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Niemand ist eine Insel
Holly Theresa Kennet, 13 Jahre, schreibt ein Buch über ihren kleinen Bruder Davy und ihren großen Bruder Jonathan und über ihr ganz schön kompliziertes Leben. Seit ihre Mutter gestorben ist, hat der 18-jährige Jonathan das Sorgerecht für seine Geschwister. Und obwohl er sein Studium abgebrochen hat und wie ein Verrückter arbeitet, ist das Geld immer knapp. Das könnte sich ändern, als ihre wohlhabende, aber exzentrische Tante Irene einen Schlaganfall erleidet und, unfähig zu sprechen oder zu schreiben, Holly einen Stapel Fotos in die Hand drückt, die sie zu einer…mehr

Produktbeschreibung
Niemand ist eine Insel

Holly Theresa Kennet, 13 Jahre, schreibt ein Buch über ihren kleinen Bruder Davy und ihren großen Bruder Jonathan und über ihr ganz schön kompliziertes Leben. Seit ihre Mutter gestorben ist, hat der 18-jährige Jonathan das Sorgerecht für seine Geschwister. Und obwohl er sein Studium abgebrochen hat und wie ein Verrückter arbeitet, ist das Geld immer knapp. Das könnte sich ändern, als ihre wohlhabende, aber exzentrische Tante Irene einen Schlaganfall erleidet und, unfähig zu sprechen oder zu schreiben, Holly einen Stapel Fotos in die Hand drückt, die sie zu einer Erbschaft führen soll, die die Kinder von allen finanziellen Problemen befreien könnte.
  • Produktdetails
  • Reihe Hanser
  • Verlag: Dtv
  • Seitenzahl: 216
  • Altersempfehlung: ab 11 Jahren
  • Erscheinungstermin: 10. Februar 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 213mm x 136mm x 25mm
  • Gewicht: 395g
  • ISBN-13: 9783423640282
  • ISBN-10: 3423640286
  • Artikelnr.: 46973280
Autorenporträt
Nicholls, Sally
Sally Nicholls wurde 1983 in Stockton, England, geboren. Sie studierte Philosophie und Literatur. In einem Schreibseminar verfasste sie ihren Debütroman "Wie man unsterblich wird" - mit nur 23 Jahren. Der Roman war für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert und wurde u.a. mit dem Luchs des Jahres von DIE ZEIT und Radio Bremen ausgezeichnet. Übersetzungen in 18 Sprachen folgten dem Erscheinen in England. Sally Nicholls lebt mit ihrem Mann in Oxford.
Rezensionen
Besprechung von 27.03.2017
Schau einfach nach allem, Holly!
Leben, Lesen, Schreiben, die Reihenfolge ist egal: Sally Nicholls' neuer Roman

Als Sally Nicholls' Ich-Erzählerin Holly Kennett beginnt, ihre Geschichte aufzuschreiben, die sie "Eine Insel für uns allein" nennt, hat sie dafür bemerkenswert viel und bemerkenswert düsteres Material: eine tote Mutter, einen toten Vater, eine tote Tante, einige sie vernachlässigende Verwandte, einen großen Bruder mit finanziellen Sorgen, einen kleinen Bruder mit krebskrankem Kaninchen und ein paar zwar ihr Bestes, aber nie genug gebende Mitarbeiter des Nordlondoner Jugendamts.

Ausgerechnet der Schlaganfall ihrer Tante Irene markiert einen Wendepunkt im Leben der Kennett-Kinder. Im Hospital versprüht Holly eine erstaunliche Mischung aus Unbeschwertheit und Schonungslosigkeit. Darüber, dass sie früher viel Zeit in Krankenhäusern verbracht haben muss (der Vater starb an einem Blinddarmdurchbruch, die Mutter an Magenkrebs), schweigt Holly, registriert lieber jedes kleine Detail im Jetzt: Tante Irenes geschrumpft, beinahe tot wirkendes Gesicht, "ein Krankenhausbett mit Vorhang und ein blank gewischter Boden für überraschendes Erbrechen". Ob man von Leuten mit einer Krankheit im Gehirn überhaupt Geschenke annehmen dürfe, fragt Holly ähnlich radikal, nachdem sie ihrem kleinen Bruder Davy bereits das erste Stück des Kuchens besorgt hat, den die Großmutter eigentlich für Tante Irene gebacken hatte. Als die Tante schließlich stirbt und Holly erfährt, dass sie ihr und ihren Geschwistern wertvollen, an einem unbekannten Ort verborgenen Schmuck vererbt hat, denkt sie: "Auf meinem inneren Trampolin schlug ich Saltos."

Nein, Holly ist keine kleine Psychopathin. Es ist nur so: Wer keine toten Eltern oder sonstige existentiellen Nöte hat, kann kaum auf die Art Abenteuer - und, dies ist fast noch wichtiger, die Art gute Geschichte - hoffen, die ihr und ihren Geschwistern bevorsteht.

