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Unter den großen Briefwechseln Theodor W. Adornos ist der mit Siegfried Kracauer mit Sicherheit der intimste. Der Nachhall einer leidenschaftlichen Freundschaft, die beide von Beginn an miteinander verband - Adorno war 15 oder 16 Jahre alt, Kracauer 14 Jahre älter, als sie sich kennenlernten -, durchzieht diese Korrespondenz, die sich von 1923 bis zu Kracauers Tod 1966 erstreckt. Der Ältere war zeitlebens der verletzlichere, der Jüngere in seinem brieflichen Sturm und Drang der rücksichtslosere. Kracauer, der in der Feuilletonredaktion der Frankfurter Zeitung arbeitete, war bereits ein…mehr

Produktbeschreibung
Unter den großen Briefwechseln Theodor W. Adornos ist der mit Siegfried Kracauer mit Sicherheit der intimste. Der Nachhall einer leidenschaftlichen Freundschaft, die beide von Beginn an miteinander verband - Adorno war 15 oder 16 Jahre alt, Kracauer 14 Jahre älter, als sie sich kennenlernten -, durchzieht diese Korrespondenz, die sich von 1923 bis zu Kracauers Tod 1966 erstreckt. Der Ältere war zeitlebens der verletzlichere, der Jüngere in seinem brieflichen Sturm und Drang der rücksichtslosere. Kracauer, der in der Feuilletonredaktion der Frankfurter Zeitung arbeitete, war bereits ein bekannter Kritiker und Essayist, als Adorno Mitte der zwanziger Jahre noch seinen Lebensweg suchte. Für Adorno blieb Kracauer in diesen Jahren der Vertraute, dem er seine Erfahrungen und Gedanken mitteilte, aber auch seine Pläne, die er in Wien, Berlin oder Italien schmiedete. In den folgenden Jahrzehnten, in den Zeiten des Aufstiegs des Nationalsozialismus, der Emigration und des Überlebens im Exil und des Wiederaufbaus nach 1945, ist die 269 Briefe umfassende Korrespondenz vor allem ein bewegendes Dokument, das von dem Versuch beider zeugt, eine intellektuelle Freundschaft über die Wirren und Brüche des 20. Jahrhunderts hinweg zu bewahren.
  • Produktdetails
  • Theodor W. Adorno, Briefe und Briefwechsel Bd.7
  • Verlag: Suhrkamp
  • Best.Nr. des Verlages: 58496
  • Seitenzahl: 770
  • 2008
  • Ausstattung/Bilder: 2008. 770 S. 204 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 205mm x 128mm x 43mm
  • Gewicht: 742g
  • ISBN-13: 9783518584965
  • ISBN-10: 3518584960
  • Best.Nr.: 23845761
Autorenporträt
Theodor W. Adorno wurde am 11. September 1903 in Frankfurt am Main geboren und starb am 6. August 1969 während eines Ferienaufenthalts in Visp/Wallis an den Folgen eines Herzinfarkts. Von 1921 bis 1923 studierte er in Frankfurt Philosophie, Soziologie, Psychologie und Musikwissenschaft und promovierte 1924 über Die Transzendenz des Dinglichen und Noematischen in Husserls Phänomenologie. Bereits während seiner Schulzeit schloss er Freundschaft mit Siegfried Kracauer und während seines Studiums mit Max Horkheimer und Walter Benjamin. Mit ihnen zählt Adorno zu den wichtigsten Vertretern der 'Frankfurter Schule', die aus dem Institut für Sozialforschung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt hervorging.
Rezensionen
Besprechung von 17.11.2008
Immer war einer von beiden zutiefst gekränkt

Heute erscheint der Briefwechsel zwischen Theodor W. Adorno und Siegfried Kracauer. Er gibt Einblicke in die Empfindlichkeiten der zwei wirkmächtigen Intellektuellen. Ein Zeitzeugnis erster Güte.

