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Der Weg zur Knechtschaft / Gesammelte Schriften in deutscher Sprache Abt. B, Bd.1 - Hayek, Friedrich A. Hayek, Friedrich A.
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Dieses Buch, während des zweiten Weltkriegs entstanden und 1944 zunächst auf Englisch erschienen, war ein Alarmruf, der sich an diejenigen richtete, welche die Freiheit schätzen und diese durch sozialistische Strömungen und nationalsozialistische Bestrebungen gefährdet sahen. Mit scharfer Logik, in klarer Sprache und stellenweise mit schneidender Ironie führt Friedrich A. von Hayek einen Beweis, dem sich ehrlicherweise niemand entziehen kann: den Beweis, daß Sozialismus und politische Freiheit miteinander unvereinbar sind und daß dies sowohl für den deutschen Nationalsozialismus wie für den…mehr

Produktbeschreibung
Dieses Buch, während des zweiten Weltkriegs entstanden und 1944 zunächst auf Englisch erschienen, war ein Alarmruf, der sich an diejenigen richtete, welche die Freiheit schätzen und diese durch sozialistische Strömungen und nationalsozialistische Bestrebungen gefährdet sahen. Mit scharfer Logik, in klarer Sprache und stellenweise mit schneidender Ironie führt Friedrich A. von Hayek einen Beweis, dem sich ehrlicherweise niemand entziehen kann: den Beweis, daß Sozialismus und politische Freiheit miteinander unvereinbar sind und daß dies sowohl für den deutschen Nationalsozialismus wie für den russischen Sozialismus und jede Form des Kollektivismus gilt. Den Verlust der politischen Freiheit, den "Weg zur Knechtschaft" sieht er nicht als deutsches Schicksal, sondern als Folge des Kollektivismus, der seiner Meinung nach auch andere Staaten von innen heraus bedroht. Die neue Ausgabe dokumentiert erstmals auch Hayeks Stellung zu diesem, seinem politischsten Buch, indem sie seine Äußerungen dazu - teilweise erstmals auf Deutsch - abdruckt.
  • Produktdetails
  • Verlag: Mohr Siebeck
  • Seitenzahl: 256
  • Erscheinungstermin: 30. Juni 2004
  • Deutsch
  • Abmessung: 163mm x 238mm
  • Gewicht: 546g
  • ISBN-13: 9783161479281
  • ISBN-10: 3161479289
  • Artikelnr.: 12638921
Autorenporträt
Hayek, Friedrich A. von
(1899-1992) 1918-23 Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Wien; 1921 Dr. jur.; 1923 Dr. rer. pol.; 1929 Privatdozent an der Universität Wien; 1931-50 Tooke Professor of Economic Science and Statistics, London School of Economics; 1950-62 Professor of Social and Moral Science, University of Chicago; 1962-68 Professor für Volkswirtschaftslehre, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau.

Streit, Manfred E.
(1939-2017); 1959-63 Studium der Volkswirtschaft, Betriebswirtschaft, Statitstik und Ökonometrie; 1966 Promotion; 1971 Habilitation; 1993 Gründung des Max-Planck-Instituts für Ökonomik zur Erforschung von Wirtschaftssystemen in Jena; seit 2000 emeritiertes wissenschaftliches Mitglied.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 04.07.2009

Der große Transformator

Lasst die Finger von Profitgier! Hört auf, die Arbeit zu vermarkten! Bettet die Wirtschaft im Leben ein! Ist es an der Zeit, wieder Karl Polanyi zu lesen? Er war der Denker des eingefangenen Kapitalismus.

Von Rainer Hank

Gregory King, der erste große Statistiker in der Geschichte der Ökonomie, zählte im Jahr 1688 in England mehr als dreißigtausend mittellose Landstreicher. Sie lebten zeitweise in bitterer Armut. Doch in jenen Jahren hatten sie wenigstens einen Rechtsanspruch auf öffentliche Unterstützung, die sie vor dem elenden Verhungern schützte, sollten wieder einmal Missernten das Land erschüttern. Dieses Armenrecht wurde Ende des achtzehnten Jahrhunderts erneuert: Das "Speenhamland Law" sicherte jedermann in England eine Art garantiertes Grundeinkommen, das in seiner Höhe mit dem Brotpreis schwankte und von den Kommunen an die Bedürftigen ausgezahlt wurde.

