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"Ganz nebenbei" ist Woody Allens weitgespannter Rückblick auf das eigene Leben und Werk. Er zeichnet die Stationen seiner Karriere auf der Bühne, vor und hinter der Kamera und als Autor nach und gibt Auskunft über seine Jugend, über Familie und Freunde wie über die Lieben seines Lebens.

Produktbeschreibung
"Ganz nebenbei" ist Woody Allens weitgespannter Rückblick auf das eigene Leben und Werk. Er zeichnet die Stationen seiner Karriere auf der Bühne, vor und hinter der Kamera und als Autor nach und gibt Auskunft über seine Jugend, über Familie und Freunde wie über die Lieben seines Lebens.
  • Produktdetails
  • Verlag: Rowohlt, Hamburg
  • Originaltitel: Apropos of Nothing
  • Artikelnr. des Verlages: 26239
  • Seitenzahl: 442
  • Erscheinungstermin: 28. März 2020
  • Deutsch
  • Abmessung: 221mm x 147mm x 40mm
  • Gewicht: 673g
  • ISBN-13: 9783498002220
  • ISBN-10: 3498002228
  • Artikelnr.: 58752292
Autorenporträt
Allen, Woody§Woody Allen ist Autor, Regisseur und Schauspieler. Bekannt wurde er als Stand-up-Comedian. Allen lebt mit seiner Frau Soon-Yi und den beiden Töchtern Manzie und Bechet auf der Upper East Side von Manhattan. Er ist glühender Sportfan und Liebhaber des klassischen Jazz.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 29.03.2020

Deconstructing Woody
Fremdschämen und andere Kleinigkeiten: Was uns Woody Allens Memoiren erzählen und wovon sie besser geschwiegen hätten

Das Schicksal, um es sich mit Ursachen und Urhebern begrifflich mal etwas bequemer zu machen, meinte es nicht gut mit Woody Allen in den letzten Jahren. Es war lange ruhig gewesen, nachdem es Anfang der neunziger Jahre gekracht hatte. Erst fing Allen mit der 35 Jahre jüngeren Soon-Yi, der Adoptivtochter seiner Lebensgefährtin Mia Farrow, ein Verhältnis an. Dann warf Farrow ihm vor, beider Adoptivtochter Dylan missbraucht zu haben. Zu einem Verfahren kam es nicht nach zwei Untersuchungen, die den Verdacht nicht erhärten konnten.

Allens Karriere ging weiter, er drehte Film um Film, gerne auch in Europa, wo man ihn ohnehin mehr schätzt. Doch 2014 erneuerte die erwachsene Dylan Farrow in einem offenen Brief die Vorwürfe. Allen wies sie zurück. 2018 verteidigte sein Adoptivsohn Moses ihn in einem langen Blogeintrag, doch mit #Metoo war Allen längst wieder ins Blickfeld geraten. Dass sich die Causa Allen nicht mit Harvey Weinstein vergleichen lässt, auch nicht mit Roman Polanski, gegen den noch immer ein amerikanischer Haftbefehl existiert, wollten viele nicht so genau wissen. Nicht die Mitarbeiter des Verlags Hachette, deren Protest die Publikation von Allens Memoiren kippte. Auch nicht die Autorinnen und Autoren des Rowohlt-Verlags, die sich gegen eine Veröffentlichung wandten. Weder war, wie sie insinuierten, Allen überführt - noch waren, wie der Verlag dann versicherte, alle Vorwürfe klar widerlegt. Dafür, immerhin, war die Aufregung eindeutig.

Nun ist das Buch, das so viele nicht wollten, auf dem Markt, in Amerika hat es der Verlag Arcade unter dem Titel "Apropos of Nothing" herausgebracht, bei Rowohlt ist es als "Ganz nebenbei" erschienen. Es wäre übertrieben, zu behaupten, man habe sich etwas Großes erwartet. Autobiographien waren noch nie eine Quelle der Wahrheit. Vom Selbstbild erzählen sie mehr als von der Person selbst. Mit einer gewissen hermeneutischen Anstrengung lässt sich da vielleicht das eine oder andere herausfinden. Wobei man auch immer vieles erfährt, was man in Abwandlung eines alten Woody-Allen-Films nie wissen wollte und deshalb auch gar nicht erst gefragt hätte.

