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Ein unverhofftes Wiedersehen und eine deutsche Geschichte: Auf verschlungenen und geisterhaft-merkwürdigen Wegen findet zu Beginn der neunziger Jahre eine altmodische Kamera ihren Besitzer wieder. Sie gehört dem fast achtzigjährigen Vater des Erzählers, der den Apparat 1939 mit siebzehn Jahren auf hoher See zwischen Angola und Argentinien einem britischen Marineoffizier aushändigen musste, bevor er in Kriegsgefangenschaft ging. Aus der Gegend von Auschwitz, dem galizischen Grenzgebiet zwischen Polen, Österreich-Ungarn und Oberschlesien war die Familie des deutschnationalen protestantischen…mehr

Produktbeschreibung
Ein unverhofftes Wiedersehen und eine deutsche Geschichte: Auf verschlungenen und geisterhaft-merkwürdigen Wegen findet zu Beginn der neunziger Jahre eine altmodische Kamera ihren Besitzer wieder. Sie gehört dem fast achtzigjährigen Vater des Erzählers, der den Apparat 1939 mit siebzehn Jahren auf hoher See zwischen Angola und Argentinien einem britischen Marineoffizier aushändigen musste, bevor er in Kriegsgefangenschaft ging. Aus der Gegend von Auschwitz, dem galizischen Grenzgebiet zwischen Polen, Österreich-Ungarn und Oberschlesien war die Familie des deutschnationalen protestantischen Pastors und Veteranen des Ersten Weltkriegs Andreas Wackwitz 1933 nach Afrika ausgewandert. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verhindert die Rückkehr. Der älteste Sohn Gustav wird sieben Jahre lang in einem kanadischen Lager Bäume fällen. Seine längst vergessene Kamera wandert in ein Depot in London, später nach Berlin und reist ein halbes Jahrhundert lang durch die Zeit. Welche Bilder werden sich auf dem über sechzig Jahre alten Film finden? Stephan Wackwitz, der Enkel des Auswanderers, beginnt eine Geschichte seiner Familie zu erzählen, die unter den Händen zum Roman dreier Generationen wird.
Autorenporträt
>Die Wahrheit über Sancho Pansa<, >Walkers Gleichung<), autobiographische Bücher (>Ein unsichtbares Land<, >Neue Menschen<, >Die Bilder meiner Mutter<) sowie die Reisebücher >Tokyo. Beim Näherkommen durch die Straßen<, >Osterweiterung<, >Fifth Avenue< und >Die vergessene Mitte der Welt. Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan<. Literaturpreise: Wilhelm-Müller-Preis 2010 Samuel-Bogumil-Linde-Preis 2012 Wilhelm Lehmann-Literaturpreis 2016
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 17.03.2003

