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Borneman, Jungkommunist mit jüdischem Familienhintergrund, emigrierte 1933, sechs Wochen vor dem Abitur, nach London. Sein Geld verdiente er durch Jobs in der Filmbranche, als Journalist und Schriftsteller. Während des Krieges wurde er als "feindlicher Ausländer" inhaftiert und in Kanada interniert. Dort arbeitete er ab 1941 für das National Film Board und drehte eine Reihe von Dokumentarfilmen, darunter Propagandafilme gegen das "Dritte Reich". Gleichzeitig stieg er zu einem einflussreichen Jazzkritiker auf, der nach Kriegsende u. a. als Kolumnist des legendären "Melody Maker" arbeitete. Seit…mehr

Produktbeschreibung
Borneman, Jungkommunist mit jüdischem Familienhintergrund, emigrierte 1933, sechs Wochen vor dem Abitur, nach London. Sein Geld verdiente er durch Jobs in der Filmbranche, als Journalist und Schriftsteller. Während des Krieges wurde er als "feindlicher Ausländer" inhaftiert und in Kanada interniert. Dort arbeitete er ab 1941 für das National Film Board und drehte eine Reihe von Dokumentarfilmen, darunter Propagandafilme gegen das "Dritte Reich". Gleichzeitig stieg er zu einem einflussreichen Jazzkritiker auf, der nach Kriegsende u. a. als Kolumnist des legendären "Melody Maker" arbeitete.
Seit den späten 60er Jahren wurde Borneman zu einem der prominentesten Sexualwissenschaftler im deutschen Sprachraum, der die Idee der "Sexuellen Revolution" propagierte und damit Zustimmung ebenso wie Widerspruch erntete. Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde er durch seine Bücher ("Das Patriarchat" 1975), Sex-Ratgeberkolumnen in der "Neuen Revue" und zahlreiche Auftritte im deutschen und österreichischen Fernsehen.
Mit seinen Themen Jazz, Film und Sex bewegte sich Borneman auf Feldern, an denen die spezifischen Sinneswahrnehmungen der Moderne des 20. Jahrhunderts und die um sie entstehenden Deutungskonflikte deutlich sichtbar werden. Detlef Siegfried zeichnet Bornemans bewegtes Leben nach und stellt sein Wirken aus sinnesgeschichtlicher Perspektive dar.
  • Produktdetails
  • Verlag: Wallstein
  • Seitenzahl: 455
  • Erscheinungstermin: März 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 234mm x 151mm x 38mm
  • Gewicht: 755g
  • ISBN-13: 9783835316737
  • ISBN-10: 3835316737
  • Artikelnr.: 41882573
Autorenporträt
Detlef Siegfried, geb. 1958, ist seit 1996 Associate Professor für Neuere Deutsche Geschichte und Kulturgeschichte an der Universität Kopenhagen. Veröffentlichungen u. a.: Deutsche Kulturgeschichte. Die Bundesrepublik 1945 bis zur Gegenwart (mit Axel Schildt, 2009); Time Is on My Side. Konsum und Politik in der westdeutschen Jugendkultur der 60er Jahre (2006); Der Fliegerblick. Intellektuelle, Radikalismus und Flugzeugproduktion bei Junkers (2001).
Rezensionen
Besprechung von 20.06.2015
Der Marx der Frauenbewegung

Der hohe Preis der neuen Sensibilität: Eine Biographie des Anthropologen und Jazzkritikers Ernest Bornemann, der als Sexualrevolutionär Opfer einer bleiernen Zeit wurde.

Auch unter bildungssoziologischem Gesichtspunkt ist das Leben des Emigranten, Jazzkritikers, Schriftstellers, Fernsehpioniers und Sexualwissenschaftlers Ernest Bornemann ein interessanter Fall. Bornemann war ein vielseitiger Repräsentant des von Hitler ermordeten und ins Exil vertriebenen deutschjüdischen Bildungsbürgertums der Vorkriegszeit - literarisch, musikalisch, theoretisch ebenso reich begabt wie publizistisch, administrativ und lebenspraktisch. Sein umfangreiches und vielfältiges Werk hat bis in die achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts eine große Fruchtbarkeit im linken Milieu entfaltet.

Andererseits war er ein autobiographischer Angeber mit hochstaplerischen Zügen, der sich öffentlich Kontakte, Leistungen, Qualifikationen zuschrieb, die nicht im entferntesten existierten. So ist ein eigentümliches Zwielicht entstanden in diesem Lebenslauf, das nicht ganz unschuldig daran zu sein scheint, dass Bornemann, noch in den achtziger Jahren einer der bekanntesten öffentlichen Intellektuellen, heute so gut wie vergessen ist.

Es ist bewundernswert, wie trennscharf Detlef Siegfried, ein in Dänemark lehrender Historiker, in seiner informativen, gutgeschriebenen und leserfreundlichen Biographie Bornemanns dessen "biographische Illusion" (Pierre Bourdieu) einerseits und andererseits den unbestreitbaren lebenspraktischen Heroismus und die beträchtliche intellektuelle Brillanz dieser widersprüchlichen Figur auseinanderlegt.