Wenn man nicht nur nach den "Stellen" sucht, den Passagen, in denen er über Mia Farrow und die Missbrauchsvorwürfe spricht, ist da eine ganze Menge Stoff, der einem nicht fehlen würde. Und so genau, wie die Vorwürfe und der Rosenkrieg ausgebreitet werden, mit allen Details, die einen im Grunde nichts angehen, sind auch die "Stellen" eine Zumutung. Dass es im Buch keine Kapitel gibt, keine Zwischenüberschriften, nur einen langen, oft zähen Wörterfluss, macht die Lektüre nicht erfreulicher.

Es gab ja mal eine Zeit, in der Woody Allen in studentischen und bildungsbürgerlichen Kreisen ein Idol war. Der "Stadtneurotiker" wurde zum Bild des Mannes, der kein Macho und kein Draufgänger mehr war, sondern offen von seinen Phobien und Macken sprach und damit die Frauen herumkriegen wollte. Allen war mit seinen Filmen der Spezialist für die Abgründe in Paarbeziehungen und die Ängste der intellektuell Ambitionierteren. Ein Meister der Ostküsten-Sophistication, der intelligenten Komödie, dem man dann vorhielt, dass er nicht immer lustig sein wollte und sich an Filmen im Geiste Ingmar Bergmans versuchte.

Man erinnert sich daran nicht ungern, weil man damals selbst jung war. Und wird sofort von Fremdscham überfallen, wenn das Buch beginnt und den Humor von vorgestern aufwärmt. Das ist diese grausame Witzigkeit, für die Geld "Kröten" und "Moneten" heißt, wo man "auf die Pauke haut", "spachtelt", "den Löffel abgibt", wo es von "heißen Bräuten" und "hinreißendsten Miezen im Minirock" wimmelt, wo die Sprüche so tief fliegen, dass man sich in einer Endlosschleife der Fernsehserie "Die Zwei" mit Tony Curtis und Roger Moore glaubt, die vor allem durch ihre deutsche Synchronfassung berühmt wurde. Nur dass es keine Wiederholung ist, sondern jemand heute noch allen Ernstes so schreibt, die alten, ranzigen Witze reißt.

Woody Allen hat dabei eine besondere Erzähltechnik: sich ständig klein und unbedeutend und ungebildet erscheinen zu lassen, was dann umso mehr der Selbsterhöhung dient. Das ist das Prinzip des ganzen Buches: eine umgekehrte Form der Eitelkeit. Sie pausiert allein, wenn der Farrow-Furor kommt: Wie hätte er ahnen sollen, schreibt Allen, dass "ein völlig zusammenphantasiertes Ereignis, in die Welt gesetzt von einer erkennbar von Rache besessenen Frau, eine internationale Lawine lostreten und sich zu einer Industrie entwickeln würde, die Millionen Dollar verschlingen und viele Menschen in Mitleidenschaft ziehen sollte?"

Da teilt er aus. Gegen den Richter. Er vergleicht Farrows Rache mit Captain Ahabs Jagd auf Moby Dick und nennt sie eine "wirklich gestörte Persönlichkeit". Er nimmt sich seinen Sohn vor, nennt es den "Gipfel der Heuchelei, dass ausgerechnet Ronan in seinem Buch gegen NBC zu Felde zieht, weil sie sich geweigert hatten, seine Recherchen über Harvey Weinstein öffentlich zu machen", nachdem Ronan zwei Jahre zuvor das "New York Magazine" vor der Veröffentlichung einer positiven Soon-Yi Geschichte gewarnt hatte. Ein intellektueller Kurzschluss - als würde durch die versuchte Einflussnahme die Kritik an NBC hinfällig. Und dann beeilt Allen sich zu betonen, Weinstein habe nur Filme von ihm vertrieben, nie hätte er mit einem derart "übergriffigen Produzenten" gearbeitet.

