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Nos richesses - Adimi, Kaouther
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Produktdetails
  • Verlag: Points
  • Seitenzahl: 180
  • Französisch
  • Abmessung: 179mm x 109mm x 11mm
  • Gewicht: 119g
  • ISBN-13: 9782757871652
  • ISBN-10: 275787165X
  • Artikelnr.: 53159698
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 08.10.2017

Die neuen Franzosen

François-Henri Désérable schreibt einen Romain-Gary-Roman. Kaouther Adimi setzt dem Verleger von Camus, Edmond Charlot, ein Denkmal. Und Alice Zeniter erzählt vom Schicksal der Algerier, die sich im Unabhängigkeitskrieg auf die Seite der Franzosen stellten

Von Annabelle Hirsch

François-Henri Désérable

Man muss, bevor man mit der Präsentation der jungen Stars der sogenannten Rentrée littéraire beginnt, ein paar Dinge klarstellen. Zum Beispiel, erstens, worum es bei dieser jährlichen Veranstaltung, die das gesamte lesende Land in eine Art Hysterie-Modus versetzt, eigentlich geht. Um Bücher, ja, um gute Literatur, sicher, für viele aber immer noch (so richtig ändert sich das nie) um die großen Preise. Sieben davon gibt es: Den Prix Goncourt, mit dessen Vergabe die Rentrée traditionell am 6. November endet, den Goncourt des Lycéens, den Prix Interallié, den Prix Médicis, den Prix Renaudot, den Prix Fémina und den Grand Prix du Roman de l'Académie Française. In diesem Jahr, und damit wären wir auch schon bei der Unart dieser französischen Eigenart, konkurrieren genau 581 Autoren um diese sieben Preise. 581 Romane kamen seit Mitte August auf den Markt, wahrgenommen werden davon, sagen wir, seien wir freundlich, vielleicht zwanzig. Eigentlich sind es zehn. Und François-Henri Désérable gehört zu diesen zehn Auserwählten. Besser noch: Der ehemalige Eishockeyspieler ist sogar der Einzige, der für alle sieben Preise nominiert ist. In Frankreich sagt man dazu, angelehnt ans Tennis, "faire le grand chelem", also die ganz große Gewinnertour antreten, und zumindest das ist Désérable mit seinem dritten Roman, "Un certain M. Piekielny", erschienen im Verlag Gallimard, jetzt schon gelungen.

Worum geht es? Erst einmal um gar nicht so viel. Auf den ersten Seiten erzählt der Autor, der den Leser, also uns, gerne an seinem Leben teilhaben lässt, von einer Tour nach Vilnius, die ihn eigentlich nach Minsk zu einem Eishockeyspiel und dem Junggesellenabschied seines Freundes führen sollte. Leider, oder zum Glück, läuft alles schief, man raubt ihn aus, er verpasst seinen Zug, er muss länger in Vilnius bleiben, was ihn wiederum zum Thema der folgenden Seiten, zum Thema seines Buches bringt: Irgendwo, in einer kleinen Straße der litauischen Hauptstadt stößt der junge Mann auf die Inschrift "Zwischen 1917 und 1923 lebte hier der Schriftsteller und Diplomat Romain Gary".

Zufälligerweise verehrt er diesen sagenumwobenen Autor Gary, dessen Kapitel sieben seines autobiographischen Romans "Erste Liebe - letzte Liebe" er, zumindest erzählt er das so, sein Abitur verdankt. Romain Gary, der eigentlich Roman Kacew heißt, erzählt in diesem drei Seiten langen Kapitel, wie seine Mutter eines Tages dem gesamten Haus verkündete, ihr Sohn werde einmal ein ganz Großer, ein Schriftsteller, ein Diplomat. Und wie ein kleiner Mann mit rotem Bart, ein gewisser M. Piekielny, offenbar beschloss, das zu glauben. Eines Tages lädt er den jungen Gary zu sich ein, füttert ihn mit ein paar Süßigkeiten und legt seine Bitte dar: Wenn er einmal groß und berühmt sei, solle er doch bitte die Wichtigen dieser Welt daran erinnern: "In der Grande-Pohulanka-Straße 16 in Wilno hat ein gewisser M. Piekielny gelebt . . ."

