Die Gesellschaft des Spektakels - Debord, Guy
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Das wichtigste Buch über den Mai 1968 erschien bereits 1967. Es hieß »Die Gesellschaft des Spektakels« und analysierte die Funktionsweise des Spektakels, die Prinzipien von Macht und Herrschaft in der bürgerlichen Gesellschaft. Das Buch beeinflusste eine ganze Generation französischer Intellektueller. In den zwei Jahrzehnte später erscheinenden »Kommentaren« überprüft Debord seine Thesen und führt sein Hauptwerk fort.…mehr

Produktbeschreibung
Das wichtigste Buch über den Mai 1968 erschien bereits 1967. Es hieß »Die Gesellschaft des Spektakels« und analysierte die Funktionsweise des Spektakels, die Prinzipien von Macht und Herrschaft in der bürgerlichen Gesellschaft. Das Buch beeinflusste eine ganze Generation französischer Intellektueller. In den zwei Jahrzehnte später erscheinenden »Kommentaren« überprüft Debord seine Thesen und führt sein Hauptwerk fort.
  • Produktdetails
  • Critica Diabolis Bd.65
  • Verlag: Edition Tiamat
  • 1996.
  • Seitenzahl: 304
  • Erscheinungstermin: November 1996
  • Deutsch
  • Abmessung: 212mm x 128mm x 30mm
  • Gewicht: 410g
  • ISBN-13: 9783923118977
  • ISBN-10: 392311897X
  • Artikelnr.: 06513913
Autorenporträt
Guy Debord, 1931 in Paris geboren, nahm in den fünfziger Jahren an den Aktivitäten der Lettristen teil, einer künstlerischen Avantgarde, die durch spektakuläre Aktionen von sich Reden machte. 1957 Gründungsmitglied der Situationistischen Internationale, an der sich Künstlergruppen wie Cobra und später die Münchner Gruppe SPUR beteiligten. Guy Debord war der Theoretiker der SI. Am 30. November 1994 setzte Debord seinem Leben mit einem Schuß ins Herz ein Ende.
Rezensionen
Besprechung von 06.02.1997
Laute Welt: Jedes Spektakel ein Riesendebakel
Für Guy Debord gibt es keine wahre Welt in der Warenwelt, sondern nur Situationen

Vor vierzig Jahren gründete sich in Paris die "Fondation de l'Internationale situationiste", eine Vereinigung von etwa siebzig Intellektuellen, die sich die Schaffung von "Situationen" vorgenommen hatten. Diese untrennbar ästhetisch und politisch gedachten Situationen sollten die bestehende Ordnung in Frankreich umwälzen. Als elf Jahre später die Mai-Unruhen von 1968 ausbrachen, rechneten die Situationisten sich das als persönlichen Erfolg an. Diese Deutung schien ihnen nahezuliegen, weil im Jahr zuvor die programmatische Schrift "La société du spectacle" ihres Vordenkers Guy Debord erschienen war, die sämtliche politischen Systeme seiner Zeit einer radikalen Kritik unterzog und als überholt verwarf. Sie war beim französischen Publikum von Beginn an ein großer Erfolg, wurde mehrfach nachgedruckt und hatte unter den Studenten 1968 tatsächlich den Rang einer inoffiziellen Programmschrift.

Mittlerweile haben unsere französischen Nachbarn den Charme der Avantgarde der sechziger Jahre wiederentdeckt. Selbst damals wenig einflußreiche Texte wie etwa die Manifeste der Gruppe "Architecture Principe" um Paul Virilio werden derzeit neu ediert, und Guy Debords Texte erlebten ihre Kanonisierung zur Hochliteratur durch eine Werkausgabe bei Gallimard.

In Deutschland hat sich die Rezeption mehr Zeit gelassen. Zwar erschien "Die Gesellschaft des Spektakels" Ende der siebziger Jahre auch auf deutsch, aber das Buch wurde kaum beachtet. Das könnte sich jetzt ändern, denn in der Berliner Edition Tiamat ist das Buch in ansprechender Aufmachung neu veröffentlicht und um Debords 1988 verfaßte "Kommentare zur Gesellschaft des Spektakels" ergänzt worden.

Der Text, das muß man wissen, ist das Manifest des unbeschränkten Herrschers der Situationisten. "1967 wollte ich, daß die Situationistische Internationale ein Buch besitze", schreibt Debord im Vorwort zur italienischen Ausgabe, und es ward ein Buch.

Von den einstmals siebzig Mitgliedern der Situationisten waren in den siebziger Jahren nur noch vier verblieben, 45 waren ausgeschlossen worden. Die Eitelkeit Debords ist erstaunlich: Er rühmt sich, an den 221 Thesen der "Gesellschaft des Spektakels" keinerlei Veränderungen vorgenommen zu haben, weil sie immer noch aktuell seien, korrigiert aber eine Seite nach dieser Behauptung die These 105, um sie den gesellschaftlichen Veränderungen der neunziger Jahre anzupassen.

