Die Ökonomie der Ehre - Pecar, Andreas
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Andreas Pecar entwickelt in seinem Werk am Beispiel des Wiener Kaiserhofes unter Karl VI. eine neue Interpretation der Stellung, die der Adel an den europäischen Höfen einnahm. Es entsteht eine Gesamtschau der Hofgesellschaft, die politische, wirtschaftliche und kulturell-symbolische Aspekte gleichermaßen berücksichtigt. Dem Leser bietet sich so ein facettenreiches Bild über einen der prominentesten Fürstenhöfe des Ancien Regime.…mehr

Produktbeschreibung
Andreas Pecar entwickelt in seinem Werk am Beispiel des Wiener Kaiserhofes unter Karl VI. eine neue Interpretation der Stellung, die der Adel an den europäischen Höfen einnahm. Es entsteht eine Gesamtschau der Hofgesellschaft, die politische, wirtschaftliche und kulturell-symbolische Aspekte gleichermaßen berücksichtigt. Dem Leser bietet sich so ein facettenreiches Bild über einen der prominentesten Fürstenhöfe des Ancien Regime.
  • Produktdetails
  • Symbolische Kommunikation in der Vormoderne
  • Verlag: WBG Academic
  • Erscheinungstermin: Januar 2003
  • Deutsch
  • Abmessung: 227mm x 156mm x 27mm
  • Gewicht: 660g
  • ISBN-13: 9783534167258
  • ISBN-10: 3534167252
  • Artikelnr.: 11185513
Autorenporträt
Andreas Pecar, geb. 1972, seit 2001 wissenschaftlicher Assistent am Historischen Institut der Universität Rostock.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 29.08.2003

Schlittenfahren ist schon einmal die halbe Miete
Karl VI. leuchtet: Andreas Pecars Glanzstück über den Kaiserhof im Zeitalter des Absolutismus

Die spannendste Frage der Absolutismus-Forschung lautet: Wie zähmt man die Opposition? Ludwig XIV. gelang dies perfekt. Kurz zuvor noch war Frankreich von Adelsaufständen erschüttert worden. Doch seit er 1661 allein regierte, so kämpften die Frondeure nur noch darum, seine Huld zu gewinnen, ihm dienen zu dürfen. Wie schaffte er das?

Noch vor wenigen Jahren hätte man geantwortet: durch Zwang. Mit offenem oder subtilem Druck habe der Sonnenkönig die Adligen genötigt, bei Hof zu leben, belanglose Ämter zu übernehmen, ihren Reichtum für eitle Repräsentationspflichten zu verschwenden. So habe er sie im Auge behalten, einer strengen Etikette unterwerfen und disziplinieren können. Ein barocker Big Brother. Davon ist man abgekommen. Längst haben auch die letzten bemerkt, daß eine solche Strategie in der Praxis nie funktioniert hätte - weshalb manche nun aufgeregt verkünden: daß es den Absolutismus gar nicht gegeben habe, daß er ein bloßer "Mythos" sei. Jüngere lächeln darüber. Weil sie täglich sehen, wie rasch Revoluzzer von einst alte Ideale abstreifen, um besten Gewissens deren Gegenteil zu verfechten, glauben sie auch bei historischen Gesinnungswechseln eher an Geltungs- und Gewinnstreben als an jenen Zwang, der immer und überall alles erklärt. Das Zauberwort aber, das ihnen alle Geheimnisse aufschließt, finden sie bei Bourdieu: "symbolisches Kapital". Zu deutsch: ist auch nicht alles Geld, funktioniert doch alles wie Geld. In seiner Analyse des barocken Kaiserhofes erprobt der Kölner Historiker Andreas Pecar die Fruchtbarkeit diese suggestiven Maxime.

Kaiser Karl VI. war der mächtigste kontinentale Monarch in der Generation nach dem Sonnenkönig. Zwischen 1711 und 1740 herrschte er über ein Reich, das dank der Siege des Prinzen Eugen doppelt so groß war wie das seiner Vorgänger. Neben Österreich und Böhmen umfaßte es den halben Balkan, die halben Niederlande und mehr als die Hälfte Italiens. Karl konnte mithin doppelt so viele Posten und Pfründen vergeben, also doppelt so viele Getreue an sich binden. Trotzdem, behauptet Pecar, habe er am Wiener Hof eine viel bescheidenere Rolle gespielt als Ludwig XIV. in Versailles. Nicht auf ihn habe sich alles konzentriert. Der eigentliche Akteur des "Interaktionssystems" Hof sei vielmehr der Adel selbst gewesen. Er habe den Hof als Podium genutzt, seinen Führungsanspruch zu demonstrieren, zu inszenieren und zu befestigen. An drei Beispielen verfolgt der Verfasser diese Konkurrenz um mehr oder weniger symbolisches Kapital: am Wettbewerb um Hofämter, am Zeremoniell und an der Verewigung adliger Ambitionen in repräsentativen Bauwerken.