Lehfeld kam in Lobito an Bord
Auslandsdeutsche, verknotet: Stephan Wackwitz‘ Familienroman „Ein unsichtbares Land”
Fassen wir die Kamera ins Auge, die auf der hinteren Umschlagklappe der schwarz gewandete Autor, geboren 1952 in Stuttgart, derzeit Leiter des Goethe-Institutes in Krakau, in Bauchhöhe mit beiden Händen umfasst, während er mit gerunzelter Stirn in die Kamera des polnischen Fotografen Zbigniew Bielawka blickt. Wir dürfen vermuten, dies sei die No. 1A Pocket Kodak, eine der seit 1926 massenhaft verkauften ausziehbaren Rollfilm- Klappkameras, von der wir erfahren, der Vater des Autors, Gustav Wackwitz habe sie 1938 in Windhuk zum 17. Geburtstag bekommen und wenig später den Engländern aushändigen müssen, die im September 1939, nach Ausbruch des Krieges, den Dampfer „Adolph Woermann” aufbrachten, auf dem der junge Mann mit seinen Eltern von Deutsch-Südwestafrika in Richtung Bremerhaven unterwegs war.
Das Kapitel, in dem Stephan Wackwitz berichtet, wie der Vater die von ihm längst vergessene Kamera im Jahre 1993 zurückerstattet bekam, heißt „Unverhofftes Wiedersehen”. Es borgt nicht nur seinen Titel von Johann Peter Hebel, es zitiert auch dessen Geschichte vom Bergmann vom Falun. Das Halogensilber der Wackwitz-Kamera rückt an die Seite des Kupfervitriols, das den Hebel-Bergmann unter der Erde konserviert hat. Aber der Film in der zurückgekehrten No.1A Pocket Kodak hat sich zersetzt. An seine Stelle rückt der in die Geschichte verknotete Familienroman und beerbt die klassische Kalendererzählung. Stephan Wackwitz ist mit einer eigenen Kamera an die Orte der Herkunft seiner Familie gereist. Sie liegen nicht weit von Krakau.
Der Schriftsteller W.G. Sebald, der Ende 2001 starb, war ein erklärter Bewunderer Johann Peter Hebels. In seinen Büchern hat er das Erzählen vom zwanzigsten Jahrhundert in den Tonfall des neunzehnten eingebunden. Eines dieser Bücher, „Die Ausgewanderten” ist 1992 erschienen, kurz bevor Gustav Wackwitz seine vergessene Kamera zurückerhielt. Das Ich, das Stephan Wackwitz in der Erzählung seines Familienromans entwirft, ist ein Nachkomme des Sebald- Ich. Sein Buch sieht, wegen der Art, in der Fotografien aus dem Familienarchiv in den Text eingefügt sind, wie ein Sebald-Buch aus. Bis in den Satzbau hinein ist das Vorbild des literarischen Ahnherrn spürbar. Manchmal so sehr, dass man befürchtet, das Wackwitz-Ich werde in seinem Schatten verschwinden. Aber das tut es zum Glück nicht.
Ein mürrischer, in sich verkapselter Großvater, mit dem der heranwachsende Enkel im Stuttgart der sechziger und frühen siebziger Jahre wenig anfangen kann, ist die Schlüsselfigur: Andreas Wackwitz, geboren 1893 in der Nähe von Breslau als Sohn eines Oberförsters, Soldat im Ersten Weltkrieg, von 1921 bis 1933 evangelischer Pfarrer der deutschen Gemeinde Anhalt im polnisch gewordenen Oberschlesien, unweit von Auschwitz, danach deutscher Ausgewanderter in Südwestafrika und nach der Rückkehr Pfarrer im brandenburgischen Luckenwalde, wo man von Greueln in den Lagern munkelte und die Familie Dutschke mit dem kleinen Rudi lebte.
In den siebziger Jahren wäre dies wohl ein Buch der Abrechnung geworden. Der Enkel hätte die Aufzeichnungen des Großvaters nach dessen Tod wie eine Anklageschrift gegen ihn verwandt. Ein Teilnehmer am Kapp-Putsch hat sie geschrieben, ein Deutschnationaler, ein nicht nur in Afrika von rassistischen Ausfällen Heimgesuchter, ein Seelenverhärteter, der seine Memoiren während der Auschwitz-Prozesse schreibt, aber bei der Schilderung der Juden im Auschwitz der zwanziger Jahre die künftige Vernichtung nur obenhin ins Auge fasst.
Dieses Buch ist kein Abrechnungsbuch. Den Titel Familienroman trägt es nicht ironisch. Der Enkel sucht nach Verbindungslinien zwischen sich selbst und dem „Auslandsdeutschtum” des Großvaters, zwischen dessen Kapp-Putsch- Teilnahme und der eigenen Mitgliedschaft in einer kommunistischen Studentengruppe in den Siebzigern.Aus der Einbettung dieser Großvater- Enkel-Geschichte in die Geschichte des politischen Enthusiasmus in Deutschland gehen die stärksten Passagen des Buches hervor. Nicht nur im Großvater spukt der Geist von Fichtes „Reden an die deutsche Nation”, auch in Rudi Dutschke ist, wie ein erhellender Abschnitt über die Magie seiner Stimme zeigt, in seltsamer Verkehrung das rhetorische Erbe des Fichteschen Typus von Radikalität lebendig.
Einer der Amtsvorgänger von Andreas Wackwitz in der oberschlesischen Gemeinde Anhalt war Gottlieb Adolph Schleyermacher, der Vater des Philosophen Schleiermacher. Ihn, den Kritiker Fichtes, macht der Enkel zum Theoretischen Gewährsmann und Ahnen seines Familienroman, in dem das Ich, etwa im Blick auf Stammheim, mindestens so sehr die Dämonen der eigenen Generation bannt wie die des protestantischen Pfarrhauses in der Nähe von Auschwitz, in dem der Großvater gegen die Polen das Deutschtum hochhielt.
Ein Familienroman ist dieses Buch auch in dem sehr elementaren Sinne, dass es den Vater und Großvater zu Ko-Autoren macht. Vom Vater stammt nicht nur das Titelbild, eine Aufnahme der „Adolph Woermann”, sondern auch der Text über Ausfahrt und Untergang des Schiffes, der das Buch beschließt. Er beginnt mit dem Satz „Lehfeld kam in Lobito an Bord”, dem Anfangssatz für eine Erzählung nicht im Stile Hebels, sondern Hemingways. Der spröde Stil des Vaters und Großvaters raut, zum Vorteil des Buches, den Sebald-Ton des Enkels auf.
Allzu häufig gibt Stephan Wackwitz der Versuchung nach, seinen Familienroman weltliterarisch zu nobilitieren. Für die Landschaft um Auschwitz stellt sich als Metapher prompt Conrads „Heart of Darkness” ein. In den „arkadischen” Beskiden sagt der Tod: „Auch ich bin hier.” Und wenn der Ich- Erzähler dem Schweigen, das zu Lebzeiten über den Zimmern des Großvaters lastete, die Zunge lösen will, kommt es ihm vor, „als müsse ich Unterwelten bewegen” wie Sigmund Freud im berühmten Motto seiner „Traumdeutung”. Auch ohne diese snobistischen Ornamente würde dieser erhellende, bisweilen beklemmende Familienroman deutscher Ausgewanderter den Leser in seinen Bann zu ziehen. LOTHAR MÜLLER
STEPHAN WACKWITZ: Ein unsichtbares Land. Familienroman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2003. 288 Seiten, 19,90 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 18.03.2003