Wenn man jedoch von der schillernden Persönlichkeit Debords, der 1994 Selbstmord beging, abstrahiert, offenbart sich in der "Gesellschaft des Spektakels" eine Theorie, die zwar den Geist der sechziger Jahre atmet, aber in ihrem kompromißlosen Duktus und ihrer scharfsinnigen Verdammung der damals herrschenden Doktrinen immer noch provokativ ist. Nicht zufällig ist Debords Hauptwerk einhundert Jahre nach dem "Kapital" erschienen, denn Marx' Denken ist die Folie, von der sich die Markierungen seines französischen Schülers abheben. Debord verdammt Marx dafür, daß der seine Theorie als Kritik der politischen Ökonomie und als Bestandteil des Wertsystems seiner bürgerlichen Gegner, also "auf dem Boden des herrschenden Denkens" verfaßt habe. Der real existierende Sozialismus seiner Epoche war für Debord kein geringeres Schreckgespenst als der Kapitalismus. In beiden Systemen sah er die Vorherrschaft des wirtschaftlich gewollten Spektakels, welche die Fetischisierung der Ware zum Extrem getrieben habe, indem sie den Menschen Bilder und Vorstellungen präsentiert, statt authentische Erlebnisse zu ermöglichen: "Das Spektakel ist nichts als die für sich selbst entwickelnde Wirtschaft." Die kapitalistische Konsumgesellschaft und die sozialistische Planwirtschaft seien nur zwei Facetten einer im bürgerlichen Interesse liegenden Doktrin, die die Arbeiter im Streben nach reibungsloser Produktion vergegenständlicht und statt ihrer den Produkten Leben zuspreche. Je entwickelter eine Gesellschaft sei, desto spektakulärer trete sie auf - in solchen Beobachtungen erweist sich die Stärke der Terminologie Debords.

Gegen diese Verkehrung der wahren Welt zur Warenwelt setzt er das Marxsche Prinzip des Klassenkampfs, aus dem das Subjekt erst hervorgehen muß. "Das individuelle Leben hat noch keine Geschichte", deshalb repräsentiere das Spektakel als Simulation eines subjektiven Lebens ein falsches Bewußtsein. Ganz im Geiste Horkheimers und Adornos sieht Debord keine Möglichkeit für ein richtiges Leben im falschen, weshalb die Gesellschaft des Spektakels umgestürzt werden müsse, bevor das Subjekt eine neue Geschichte ausrufen könne, die diejenige der Klassenkämpfe ablöst.

Das alles ist nahe an Marx, aber doch nie deckungsgleich. Seine vielfältigen Marx-Zitate rechtfertigt Debord mit seinem dialektischen Prinzip der "Entwendung". Alle Errungenschaften der mittlerweile überholten Kritik an der Gesellschaft müßten aufgenommen, aber dann subversiv verändert werden. Der "Diebstahl" der Marx-Zitate wäre somit durch ihre "Abwendung" vom ursprünglichen Kontext gerechtfertigt: "Die Entwendung ist die flüssige Sprache der Anti-Ideologie." Gegen den tradierten Marxismus macht Debord dementsprechend die Konzeption der Rätedemokratie stark, die sein politisches Ideal darstellt. Nur die aus den Reihen der Arbeiter stammenden Räte seien die Garanten dafür, daß "die proletarische Bewegung ihr eigenes Produkt und dieses Produkt der Produzent selbst" sei. Nur so könne die Entfremdung beseitigt und die Demokratie verwirklicht werden.

So degradiert Debord alle Spektakel zu bloßen Moden, hinter denen sich unaufhaltsam der "Stil der Epoche" entfaltet, der von der Notwendigkeit der Revolution bestimmt ist. Hier wird Georges de Buffons berühmte Maxime, daß der Stil den Menschen ausmache, implizit entwendet. In solchen Passagen kann man die Rückbindung des Autors an die französische Geistestradition erkennen. Er selber hat indes mit seinen Situationisten eine neue Tradition gestiftet, die in ihrer radikalen Verneinung der bürgerlichen Ideale leicht mißbraucht werden kann.

Als ein russischer Aktionskünstler kürzlich ein Dollarzeichen auf ein suprematistisches Bild von Malewitsch sprayte, berief er sich auf die Situationisten und bezichtigte den Maler einer bürgerlichen Ideologie. Im Bemühen, das Kunstwerk durch seine Übermalung zu "entfremden" und damit neu zu schaffen, übersah der Attentäter indes die zentrale These Debords zur Kunst: "Allein die wirkliche Negation der Kultur bewahrt deren Sinn. Sie kann nicht mehr kulturell sein." Und eine medienwirksame Aktion kann ohnehin nicht Gegenstand situationistischer Politik sein, weil sie sich den gesellschaftlichen Bedingungen des Spektakels unterwirft. Es ist gut, daß eine neue Generation von Linken den Theoretiker Debord nun kennenlernen kann, bevor sie der aktionistischen Aura des romantisch verklärten Situationismus verfällt.ANDREAS PLATTHAUS

Guy Debord: "Die Gesellschaft des Spektakels und andere Texte". Aus dem Französischen von Jean-Jacques Raspaud und Wolfgang Kukulies. Edition Tiamat, Berlin 1996. 304 Seiten, br., 40,- DM.

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