Die Suche nach dem Schmuck erweist sich als ereignisreich, aber bemerkenswert mühelos. Am Krankenbett hat Irene Holly ein Fotoalbum mit einer Reihe von Bildern mit nichtssagenden Motiven überreicht - eine Wand in Irenes Wohnzimmer, ein verlassenes Büro, das Nebengleis einer Bahnstrecke und jeweils einen karibisch und einen britisch aussehenden Strand. Holly muss weder herausragende deduktive Fähigkeiten noch besonderes Glück vorweisen, damit der englisch aussehende Strand, der sich als schottischer erweist, als mögliches und tatsächliches Versteck verbleibt.

Dass die Geschwister am Ende fündig werden, verrät Holly im Übrigen schon im allerersten Absatz. Es muss Nicholls also um etwas anderes gehen als um Spannung oder um eine andere Art von Spannung: Den Nervenkitzel, zum allerersten Mal Leben in Literatur zu verwandeln, und umgekehrt. Hollys Laufbahn als Schriftstellerin beginnt naturgemäß als Leserin. Ihre Lektüren sind vielseitig, erstrecken sich von Arthur Conan Doyles Kriminalgeschichten über Charlotte Brontës Gothic-Bildungsroman "Jane Eyre" zu Lewis' "Chroniken von Narnia". Wäre ihr Leben, überlegt Holly, eine Sherlock-Holmes-Geschichte, könnte sie alles und jeden lesen wie ein Buch, könnte fremden Frauen durch ein bloßes Klopfen an der Tür ihre tiefsten Geheimnisse entlocken: "Holmes würde schon auf den ersten Blick erkennen, dass die Frau eine linkshändige Schneiderin ist, die Flöte spielt und eingelegte Zwiebeln mag." Sie habe Ähnliches ja mit echten Menschen ausprobiert, aber diese seien meist komplizierter, als sich jemals abbilden ließe - nichttraumatisierte, unbekümmerte Waisenkinder wie sie selbst zum Beispiel: Ihr Klassenfoto, das sie mit schlechtem Haarschnitt, zu kleinem Wintermantel und mit Klebeband zusammengehaltener Schultasche zeigt, könne vermuten lassen, ihre Mutter kümmere sich nicht richtig um sie. Dabei, fügt sie fröhlich hinzu, habe sie ja gar keine Mutter.

Die Kluft zwischen gelebter und dargestellter Erfahrung ist für Holly keine Enttäuschung, eher eine Herausforderung. Einerseits scheut sie sich nicht, ihr Leben ihren Lieblingsbüchern möglichst anzunähern, wenn sie Irenes Schmuck Herr-der-Ringe-haft als "Schatz" bezeichnet und notiert, wohl inspiriert von ihren Büchern über die Apokalypse, ihr Bruder Jonathan umarme seine Freundin, als hätten sie gerade "das Ende der Welt" überlebt. Ihren Roman benennt sie nach einer Gedichtzeile des Dichters John Donne, der unter anderem für ein Gedicht über voreheliche Enthaltsamkeit bekannt ist, in dem ein Floh die zentrale Rolle spielt - also wie Holly ein Experte darin ist, vermeintlich Ernstes mittels ungezügelter Verschmitztheit in die Luft fliegen zu lassen. Andererseits setzt sie alles daran, ein Buch über die Welt zu schreiben, ihre Welt, so, wie sie "wirklich" ist.

So etabliert sich Holly als eine Erzählerin, die nicht alles weiß, aber alles beobachtet. Die umwerfendste Ermutigung hierzu stammt von ihrem kleinen Bruder Davy: "Guck doch, Holly!", ruft er im Zug nach Schottland, die Nase an die Fensterscheibe gedrückt. "Nach was?", fragt sie. "Nach allem!", antwortet er.

Sie streift also umher, formell wie tatsächlich, vagabundiert durch London, schleust die Mutter eines Freundes in Putzfrau-Verkleidung in einen Bürokomplex, verschafft sich in einem Hackerspace Zugriff auf Irenes Computer und reist mit Zug und Schiff auf die schottische Insel Papa Westray. Währenddessen produziert sie einen Bewusstseinsstrom, wie nur eine Dreizehnjährige es kann: "Trotzdem, der Karottenkuchen war wirklich gut. Und dieser Steinzeitbau, der war absolut super. Ich wünschte mir, wir könnten für immer und ewig hierbleiben und müssten nie mehr zurück nach Hause. Oder nein, doch lieber nicht." Sie driftet ab und fängt sich wieder, den Übergang von einem Gedanken zum nächsten markiert sie mal gar nicht, mal mit einem kühnen "Aber egal." Das nächste Buch - dieses ist, wie sie ein wenig prahlerisch betont, "das erste" - ist vielleicht schon ordentlicher, die Stimme sicherer. Vorerst schreibt sie Abenteuer-, Detektiv- und Bildungsroman in einem.