Bornemann war seit den sechziger Jahren eine Schlüsselfigur des intellektuellen Lebens in Deutschland und Österreich. Er verkörperte die seinerzeit sehr wirkmächtige Vorstellung einer sexuellen, ästhetischen und intellektuellen Befreiung unterm Zeichen einer Verbindung von Psychoanalyse und Revolution. "Die neue Sensibilität", so fasste Herbert Marcuse den "Achtundsechziger-Komplex" zusammen, "entsteht gegen Gewalt und Ausbeutung, in einem Kampf für wesentlich neue Weisen und Formen des Lebens; sie impliziert die Negation des gesamten Establishments, seiner Moral, seiner Kultur; die Behauptung des Rechts, eine Gesellschaft zu errichten, in der die Abschaffung von Armut und Elend Wirklichkeit wird und das Sinnliche, das Spielerische, die Muße Existenzform und damit zur Form der Gesellschaft selbst werden."

Befreiung der Sexualität und der Frauen, populäre Musik, revolutionäre Illusionen und Verherrlichung des ästhetisierenden Müßiggangs verschmolzen in den sechziger Jahren zu einem Lebens- und Denkstil. Die Erfahrung des antifaschistischen Exils verlötete sich paradox und prekär mit dem Aufbruch der Jeunesse dorée transatlantischer Wohlstandsgesellschaften. Marcuse war der philosophische Prophet, Bornemann wurde eine Zeitlang so etwas wie der publizistische Impresario dieser Befreiungen, Paradigmenwechsel, politischen Illusionen und philosophischen Träumereien.

"Es liegt ... ein traumhaftes Element nicht nur in seinen autobiografischen Erzählungen", schreibt Detlef Siegfried, "sondern auch in manchen seiner Sachtexte - weil sie, im Detail zwar konkret, im Kern aber von der Zukunft, von einem Ideal aus gedacht sind." Dieses utopische und ins Offene gerichtete Moment seines Lebens und Schreibens ist nicht nur der Grund für dessen befreiende Wirkung, sondern vielleicht auch dafür, dass Bornemann es zeitlebens mit der autobiographischen Wahrheit nicht allzu genau nahm. Nicht nur die Gesellschaft, sondern auch seine Person (sogar seine Vergangenheit) sollten utopischen Entwürfen folgen.

Siegfrieds Buch ist nach Bornemanns Werkgruppen strukturiert, deren detaillierte Darstellung und differenzierte Diskussion - der Sechziger-Jahre-Idee jener "Neuen Sensibilität" mit leichter Ironie folgend - nach den menschlichen Sinnen benannt ist. Das Kapitel "Hören" beschäftigt sich mit Bornemanns Wirken als Jazz-Historiker, -Fan und -Kritiker, dasjenige über "Sehen" mit seinem filmischen Schaffen und seiner Tätigkeit als Fernsehjournalist und -theoretiker. "Berühren" schließlich ist Bornemanns sexologischem und feministischem Lebenswerk als Historiker des Patriarchats, als medialem Sex-Ratgeber, umstrittenem Talkshow-Gast und theoretischem "Marx der Frauenbewegung" gewidmet.

Ein Schlusskapitel heißt "Leichen am Wegrand" und beschäftigt sich mit den (hohen) Kosten, die ein Leben in sexueller Offenheit Ernest Bornemann auferlegt hatte. Diese Kosten führten 1995 zu einem Suizid, den er planvoll organisierte und der offensichtlich damit zu tun hatte, dass er die sadomasochistische Beziehung seiner erheblich jüngeren Geliebten zu einem anderen Mann als erotischer Befreiungsutopist theoretisch nicht billigen und persönlich nicht ertragen konnte. Schon in den frühen neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts war unübersehbar, dass Bornemann sozusagen bei lebendigem Leib eine historische Figur geworden war. Das weltweite Scheitern des sozialistischen Projekts, die hysterischen Auswüchse der Debatte um den Kindesmissbrauch, in der Bornemann - zumindest zeitweilig - die bekannten und inakzeptablen Positionen der achtundsechziger Sexualrevolutionäre vertrat, die neue feministische Prüderie, die "Krise der Heterosexualität", das wachsende Misstrauen zwischen den Geschlechtern, die Kampagnen gegen sein Werk und seine Person aus konservativer und zugleich feministischer Richtung - all das erlebte er als eine "bleierne Zeit" sexueller und politischer Reaktion, in der er nicht mehr arbeiten konnte und am Leben bleiben wollte.

"Wir sind alle irgendwie Gescheiterte", schrieb er. "Die Moral, die unser Leben primär geprägt hat, hat sich in den Händen anderer als untragbar erwiesen. Bricht der Glaube aber dank unwiderlegbarer Erkenntnisse zusammen, regiert nicht nur der Kopf, sondern auch der Körper. Der Elan ist weg. Die Müdigkeit kommt früher. Die Lebenslust ist weg. Du fragst dich oft, wieso du als mittlerweile Ungläubiger überhaupt noch durch die Routine des Alltags hindurchgehst." Bornemann machte - auch hierin war er typisch für den "Achtundsechziger-Komplex" - keinen Unterschied zwischen Praxis und Theorie, Geist und Körper.

Detlef Siegfrieds Buch ist eine einführende Grundlagenlektüre für gesellschaftliche Bewegungen, die Ernest Bornemanns Mut, seine Brillanz, seine Offenheit und theoretische Risikofreude brauchen können und aufgreifen werden. Nicht zuletzt könnte sein Vermächtnis wichtig werden für die sich derzeit formierende deutsche Männerbewegung.

STEPHAN WACKWITZ.

Detlef Siegfried: "Moderne Lüste". Ernest Borneman - Jazzkritiker, Filmemacher, Sexforscher.

Wallstein Verlag, Göttingen 2015. 455 S., Abb., geb., 29,90 [Euro].

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