Baikal-Amur - Rolin, Olivier
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Sie ist das bedeutendste Eisenbahnbauwerk des 20. Jahrhunderts: 4.287 Kilometer Schienenweg, 2.230 Brücken, 212 Bahnstationen, 3 Zeitzonen ... Die Baikal-Amur-Magistrale verläuft nördlich der Transsibirischen Eisenbahn zwischen Taischet und dem Pazifischen Ozean. Geplant zur Erschließung Sibiriens, wurde sie in den 1920er-Jahren zu einem Monument des stalinistischen Terrors, für das Hunderttausende von Zwangsarbeitern ihr Leben ließen. Während des Zweiten Weltkriegs wurden Streckenteile rückgebaut, da Schienen und Schwellen für andere Eisenbahnlinien gebraucht wurden, um die Versorgung der…mehr

Produktbeschreibung
Sie ist das bedeutendste Eisenbahnbauwerk des 20. Jahrhunderts: 4.287 Kilometer Schienenweg, 2.230 Brücken, 212 Bahnstationen, 3 Zeitzonen ... Die Baikal-Amur-Magistrale verläuft nördlich der Transsibirischen Eisenbahn zwischen Taischet und dem Pazifischen Ozean. Geplant zur Erschließung Sibiriens, wurde sie in den 1920er-Jahren zu einem Monument des stalinistischen Terrors, für das Hunderttausende von Zwangsarbeitern ihr Leben ließen. Während des Zweiten Weltkriegs wurden Streckenteile rückgebaut, da Schienen und Schwellen für andere Eisenbahnlinien gebraucht wurden, um die Versorgung der Roten Armee zu gewährleisten. Später dann wurde die Fertigstellung der Eisenbahnlinie von der sowjetischen Propaganda als nationales Pionierprojekt verklärt, für das jeder Bürger, jeder Betrieb seinen Beitrag zu leisten hatte ...
Olivier Rolin unternimmt auf der Baikal-Amur-Magistrale eine Reise ins Herz von Russland. Eindringlich, mit großer Anteilnahme, aber auch mit feiner Ironie erzählt er von der überwältigenden Natur in diesem Teil der Erde, von halb verlassenen Städten und von Menschen, die von der Geschichte vergessen wurden. Denn in der unendlichen Weite des Landes verliert sich alles, der einstige Traum von einer gerechteren Welt ebenso wie die Hoffnung auf morgen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Liebeskind
  • Seitenzahl: 186
  • Erscheinungstermin: 20. August 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 195mm x 126mm x 20mm
  • Gewicht: 253g
  • ISBN-13: 9783954380930
  • ISBN-10: 3954380935
  • Artikelnr.: 52487238
Autorenporträt
Rolin, Olivier
Olivier Rolin wird 1947 in Boulogne-Billancourt geboren. Die Kindheit verbringt er im Senegal, nach seinem Schulabschluss studiert er in Paris Literatur und Philosophie. 1967 tritt er der »Kommunistischen Jugend« Frankreichs bei, ein Jahr später wird er Mitglied des maoistisch orientierten »Neuen Volkswiderstands« und beteiligt sich an militanten Aktionen. Als sich die Bewegung 1973 auflöst, geht er für längere Zeit in den Untergrund. 1978 wird er Lektor und später Herausgeber in einem Pariser Verlagshaus, 1983 kommt sein erster von zwölf Romanen heraus. Für »Port Sudan« wird er 1994 mit dem Prix Femina ausgezeichnet, für »Die Papiertiger von Paris« erhält er 2003 den Prix France Culture. Bei Liebeskind erschienen bislang »Letzte Tage in Baku«, »Der Meteorologe« und »Meroe«.
Rezensionen
Besprechung von 09.10.2018
An der Gulag-Promenade
Arangastach, Anoschkinsk, Antipinskij: Der begnadete Reiseschriftsteller
Olivier Rolin berichtet von der Eisenbahnlinie Baikal-Amur
VON ALEX RÜHLE
Grob gesagt gibt es zwei Arten von Reisenden. Diejenigen, die sich irgendwo in den Liegestuhl knallen und dann drei Wochen vor sich hin amorpheln, um aufzutanken, auszuspannen, abzuschalten. Da soll dann am besten alles so sein wie sonst auch, nur halt mit Strand, Sangria-Eimer und fünf Grad wärmer als daheim. Und dann gibt es diejenigen, die Reisen als Abenteuer begreifen, was natürlich bedeutet, dass es anstrengend wird, dass man am Anfang meist nicht weiß, wo man am Ende rauskommt und dass Enttäuschungen inbegriffen sind. Dafür hat man danach aber eine Ecke der Welt für sich entdeckt und vielleicht sogar das eigene, so beeindruckend gut sortierte Vorurteilsarsenal ein wenig entrümpelt.