Einmal dänischer Prinz zu sein, in Deutschland am Rhein
Schiffbruch mit Zigarre: Stephan Wackwitz sucht das Land seiner Großväter und findet sich / Von Friedmar Apel

Der "Familienroman des Neurotikers" - Sigmund Freuds gattungspoetische Prägung wurde in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zum Kanon der Revolte gegen autoritär schweigende Väter und bewußtlose Mütter politisch gewendet. Zugleich sollte damit das Ende verschleiernder literarischer Fiktion markiert werden. Glückliches Familienleben geriet unter Ideologieverdacht, über unglückliches gab es ohnehin mehr zu berichten. Kaum jedoch waren die Väter verschwunden, fielen dunkle Schatten auf die Mütterlichkeit, während ein "leidenschaftliches Begehren im Untergrund" entdeckt wurde, ein unsichtbares Phänomen namens "Vatersehnsucht". In der Literaturproduktion des letzten Jahres waren dann Mama, Papa und Kinder wieder mehr oder weniger glücklich beisammen.

Der 1952 geborene Stephan Wackwitz kommt in seiner vielschichtigen Erkundung des Landes seiner Väter wie notwendig auf den paradox erscheinenden Zusammenhang zwischen Feindseligkeit und Sehnsucht zurück. Die Geschehnisse der siebziger Jahre seien im Grunde ein "politischer Familienroman" gewesen. Der normgebende "Luckenwalder Kindheitsroman" des Rudi Dutschke sei damals "in den Formen der großen barocken Intellektuellentragödie" inszeniert worden: "Denn wenn Bloch und Lukács, Walter Benjamin, Leviné, Trotzki und Karl Liebknecht unsere Könige und Väter gewesen sind, dann waren wir damals dänische Prinzen. Ein Mord, über den niemand spricht, hat uns den König, unseren Vater geraubt."

So verknüpft sich der Rückweg des Erzählers in ein Land, "von dem wir nicht wußten, ob es eigentlich unseres war", arabesk mit der Suche nach der Heimat des Vaters und des Großvaters, der Gegend um die alte galizische Residenzstadt Auschwitz. Zehn Kilometer nördlich davon, im damals schon polnischen Anhalt, war Andreas Wackwitz von 1921 bis zu seiner Auswanderung nach Afrika 1933 Pfarrer der deutschen Gemeinde gewesen. Kurioserweise aber wurde er nach der Rückkehr aus Schiffbruch und Gefangenschaft Superintendent in Luckenwalde, wo "er für einen frommen und sportlichen Jugendlichen zuständig geworden ist, der eigentlich Alfred Willi Rudolf Dutschke hieß". Der wiederum war einmal für Stephan Wackwitz zuständig, der seit 1999 kaum eine Autostunde von jenem Land entfernt als Leiter des Goethe-Instituts Krakau die Kultur des Landes vertritt, das er nur unter Qualen zu dem seinen machen konnte.