Mal angenommen, Allen habe in jeder Hinsicht recht; er sei nicht nur falsch beschuldigt, sondern von den Medien fahrlässig und ohne Skrupel an den Pranger gestellt worden, dann ist es verständlich, dass er nachtritt. Es ist auch brutal, wenn ein renommierter Kritiker wie Richard Brody im "New Yorker" anlässlich von Allens Film "Wonder Wheel" 2017 auf Dylan Farrows offenen Brief zu sprechen kommt und ohne jeden Beleg schreibt: "Ich glaube Dylan Farrow", um dann ältere Filme von Allen erkennungsdienstlich daraufhin zu untersuchen, inwieweit sie möglicherweise belastendes Material enthalten. Die Verbitterung, der Ärger, der Sarkasmus über die Schauspieler, die sich im Nachhinein davon distanzierten, mit ihm gearbeitet zu haben - alles nachvollziehbar. Die Frage ist bloß, ob man es wissen will, wenn der spätere Suizid zweier Adoptivkinder von Mia Farrow mit unterschwelliger Schuldzuweisung geschildert und eine Art Pathologie der Farrow-Familie geliefert wird.

Wo die Tonlage weniger schrill ist, sind jedoch die Melancholie vieler großer Allen-Filme, die Bereitschaft, sich selbstironisch über die eigenen Ängste zu beugen, von Selbstbezichtigung und Selbstzerstörung zu erzählen, eher fern. Da sind nur noch Sprüche geblieben, dünne Aufgüsse wie: "Das Universum selbst wird aufhören zu existieren und mit ihm auch die Möglichkeit, seinen Wintermantel reinigen zu lassen." Und wenn es um Frauen geht, sind Geschmacklosigkeit und Verklemmtheit immer nur einen Satz entfernt. Über Allens zweite Frau Louise Lasser erfährt man: "Die L in ihrem Namen wurden mit der Zunge gebildet, was ausgesprochen sexuell war." Nicht zu vergessen: "Sie besaß die Libido eines Wildkaninchens." Die wortreich gepriesene Soon-Yi dagegen führt den Haushalt "mit preußischer Tüchtigkeit. Ihr fehlt eigentlich nur noch ein Schmiss im Gesicht." Man muss nicht gleich Misogynie diagnostizieren, ein Rezensent ist ja kein Psychotherapeut. Diese Altmännerwitzelei ist halt nur beim Lesen unangenehm.

Leider ist auch das, was Allen über seine Filme sagt, ein nichtssagendes Parlando. Alle Beteiligten waren immer toll, wunderbar oder großartig; wenn es nicht so gut war, lag es an ihm, weil er schnell fertig werden wollte, deswegen nur Mastershots drehte ohne zusätzliche Einstellungen, Wiederholungen hasste und lieber zu Hause Baseball gucken wollte. Man muss nur mal flüchtig in einer der älteren Allen-Biographien oder Gesprächsbände geblättert haben, um dort das genaue Gegenteil zu diesen "Ich-plane-nie-etwas"-Sätzen zu finden.

Aber diese negative Selbstglorifizierung muss einen nicht weiter kümmern. Es ist Woody Allens Leben, das er sich hier so zurechtfabuliert. Ein Rezensent ist auch kein Geschworener, der nach den Aussagen von Allen, Farrow und den Adoptivkindern zu einem Urteil kommen müsste. Und er ist auch kein Tugendwächter, der seltsam finden könnte, wie Allen bei Soon-Yi den Ruf des Herzens beschwört und so gerade mal herausbringt, er habe Mia Farrow "verletzt".

Als Kritiker kann man sich einfach an seine Filme halten, von denen viele klüger sind als er selbst und von denen in den letzten Jahren einige so belanglos wirkten, wie er sie selbst darstellt. Dass er einer der wichtigsten und folgenreichen amerikanischen Regisseure des ausgehenden 20. Jahrhundert bleibt, wird nicht durch einen Memoirenband dementiert. Oder durch törichte Sätze wie den, er lebe "ein ganz normales Mittelschichtleben".