Einer der großen Reiseabenteurer unserer Tage ist der Franzose Olivier Rolin. In seinem neuen Buch sinniert der Pariser Autor einmal selbst über seine Grunddisposition des neugierigen Fernwehs, bei dem es nie um Highlight-Abhaken oder Urlaubsentspannung geht, sondern um die Fremde um der Fremde willen. Er steht da gerade am Ufer des riesigen sibirischen Flusses Lena und schreibt: „Die Lena gefällt mir. Wer beim Betrachten eines Satellitenfotos von ihrem Mündungsgebiet, das wie ein Nervensystem oder wie eine üppige, an Nordasien hängende Steinkoralle aussieht, nicht sogleich Lust bekommt, sich das vor Ort anzusehen, hat keine Freude am Reisen. Wenn ich Google Earth glauben darf, gibt es auf diesem riesigen Wasserfächer Siedlungen, die Sokol, Arangastach, Anoschkinsk, Antipinskij, Bulun und Kuuba heißen. Ich gäbe alle Venedigs dieser Welt dafür, um einmal dort zu sein (und hätte dann vielleicht Anlass, es zu bereuen).“
Rolin ist zu dem Zeitpunkt gerade mal 1000 Kilometer weit gekommen. Im kleinteiligen Mitteleuropa wäre das einmal quer durch vier Länder und drei Sprachen, in Sibirien ist es nur der Anfang einer Riesenreise: Rolin will die Baikal-Amur-Magistrale abfahren. 4287 Kilometer. 2230 Brücken, 212 Bahnstationen, drei Zeitzonen, 150 Stunden reine Fahrtzeit, von Krasnojarsk bis ans Ufer des Pazifik. Das aufwendigste Eisenbahnbauwerk des 20. Jahrhunderts. Das einmal quer durch Einsamkeit und Entropie, sibirische Weite und die sowjetische Gulaggeschichte führt. Das in den dreißiger Jahren angefangen, aber erst 1989 vollendet wurde.
Jetzt steht er also am Ufer der Lena, im Städtchen Ust-Kut, einem langgezogenen Schlammloch, bestehend aus architektonischem Sowjetgerümpel, rostigen Containern, zwei schlechten Restaurants und endlos vielen Schlaglöchern. Bei seinem Spaziergang durch Graupel und Schnee stößt er hinter einem Sanatoriumsklotz, versteckt unter einer Tanne, auf ein kleines Denkmal, das an all die Deportierten erinnert, die hier in der Gegend gestorben sind. „Diese Sorte Denkmal ist selten genug, um nicht davon ergriffen zu sein“, schreibt Rolin, „und dazu liegt etwas Herzzerreißendes in dieser düsteren Tanne auf dem gefrorenen Boden, die gegenüber von jenem trostlosen Sanatorium einsam im Schneesturm steht“.
Hier, unter dieser Tanne, am Ufer der Lena, kommt dieser literarische Reisebericht zum ersten Mal an seinen eigentlichen Kern. Denn dass Olivier Rolin sich mit knapp 70 Jahren – er wurde 1947 in der Nähe von Paris geboren – auf solch eine strapaziöse Reise aufmachte, kann am Ende doch nicht allein durch Fernweh, das verheißungsvolle Funkeln fremdklingender Namen und rohe Abenteuerlust erklärt werden. Es gibt in Rolins Russlandaffinität vielmehr einen ganz ernsten autobiografischen Hintergrund, den er 2002 in „Die Papiertiger von Paris“ mal so selbstironisch wie gnadenlos seine „ideologische Idiotie“ nannte: Er war in den sechziger Jahren Mitglied einer militant-maoistischen Untergrundzelle und fragt sich heute, wie man nur so verbohrt sein kann, einem politischen Totalitarismus gleich welcher Couleur zu huldigen.