Was hier in Gestalt von 269 Briefen vorliegt, geschrieben im Zeitraum von mehr als fünf Jahrzehnten, ist aufgrund seiner Authentizität ein Zeitzeugnis erster Güte. Keineswegs aus dem Grund, weil jenes Geheimnis gelüftet wird, dass die Beziehung der beiden Briefpartner am Anfang ihre homoerotische Seite hatte. Das ließ Kracauer - der gelernte Architekt und von Georg Simmel inspirierte Philosoph aus Passion, der von 1921 bis 1933 während der Ägide von Benno Reifenberg Feuilletonredakteur der "Frankfurter Zeitung" war - in seinem 1935 abgeschlossenen, 1973 publizierten autobiographischen Roman "Georg" schon deutlich genug anklingen. Dort schildert er die erste Begegnung mit einem Jüngling, in dem man unschwer den umsorgten und frühreifen Sohn der Wiesengrunds erkennen konnte, der, so Kracauer, mit seinen "großen traurigen Augen" wie ein "Prinzensohn" aussah. Der Leser erhält auf ganz unspektakuläre Weise Einblick in die körperlichen Annäherungen der Protagonisten im Roman, zu denen es während gemeinsam unternommener Reisen kommt.

In der realen Welt, im Frankfurt der frühen zwanziger Jahre, spielte Kracauer zunächst die Rolle des durch Gelehrsamkeit faszinierenden Lehrers, der 14 Jahre jüngere Gymnasiast die des wissbegierigen Schülers, dem der Ältere die Philosophie, wie jener später bezeugt, "zum Sprechen gebracht" hat. Im ersten Brief Kracauers an "meinen lieben Teddie", datiert vom April 1923, bekennt er seine "quälende Liebe zu Dir, dass es mir jetzt so vorkommt, als könne ich allein gar nicht bestehen". In den folgenden Briefen aus Wien, wo der "Prinzensohn" 1925 als junger Doktor der Philosophie bei Alban Berg Kompositionslehre studiert, verletzt er den Freund mit Berichten über seine meist unglücklich verlaufenden Frauenbeziehungen; zugleich klagt er über seine "Sehnsucht nach Dir, mit dem ich (...) auf Tod oder Leben verknüpft bin". Dieser Briefwechsel unterscheidet sich von den vielen anderen durch eine besondere Offenherzigkeit des Geschriebenen, die sich der wechselseitigen Zuneigung, der großen Vertrautheit dieser persönlichen Bande verdankt, so ambivalent-kompliziert sie auch war.

Auch wenn er etwas davon hat, ist der Briefwechsel keineswegs als Enthüllungsroman spektakulär, sondern er ist in erster Linie als Dokument dafür von Interesse, wie zwei narzisstisch disponierte Einzelgänger, die ganz und gar in die Welt des Geistigen verstrickt sind, mit den politisch und kulturell wechselvollen Situationen ihrer Epoche fertig zu werden versuchen, sowohl miteinander als auch gegeneinander. Gemeinsam ist ihnen das Oppositionelle sowie ihre Obsession für alles Avancierte in der Kunst und Philosophie, aber auch ihre eigensinnige Deutung des Marxismus. Alles dies wird in den Briefen dieser frühen Periode thematisiert; sie reicht bis zur Versetzung Kracauers von Berlin nach Paris, wohin er unmittelbar nach dem Reichstagsbrand als Korrespondent zur Vertretung Friedrich Sieburgs geschickt wurde, um dann schon nach vier Wochen "endgültig den Laufpaß" seitens des Verlagsleiters Heinrich Simon zu bekommen. Adorno war damals noch so naiv, am 15. April an den Emigranten zu schreiben, doch nach Deutschland zurückzukehren. "Es herrscht völlige Ruhe und Ordnung; ich glaube, die Verhältnisse werden sich konsolidieren."

Was Adorno und Kracauer schließlich trotz aller emotionalen und intellektuellen Verbundenheit trennt, sind die in der Exilsituation anwachsenden Zwänge, sich innerhalb der kleiner werdenden Gemeinschaft kritisch eingestellter Intellektueller erkennbar zu positionieren. Auch spürt man bei einer vergleichenden Lesweise der frühen Briefe, wie Adorno durch eine Art ostentativer Überklugheit und sprachästhetischer Originalität den Vorsprung wettzumachen versucht, den Kracauer durch sein Alter und seine Verbindungen etwa zu Walter Benjamin, Ernst Bloch, aber auch Zeitungsredaktionen damals hatte.