Zu Beginn der Industrialisierung im neunzehnten Jahrhundert erwies sich das überkommene Armenrecht plötzlich in mehrfacher Hinsicht als störend und extrem kontraproduktiv: Den Fabrikanten gab die öffentliche Subvention einen Anreiz, die Löhne zu senken. Denn den Arbeitern wurde in jedem Fall das Mindesteinkommen garantiert, wiewohl dieses letztlich mit den Steuern der Fabrikanten finanziert werden musste. Zugleich fehlte aber auch für die Armen jegliche Motivation, sich eine Arbeit zu suchen, solange sie auch ohne ein einigermaßen erträgliches Auskommen fanden. Das Armengesetz der vorindustriellen Zeit wurde plötzlich zum Störfaktor des industrialisierten Kapitalismus, behinderte den wirtschaftlichen Fortschritt und Wohlstand und verlangte nach "Deregulierung". Kein Wunder, dass das Gesetz Mitte des neunzehnten Jahrhunderts abgeschafft wurde: An die Stelle des Armenrechts traten die Arbeitshäuser, wie wir sie aus den Romanen von Charles Dickens kennen. Erst der Tod der Armenfürsorge machte die Geburt eines funktionierenden frühkapitalistischen Arbeitsmarktes möglich.

Die Erzählung von "Speenhamland" ist eines der berühmtesten Kapitel in Karl Polanyis 1944 erschienenem Buch "The Great Transformation". Sensationell ist die Einsicht, dass die Herausbildung eines wettbewerblich organisierten Arbeitsmarktes das humane Armenrecht der vorindustriellen Welt gleichsam dehumanisiert hat. Eine Institution, die zuvor ein Auskommen für jedermann garantierte, entzog plötzlich denen, die es in Anspruch nahmen, die Chance auf ein Arbeitseinkommen. Für die Fabrikanten des neunzehnten Jahrhunderts aber wurde das "Speenhamland Law" zur Produktivitätsbremse. Doch die Regulierung hat das Wirken der Marktkräfte erst verhindert, nachdem die Marktordnung sich ihrerseits expansiv auf die Arbeitswelt ausgedehnt hatte. Mit anderen Worten: Ein Kapitalismus, der das Prinzip des Marktes allen Lebensbereichen unterwirft, muss notwendigerweise die gesellschaftlich gewachsenen Ordnungen zermalmen. "Teuflische Mühlen" nennt Polanyi das dem neueren Kapitalismus eigene Prinzip der Annihilation.

Polanyis Buch erzählt die Geschichte vom Aufstieg und Niedergang der entfesselten Marktwirtschaft. Es ist ein Buch, das den Kapitalismus vor dem Kapitalismus retten will - nach seinem Niedergang. Kein Wunder, dass es in unseren Zeiten so aufregend frisch daherkommt. Die Wirtschaft, diagnostiziert Polanyi, habe sich zum Schaden der modernen Menschheit von der realen Welt entfernt und zugleich mit imperialem Gestus alle Lebensbereiche dem Prinzip des Ökonomischen unterworfen. Diese Fehlentwicklung bedarf der Korrektur durch eine "große Transformation", die sie fast naturwüchsig selbst erzwingt. Erst wenn die Wirtschaft wieder in das Leben eingebettet werde, könne die Entfremdung der Moderne geheilt werden, behauptet Polanyi.

Wer will, konnte den Siegeszug des Keynesianismus und das Aufkommen sozial abgefederter Wohlfahrtsstaaten in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts als Entwicklung deuten, die Polanyis Streitschrift vorweggenommen hatte: eine große Transformation, die dafür sorgte, dass die Wirtschaft wieder in die Gesellschaft eingebettet wurde. "Embeddedness", Einbettung als gesellschaftliche Einbindung, heißt der Schlachtruf aller Anhänger Polanyis. Es ist zugleich die Kampfansage an einen entfesselten unsozialen Kasinokapitalismus.