Das Problem an diesem Buch ist auch nicht, dass es einem Verdächtigten eine Bühne böte. Gäbe es überhaupt ein Argument gegen eine Veröffentlichung, dann allenfalls, dass diese Memoiren so langweilig sind (wie die meisten Starmemoiren), dass der Stil grauenhaft altbacken ist, dass man über die Filme nichts erfährt und über den Mann bloß lernt, dass die Penetranz, mit der er sich und uns seiner Nichtigkeit versichert, einem wahnsinnig auf die Nerven geht - und auch ziemlich unglaubwürdig ist.

PETER KÖRTE

Woody Allen: "Ganz nebenbei". Autobiographie. Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs, Hainer Kober, Andrea O'Brien und Jan Schönherr. Rowohlt, 448 Seiten, 25 Euro. eBook und Printausgabe können über den lokalen Buchhandel bezogen werden. Viele Buchhandlungen bieten trotz geschlossener Läden Liefer- und Versandservice oder Abholmöglichkeiten an.

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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 12.12.2020

Geschenke
für
den Kopf
Man muss nicht alles positiv sehen,
aber sagen wir es mal so:
Jetzt kommen noch stillere Tage als sonst um
Weihnachten, das bedeutet extra viel Zeit
für Bücher, Filme, Musik! Dazu ein
paar Empfehlungen aus der SZ-Redaktion
COLLAGEN: STEFAN DIMITROV
Jens-Christian Rabe
EINE HILFE
Das neue Grundlagenwerk zu Geschichte und Gegenwart der Krisen der Demokratie, in dessen Mittelpunkt dennoch die essayistisch tastende Überzeugung steht, dass wir uns in gefährlichen Zeiten vor allem anderen darüber klar werden müssen, was wir alles nicht wissen, bevor wir entscheiden können, was zu tun ist.
Adam Przeworski: Krisen der Demokratie. Suhrkamp, 2020. 254 Seiten, 18 Euro.
EINE HERAUSFORDERUNG
Ein so kluger wie warmherziger und unterhaltsamer Essay über Stil, Geschmack und Sinn im Pop anhand von Enya, der Königin der sphärischen New-Age-Kitschmusik? Geht natürlich nicht. Es sei denn, Chilly Gonzales schreibt ihn.
Chilly Gonzales: Enya. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020. 96 Seiten, 10 Euro.
EIN AUFREGER
Ist Haiyti die intellektuellste deutsche Gangsta-Rapperin oder die nervöseste Gangsta-Intellektuelle des Landes? Sagen wir so: Auf jeden Fall ist sie das Pop-Genie, das das Land noch nicht verdient hat.
Haiyti: „Sui Sui“ (Haiyti Records).
EIN GROSSER SPASS
Was Comedians von allen anderen Menschen unterscheidet, ist, dass ihr Leben bestenfalls nicht nur ein Witz ist. Sondern mehrere. Der Stand-up-Comedy-Superstar Jerry Seinfeld hat seine Autobiografie netterweise gleich als Gag-Sammlung geschrieben. Das Trost-Buch zur Zeit.
Jerry Seinfeld: Is This Anything? Simon & Schuster, 2020. 470 Seiten, 20 Euro.
Theresa Hein
EIN LIEBESBEWEIS
Vom unbedingten Brauchen eines anderen Menschen und der unaufhaltsamen Veränderung von ebenjenem handeln ein paar der schönsten Indie-Songs seit Langem. Und das alles von den mittlerweile mittelalten Strokes, produziert von Goldhändchen Rick Rubin: Midlife endlich ohne Krise, von der es dieses Jahr ja genug gab, mit einem Kunstwerk von Jean-Michel Basquiat als Cover.
The Strokes: The New Abnormal, RCA, 12,99 Euro.
EINE HERAUSFORDERUNG