In ihrer Korrespondenz, die periodische Lücken enthält, weil der eine oder der andere zeitweilig gekränkt ist, fordern beide immer wieder nachdrücklich, sich "rücksichtslos die Meinung" zu sagen. Bei ihrem Meinungsaustausch sparen sie keineswegs mit Invektiven gegenüber den Platzhirschen im eigenen Revier. Sei es, dass sich Adorno über die "dumpfe Natur Brechts" mokiert oder Ernst Bloch als "konfusen" Kopf und "Märchenerzähler" abtut, sei es, dass er sich weder von den "goijisch-pastoralen Marx Enthüllungen" eines Georg Lukács noch selbst dem Nimbus eines Benjamin, dem "Waltenden" beeindrucken lässt. Ein "richtiger Mensch" wie Alban Berg ist bei Adorno eine seltene Ausnahme. Zwar schlägt Kracauer keineswegs in die gleiche Kerbe, aber er unterlässt es, in Adornos Urteilsbildung korrigierend einzugreifen. Und weil die Briefpartner sich selbst gegenüber schon gar nichts schenken, stoßen sie sich immer stets aufs Neue vom wackligen Kahn ihrer Freundschaftsbeziehung, um dann zugleich mit verzweifelten Rettungsversuchen zu beginnen. Die Spannung zwischen Bejahung und Verneinung, Liebe und Hass scheint konstitutiv für diese affektive Beziehung zu sein.

Im April 1937 publiziert Kracauer im Pariser Exil unter äußerster materieller Not eine Studie über Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit, ein Buch, in dem er die Biographie des Komponisten vor dem Hintergrund der französischen Zeitgeschichte des II. Kaiserreichs darstellt. Wie reagiert Adorno, der vom englischen Oxford aus auf dem Sprung war, in die Vereinigten Staaten auszureisen, wo ihn Horkheimer mit offenen Armen empfangen sollte? Er haut dem Autor sein Buch über Offenbach gleich zweimal um die Ohren. Nicht genug, dass er im Brief vom Mai 1937 die "Brotarbeit" als solche ganz verwirft und Kracauer beckmesserisch alle möglichen musiktechnischen Fehler vorrechnet. Darüber hinaus moniert er das Anekdotenhafte wie Konformistische der Darstellung: "Es ist als wolltest Du Dich schadlos halten für alle Banalitäten, die Du seit 20 Jahren zu sagen Dich nicht mehr getraust. (...) Ich greife Dich an, um Dich gegen Dich zu verteidigen: gegen eine Resignation, für die Du zu schade bist; und um an Deinen eigentlichen Ehrgeiz zu appellieren, an dem meiner sich geschult hat."

Nicht genug damit, in einer Rezension des Buches, die er in der "Zeitschrift für Sozialforschung" veröffentlicht, tritt Adorno nach. Kracauer habe es versäumt, die Operette Offenbachs als Ursprung des Kitsches aufzudecken. Im Antwortbrief Kracauers, dessen Duktus erstaunlich gelassen wirkt, kontert er, die Lesart des Freundes sei oberflächlich und Zeichen von Verblendung: "Daß Du aus meinem (...) Verfahren schließen zu können glaubst, ich sei mit der betreffenden Gesellschaft einverstanden, macht Deine Torheit nur völlig manifest und diskreditiert nachträglich noch einmal Deine Kritik. (...) Indem ich zusammenfassend noch konstatiere, dass Dir die vermeintliche totale Vernichtung meiner Arbeit kein anderes Ergebnis eingetragen hat als die totale Ignorierung ihres eigentlichen Gehaltes, mache ich mich leider wirklich einer Banalität schuldig." Mit dieser Breitseite scheint Kracauer seine tatsächliche Verletzung zu kaschieren, die Adorno kaum entgangen sein dürfte.

Dennoch bringt er im nächsten Brief seine Verwunderung zum Ausdruck, dass Kracauer die Adornosche "Attacke" gar nicht an sich herankommen lasse, ihn abwehre. Er schreckt auch nicht davor zurück, ein von Kracauer noch im Pariser Exil verfasstes Exposé über totalitäre Propaganda gänzlich umzuschreiben, so dass dem ursprünglichen Autor, dem jeder Pfennig Honorar willkommen sein musste, nichts anderes übrigblieb, als seinen Beitrag, eine Auftragsarbeit des New Yorker Institute of Social Research, zurückzuziehen: "Ich muß Dir gestehen", so Kracauer an Adorno, "daß mir eine Bearbeitung, die so jedem legitimen Usus zuwiderläuft, in meiner ganzen literarischen Laufbahn nicht zu Gesicht gekommen ist; geschweige denn, daß ich persönlich in meiner Praxis einem fremden Text je derart mitgespielt hätte."