Karl Polanyi ist einer der rätselhaftesten Denker des zwanzigsten Jahrhunderts. Er ist Essayist, Pamphletist, glänzender Stilist und immens gebildeter Wirtschaftshistoriker in einem. Polanyi war nie richtig modern und klingt doch in Krisenzeiten wie diesen so aktuell wie kaum ein Zweiter. Weil er eine rückwärtsgewandte Utopie des guten Lebens träumte, in dem der Austausch der Menschen untereinander nicht nur von ihrer Profitgier getrieben sein soll, ist er schon lange der Geheimtipp der Soziologen und Anthropologen, während die meisten Ökonomen ihn hartnäckig ignorieren. Er wurde stets viel und gerne zitiert, aber wenig gelesen. Und doch hat die "Great Transformation" immer schon, sozusagen als Strom des Unbewussten, einen kaum zu überschätzenden Einfluss: Polanyi artikuliert die Erfahrung vieler - einerlei, ob sie sich als Konservative oder Linke verstehen -, die den Eindruck haben, wir hätten uns in den vergangenen Jahrzehnten zu sehr dem Ökonomischen unterworfen, und daran habe das gute Leben "jenseits von Angebot und Nachfrage" (Wilhelm Röpke) Schaden genommen.

Das schuf allenthalben ein diffuses Unbehagen in der Zivilisation. Weil heute aber kaum mehr einer dem Heilsversprechen des Sozialismus glaubt und weil zugleich viele vom Wohlstandsversprechen liberaler Märkte enttäuscht und vom ökonomischen Imperialismus angewidert wurden, könnte Polanyi zum Helden jener werden, die darauf hoffen, die entfesselte Ökonomie zu domestizieren und sie in die Lebenswelten der Menschen zu integrieren, damit künftig ähnlich erschütternde Instabilitäten des Kapitalismus, wie wir sie gerade erleben, vermieden werden.

Polanyi weiß, wovon er redet. Den Fall des Kapitalismus, den er in seinem Hauptwerk analysiert, hat er selbst miterlebt. Gleich Robert Musil und vielen anderen Intellektuellen des zwanzigsten Jahrhunderts, die ihre Wurzeln in der zerfallenden Donaumonarchie haben, wuchs er in den Boomjahren des Wirtschaftswunders der Gründerzeit auf. Geboren wurde er 1886 in Wien, groß geworden ist er in Budapest. Der Vater, ein erfolgreicher Eisenbahnunternehmer, zählte zur emanzipierten jüdischen Bourgeoisie an der Donau, deren Aufstiegsziel in der nationalen Assimilation in Ungarn lag. Den Familiennamen der Kinder hat der Vater in Polanyi magyarisiert - er selbst nannte sich noch Pollacek -, sie selbst hat er christianisiert: Karl und seine vier Geschwister (darunter der Chemiker und Philosoph Michael Polanyi) wurden zum calvinistischen Protestantismus konvertiert. Die Mutter, auch sie eine urbane Bürgerin, führte einen der prominentesten Gesellschaftssalons Budapests, wo sie mit dem markanten russischen Akzent ihrer Kindheit kokettierte.

Tatsächlich waren die Jahre nach 1870 weltweit eine erste große Phase der Globalisierung, die mit kreativen Erfindungen und offenen Märkten den Wohlstand der westlichen Welt ungemein zu mehren verstand. Der Eisenbahnunternehmer Pollacek profitierte davon über lange Jahre. Die Eisenbahn gab dem ganzen Zeitalter ihren Namen. Umso schlimmer erlebten die Kinder den Zusammenbruch des väterlichen Unternehmens im Jahr 1900, was sie nach dem Tod des Vaters von der Unterstützung durch die Verwandtschaft abhängig werden ließ. Es war auch diese erniedrigende Erfahrung, aus der heraus Karl Polanyi vierzig Jahre später den ersten Satz der "Great Transformation" schrieb: "Nineteenth century civilization has collapsed."

Die traumatische Erfahrung der Jugend fand Polanyi später auf vielfache Weise bestätigt. Kommunistischer Umtriebe wegen floh er 1919 aus Budapest nach Wien. Und weil er die antisemitische Gefahr früh erahnte, verließ er Österreich 1933 nach England, damals für viele Hort der Freiheit. Dazwischen lagen unstete Jahre eines nachlässig verfolgten Jurastudiums, aktivistische Verirrungen in allen möglichen politanarchischen Studentenbewegungen, allfällige journalistische Arbeiten und die intensive Auseinandersetzung mit dem Marxismus. Aber die Jahre bedeuteten auch den Abschied von der Idee der Integration in die bürgerliche Welt und der Assimilation in eine tolerante Gesellschaft. Es waren diese Jahre in Wien, in denen der unstete Intellektuelle begann, sich als Gesellschaftstheoretiker zu profilieren. In einem Brief an einen Freund aus dem Jahr 1925 schreibt Polanyi, damals habe er das tiefe Bedürfnis verspürt, die Gesellschaft "übersichtlich" zu gestalten: "so wie das innere Leben einer Familie".