Rolin hat seit den achtziger Jahren schon mehrere Bücher aus der russischen Weite mitgebracht, auf deutsch erschien zuletzt „Der Meteorologe“, in dem er dem russischen Wetterforscher Alexei Wangenheim ein Denkmal gesetzt hat. Wangenheim, ein freundlicher, stiller Forscher, wurde 1937 in ein Arbeitslager auf den Solowezki-Inseln verschickt, wo er nach wenigen Monaten bei einer Massenexekution erschossen wurde. Von Wangenheim gibt es kein Grab, aber eine briefliche Hinterlassenschaft an seine Tochter, wunderschöne Postkarten, die der Meteorologe im Gulag selbst bemalt hat. Das Buch ist erschütternd bis ins Mark, weil Rolin anhand dieser zärtlichen Briefe und der dahinterstehenden Biographie nüchtern-faktisch berichtet, wie der Traum der Sowjets vom „neuen Menschen“ zum Albtraum wurde.
Diesmal ist es kein einzelner Mensch, dem Rolin hinterherzureisen versucht. Die ganze Riesenmagistrale wurde auf den Gebeinen von Arbeitssklaven errichtet, deutschen und japanischen Kriegsgefangenen, Intellektuellen und Schriftstellern wie Juri Dombrowksi, Autor der „Fakultät unnützer Dinge“ oder dem jiddischen Dichter Perez Markisch, aber vor allem namenlos verschollenen Russen, die diese Weiten urbar machen sollten und dabei verschlissen und vernichtet wurden. Ihnen allen reist Rolin hinterher, und so ist dieses Buch, das in seinem Titel „Baikal-Amur“ nüchtern wie ein Fahrplan klingt, ein Versuch des Gedenkens und ein Versuch, uns Westeuropäern diesen Teil der Geschichte des 20. Jahrhunderts wenigstens punktuell näherzubringen.
Das Sibirien, das Rolin durchreist, ist ein von allen (und vor allem von der Moskauer Regierung) vergessener Kontinent, dessen unglaubliche geografische Größe selten so erfahrbar wurde wie auf diesen Seiten. Rolin ist mal als hartnäckiger Geschichtsarchäologe tagelang auf den Spuren eines längst vergessenen Nebenlagers durch die Taiga unterwegs, um sich dann wieder auch treiben und von Begegnungen berühren lassen mit Menschen, die in dieser Kälte und entropischen Einsamkeit ausharren. Weit häufiger sind leider die missglückten Begegnungen mit Menschen, die ihm mit offener Feindseligkeit oder krasser „Rüpelhaftigkeit“ begegnen, was für Rolin Spätfolgen der Gulaggeschichte sind: Mehrfach spricht er davon, wie die Lager ihre Umgebung „verseucht“ und nicht nur das Stadtbild vieler Kleinstädte bis heute geprägt hätten sondern auch eine „Kulturrevolution“ der düsteren Art in Gang gesetzt haben, die „für Generationen die Verrohung der Verhaltensweisen, die Achtlosigkeit gegenüber anderen Menschen einpflanzte.“ Sollte das abfällig, angeekelt klingen – der Originaltitel „Baïkal-Amour“ deutet an, welche Liebe Rolin diesem Kontinent und seinen Bewohnern trotz allem entgegenbringt.
Das Ganze endet nicht am Pazifik. Rolin setzt nach dem Verlassen der Bahn noch über nach Sachalin, wo ein anderer großer Reisender auch schon auf den Spuren politischer Gefangener unterwegs war: Anton Tschechows Bericht „Die Insel Sachalin“ über die Strafkolonie im Pazifik führte seinerzeit dazu, dass Moskau immerhin eine Delegation auf die Verbannungsinsel schickte, die prüfen sollte, ob es dort tatsächlich so schrecklich zuging wie von Tschechow behauptet.
