Der Jerusalemer Talmud
9,00 €
versandkostenfrei*

inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
0 °P sammeln
Produktdetails
  • Reclams Universal-Bibliothek 1733
  • Verlag: Reclam, Ditzingen
  • 1995.
  • Seitenzahl: 320
  • Erscheinungstermin: Oktober 1995
  • Deutsch
  • Abmessung: 147mm x 95mm x 18mm
  • Gewicht: 148g
  • ISBN-13: 9783150017333
  • ISBN-10: 3150017335
  • Artikelnr.: 05988584
Autorenporträt
Mit Beiträgen von Hans J Becker
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 18.03.1996

Das Leben als Text
Der Jerusalemer Talmud erscheint in einer Auswahl

Talmud und Judentum sind zwei Begriffe, die das öffentliche Bewußtsein auf eine oft unklare Weise miteinander in Verbindung bringt, zuweilen in pejorativem, antisemitischem Sinn. Ein Unterton von Buchstabengläubigkeit, Dogmatik, übertriebener Spitzfindigkeit mischt sich der Verbindung bei, und er speist sich nicht nur aus christlichen Quellen. Auch das moderne Judentum hat die seit anderthalb Jahrtausenden festgeschriebene rabbinische Tradition hinterfragt und weitgehend diskreditiert. Die christliche Feindschaft dem Talmud gegenüber ist freilich älteren Datums, und das ist nicht verwunderlich. Beide Religionen, das Judentum und das Christentum, berufen sich auf den gleichen heiligen Text. Aber was der einen die Torah ist, die Lebenslehre, das ist der anderen nur das Alte Testament: nur Vorläufer, Präfiguration einer anderen, höheren Offenbarung, die über das Judentum hinausweist.

Der Talmud entstand in Abwehr gegen diese höhere Offenbarung. Als im Jahre 70 n. Chr. der Tempel in Jerusalem zerstört wurde, formulierten sich zwei Antworten auf diese Krise des Monotheismus: das Christentum, das schließlich die römische Weltmacht erobern sollte; und das pharisäische Judentum, das sich nach dem Verlust seiner politischen Unabhängigkeit in mehreren Phasen einer Neuorientierung unterzog. In der ersten Phase, die um 200 n. Chr. abgeschlossen war, entstand die Mischna, ein Wort, das sich etwa mit "Studium" übersetzen läßt. Erstmals wird hier die Torah zum systematischen Bezugspunkt einer verbindlichen Lebensweise gemacht: Mit dem Tempel hatten die Juden ihr Zentrum verloren, und die Rabbinen in Palästina schufen nun einen Ersatz, eine auf den Gesetzen der Torah fußende Sammlung von Regeln und Maximen. Sie gaben dem Judentum die religiöse Grundlage, auf der es fast zwei Jahrtausende des Exils überstehen konnte.

Der Abschluß dieser Grundlegung aber fand erst in den folgenden Jahrhunderten statt. In der Phase der Mischna schien das Schicksal der jüdischen Nation noch nicht endgültig besiegelt, um 135 n. Chr. schuf der Aufstand von Bar Kochba ein letztes Mal die Illusion politischer Selbständigkeit. Erst nach seiner Niederschlagung wurde deutlich, daß der Verlust Jerusalems nicht mehr aufzuheben war, und von jetzt ab galt es, sich im Exil einzurichten. Der Talmud entsteht, indem sich die Schriftgelehrten der inzwischen kanonisierten Mischna zuwenden und ihr weitere Kommentare schreiben, die "Gemara" genannt werden, "Vervollständigung". Diese Arbeit findet in zwei verschiedenen Zentren statt, in Palästina (3.-4. Jahrhundert) und in Babylonien (3.- 6. Jahrhundert). Berühmt und allgemein verbindlich ist schließlich der babylonische Talmud geworden, weil in ihm die Lebensregeln der jüdischen Diaspora viel systematischer niedergelegt wurden als im Jerusalemer Talmud: Babylonien war das Exil par excellence, und dort, besser als im Land der Väter, konnte das Leben in der Fremde normativ geregelt werden.

Der Jerusalemer Talmud ist immer im Schatten des größeren Parallelwerkes geblieben. Beiden gemeinsam aber ist der Geist der religiösen Gründerjahre, in denen sie entstanden sind, und es genügt vielleicht, auf Augustinus hinzuweisen, der zur gleichen Zeit über die Gottesstadt schreibt: Als die Rabbinen in Palästina und Babylonien den Kodex des Judentums ausarbeiten, errichten sie einen Zaun um ihre in der Welt zerstreuten Gemeinden, um sie vor der Übermacht der heranwachsenden Tochterreligion zu schützen.

Die nun im Deutschen vorliegende Auswahl macht den Leser mit sieben Kapiteln des Jerusalemer Korpus bekannt. Sie werden, so schreibt der Übersetzer und Herausgeber Hans-Jürgen Becker in seiner Einleitung, "ungekürzt mit allen Widersprüchen, Wiederholungen und Unklarheiten in einer Übersetzung wiedergegeben, die sich um größtmögliche Genauigkeit und Wörtlichkeit bemüht". Es geht hier also um den Originalton der Diskussion, die einst im römisch besetzten Palästina um die Zukunft des Judentums geführt wurde. Lange blieb sie von ihrem babylonischen Gegenstück überlagert, jetzt taucht sie wieder auf.

Geschichte neigt auf oft unerwartete Weise dazu, sich zu wiederholen. Eine moderne, wissenschaftliche Edition des lange schwer zugänglichen Textes wird jetzt an dem Ort unternommen, der einst die Hochburg der Wissenschaft des Judentums war. Nach tragischer Pause nimmt es eine zerstörte Tradition auf: das Berliner Institut für Judaistik. JAKOB HESSING

"Der Jerusalemer Talmud". Sieben ausgewählte Kapitel. Übersetzt, kommentiert und eingeleitet von Hans-Jürgen Becker. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1995. 352 S., br., 14,- DM.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr
Beckers sorgfältig gearbeitete Übersetzung vermittelt einen Eindruck von der Gesamtheit des Jerusalemer Talmuds. Es ist erfreulich, dass talmudische Texte aus verschiedenen Traktaten in einer preiswerten Ausgabe dem interessierten Publikum zugänglich gemacht worden sind. Das Judentum ist keine "Geheimreligion", und jeder, der will, kann seine Quellen kennen lernen. Allgemeine jüdische Wochenzeitung