Kurios und ähnlich unglaublich wie Johann Peter Hebels Geschichte vom unverhofften Wiedersehen ist auch der anekdotische Anlaß der Recherche. 1993 bekommt der Vater des Erzählers, Gustav Wackwitz, von der "Dienststelle für die Benachrichtigung der Angehörigen ehemaliger Soldaten der Wehrmacht" eine Kamera mit eingelegtem Film zugestellt, die ihm 1939 bei seiner Gefangennahme auf der Fahrt von Deutsch-Südwestafrika nach Bremerhaven von englischen Soldaten abgenommen worden war. Der Erzähler verrät sogleich, daß auf dem entwickelten Film nichts zu sehen war. Aber gerade diese Schwärze repräsentiert das Geheimnis der Familiengeschichte wie das der "Zukunftslosigkeit" des Erzählers in jenen siebziger Jahren und wird zum unsichtbaren Zentrum einer Herstellung von Sichtbarkeit und Perspektive, die Bilder nicht hätten leisten können. Es ist mehr als nur ein unsichtbares Land, was dabei zum Vorschein kommt. Geopolitische Topographien und kollektive und individuelle Territorien der Seele überlagern sich. Was immer der Erzähler bei seinen Recherchen findet, es verschränkt sich mit seinen eigenen Wegen.

Es beginnt mit dem Versuch, auf eine gerechtere Weise hinter das erst als beängstigend empfundene und dann verächtlich abgetane Schweigen der Vorfahren zu kommen. Der Großvater kommt mit seiner eigenen Stimme zu Wort, und zuletzt maßt sich der Enkel nicht mehr an, alles verstehen zu wollen: "Niemand dringt hier durch, und gar mit der Botschaft eines Toten." Einzelheiten dieser Botschaft aber machen sich auf "eine lächerliche, manchmal etwas bedrückende und zuweilen entschieden unheimliche" Weise in der Phantasie des Erzählers selbständig.

Was ihn topographisch umtreibt, ist jene trichterförmige Verengung der deutschen Geschichte auf die Chiffre Auschwitz, in der die Gegend seiner Väter zum "schwarzen Loch" wurde, das alle Erinnerungen in sich hineinriß und zugleich "in die Gespräche unserer Familie ein kleines, bedeutsames Schweigen" einschleppte. Das tränkt noch den heutigen Anblick, aber auch alle Erinnerungen, die Kinder lieben, "was mein Vater als kleiner Junge gemacht, gespielt und angestellt hat", mit einer kaum erträglichen Traurigkeit. Daher ist der Erzähler "bei eigentlich jedem Besuch dort froh gewesen, am Abend möglichst schnell wieder nach Krakau zurückkehren zu können". So wird das Verhältnis zum Land der Väter zur Metapher der in Deutschland immer wieder mißglückenden Identifikation mit dem eigenen Herkommen. Die neunziger Jahre, in denen "das Land zurückgefunden hat aus einem Sonderweg der Bußzerknirschung und des Sündenstolzes in die merkwürdig fließende, unabschließbare, ambivalente und personenabhängige Art von Wahrheit und Moral, die in wirklichen Demokratien gilt", beschreibt der Erzähler als Zeit der befreienden Erkenntnis, "daß man nicht nur die Geschichte, sondern auch die Wahrheit herstellen muß".

In diesem Licht erscheinen die bundesrepublikanischen Moralisten von Heinrich Böll bis Walter Jens, als ob sie "eigentlich noch vor dem Krieg gelebt hätten". So gewinnt der Erzähler den Fernblick in die Geschichte zurück und zieht ein Quentchen Glück aus der Vorstellung, daß "wir alle, seit wir Menschen sind, nicht einfach irgendwo herstammen, sondern vielmehr immer schon irgendwann irgendwo angekommen sind". Nun kann der Erzähler freier bedenken, was von seinen Vätern in ihm wirkte, als er mit dem anderen Totalitarismus liebäugelte, den Großvater in sich erkennt er noch in der äußeren Erscheinung bis hin zum vorübergehenden Spitzbauch.