Trotzdem: das wichtigste Privileg gehörte dem Kaiser. Er allein verteilte jene Ämter, die die Eintrittskarte zum Hof bildeten. Jeder, der hier mitspielen wollte, mußte wenigstens Kämmerer oder Geheimer Rat sein, am besten Ritter vom Goldenen Vlies. Nur dann konnte er den Kaiser regelmäßig sprechen und eventuell weitere, höhere Würden erreichen. Finanziell jedoch gewann er nichts dabei. Im Gegenteil: wer bei Hof symbolisches Kapital kumulieren wollte, mußte ökonomisches opfern. Er mußte dem Kaiser Kredite gewähren (und verschmerzen, daß sie fast nie zurückgezahlt wurden). Er mußte sich bei möglichst vielen der 150 "Solennitäten" sehen lassen, die Jahr für Jahr bei Hof gefeiert wurden, bei Kostümbällen, "Bauernwirtschaften" und Schlittenfahrten, und dabei durch eine originelle Ausstattung (die jeweils ein Vermögen kosten konnte) die Blicke auf sich ziehen. Er durfte die Ehre, Gesandtschaften zu übernehmen, keinesfalls verschmähen, auch wenn er die vor Ort nötigen Räume, Diener, Kutschen, Garderoben und Empfänge aus eigener Tasche zahlen mußte. Erst dann durfte er auf Stellen hoffen, die ihrerseits Geld eintrugen: auf einen Steuereinnehmerposten etwa oder gar auf eine Statthalterschaft in Mailand oder Neapel. Ob er sie aber tatsächlich erhielt, war ebenso ungewiß wie die Dauer dieses Glücks. Denn jeder neue Kaiser tauschte die Mehrzahl der Amtsträger ungerührt aus.

Trotz solcher Risiken rissen sich alle darum, mitzumachen. Den alten Eliten nämlich nutzte dieses System doppelt. Es bewirkte, daß alle Führungspositionen faktisch dem Hochadel vorbehalten blieben (weil nur er dank seiner riesigen Güter die Finanzkraft besaß, lange genug in Vorlage zu treten), und es sicherte dem Adel so die Macht, innere Reformen dauerhaft zu blockieren. Das war ein entscheidender Unterschied zu Frankreich, wo Bürgerfamilien wie die Colberts zu höchsten Würden aufsteigen und die Bürokratie im Namen des Königs von innen her erneuern konnten. Der Kaiserhof also minderte die Macht des Adels nicht etwa. Er diente ihm vielmehr als Bank und Börse seines politischen Kapitals.

Ähnlich konservativ war das Hofzeremoniell, das Pecar mit bewundernswerter Akribie aus den Quellen rekonstruiert. Streng wachte die (adlige) Hofkonferenz darüber, daß jede Rangfrage so gehandhabt wurde, wie man sie schon immer gehandhabt hatte. Das verhinderte endlose Streitereien und beraubte den Kaiser der Möglichkeit, durch kleine Variationen des Verfahrens in ludovizianischer Art politische Machtverhältnisse zu verändern.

Daß der Adel der eigentliche Akteur am Wiener Hof gewesen ist, bestätigt schließlich die Betrachtung seiner Repräsentationsbauten. Während der Kaiser sich mit drei engen, altmodischen Schlössern begnügte - mit Laxenburg, der Favorita und natürlich der Hofburg -, wetteiferten große Familien wie die Liechtenstein oder Trautson darum, prächtige Stadtpaläste in der Nähe der Hofburg zu errichten. Sie folgten römischen Vorbildern, verfügten aber kaum über ähnliche Bauplatzgrößen. Wer also nicht doch in Außenbezirke auswich, preßte seinen Prunkbau mühsam in die engen Gassen hinein und kaufte mitunter noch später Nachbarhäuser dazu, um die Fassade im nachhinein um den so gewonnenen Platz zu verbreitern - sinnfällige Symbole der adligen Anstrengung, seiner stets bedrängten Stellung bei Hof symbolische Ewigkeit zu schaffen.

All dies belegt Pecar mit zahllosen Daten und so spannenden Beispielen, daß auch Elias-verwöhnte Leser seinen bisweilen zeremoniösen Soziologenton tolerieren werden. Was er liefert, ist ein ebenso anregendes wie grundlegendes Werk über den Kaiserhof im Zeitalter des Absolutismus. Diesen aber, so lehrt es uns, handhabte Karl VI. auf eigene Art. Er zähmte die Opposition, indem er sie weitgehend sich selbst überließ.

GERRIT WALTHER

Andreas Pecar: "Die Ökonomie der Ehre". Der höfische Adel am Kaiserhof Karls VI. (1711-1740). Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2003. 432 S., 11 Abb., 13 Tabellen, geb., 65,- [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Ein "ebenso anregendes wie grundlegendes Werk", ein "Glanzstück" gar, erblickt Rezensent Gerrit Walther in Andreas Pecars Arbeit über den Kaiserhof im Zeitalter des Absolutismus. Wie Walther ausführt, zeigt Pecar - anknüpfend an Bourdieus Konzept des symbolischem Kapitals -, wie Karl der VI., der von 1711 bis 1740 über ein riesiges Reich herrschte, die Opposition in Zaum hielt. Zwar war es das Privileg des Kaisers, Ämter und Posten zu verteilen, als eigentlichen Akteur bei Hofe aber schildere Pecar den Adel, der den Hof als Podium genutzt habe, um seinen Führungsanspruch zu demonstrieren. Diese Konkurrenz um mehr oder weniger symbolisches Kapital, die es im Austausch von ökonomischen Kapital zu erlangen galt, führe Pecar an drei Beispielen vor Augen: am Wettbewerb um Hofämter, am Zeremoniell und an der Verewigung adliger Ambitionen in repräsentativen Bauwerken. Dabei haben den Rezensenten Pecars "bewundernswerter Akribie", seine zahllosen Daten und "spannenden Beispiele", so beeindruckt, dass er Pecar auch seinen "bisweilen zeremoniösen Soziologenton" gerne nachsieht.

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