An diese tatsächlich rührende Szene erinnert sich Désérable dort vor dem Haus in Vilnius und beschließt sich auf die Suche nach diesem Mann zu machen, diesem Unbekannten, der seinen Namen in die Welt tragen lassen wollte. Anfangs, das merkt man schon, mangelt es dem Autor an Material, denn man weiß außer den drei Seiten von Gary nichts über diesen Piekielny, weshalb Désérable beginnt, Theorien in alle Richtungen zu spinnen. Weil dabei nicht besonders viel rauskommt, verwirft er diese allerdings relativ schnell und nimmt uns mit auf eine rasante Reise durch das Leben des Roman Kacew alias Romain Gary alias Emil Ajar. Er stellt sich vor, wie Gary nach der Befreiung neben de Gaulle unter dem Arc de Triomphe steht und verkündet: "In der Grande-Pohulanka-Straße 16 in Wilno hat ein gewisser M. Piekielny gelebt . . .", woraufhin de Gaulle nur anerkennend nickt. Er malt sich aus, wie er es der Queen ins Ohr flüstert und den Kennedys zum Aperitif serviert.

Das mag nicht spannend klingen, ist in Wahrheit aber toll - weil Romain Gary, wie seine Mutter es prophezeite, eine große, aufregende, mit vielen Mythen und Geheimnissen besetzte Figur ist (er nahm sich kurz nach seiner Ex-Frau Jean Seberg das Leben und hinterließ die Notiz: "Keine Verbindung zu Seberg. Liebhaber gebrochener Herzen werden freundlich gebeten, sich woanders umzuschauen"). Weil man an ihm ein halbes Jahrhundert Geschichte nacherzählen kann. Vor allem aber, weil es François-Henri Désérable gelingt, aus diesem dünnen Ausgangsstoff eine sehr poetische, oft sehr lustige, kluge Reflexion über die Wahrheit der Literatur und die Macht des Schriftstellers zu entwickeln. Denn am Ende weiß man natürlich nicht, wer dieser "gewisse Piekielny" nun war, was er gemacht hat, wie er gelebt hat und wie er gestorben ist. Man weiß nicht, ob es seine rührende Bitte um Anerkennung im Ohr der Großen dieser Welt, ja noch nicht einmal, ob es ihn selbst überhaupt wirklich gegeben hat. Vielleicht hat Gary ihn, wie so vieles in seinem Leben, einfach erfunden. Nur ist das auch vollkommen egal. Denn, da hatte dieser Piekielny vollkommen recht, wer in den Büchern eines großen Autors existiert, und sei es nur auf drei Seiten, der wird ewig leben.

François-Henri Désérable, "Un certain M. Piekielny". Roman. Gallimard, 272 Seiten, 19,50 Euro

Kaouther Adimi

Eine der allerersten Kritiken, die noch in den Sommer fiel und unter den Kandidaten der Rentrée für einigen Gesprächsstoff sorgte, bezichtigte Kaouther Adimi, einunddreißig Jahre alt, der Feigheit: Da sie sich nicht an einen großen Mann der Geschichte wage, in diesem Fall Albert Camus, habe die Autorin sich eine Periphergestalt, in diesem Fall den Buchhändler und Verleger Edmond Charlot, ausgesucht. Unverschämt fanden das viele Kollegen, Adimi sah es ziemlich locker. Zu Recht, denn offenbar hatte die Rezensentin des Regionalblattes nur den Buchrücken überflogen. Dort lässt der Verlag Le Seuil den Namen "Camus" fallen, einfach, weil man Camus kennt und Charlot eben nicht und weil Charlot, allein das wäre eine Geschichte wert, der allererste Verleger des Autors war.