Um so mehr führt ihn das zu einer radikalen Abrechnung mit der protestantischen deutschen Tradition der Wahrheitssuche in der Form der "Flammenrede", von Fichte und Hegel über Dutschke zu Ulrike Meinhof und Holger Meins. Dieses anmaßend Prophetische habe "in der deutschen Linken schon immer eine böse und zugleich ein bißchen lächerliche Hauptrolle gespielt". Das ist auch eine Abrechnung mit dem ehemaligen Spartakisten Stephan Wackwitz, mit der eigenen Feigheit und Anpassungsbereitschaft. Am Ende winkt aus dem unsichtbaren Land ein vom Vater Gustav, mit dem der Erzähler eigentümlich einig scheint, überliefertes distanzierendes Leitbild, ein auslandsdeutscher "Ritter von der komischen Gestalt", ein dicker menschenfreundlicher Exzentriker, der sich im Anblick des eigenen Schiffbruchs eine Zigarre anzündet.

"Ein unsichtbares Land" ist ein schönes, melancholisches und gehaltvolles Buch, das den Leser in die Erkundung einbezieht. Es ist aber in den selbstquälerischen Bekenntnissen zugleich schrecklich deutsch, nicht zufällig steht einmal mehr ein protestantisches Pfarrhaus im topographischen Zentrum des Romans. Gerade in diesen, den Leser peinigenden Passagen aber dokumentieren sich die ganzen Schmerzen und Verwerfungen verhinderter Identifikation in der (in der Literatur noch längst nicht abgeschlossenen) deutschen Nachkriegszeit. Wer die absurd erscheinenden Metamorphosen der Achtundsechziger im Spektrum von staatstragenden Ministern bis zu deutschnationalen oder rechtsradikalen Protagonisten verstehen will, muß dieses Buch lesen.

Stephan Wackwitz: "Ein unsichtbares Land". Familienroman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2003. 288 S., geb., 12 Abb., 19,90 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Dieses Buch ist "ein faszinierender autobiografischer Essay", aber auch ein Roman, lobt Manfred Koch. Es entstand, wie der Leser vom Rezensenten erfährt, nachdem Wackwitz in den neunziger Jahren begann, die autobiografischen Aufzeichnungen seines Großvaters Andreas Wackwitz zu studieren. Dabei entdeckte der Autor, wie stark Person und Zeit seines Großvaters auch noch seine Biografie und Zeitumstände prägten, berichtet Koch, und so entstand, ausgehend von langen Passagen, die Wackwitz aus den "Kladden" seines Großvaters zitiert und kommentiert, so etwas wie ein "Deutschlandessay", der unter anderem einen Bogen von Friedrich Schleiermacher zu Rudi Dutschke. Vermittelt aber wird dies alles, wie man von Koch erfährt, über die Familiengeschichte und mit dieser verbundene Orte wie das oberschlesische Anhalt etwa, in dem sein Großvater von 1921-1933 Pastor war, in dem aber auch Friedrich Schleiermacher aufwuchs, und das außerdem nur fünf Kilometer von Auschwitz entfernt liegt. So werde der Ort bei Wackwitz zu einem topografischen Symbol, dem "bekannteren von Weimar und Buchenwald vergleichbar". Aber Andreas Wackwitz war ab 1940 eben auch noch Superintendent im brandenburgischen Luckenwalde, in dem Rudi Dutschke aufgewachsen ist. Und so schlägt Wackwitz "suggestiv" auch noch den Bogen von der "Luckenwalder Pfarrhausidylle" und der "Mentalität des völkischen Aufbruchs" zum "besessenen Sprechen" des charismatischen Predigers der studentischen Erhebung. Hier wie da, gibt Koch Wackwitz' Gedanken wieder, habe ein jahrhundertealter protestantischer Radikalismus fortgewirkt, in dessen Geist dazu erzogen wurde, "Abtrünnige in prophetischen 'Flammenreden' der Hölle zu überantworten."

© Perlentaucher Medien GmbH
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