Im Antwortschreiben von Adorno, der inzwischen als Mitarbeiter des Radio Research Project sein gutes Dollareinkommen hatte, rechtfertigt er sein Vorgehen lapidar damit, er habe nun einmal den "Text der dezidiert theoretischen Haltung" der Zeitschrift anpassen müssen. Im nächsten Brief schon beklagt er sich wiederum über die anhaltende Stummheit Kracauers ihm gegenüber, die umso ungerechter sei, als er sich alle erdenkliche Mühe gebe, die Emigration des in Europa gefährdeten Freundes und seiner Frau in die Vereinigten Staaten zu ermöglichen. Diese Art der Korrespondenz als Schlagabtausch in wohlgesetzten Worten erklärt sich nicht zuletzt aus den spezifischen Bedingungen des Überlebens in der Emigration, der Fremdheitserfahrung, mehr noch der Gefahr der Isolation und Marginalisierung. So nimmt die Kommunikation zwischen den beiden "Heimatlosen" während dieser zweiten Periode immer mehr einen idiosynkratischen Charakter an, so dass in kleinlichster Weise scheinbare Abweichungen von einem eher diffusen Gruppenkonsens mit Ausschlussdrohungen geahndet wurden.

Der Briefwechsel ist auch ein erschütternder Beweis dafür, dass bei den Emigranten das einigende Moment des Hasses auf die Tyrannei Hitlers nicht ausreichte, um zu verhindern, dass der Dissens in theoretischen Dingen in eine Rivalität zwischen Personen umschlug.

Der hyperkritische Tonfall bis hin zur Gegnerschaft ändert sich zugunsten eines höflichen Informations- und Meinungsaustauschs sowie wechselseitigen Respektbeweises, als sich nach Kriegsende die Wege der beiden Briefpartner trennen. Während Kracauer Bürger der Vereinigten Staaten wird, wo er seit dem Frühjahr 1941 forschend und lehrend seinen Lebensunterhalt zu verdienen versucht, als Film- und Kulturtheoretiker bald Erfolge zu verzeichnen hat, kehrt Adorno im Winter 1949 von Los Angeles nach Frankfurt zurück. Die ersten Nachkriegsjahre sind für ihn insofern eine Zäsur, als er erstmals den Elfenbeinturm reiner Wissenschaft verlässt, um sich als öffentlicher Intellektueller zu engagieren.

Auffälligerweise verliert Adorno über diese neue Rolle des politischen Aufklärers kaum ein Wort in seinen sonst so mitteilsamen Schreiben an Kracauer. Stattdessen werden die Briefschreiber in dieser dritten Periode nicht müde, mit stolzer Genugtuung über all ihre Aktivitäten zu berichten, die der Sphäre der Theorie und Philosophie angehören. Kracauer nimmt mit spürbarer Freude zur Kenntnis, dass Adorno 1950 eine Professur erhält; das sei die "Zeit der Ernte und das erfüllt mich mit tiefer Befriedigung wegen der poetischen Gerechtigkeit darin". Und noch emphatischer reagiert der Autor des Buches "Von Caligari bis Hitler" auf die Publikation der "Minima Moralia": "Es sind so viele schlagende Erkenntnisse in dem Buch, sehr konkrete Erkenntnisse, die einen wohltätigen Schockeffekt ausüben."

Es ist schon verwunderlich: Obwohl die beiden Linksintellektuellen die Katastrophengeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts am eigenen Leib gespürt haben, wird in den Briefen nur ausnahmsweise über Politik kommuniziert. Als Schriftsteller mit Haut und Haaren leben sie in einer Gedanken- und Wortwelt als einer abgehobenen Realität, versessen darauf, im Medium der Sprache etwas zustande zu bringen. Prototypisch schreibt Adorno im Juni 1951 nach New York an Kracauer: "Ich komme nun einmal nicht von meinem Aberglauben los, daß wir die entscheidenden Dinge nur in der eigenen Sprache sagen können."