Dass die menschliche Natur zu zyklisch wiederkehrenden Übertreibungen neigt, dass die Welt, in der wir leben, nicht dazu in der Lage ist, Unsicherheit auch nur annähernd in beherrschbare Risiken zu überführen, dass Banker gegen ihre egoistischen Interessen den eigenen Untergang nicht verhindern und dass deswegen der Lauf der Welt regelmäßig von - zum Teil schweren - Krisen der Instabilität heimgesucht wird: Das könnte womöglich einmal zur aufwühlenden gemeinschaftlichen Erfahrung des beginnenden einundzwanzigsten Jahrhunderts werden. Für Polanyi war es die beherrschende Erfahrung seit seiner Jugend; zeit seines Lebens suchte er nach entsprechenden intellektuell redlichen Antworten.

"Meine These ist, dass sich selbst regulierende Märkte von einer großen Illusion zehren", heißt einer der zentralen Sätze der "Great Transformation". So etwas könne nicht lange gutgehen, ohne die menschliche Natur und die natürliche Substanz einer Gesellschaft zu zerstören. Erst der Börsenkrach des Jahres 1929, der Zusammenbruch des Goldstandards und die Große Depression mit ihrer Folge der politischen Radikalisierung durch Faschismus und Kommunismus ließen Polanyi zu derart radikal dezisionistischen Formulierungen greifen. So wie viele heute geneigt sind, "marktwirtschaftlichen Exzessen" der vergangenen drei Jahrzehnte die Schuld an der derzeitigen Krise aufzubürden, so führt Polanyi alles, aber auch buchstäblich alles, was das zwanzigste Jahrhundert in seiner ersten Hälfte an Schrecklichkeiten zu bieten hatte, auf die Verirrungen des neunzehnten Jahrhunderts zurück.

"Es war das Dilemma, dass sich das Marktsystem sein eigenes Grab geschaufelt hat und zuletzt auch die sozialen Institutionen zerstörte, auf denen es basierte." Menschliche Arbeit, so eine der zentralen Thesen des Buches, war zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts der letzte Gesellschaftsbereich, den der Kapitalismus dem zersetzenden Einfluss des Marktes unterworfen hatte. Früher schon waren "Land" (Grund und Boden) und "Geld" dem Preismechanismus einverleibt und vermarktet worden. Land, Geld und Arbeit sind aber für Polanyi nichts als "virtuelle Ressourcen" und dürfen nicht wie "normale Güter" behandelt werden. Wer sie dem wettbewerblichen Preismechanismus ausliefert, wird die Welt zugrunde richten: Ein Immobilienmarkt, der Preisschwankungen nach oben und unten zulässt, ein Finanzmarkt, der Blasenbildung produziert und in Kauf nimmt, dass diese mit lautem Knall platzen, ist für Polanyi nicht minder amoralisch als ein Arbeitsmarkt, der die menschliche Arbeitskraft "bepreisen" will.

Fortsetzung auf der folgenden Seite.

Polanyis frontaler Angriff gilt der Fiktion des Homo oeconomicus und damit jener Grundüberzeugung, auf der die Ökonomie seit drei Jahrhunderten beruhte. Ist es, nach einer berühmten Formulierung von Adam Smith im "Wohlstand der Nationen", eine "natürliche Neigung" der Menschen, miteinander zu handeln und Dinge untereinander zu tauschen ("the propensity to truck, barter, exchange one thing for another"), so verengt und verkürzt das für Polanyi dramatisch jene Erfahrung seit der frühen Menschheit, wonach soziales Handeln immer eingebunden ist in die Lebenswirklichkeit einer Gemeinschaft, in der der wirtschaftliche Tausch nie nur dem "Profit" gilt. Der Konzentration auf die Profitgier, die seiner Meinung nach die neuere Ökonomie beherrscht, stellt Polanyi die Trias von Gegenseitigkeit, Umverteilung und guter Haushaltsführung gegenüber: Es sind Haltungen der Dankbarkeit, die sich nicht im puren utilitaristischen Kosten-Nutzen-Denken erschöpfen und den Austausch von Gütern und Dienstleistungen nicht nur eindimensional dem egoistischen Interesse unterwerfen. Polanyi glaubte daran, dass man die altruistische und von gegenseitiger Liebe getragene Sozialform einer Familie auch auf die Wirtschaftsbeziehungen einer größeren Gesellschaftsorganisation größerer Einheiten übertragen könne.

