Verletzter Blick - Belamri, Rabah

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Produktdetails
  • edition suhrkamp Nr.2283
  • Verlag: Suhrkamp Verlag AG
  • Artikelnr. des Verlages: 12283
  • Seitenzahl: 146
  • Erscheinungstermin: 23. September 2002
  • Deutsch
  • Abmessung: 183mm x 109mm x 14mm
  • Gewicht: 103g
  • ISBN-13: 9783518122839
  • ISBN-10: 3518122835
  • Artikelnr.: 10292591
Rezensionen
Besprechung von 20.01.2003
Algerien, 1962
Ein großer, schmaler Roman:
Rabah Belamris „Verletzter Blick”
Eine der vielen Geschichten, die nicht gut ausgehen in diesem Buch, ist die der Hündin Ouarda. Sie stört durch ihr nächtliches Bellen nicht nur die Nachbarn im Dorf. Sie stört zudem die französischen Soldaten, die lieber unbemerkt passieren würden, wenn sie nachts im Dorf nach Freischärlern suchen. Und sie stört schließlich auch die Freischärler. Sie lassen Hassans Vater die Nachricht zukommen, er solle die Hündin töten. Der bringt eines Abends keinen Knochen mit nach Hause, verteilt die Orange an die ums Feuer sitzenden Kinder und geht in den Schuppen, wo Ouarda angekettet ist: „Nach einigen Minuten tauchte er wieder auf. Seine Augen waren feucht, die Hände zitterten. Er wusch sich, zog seinen Burnus aus und setzte sich auf den Gebetsteppich. Lange beschwor er die Barmherzigkeit Gottes. Ohne etwas gegessen zu haben, legte er sich nieder, und in jener Nacht trübte Ouarda den Schlaf von niemandem.”
Die vom Vater erdrosselte Hündin Ouarda ist die Tochter der von den französischen Soldaten erschossenen Hündin Ouarda. Der fünfzehnjährige Hassan, der lange um beide trauert, träumt einen Wunschtraum, in dem sie sich in eine fliegende Hündin verwandelt und er auf ihrem Rücken in den Sternenhimmel reitet. Doch dann verschwindet Ouarda unter den Sternen, und Hassan erwacht aus einem Angsttraum. Man schreibt den Februar 1962,Anfang Juli wird es Tänze, Tränen, Schreie und Umarmungen unter grün-weiß-roter Flagge geben, Algerien wird offiziell unabhängig sein.Aber der Unabhängigkeitstag ist in diesem Buch keine Zäsur, die große Geschichte zerfällt in viele kleine, von denen keine das Pathos des historischen Augenblicks hat. Sie erzählen von wahllosen Attentaten und nächtlichen Greueln, von Söhnen, die in Frankreich sind, und Mädchen, deren Verheiratung misslingt, von spielerischen Exekutionen, aus denen plötzlich Ernst wird, von den Listigen, die nach dem Umbruch wieder oben schwimmen und von den weniger Listigen unter den Harkis, den algerischen Kollaborateuren, die nach dem Verschwinden der französischen Beamten und Gendarmen zum Freiwild werden. Sie erzählen vom Ausbruch des sexuellen Rausches während der Unabhängigkeitsfeste und von den kollektiven Beschneidungen, die mit der Unabhängigkeit eingeführt werden. Und sie erzählen von Krankenstationen, in denen Franzosen und Algerier Bett an Bett liegen.