Die beiden Briefschreiber waren Teil eines intellektuellen Netzwerks, an dessen Fäden sie bis zur äußersten Anspannung gezerrt haben. Der Briefwechsel offenbart: Einerseits ist dieses Gefüge dadurch zustande gekommen und über die Jahrzehnte erhalten geblieben, dass jeder mit jedem kreuz und quer brieflich verkehrt hat, sowohl offen als auch taktisch. Andererseits erhält der heutige Leser den Eindruck, dass dieser Austausch keine andere Funktion hatte als die der permanenten Selbstdarstellung eigener Vorzüglichkeit, um sich gleichzeitig abzugrenzen gegenüber dem jeweils anderen - Distanzierungen, die bis zur Diffamierung gehen konnten. Bekäme man heute von Freunden E-Mails in dieser Art eines exzessiven Imponiergehabes, so würde man sich bedanken, und zwar durch den Mausklick "löschen".

Dennoch ist der Briefwechsel, gerade auch aufgrund der bis in einzelne Details gehenden, höchst instruktiven Kommentierungen des Herausgebers, der das Buch mit einem anregenden Bildteil bereichert hat, ein wichtiger Beitrag sowie ein unentbehrliches Hilfsmittel der biographischen und werkgeschichtlichen Adorno- und Kracauer-Forschung. Zwar vermittelt er kein gänzlich neues Bild der beiden Koryphäen, aber ein schärfer konturiertes, weil wir Einblick in die menschlichen Schwächen zweier auf unterschiedliche Weise wirkungsmächtiger Intellektueller erhalten.

STEFAN MÜLLER-DOOHM

Theodor W. Adorno / Siegfried Kracauer: "Briefwechsel 1923-1966". ,Der Riß der Welt geht auch durch mich'. Briefe und Briefwechsel, Band 7. Herausgegeben von Wolfgang Schopf. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. 772 S., geb., 32,- [Euro].