Und zwar völlig zu Recht: Was ist das Erwachsenwerden schon, wenn nicht eine ambitionierte, chaotische, hoffnungsvolle Suche nach dem eigenen zukünftigen Leben? Und so ist "Eine Insel für uns allein" nichts Geringeres als ein emphatischer Aufruf, zu lesen, zu schreiben und zu leben. In keiner besonderen Reihenfolge.

KATHARINA LASZLO

Sally Nicholls: "Eine Insel für uns allein". Roman.

Aus dem Englischen von Beate Schäfer. dtv, München 2017. 216 S., br., 12,95 [Euro]. Ab 11 J.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 03.02.2017
Schmucksuche
auf Orkney
Drei Geschwister überleben
am Rand des Chaos
In welch kunterbunten Kosmos führt Sally Nicholls uns denn nun schon wieder? Man ist zuerst einmal verwirrt, angesichts des Reichtums an Farben, Tönen, an Ereignissen, Einfällen, tragischen Elementen und komischen Situationen in „Eine Insel für uns allein“, dem neuen Roman der jungen britischen Autorin („Wie man unsterblich wird“).
Anfänglich sieht es so aus, als erzähle uns Sally Nicholls mit der Stimme einer dreizehnjährigen Göre eine ungewöhnliche Familiengeschichte. Drei Geschwister – Davy (7), Jonathan (18) und Holly, die Erzählerin. Vater und Mutter gestorben. Der große Bruder bekam das Sorgerecht. Die Folgen: die Drei leben weiter in der Wohnung der Eltern und führen den Haushalt stets am Rande des Chaos. Der Beginn eines Sozialdramas? Mitnichten. Wir wechseln in eine andere Abteilung des Nichollsschen Kosmos, den Abenteuerroman. Eine superreiche Tante gibt kurz vor ihrem Tod Holly ein kleines Album mit Fotos rätselhafter Orte. Auf denen sollen die Verstecke ihres Vermögens dokumentiert sein. Wird der Schmuck, den die Tante offensichtlich den armen Kindern auf seltsame Weise vererben wollte, entdeckt? Plötzlich befinden wir uns auf einem Abenteuertrip. Und der erstreckt sich von verrotteten Gleisanlagen in einem Londoner Vorort bis zum kleinsten bewohnten Eiland der schottischen Orkney-Inseln.
Trotz aller Widrigkeiten und Herausforderungen vermittelt die begeisterungsfähige Erzählerin das Gefühl, man sei in einer lebensfrohen Welt. Übersetzerin Beate Schäfer gibt diese Stimmung treffend wieder. Sally Nicholls versetzt sich so in ihre Heldin, als sei die ihre ein paar Jahre jüngere Schwester, die den tausend Stolpersteinen im Alltag den unbeugsamen Glauben an das Gute entgegensetzt, im Sinne von „Ist das Leben nicht trotzdem schön?“.
Um die Geschichte zu einem Ganzen zusammenfügen, braucht man noch eine letzte Abteilung im Erzählkosmos: die Reiselust. Denn so, wie Holly von der kargen Schönheit der Orkney-Inseln erzählt, möchte man sich sofort in den Nachtzug nach Aberdeen setzen, um schließlich per Inselhopping auf Papa Westray zu landen.
Ist ein derartiges Wandern zwischen den Welten einer konsequenten Dramaturgie abträglich? Ja, wenn man sich als Leser gerne an einem roten Faden entlanghangelt. Sally Nicholls aber erfreut sich an so vielen Dingen und Begegnungen am Wegesrand, dass sie immer wieder staunend stehenbleibt und lustvoll abschweift. Ein schönes Beispiel dafür ist die Zugfahrt der Geschwister zu einem vermuteten Schatzort. Der kleine Davy drückt die Nase an die Fensterscheibe: „Guck!, sagte er. Guck doch, Holly! Nach was?, fragte ich. Nach . . . Davy überlegte. Dann strahlte er. Nach allem!“
Wer sich also auf jene kunterbunte Reise einlässt, für den ist der Roman ein Hort freudiger Ereignisse und ein Ort freundlicher Begegnungen, der jeder Tragik eine schier unbändige Hoffnung an die Seite stellt. Freunde klarer Richtlinien hingegen werden stöhnen: „Zuviel des Guten!“ (ab 12 Jahre)
SIGGI SEUSS
Sally Nicholls: Eine Insel für uns allein. Aus dem Englischen von Beate Schäfer. dtv, Reihe Hanser, München 2017, 216 Seiten, 12,95 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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"Wer sich also auf jene kunterbunte Reise einlässt, für den ist der Roman ein Hort freudiger Ereignisse und ein Ort freundlicher Begegnungen, der jeder Tragik eine schier unbändige Hoffnung an die Seite stellt."
Siggi Seuss, Süddeutsche Zeitung 03.02.2017
»Wer sich also auf jene kunterbunte Reise einlässt, für den ist der Roman ein Hort freudiger Ereignisse und ein Ort freundlicher Begegnungen, der jeder Tragik eine schier unbändige Hoffnung an die Seite stellt.«
Siggi Seuss, Süddeutsche Zeitung 03.02.2017