Noch in Algerien, noch vor Gallimard, noch bevor Albert Camus zu "Camus" wurde, erschien 1937 der Essay-Band "Licht und Schatten" in Charlots Sammlung "Méditérranéennes". Darum geht es in diesem sehr schönen Roman, Adimis drittem: wie Albert auf den Stufen von Charlots Buchhandlung in der Rue Charras in Algier saß und Manuskripte korrigierte, allerdings geht es darum nur ganz beiläufig. Das wahre Thema ist Edmond Charlot und seine Verlagsbuchhandlung Les Vraies Richesses (Die wahren Schätze), benannt nach dem gleichnamigen Textband von Jean Giono. 1936 eröffnete der damals gerade einmal Zwanzigjährige sein Geschäft und auf Anraten von Jean Grenier (dem berühmten Lehrer von Camus) auch gleich noch ein Verlagshaus dazu. Viele wurden dort entdeckt, nicht nur Camus, auch Autoren wie Jules Roy, Emmanuel Roblès, Jean Amrouche, er brachte Bücher von Jean Giono, André Gide, Philippe Soupault, Gertrude Stein, Joseph Kessel, sogar Virginia Woolf heraus. Während des Krieges etablierte er Algier als eine Art "Paris bis", einen Freiheitsraum auf der anderen Seite des Mittelmeers. Er war so etwas wie die Victoria Ocampo des Maghrebs und druckte, trotz aller Schwierigkeiten, trotz des Papiermangels und wiederholter Gefängnisaufenthalte, unermüdlich weiter. Bücher, Revuen, alles, was gut und klug und frei denkend war.

Später im Krieg ging Charlot nach Paris, scheiterte dort aber kläglich, weil er die falschen Freunde wählte, vielleicht aber auch, weil es nicht ging, dass ein Algerier in Paris die besten Schriftsteller verlegt. Die großen Häuser teilten sich seine Autoren, Charlot zog zurück nach Algier und erlebte hautnah den Terror des OAS ("Organisation der geheimen Armee"), das Grauen des Algerienkrieges mit. Adimi erzählt diese Geschichte, auf die sie zufällig während eines Spaziergangs durch ihre Heimatstadt Algier stieß, mit viel Wärme und noch mehr Ernsthaftigkeit. Dabei war es nicht einfach, die Geschichte überhaupt zu rekonstruieren: Während des Kriegs fiel die Buchhandlung mehrfach Anschlägen zum Opfer, ein Großteil des Archivs wurde dabei vernichtet, und in Frankreich hatte man Charlot längst vergessen.

Es gab also kaum Material, weshalb Adimi zu einem kleinen Trick greift: Sie schreibt das fiktive Tagebuch des Edmond Charlot, füllt die Lücken und verknüpft sein kleines, großes Abenteuer mit den stürmischen Bewegungen - den künstlerischen und politischen - seiner Zeit. Ihr Buch, dieses unglaublich schöne Buch, ist eine Reise nach Algerien und eine Hommage. An einen Mann und seinen größten Schatz: die Literatur.

Kaouther Adimi: "Nos richesses". Roman. Le Seuil, 224 Seiten, 17 Euro

Alice Zeniter

Vielleicht, denkt Naïma am Anfang von Alice Zeniters Roman "L'Art de perdre", vielleicht gibt es ein Problem, wenn man dazu verdammt ist, sich die Informationen über sein Herkunftsland auf Wikipedia zusammen zu kramen. Was ist denn ein Ort, der keine anderen Konturen hat,

als die der Sozialwohnung der Großmutter und der nicht viel mehr Sinnliches evoziert als die süßlich-bittere Orangenblütennote der klebrigen Makrouts? Ist er überhaupt noch etwas anderes als eine Familienfiktion? Kann er Identität stiften?

Bei Naïma heißt dieses verlorene Zuhause, das sie gar nicht kennt und erst zum Ende des Buches entdeckt, Algerien: "Mit 2 381 741 Quadratkilometern ist es das zehntgrößte Land der Welt, das größte des afrikanischen Kontinents und der arabischen Welt; 80 % der Fläche sind Wüste", sagt die "freie Enzyklopädie" im Netz, nur macht das noch lange kein Land und erst recht keine Heimat aus. Die zu finden, oder besser gesagt, zu akzeptieren, dass man sie verloren hat, ist der Kern dieses Romans. "Es dauert lange, ein Land aus dem Schweigen zu bergen, besonders Algerien", schreibt Alice Zeniter auf den ersten Seiten und braucht genau 506, um das zu tun: Algerien bäumt sich vor einem auf, nur um dann, langsam am Horizont, auf der anderen Seite des Mittelmeers zu verschwinden.