Mehr als das. Der Film „Für Sama“ ist eine schwere, schreckliche Probe. Eine Dokumentation aus dem Syrienkrieg, man sieht: wirklich alles von Geburt bis Tod. Gerade in der Zeit des gemütlichen Wegguckens und Einigelns ein Appell. Das alles passiert wirklich.
Für Sama, Regie: Waad al-Kateab, Edward Watts. Filmperlen, 95 Min. DVD,
13,78 Euro.
EIN GENUSS
Die Erzählerin in Deniz Ohdes Debütroman gehört jetzt, wie ihr Lehrer am Gymnasium nicht müde wird ihr einzutrichtern, zur „Elite“. Was aber auch egal ist, wenn die Mutter auszieht. Ohde erzählt von den Auf- und Abs in einem System, das wahre Chancengleichheit eben doch nur ermöglicht, wenn man sie von Geburt aus hat, daneben humorvoll, traurig über eine Kindheit und Jugend in Deutschland zur Jahrtausendwende. Wirkt lange nach.
Deniz Ohde: Streulicht. Roman. Suhrkamp, Berlin 2020. 291 Seiten, 22 Euro.
Laura Hertreiter
EIN GROSSER SPASS
Nahe Zukunft, pandemisch gesehen ist das Schlimmste vorbei und Alard von Kittlitz schickt seinen geschmackssicheren Romanhelden anderweitig ins Verderben. Eine netflixartig erzählte Techno-Utopie über Hochleistungsgehirne und menschliche Begrenztheit. Rund um den Globus, während man zu Hause in der Corona-Gegenwart festsitzt.
Alard von Kittlitz, Sonder. Roman. Piper, München 2020. 320 Seiten, 22 Euro.
EIN LIEBESBEWEIS
Lässige Kindermärchen von Olli Schulz, Feridun Zaimoglu, Juli Zeh, Paul Maar, Flake, Nora Gantenbrink und anderen. Vor allem für Eltern, die Tiger, Bär und Tante Gans nicht mehr sehen können.
Flo, das Flummi und der Schnack, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020. 224 S., 22 Euro.
EINE HILFE
1945 gingen in Demmin Menschen aus Angst vor der Roten Armee in einen Fluss, Steine in den Taschen. Jahrzehnte später wächst dort Neuntklässlerin Larry auf, Ich-Erzählerin, rotzfrecher Schnodderton, Berufsziel Kriegsreporterin. Verena Keßler schreibt humorvoll über Sprachlosigkeit und Geschichte, die bleibt.
Verena Keßler, Die Gespenster von Demmin. Roman. Hanser, München 2020.
240 Seiten, 22 Euro.
EINE WIEDERENTDECKUNG
Seit 2008 haben die Berliner Philharmoniker eine digitale Konzerthalle, ein Glück.
Digitalconcerthall.com, Abo-Tickets ab 9,90 Euro für sieben Tage.
Catrin Lorch
EIN GENUSS
Die Bilder hatten etwas von einer Flaschenpost. Es passte, dass der Maler – der im Jahr 1926 geborene Frank Walter – aus Antigua kam, ein Autodidakt am Rand der Zivilisation, sozusagen. Die Ausstellung, die Susanne Pfeffer ihm als Direktorin im Frankfurter MMK in diesem Frühjahr eingerichtet hatte, war eine Sensation. Der opulente Katalog spiegelt das Leben eines Künstlers, der neben 5000 Bildern auch 50 000 Seiten Manuskripte hinterließ. Eine Lektüre, die Lust macht auf weitere Entdeckungen von Kuratoren, die sich auf dem Gebiet des so sperrig betitelten „Kolonialen Diskurses“ bewegen.
Frank Walter. Eine Retrospektive. Hg. v. Susanne Pfeffer. Walther König, London 2020. 424 Seiten, 39,80 Euro.
EIN AUFREGER