Davon abgewichen zu sein, hält er für die Ursünde der unmittelbaren Moderne. Sehr ausführlich hat er sich mit den ethnologischen Arbeiten Bronislaw Malinowskis bei den Trobriandern Melanesiens beschäftigt: Profitgier, so zitiert er Malinowski, sei nie und nimmer ein Stimulus für die Trobriander gewesen, zu arbeiten. Vielmehr gehe es um Anerkennung der anderen sowie Handeln aus Dankbarkeit und dem Gefühl wechselseitiger Gerechtigkeit. Die institutionalisierten Werte von Brauchtum, Sitte oder Recht spielen eine viel größere Rolle, als der "nackte" Marktbegriff der rationalen Preistheorie sich schneidender Angebots- und Nachfragekurven anzuerkennen bereit ist.

Kein Wunder, dass Polanyi ein viel positiveres Verhältnis zum regulierenden Staat gewinnt als Marxisten und Liberale. Während für Marxisten der Staat im Endstadium der sozialistischen Utopie letztlich absterben muss - und das auch gut so ist -, gestehen die Liberalen ihm lediglich zu, eine Rahmenordnung zu setzen, damit die Marktteilnehmer möglichst autonom und freizügig agieren können. Das aber war für Polanyi gerade die Ursünde, die das neunzehnte Jahrhundert auf die falsche Bahn und die Wirtschaft in die satanische Emanzipation von der sozialen Welt gebracht hat, in die sie eigentlich hineingeboren sein sollte. Für ihn war die Industrielle Revolution eine Sozialrevolution, die eine neue Zivilisation aus sich entließ. Polanyi war emphatischer Idealist, kein Materialist, deshalb in seiner produktiven Phase eben auch alles andere als Marxist und erst recht kein Evolutionist. Es sind Ideen, die die Welt verändern. Und im neunzehnten Jahrhundert waren es schlechte ökonomische Ideen, welche die Welt zum Schlechteren verändert haben.

Dass es zu den entfesselten Märkten gekommen ist, war deshalb aus seiner Sicht gerade nicht das Ergebnis sich spontan entwickelnder Marktkräfte, sondern eines ganz bewusst geplanten Veränderungsprozesses. "Laissez-faire war geplant, die Planung war es nicht", behauptet er: ein Interventionismus, der zentral gesteuert wurde in der Absicht, freien Märkten zum Durchbruch zu verhelfen. Und er hat nicht ganz unrecht: Erst die staatliche geplante "Deregulierung" hat die Preise auf den Finanz-, Arbeits- oder Immobilienmärkten befreit. Nicht ohne listigen Schalk vertritt Polanyi die Auffassung, man brauche die Gesellschaften nur machen zu lassen, dann würden sie, wie schon einmal am Punkt ihrer Entstehung, die Märkte schon ausreichend regulieren. Das gibt ihm die Möglichkeit, die von ihm erhoffte "Great Transformation" nicht als weltfremde Regulierung, sondern als Rückkehr in den Zustand natürlicher Spontaneität darstellen zu können.

Für all jene, die Polanyi vorwerfen, er bringe sich und seine Zeit mit der Verdammung freier Märkte auch um die Wohlstand schaffenden Früchte der Industriellen Revolution, hat er eine verblüffende Antwort parat: Unter Verweis auf den Frühsozialisten Robert Owen beschwört Polanyi den neutralen Charakter von Technik und Maschine. Demnach wäre der Erfolg der Industriellen Revolution nicht an das Prinzip der Arbeitsteilung und offener Märkte gebunden. Polanyis Meinung nach hätte die soziale Desintegration vermieden werden können, die das neunzehnte Jahrhundert mit den Menschen anstellte, ohne dass die Menschheit zugleich auf Wohlstand schaffende Erfindungen und effiziente Produktionsmethoden hätte verzichten müssen.