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Besprechung von 24.11.2008
Quälende Liebe, bereit zur Attacke
Stoff für mehrere Dramen: Der Briefwechsel zwischen Theodor W. Adorno und Siegfried Kracauer
Endlich, nach vielen Jahren einer ebenso fragwürdigen wie löchrigen Geheimhaltungspolitik, kann man es selbst nachlesen. Eine der bedeutenden Intellektuellenfreundschaften des 20. Jahrhunderts liegt in 268 Briefen dokumentiert vor uns. Die von 1923 bis 1966 reichende Korrespondenz zwischen dem Philosophen, Soziologen und Komponisten Theodor W. Adorno und dem Filmtheoretiker, Romancier und Journalisten Siegfried Kracauer beinhaltet den Stoff für mehrere Dramen.
1918 lernten sich die beiden gebürtigen Frankfurter kennen. Der 29-jährige, aus bildungsbürgerlichen, aber eher ärmlichen jüdischen Verhältnissen stammende Kracauer hatte zu diesem Zeitpunkt in Berlin seine Promotion abgelegt, als Architekt gearbeitet und ging seinen philosophischen Studien nach. Der vierzehn Jahre jüngere Adorno muss zu dieser Zeit seine Umgebung elektrisiert haben. Genialische Züge vermischten sich mit großer Verletzlichkeit, der aus Literatur und Musik gegen die Zumutungen der Zeit gebaute Schutzwall wurde durch ein großes Vermögen gestützt. Kracauer scheint ihm rasch verfallen zu sein. Seine Briefe aus den ersten Jahren, in denen auch gemeinsame Urlaube unternommen wurden, sprechen auf den ersten Blick eine klare Sprache. „Heute Mittag kam ich an, ganz zerrissen, verhüllt. Nun will ich gleich schreiben. Ich fühlte in diesen Tagen wieder eine solch quälende Liebe zu Dir, daß es mir jetzt so vorkommt, als könne ich allein gar nicht bestehen.” Das verzweifelte Begehren Kracauers steigerte sich noch, als Adorno für zwei Jahre zum Kompositionsstudium bei Alban Berg nach Wien ging und von seinen Erfahrungen mit Frauen schrieb. Dem ebenfalls wesentlich jüngeren Freund Leo Löwenthal gestand Kracauer in diesen Jahren, dass er „eben geistig doch homosexuell” sei.
Die Zeitumstände rissen Kracauer und Adorno allerdings aus ihren persönlichen und beruflichen Kontexten. 1933 musste der Ältere nach zwölf Jahren seine Stelle als Redakteur bei der Frankfurter Zeitung aufgeben. Eine kurz zuvor erfolgte Versetzung nach Paris sollte sich als Vorstufe zum Rausschmiss erweisen. Kracauers Abhängigkeit vom erst nach Genf und Paris, später dann nach New York emigrierten Frankfurter „Institut für Sozialforschung” wurde größer. Doch mit Hilfe der Freunde Adorno und Löwenthal, die dem „Institut” seit 1930 angehörten, sollte die bedrückende Lage überwunden werden können. Auch der Direktor des „Instituts”, Max Horkheimer, schien Kracauer gewogen. Während für Adorno die Beziehung zu Horkheimer die stabilste seines Lebens blieb, kam es mit Kracauer 1937 zum „Bruch”. Diesen Begriff benutzte Adorno gleich mehrfach nach Kracauers Tod Ende November 1966. Die Gründe waren aus der Sicht des Jüngeren vielfältig, bündelten sich aber letztlich zu einem: Kracauer hatte sich seiner Meinung nach nie von den bürgerlichen Analysen verabschiedet und der neuen politischen Situation keine Rechnung getragen.
Der eigenwillige „Frankfurter” Marxismus, den die kritische Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse Freuds ebenso geprägt hatte wie die lebensphilosophischen Entwürfe von Jaspers und Heidegger, war für Adorno das verpflichtende Gebot der Stunde. Ganz und gar anders ausgerichtet hingegen kam Kracauers große Studie über Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit daher, der Adorno in einer großen rhetorischen Geste in einem Brief vom 13. Mai 1937 jede Gültigkeit absprach. Es seien nicht die vielen Fehler, die das Buch untragbar machten, sondern die in ihm zum Ausdruck kommende Haltung. „Es ist in den Schwächen des Buches eine furchtbare Menschenverachtung zu fühlen und ein beängstigender Zerstörungsdrang.” Kracauers Antwort ist souverän: „Ich kann mir eine solche Verblendung nur als die Wirkung unkontrollierter Reaktionen erklären, die ihrerseits durch den Umstand hervorgerufen sein mögen, daß meine Darstellung der Epoche nicht von den Dir geläufigen Kategorien her erfolgt.” Der Einspruch wird Adorno nicht hindern, in der institutseigenen Zeitschrift für Sozialforschung einen Verriss zu veröffentlichen.