Zeniter ist, wenn man so will, die Dienstälteste unter den jungen Autoren. Ihren ersten Roman veröffentlichte sie Françoise-Sagan-haft mit sechzehn, drei weitere folgten, es gab Preise und viel Kritikerlob. Mittlerweile ist sie einunddreißig Jahre alt, "L'Art de perdre", die Kunst zu verlieren, ist ihr fünftes und wahrscheinlich bestes Werk. Noch bevor überhaupt irgendetwas begonnen hatte, galt sie bereits als Top-Favoritin für quasi alles. So wie ihre Kollegen steht auch sie auf der ersten Liste des Goncourt, so wie Désérable steht sie auf der des Fémina, drei weitere Preise hat sie bereits eingesteckt und jeden davon verdient. Denn auch wenn sie sich, ähnlich wie ihre Kollegen, ebenfalls mit der Vergangenheit, also der Geschichte beschäftigt, lehnt sie sich dabei um einige Meter weiter aus dem Fenster. Zeniter wagt sich in ihrem Epos an ein sehr unglückliches, sehr schmerzhaftes, sehr komplexes Kapitel der franko-algerischen Geschichte heran: das Schicksal der sogenannten Harkis. Jener Algerier, die sich während des Unabhängigkeitskrieges auf die Seite der Franzosen statt des FLN ("Nationale Befreiungsfront") gestellt hatten, die nach 1962 mehr oder weniger sich selbst überlassen wurden und deshalb, weil sie in Algerien ihr Leben riskierten, nach Frankreich flüchteten. Dort empfing man sie, milde gesagt, nicht immer gut.

Zeniter erzählt diese Geschichte über drei Generationen: Die von Ali, einem Kabylen, der in seinem algerischen Bergdorf alles besaß (Oliven, Land, Ehre) und alles verlor, weil er sich auf die falsche Seite, die der Franzosen, die der Verlierer, stellte. Die von Hamid, seinem Sohn, der Algerien als Kind verließ, Frankreich erst einmal durch die Zäune eines Auffanglagers kennenlernte und als Jugendlicher beschloss, sein Heimatland zu vergessen, um sich in seiner neuen Heimat zu integrieren. Und schließlich, damit beginnt überhaupt alles, die von Naïma, Hamids Tochter. Sie ist die Erbin dieser Geschichte, die zwar nie endet, von der sie aber quasi nichts weiß, weil über allem, dem Krieg, Algerien, der vermeintlichen Schuld, ein Mantel des Schweigens liegt. Und so fragt sich Naïma in Paris im Jahr 2017, inwieweit diese algerische Identität, die man ihr immer wieder zuspricht, überhaupt noch eine Gültigkeit hat, wenn sie nicht viel mehr umfasst als ein paar Sonntage bei ihrer Großmutter.

Man könnte dieses Buch, das mit seinem historischen Rückblick eine starke Aktualität hat, sicher als eine Entschuldigung lesen. Als eine Erklärung für das in den letzten Jahren so oft besprochene Scheitern der Integration, als eine als Roman getarnte Anklage, ein: "Seht ihr! Die Armen! Sie hatten doch gar keine Chance! Erst hat man sie im Stich gelassen, dann in einem Camp geparkt, dann in einem seelenlosen Sozialbau abgesetzt und sie dort einfach vergessen." Das wäre einfach. Das wäre aber auch wahnsinnig langweilig. Zeniter, und das ist ihre Stärke, schiebt niemandem die Schuld zu und versucht auch nichts, fast nichts (manchmal wird sie allzu pathetisch, besonders wenn sie von der Gegenwart, der Zeit nach den Anschlägen schreibt), zu legitimieren. Stattdessen ertastet sie über ihre Figuren durch die verschiedenen Generationen Begriffe und Dinge, die nicht nur für diese Geschichte, sondern universell gültig sind.

Sie fragt sich, ob man in großen historischen Momenten, die sich ja immer erst retrospektiv als solche zu erkennen geben, wirklich eine Wahl trifft oder ob es vielleicht manchmal der Zufall bestimmt, auf welcher Seite man am Ende steht (Ali war gar nicht gegen die Unabhängigkeit). Sie fragt: Was bedeutet Heimat, was Identität, was Zugehörigkeit? Wo endet die Realität eines Landes und wo beginnt, besonders in der Ferne, seine Fiktion?

"Algerien ist der Name aller Fiktionen", hat sie vor kurzem in einer Radiosendung gesagt. Durch ihren Roman bringt sie uns einige davon sehr nahe. Wie schwer es ist, sie gehen zu lassen, versteht man nach all diesen Seiten auch.

Alice Zeniter: "L'Art de perdre". Roman. Flammarion, 512 Seiten, 22 Euro

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