Eine industrielle Revolution ohne Kapitalismus? Das geht eindeutig zu weit. Polanyis Gedanke entspringt der romantisch verklärenden Phantasie einer Intellektuellengeneration in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, die der Meinung war, dass Wohlstand ohne Märkte nicht nur möglich, sondern auch historisch ursprünglich sei. Die heutige Wirtschaftsgeschichte hält das für pure Erfindung. Gregory Clark, neben Deirdre McCloskey einer der wenigen Historiker, die sich mit Polanyi beschäftigt haben, wirft diesem vor, die humane Revolution zu ignorieren, die die wahrlich große Transformation der Industriellen Revolution für die Menschheit bedeute, und zugleich das jämmerliche Elend der davorliegenden Zeit romantisch zu verklären. Dabei verhält es sich in Wirklichkeit gerade umgekehrt: Offene Märkte und gute Institutionen, die Eigentum und Verträge schützen, waren nicht erst eine Erfindung des neunzehnten Jahrhunderts, sondern existierten in England schon viele Jahrhunderte. Doch erst die nutzbringenden Erfindungen der Industriellen Revolution brachten das Prinzip der Arbeitsteilung und die segensreichen Potentiale offener Märkte zur Wirkung.

Das war bereits die These eines Landsmannes von Polanyi, der im Jahr der "Great Transformation" seinerseits einen Klassiker der Sozialphilosophie veröffentlichte: Mit dem "Weg zur Knechtschaft" (englisch "The Road to Serfdom") warnte Friedrich A. von Hayek (1899 bis 1992) die Welt nachdrücklich davor, den Kapitalismus zu domestizieren und sich in die Abhängigkeit wohlfahrtsstaatlicher Regimes zu begeben, die für Hayek allesamt nichts als Spielarten eines die Freiheit unterdrückenden Sozialismus darstellten.

Heute sind die Sympathien eindeutig verteilt: Hayek halten viele (übrigens zu Unrecht) für den geistigen Urheber der Finanzkrise, die zu einer Weltwirtschaftskrise geworden ist; Polanyi dagegen könnte zum Anker eines neuen, gesellschaftlich gezähmten Kapitalismus werden. Für den Kölner Max-Planck-Wissenschaftler Wolfgang Streeck, dessen gerade erschienene Studie über die Reform des Kapitalismus Polanyi zum Vorbild nimmt, gehört die Spannung zwischen stabiler Sozialintegration und sich selbst regulierenden Märkten zur zyklischen Grundschwingung des menschlichen Lebens. Liberale Bewegung und sozial integrierende Gegenbewegung wären somit die Konstanten einer ewigen Wiederkehr. Polanyi selbst ist in dieser Betrachtung historisiert: Seine "Great Transformation" wäre dann nicht die Analyse einer einmaligen Zeitenwende, sondern nur die Wahrnehmung eines emphatischen historischen Moments, an dem das Pendel - einmal wieder - vom freien zum sozial eingebundenen Kapitalismus umschlägt.

Polanyi selbst hätte freilich widersprochen. Er wollte eindeutig mehr als eine zyklische Geschichtsphilosophie. 1960 und 1963, in seinen letzten Lebensjahren (er ist 1964 in Kanada gestorben), hat er noch einmal Budapest, die Stadt seiner Kindheit, besucht - und war begeistert: In Vorträgen hat er die Machthaber für ihre weise Planwirtschaft beglückwünscht. Ungarn galt damals als die fröhliche Baracke des Sozialismus.

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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 31.07.2004

Zum Thema
Erosion der Demokratie
Friedrich August von Hayek: Der Weg zur Knechtschaft, M. Streit (Hrsg.), Tübingen 2004, 256 Seiten, 64,00 Euro.
Ein Klassiker aus dem Jahr 1944 in einer Übersetzung aus dem englischen Original. Der Nobelpreisträger warnte davor, dass Politiker die liberale Demokratie schrittweise aushöhlen, wenn sie zu viele Zugeständnisse an Sozialismus machen.
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Ist die Demokratie wirklich die optimale Staatsform zum Schutz der Freiheit? Der in Las Vegas lebende libertäre Ökonomieprofessor Hans-Hermann Hoppe findet darauf provozierende Antworten: Er glaubt, dass die Monarchie der Demokratie in Sachen Freiheit überlegen ist.
Märkte und Freiheit
James Gwartney/Robert Lawson: Economic Freedom of the World. 2004 Annual Report, Comdok, Berlin 2004, 189 Seiten, 21,50 Euro.
Anhand ökonomischer Daten vergleicht diese Studie den Grad wirtschaftlicher Freiheit in 123 Ländern. Fazit: Wo Märkte am freiesten sind, geht es den Menschen am besten.