Der von Adorno später behauptete „Bruch” hatte jedoch keinerlei Einflüsse auf die Versuche, Kracauer aus dem immer unsicherer werdenden Paris in die USA zu holen. Als dies im Frühjahr 1941 mit vereinten Freundeskräften schließlich gelang, war der frühere Mentor für Adorno räumlich zwar näher, doch emotional noch weiter entrückt. Dazu hatte neben dem Zwist um die Offenbach-Analyse die ideologisch-schulmeisterliche Kürzung eines Artikels durch Adorno beigetragen, den Kracauer in der zurechtgestutzten Fassung nicht zum Druck freigab. Der Briefwechsel kam fast zum Erliegen, jeder versuchte auf seine Weise, mit der beginnenden Ermordung der europäischen Juden zu Rande zu kommen. Kracauer etwa verlor Mutter und Tante, von den vielen Freunden und Bekannten ganz zu schweigen.
Nach dem Ende des Weltkrieges verhalf die Distanz zwischen New York und Frankfurt dem Briefwechsel zu neuem Schwung. Kracauers große Kino-Analyse „Von Caligari bis Hitler” erschien 1947, Adorno stieg zum mächtigen Außenseiter in der jungen Bundesrepublik auf, ohne, wie oft behauptet, zu ihren intellektuellen Gründungsvätern zu gehören. Harte Arbeiter waren sie beide, worüber sie sich immer wieder in Kenntnis setzen. Vor allem Adorno präsentiert sich hier als ein kaum klagender, atemloser Autor. Unermüdlich ist er an mehreren Fronten tätig: das „Institut für Sozialforschung” wird von ihm und Horkheimer zu einem modernen „Thinktank” ausgebaut, die Professur an der Universität Frankfurt wird genutzt, um internationale Gäste einzuladen. Mehrere Bücher und Aufsätze, deren Titel wie „Jargon der Eigentlichkeit” oder „Die Wunde Heine” schnell sprichwörtlich werden, folgen oft gleichzeitig. Adorno war omnipräsent, nutzte sämtliche Medien, schrieb unablässig und hinterließ bei all dem etwa 20 000 Seiten überlieferter Privatkorrespondenz.
Kracauer, der nie eine feste Position hatte, legte 1960 seine „Theorie des Films” vor, die ihm in Deutschland zu Bekanntheit verhalf. Einladungen folgten etwa zur Konstanzer Gruppe „Poetik und Hermeneutik”, mit der er sein unvollendet gebliebenes geschichtsphilosophisches Hauptwerk „Vor den letzten Dingen” diskutierte. Doch nicht nur die „Theorie des Films” sicherte ihm einen Platz in den Zeitschriften und Zeitungen der Republik. Es war Adorno, der seine Beziehung zum Suhrkamp-Verlag spielen ließ und die Publikation der Essaysammlungen „Das Ornament der Masse” (1963) und „Straßen in Berlin und anderswo” (1964) mit ermöglichte.
Der Tonfall in den Briefen der Nachkriegszeit ist leichter. Kracauer behält in ihnen seine gewohnte geistige Unabhängigkeit. Doch während sich Adorno längst anderer Fragen und Themen angenommen hat, ist es ihm ein Bedürfnis, mit dem früheren Freund in Kontakt zu bleiben. Dass sie trotz aller Umstände an der Verbindung festhielten, basierte letztlich auf einer unerschütterlichen Überzeugung. Adorno und Kracauer wussten nach dem Überleben, was sie ihrer Geschichte schuldig waren. Das schloss bei Kracauer das Wissen um die Asymmetrie nicht nur des Alters ein, während Adorno sich freundlich-konstruktiv um die Belange Kracauers mühte, während er bei anderen im Stil der frühen Jahre Dampf über dessen ideologische Leidenschaftslosigkeit abließ.
Doch es hieße die Bedeutung dieses außerordentlichen Buches zu unterschätzen, wenn man es damit bewenden ließe. Denn es geht auf den weit über 700 mit existentieller Spannung aufgeladenen Seiten um mehr als das Zusammenspiel von Individualität und äußeren Verhältnissen. Adorno und Kracauer erschreiben sich ihre Biographien, zeigen, wie gegenseitig durchtränkt in dieser Zeit Leben und Werk waren. Jede Äußerung gerät in ein komplexes Geflecht von Anschauungen, jeder Satz lässt Saiten anklingen, die die mit hoher Sensibilität und gleichzeitiger Bereitschaft zur Attacke ausgerüsteten Intellektuellen in den Deutungskämpfen überleben lassen.
Selbst wenn man sich nicht für diese Aspekte interessiert, bietet die Korrespondenz schonungslose Einblicke in innerste Seelenlagen. Kracauer war dabei kein Stratege, seine Stärken und Schwächen finden sich in den großen Abhandlungen zur „Freundschaft” oder zu Georg Simmel, vor allem aber in den Romanen „Georg” und „Ginster” wieder. Sie sind direkt, erschreiben sich kein Geheimnis, wollen verstanden werden. Die Überlegungen Kracauers maßen sich am Einzelphänomen, überwanden so die Enge von Kategorien und ermöglichten es ihm auf diese Weise, soziale Wirklichkeiten zu erfassen, ohne sie durch vorgeprägtes Wissen bereits erklären zu wollen. Dass er Simmel darin treu blieb und auch ansonsten nichts in Bausch und Bogen verdammen konnte, war für seinen Freund der Nachweis, nicht auf der Höhe der Zeit zu sein.