Dieser Katalog dokumentiert zeitgenössische Ignoranz, Oberflächlichkeit und Feigheit: „Philip Guston Now“ ist die Publikation zu einer Tournee mit Werken des amerikanischen Malers durch bedeutende Museen. Doch die Vernissage fiel aus. Aus Angst vor „Fehlinterpretationen“, wie die Verantwortlichen mitteilten – wohl weil man fürchtete, die Figuren mit Ku-Klux-Klan-Mützen, die durch Gustons Bildwelten geistern, könnten falsch aufgefasst werden. Nach dem Protest von Hunderten von Künstlern wird im nächsten Jahr Eröffnung gefeiert, wenn Schau und Katalog überarbeitet und entschärft sind. Insofern: schnell zugreifen.
Philip Guston Now. Hg. v. Harry Cooper/Mark Godfrey. D. A. P. /National Gallery of Art. 280 Seiten, 47,99 Euro.
Johanna Adorján
EIN GENUSS
Ein zutiefst befriedigendes Buch über die Hauptfiguren des Surrealismus, das voller Exzentrik, Wahnsinn und Vergnügen steckt.
Desmond Morris, Das Leben der Surrealisten. Unionsverlag. 352 Seiten, 26 Euro.
EIN GROSSER SPASS
Kann mich nicht erinnern, wann ich dieses Jahr sonst so laut gelacht hätte wie bei der Tanzszene in „Borat 2“. Oder überhaupt gelacht.
Borat 2: Anschluss Moviefilm, von und mit Sacha Baron Cohen (und Maria Bakalova!). Amazon prime.
EIN AUFREGER
Irgendwas von Woody Allen zu empfehlen ruft neuerdings reflexartig Empörung hervor. Dies ist seine Autobiografie. Fantastisches Buch, lustig und sorgfältig.
Woody Allen: Ganz nebenbei. Rowohlt, 2020. 448 Seiten, 25 Euro.
EINE HILFE
Die englische Schauspielerin, Autorin, Regisseurin und Produzentin Michaela Coel, 33, hat eine Fernsehserie über sexuellen Missbrauch gemacht, die einem den Glauben an die Menschheit zurückgeben kann. Nicht nur ist diese Serie, so modern, schnell und cool sie ist, auch noch gut geschrieben, mit unvergesslichen Charakteren. Sie hat auch einen so wahnsinnig schönen Kern: Man weiß nie, was der andere gerade durchmacht, darum geht es. Um Mitgefühl.
„I May Destroy You“, von und mit
Michaela Coel. Auf Sky.
Jens Bisky
EIN LIEBESBEWEIS
„Die beiden Götze“ war 1938 eine Karikatur in der Berliner Illustrierten überschrieben. Sie zeigte Heinrich George, der sein Riesentalent in den Dienst des Dritten Reiches stellte, als Ritter mit der eisernen Hand, neben seinem gerade geborenen Sohn, der vaterlos groß werden würde. Anschaulich erzählt Thomas Medicus von den beiden Schauspielern, von Vater und Sohn, deutscher Kultur im 20. Jahrhundert, von Körperbildern, Männerrollen.
Thomas Medicus: Heinrich und Götz George. Zwei Leben. Verlag Rowohlt Berlin, Berlin 2020. 416 Seiten, 26 Euro.
EIN GROSSER SPASS
Hollywood in den späten Vierzigerjahren, schöne Menschen werden kühn, attackieren mit List, Charme, Wut die Dreieinigkeit aus Rassismus, Sexismus, Homophobie. Eine Miniserie als kontrafaktische Emanzipationsoperette, in herrlichen Kostümen und atemberaubenden Dekorationen wunderbar gespielt.
Hollywood. Von Ryan Murphy und Ian Brennan, mit David Corenswet, Patty LuPone, Laura Harrier u. v. a. Netflix.
EINE HERAUSFORDERUNG
„Die Personen: Ivan, Malina, ich. Die Zeit: heute. Der Ort: Wien“. Nina Kunzendorf führt als Ich-Erzählerin durch Ingeborg Bachmanns Dreiecksgeschichte aus Briefen, Monologen, Telefongesprächen.
Malina. Hörspiel nach dem Roman von Ingeborg Bachmann. Mit Nina Kunzendorf, Edmund Telgenkämper, Christoph Luser. Der Audio Verlag, 2 CDs, ca. 150 Minuten, 16 Euro.
Kurt Kister
