit Gespür für dramaturgische Wirkung und paradoxe Beweise breitet Latacz sein reiches Material aus. Mit Rücksicht auf alle, die kein Altgriechisch können und die er dennoch teilhaben lässt an einer spannenden Argumentation anhand von in der Sprachentwicklung geschwundenen Konsonanten – wobei aus einem hethitischen Wilios das griechische Ilios wird –, von verlorenen Ortsnamen, alten Genitivformen und missglückten Hexametern des so untadeligen Homer. Höchst kompliziert ist diese Beweisführung – und gerade das macht Latacz’ „Weg zur Lösung eines alten Rätsels” zum Lesegenuss. Faszinierend wie das Nachspielen einer großen Schachpartie.
ELISABETH
BAUSCHMID
JOACHIM LATACZ: Troia und Homer. Der Weg zur Lösung eines alten Rätsels. Verlag Koehler & Amelang, München 2001. 368 Seiten, 49,80 Mark.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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