Daher war Adorno in mancher Hinsicht schon sehr früh das genaue Gegenteil des stets skrupulösen Kracauers. Alles schien zu gelingen, gerade weil er sich und sein Denken als einzigartig empfand und dieser Eindruck vielfach von anderen bestätigt wurde. Kritik als Methode, den Dingen und historischen Konstellationen auf den Grund zu gehen, hieß sich in schärfster Abgrenzung gegen andere Deutungsangebote zu positionieren. Doch das reichte ihm nicht: Wen er nicht überzeugen oder blenden konnte, der wurde bisweilen weit über das zwischen Intellektuellen Übliche hinaus angegriffen. Auch dieser Briefwechsel ist voller abwegiger Urteile, die entweder Adornos Selbstüberschätzung bloßlegen, oder aber die Grenzen seiner philosophischen Bildung zu erkennen geben und dabei fragwürdige Charakterzüge offenbaren. Gleichzeitig war Adorno von bewegender Naivität im Umgang mit Menschen. Beides, das wussten Freunde wie Kracauer und Löwenthal, machte zusammen seine Persönlichkeit aus. Die Philosophin Hannah Arendt etwa versuchte erst gar nicht, sich mit diesen Ambivalenzen auseinanderzusetzen. Und der große Erforscher der jüdischen Mystik, Gershom Scholem, setzte bei den gemeinsamen Projekten auf Sachlichkeit und Überlegenheit und hielt Adorno so auf Distanz. Das letzte Wort jedenfalls ist in Kracauers und Adornos Angelegenheit längst nicht gesprochen, denn große Brief-Schätze liegen noch in den Archiven.
Wolfgang Schopf hat sich bei der Edition dieser bedeutenden Korrespondenz an den anderen Bänden der Adorno-Briefausgabe orientiert, das heißt, Namen, Orte, gelegentlich auch Zitate entschlüsselt und erläutert. Dass er dabei gelegentlich spekulativ verfährt, ist eher zu begrüßen. Da jeder, der diesen Band gelesen hat, mehr wird wissen wollen, ist die Begrenzung aufs Wesentliche angebracht, zumal Gesprächsnotizen Kracauers und weitere Materialien in den Endnoten der einzelnen Briefe zuverlässig mitgeteilt werden. Unverständlich und ärgerlich aber ist, dass die Briefe zwischen der Witwe Lili Kracauer und Adorno nicht beigefügt sind. Ihr sei deshalb das letzte Wort erteilt: Wenige Monate nach dem Tode Theodor W. Adornos am 6. August 1969 blickte Lili Kracauer in einem Brief an Löwenthal auf das Verhältnis zu ihrem drei Jahre zuvor verstorbenen Mann Siegfried zurück. Sie sei von der Nachricht geschockt, da Adorno sich noch mit ihr habe treffen wollen. Denn trotz aller „großen und tiefen Gegensätze” im Denken, habe sich die Beziehung zwischen den beiden als „über weite Strecken des Lebens” als „stark” erwiesen. Der „Riss” war damit nicht geheilt, aber dass am Ende dieser problematischen Freundschaft eine noble Geste steht, zeigt, dass es keinen Grund gibt, Menschliches verloren zu geben. THOMAS MEYER
THEODOR W. ADORNO, SIEGFRIED KRACAUER: Briefwechsel 1923-1966: „Der Riß der Welt geht auch durch mich . . .”. Herausgegeben von Wolfgang Schopf. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. 772 Seiten, 32 Euro.
Es war eine der bedeutenden Intellektuellenfreundschaften des 20. Jahrhunderts
Die beiden erschreiben sich ihre Biographien – eine sensible, aber doch starke Beziehung
Die jetzt endlich publizierte Korrespondenz zwischen dem Philosophen und Soziologen Theodor W. Adorno (oben) und dem 14 Jahre älteren Filmtheoretiker und Schriftsteller Siegfried Kracauer (unten) erstreckt sich von 1923 bis 1966; sie bewegt sich zwischen vehementer Anziehung und Bruch. Das Bild von Adorno entstand 1958, das von Kracauer um 1930. Fotos: Ullstein (oben), AKG/PA
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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Mit Begeisterung für den fast zornig-existenziellen Ernst, mit dem in diesem sich über vierzig Jahre erstreckenden Briefwechsel die Debatten ausgetragen werden, legt Rezensentin Eva Geulen den Lesern dieses Buch ans Herz. Es handelt sich für die Rezensentin auch um das Dokument einer ?erstaunlichen Streitbefähigung mit unbezwingbarer Widerspruchslust?, in der Dialektik und Kritik für sie geradezu physisch wird. Neben ?Stil, Kritik, Dialektik und dem rechten Verständnis von Utopie? gehöre zu den Dauernbrennern über die Jahrzehnte die Debatte um Massenmedien und Kulturindustrie, wobei die Rezensentin immer wieder feststellen konnte, dass Dialektik tatsächlich Passion sein kann. Manches tut ihr fast körperlich weh, schreibt sie, fasziniert von der Gnadenlosigkeit, mit der die lebenslangen, aus so unterschiedlichen Verhältnissen stammenden Freunde sich in den Briefen miteinander auseinandersetzen, und ihrem Eindruck zufolge dabei vor nichts Halt machen. Auch hat sie der Briefwechsel plötzlich darauf aufmerksam gemacht, das es sich hier auch um das Dokument einer verschwindenden Kulturform handeln könnte.

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