Hier, am äußersten Ende Eurasiens, kommen alle Stärken dieses Buchs noch einmal kondensiert zusammen: Rolins Fähigkeit, sich überrumpeln zu lassen, etwa wenn er in die Stadt Sachalin kommt, eine hochmoderne, blitzblanke Metropole, Springbrunnen, Luxuskarossen, grüne Wiesen, Zebrastreifen mit Blinklichtern für die Nacht. Seine große sprachliche Beschreibungskraft, etwa wenn er am Ufer des Pazifiks steht: „Vor uns liegt die Landschaft in ihrer düsteren Herrlichkeit, wie gemalt aus langen Rippen in Grau und Weiß, Perl- und Federweiß und Bleigrau: Der Sand am Ufer, auf dem ausgebleichte Stämme herumliegen wie alte Knochen (man rechnet damit, Wirbel von Walen zu finden) ist grau (...) und die Schiffswracks liegen da wie ein paar Flecken getrockneten Bluts.“
Gleichzeitig ist er auch hier wieder auf der Suche nach den Spuren der Gewalt. Am Ende bringt ihn ein Taxifahrer an einen kleinen Bahnhof. Er war im Jahr zuvor in Paris und kann es nicht fassen, wie dort alle Menschen nur immer auf Cafeterassen herumsitzen. Noch mehr haben ihn nur die Felder und Äcker beeindruckt: „Sehr sauber, gut abgegrenzt, man sieht, dass sie alle jemandem gehören.“ Während er das sagt, hält er im Nirgendwo, mitten im Wald und zeigt auf eine schwarze Marmorstele, die darauf hinwiest, dass in den angrenzenden Wäldern „in den Jahren der stalinistischen Säuberungen tausende unschuldiger Bewohner Sachalins erschossen wurden.“
4287 Kilometer, 2230 Brücken,
212 Bahnstationen,
drei Zeitzonen, 150 Stunden
Fahrtzeit, von Krasnojarsk
bis an den Pazifik
Die Lager prägen das Bild
vieler Kleinstädte
in der Gegend bis heute
Olivier Rolin:
Baikal-Amur. Ein Reise-bericht. Aus dem
Französischen von
Holger Fock und Sabine Müller. Liebeskind
Verlag, München 2018.
192 Seiten, 20 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Besprechung von 21.03.2019
Mit Enthusiasmus ins Nirgendwo

Olivier Rolin ist unterwegs auf einer Nebenstrecke der Transsibirischen Eisenbahn, der Baikal-Amur-Magistrale, kurz BAM. Sie führt von Taischet über 4287 Kilometer nach Sowjetskaja Gawan am Tartarensund, durch Orte von denen selbst Russland-Kenner kaum je gehört haben - es ist eine Reise in eine zerfallende Zivilisation, deren Bewohner in verrottenden Plattenbauten um ihre Würde kämpfen, aber auch in die unerbittliche und großartige Natur der Taiga. Abbildungen gibt es nicht, und es braucht auch keine, denn Rolin schreibt mit großer Leuchtkraft und Präzision von Menschen. Was ihn antreibt, ist die Liebe zu einem Land, in dem die "größte profane Utopie des zwanzigsten Jahrhunderts" ihren Ausgang nahm. Die BAM war Teil dieser Utopie. Ihr Bau begann in der Zeit des großen stalinistischen Terrors und wurde erst kurz vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion beendet. Zehntausende ließen dabei ihr Leben. Nach den Sträflingen kamen die Pioniere, junge Leute voller Enthusiasmus, die das große Eisenbahnwerk zu Ende bringen wollten und mit allen Hoffnungen hier gestrandet sind. Nun halten sie die Erinnerungen wach. Frauen, die ein Museum einrichten zum Gedenken an die Opfer der Straflager. Jäger, die Rolin nicht nur auf die Fährten von Bären und Wölfen führen, sondern auch zu Spuren des Grauens in einem ehemaligen Straflager. Rolin war siebzig Jahre alt, als er zusammen mit einem Dolmetscher die Reise unternahm. Als junger Mann war er Mitglied einer maoistischen Gruppe, der Kommunismus war auch ein Teil seiner Hoffnungen. Ein lesenswertes, nachdenkliches und berührendes Buch.

umh.

"Baikal-Amur. Ein Reisebericht" von Olivier Rolin. Liebeskind Verlag, München 2018. 187 Seiten. Gebunden, 20 Euro.

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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Rezensent Alex Rühle findet Olivier Rolins Reisebeschreibung von der Eisenbahnlinie "Baikal-Amur" offenbar bewegend: Der 70-jährige Franzose bereisen die Fremde, um zu verstehen, warum sich Menschen von einer Utopie bis zur Grausamkeit einnehmen lassen können, erzählt er. Nun hat Rolin sich die Eisenbahnstrecke durch Sibirien, 4287 Kilometer von Krasnojarsk bis ans Ufer des Pazifiks, ausgesucht, und besichtigt die Spuren der sowjetischen Gewalt. Wie ihm dabei die karge Landschaft, Begegnungen mit den Menschen und überraschende Einblicke ihm herzzerreißende Anhaltspunkte für die Geschichte der Gulags bieten, hat den Rezensenten ebenso beeindruckt wie die große Beschreibungskunst Rolins.

© Perlentaucher Medien GmbH