In der Macht der Dschinn
Eine der vielen kleinen Geschichten, die nicht gut ausgehen, ist die des Helden, des jungen Hassan. Der Roman begleitet ihn distanziert, in der dritten Person durch das Algerien des Jahres 1962. Er nimmt die Märchen der Großmütter, die blumigen Wendungen beim Liebeswerben in sich auf, aber er versagt sich alles Fabulieren, alle Ausschmückung und nahezu jede Metapher. In einer sehr klaren, sehr harten französischen Prosa, die Bernd Schwibs ohne jede Milderung ins Deutsche übertragen hat, erzählt der Roman „Verletzter Blick”, im Original 1987 erschienen, die Geschichte einer Erblindung. Ihr Autor, der Lyriker, Essayist und Erzähler Rabah Belrami, der 1946 in der algerischen Provinz geboren wurde, der 1995 in Paris starb und den das deutsche Publikum zu entdecken jetzt Gelegenheit hat, ist dem Hassan des Buches sehr nahe. Er hat die Geschichte vom Jungen, der sein Augenlicht mit 16 Jahren verliert, selbst erlebt.
Darum ist in diesem Buch, das in der Widmung an den ebenfalls aus Algerien stammenden, ebenfalls Französisch schreibenden Jean Sénac (1926-1973) seinen Anknüpfungspunkt selbst nennt, Algier nicht das Zentrum der politischen Revolte. Sondern der Ort, an dem allenfalls die drohende Netzhautablösung noch zu verhindern wäre. Aber es ist in dem unruhigen kalten März 1962 nicht leicht, rasch von einem Dorf am Rande des Atlas-Gebirges nach Algier zu kommen. Als Hassan endlich die Reise machen kann, ist es schon fast Juli. Und als er Anfang August in sein Dorf zurückkehrt, erweist sich der Erfolg der Operation als mäßig.
Damit spitzt sich das stille Drama zu, das in diesem beklemmenden, großartigen Buch all den Attentaten, Racheakten und den Proklamationen der Unabhängigkeit die Waage hält: der Kampf zwischen den Wunderheilern der Bergwelt und der modernen Medizin in den großen Städten. Der junge Hassan selbst hofft mit größerer Inbrunst als auf die Unabhängigkeit auf das moderne Krankenhaus. Seine Mutter aber ist ganz den Wahrsagern ergeben, und sein Vater will zwar von Geistern nichts hören, vertraut aber den traditionellen Arzneien, die im Souk gekauft oder nach Anleitung durch Kundige aus Mineralien, Wurzeln, pflanzlichen Extrakten oder tierischen Stoffen selbst hergestellt werden. Hassan kann aus Respekt vor seinen Eltern nicht umhin, Zugeständnisse an die Tradition zu machen. Ein kleines Kompendium der arabischen Volksmedizin sowie der Dämonologie und Magie ist in diesem Roman enthalten. Aber es hilft nichts, die kleine Geschichte des Helden geht nicht gut aus. Nach langem Sträuben gibt er der Mutter nach und führt die Kupersulfat-Stäbchen zwischen seine Lider: „Die Wirkung war überwältigend: Wie Quellen begannen Hassans Augen zu sprudeln, und nach und nach senkte sich die Nacht über seine Lider.”
LOTHAR MÜLLER
RABAH BELRAMI: Verletzter Blick. Roman. Aus dem Französischen von Bernd Schwibs. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002. 147 Seiten, 9,50 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Lothar Müller preist begeistert diesen Roman, der 1987 erstmals in Paris erschienen ist und nun auf Deutsch vorliegt. Das Buch spielt in Algerien im Jahr der Unabhängigkeit 1962, erzählt der Rezensent, der mit Zufriedenheit bemerkt, dass der Autor nicht dem "Pathos des historischen Augenblicks" verfallen ist, sondern lauter kleine Geschichten erzählt. Neben den Kriegsgräueln wird auch die Geschichte Hassans erzählt, der mit 16 erblindet, fasst Müller zusammen, der auch weiß, dass der algerische Autor selbst das gleiche Schicksal teilte. Der Rezensent ist von dieser "sehr klaren, sehr harten französischen Prosa" beeindruckt und er findet es gut, dass der Übersetzer dies auch in die deutsche Fassung "ohne jede Milderung" übertragen hat. Müller spricht von einem "großartigen Buch" und ist erfreut, dass der algerische Autor, der 1995 in Paris starb, nun auch für das deutsche Publikum "zu entdecken" ist.

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