EINE WIEDERENTDECKUNG
Klingt prätentiös, ist aber voller Überraschungen: „Texte und Zeichen“ war eine Zeitschrift, die Alfred Andersch zwischen 1955 und 1957 herausgab. 16 Hefte erschienen, dann war Schluss, lohnte sich nicht ökonomisch. Literarisch lohnt es sich bis heute, Hunderte Texte von Arno Schmidt über Dylan Thomas bis zu Böll, Beckett und Joachim Kaiser. 1978 druckte Zweitausendeins die Jahresbände nach; gibt es noch antiquarisch so um die 20 Euro.
Texte und Zeichen, 3 Bände, ca. 1500 Seiten, Zweitausendeins Verlag, nur antiquarisch, ca. 20-30 Euro.
EIN LIEBESBEWEIS
Bob Dylan hat im Seuchenjahr eine neue Platte gemacht: „Rough and Rowdy Ways“. Der Meister lässt uns nicht allein. Auf der Platte klingt er manchmal, als wäre er erst 43. Bester Vintage Dylan mit einem großartigen Kennedy-Mordsong von 17 Minuten Dauer. You gotta love it.
Bob Dylan: Rough and Rowdy Ways. Als CD ab 9,99 Euro.
EINE HILFE
Bei Suhrkamp sind die „Reiseberichte“ von Siegfried Unseld erschienen. Es sind höchst subjektive Protokolle von verlegerischen Reisen zwischen 1959 und 1998. Unseld traf so ziemlich alle, die schrieben, vom Schreiben lebten oder das versuchten. Ein Blick in Welten, die dem Leser sonst verschlossen bleiben: Frisch ist sauer, Handke kann sich nicht benehmen, und die Japaner mögen Hesse, die auch.
Siegfried Unseld: Reiseberichte. Berlin, Suhrkamp 2020. 378 Seiten, 26 Euro.
Johan Schloemann
EIN VERMÖGEN
Eine steinreiche Bankiersfamilie stieg im 19. Jahrhundert zum letzten der großen römischen Adelshäuser auf, mit Palazzi, legendären Partys, repräsentativer Kunst und allem Drum und Dran. Ihre fantastische Sammlung von Antiken, die jahrzehntelang unzugänglich war, wäre jetzt gerade in Rom zu sehen, wenn nicht schon wieder alles zu wäre. Also muss man in diesem herrlichen Katalog schwelgen.
The Torlonia Marbles. Collecting Masterpieces. Herausgegeben von Salvatore Settis und Carlo Gasparri. Electa, Mailand 2020. 336 Seiten, 39 Euro.
EIN GROSSER SPASS
Und Erwachsene ebenso. Neuer deutscher Kinderpop für uns alle, im fünften Jahr.
Unter meinem Bett 6. Oetinger Media, CD ca. 15 Euro oder Streaming.
EINE HERAUSFORDERUNG
Im Jahr der Pandemie packt dieses Buch besonders: Wie der Mensch durch die Erfindung der Jagd zum Raubtier wurde.
Roberto Calasso: Der Himmlische Jäger. Aus dem Italienischen von Reimar Klein und Marianne Schneider, Suhrkamp Verlag, 624 Seiten, 38 Euro.
EIN LIEBESBEWEIS
Spätestens seit „Jenseits von Afrika“ steht die Klarinette unter Kitschverdacht. Auch der „Allegro amabile“-Satz bei Brahms. Hier aber klingt sein scheinbar schlichtes Spätwerk wunderbar abgeklärt.
Johannes Brahms: Clarinet Sonatas. András Schiff, Jörg Widmann. ECM New Series, CD ca. 15 Euro oder Streaming.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Es ist ein schönes, nostalgisches Buch, in gutem Erzähltempo, etwa so, wie sein intellektueller Stadtneurotiker von der Couch seines Psychiaters aus gesprochen haben muss: versunken, dicht, mit Sprüngen in Zukunft und Vergangenheit, um dann den Faden des Jetzt wiederzufinden, wo war ich stehengeblieben, ah, hier, weiter geht's. Sarah Pines Neue Zürcher Zeitung 20200415